Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 1 (1920-1921)
- Issue
- 24 (20.5.1921)
- Date
- 1921-05-20
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Jüdisch liberaleÄeitung Dir.^küdifch-llbemir Leituno" erscheint jeden Freitag und kostet durch die Vost oder durch die Geschäftsstelle bezogen, vierteijädriich Mk. 4- Ginzeinummer 40 Pf. Zadlungen aufVvMchrSwittoDrrslau 4L3S7,2llbtfG- Ndrralr Lrituno, KaffenvrNvaNuna. «.Dauer, Breslau i rimiMnimniiiimmiiimiiiiiin Redaktion und Geschäftsstelle: Breslau 3 Reue Graupenftraste 7. >. Annadmeschlust sür Berichte: Montag mittag Sprechstunden der Schrlstliltuno: Montag bis Arettag 12—1 vorm, ln der Geschäftsstelle. Annavmeschiust für Anzeigen: Dienstag trüb Die 3»,, cm breite Mllllmeterzelie »ostet so Vf., Samllienan»elaen40Vf. DeiWleberdolungSrmastlaung lt.Taris Nr. 24 Breslau, den 20. Mal 1921 1. Jahrgang Ler Antisemitismus und die Bibel. Von D. theol. Ed. König, Geheimer Konsistorialrat, Professor der evangel. Theologie an der Universität Bonn. Lange Zeit hat es antisemitische Strömungen gegeben, ohne daß die Bibel in den Kamps gezogen wurde. Dies geschah erst in den letztvergangenen Jahrzehnten. Erst da sing der frühere Müller Theodor Fritsch an, die Kampfschrift „Mein Beweismaterial gegen Jehova" zu veröffentlichen, die jetzt unter dem Titel „Der falsche Gott" (4. Aufl. 1916) erscheint. Erst seitdem wird „Jahwe als Stammgott und Völkerfeind" (S. 34), als „der Schützer des Unrechts" (S. 37), ja, als „der böse Geist, der Geist des Trugs, der nichts gemein hat mit unserem christlichem Gott" (S. 81) von Fritsch und vielen Nachbetern desselben hingestellt. Wie nun ist es zu diesem neuen Abschnitt in der Geschichte des Antisemitismus gekommen? Das ist dadurch veranlaßt worden, daß eine gewisse moderne Richtung, die in der Beurteilung der alttestamentlichen Gottheit sich der Herrschaft bemächtigen will, gern von Antisemitismus als die Schrittmacherin bei der Würdigung des Alten Testaments und der Bibel überhaupt anerkannt wurde, und daß der antisemitische Drang im weiteren Verlaufe des Kampfes auch aus dem Neuen Testament Waffen gegen das Judentum gesucht und gefunden hat. Aber ist jene moderne Richtung, die kurz als die darwinistische Auffassung des Alten Testaments bezeichnet werden kann, mit ihren neuen Aufstellungen über den alttestamentlichen Gottesbegriff im wissenschaftlichen Rechte; und wird jetzt nunmehr auch das Neue Testament mit Recht als Zeughaus in: antisemitischen Kampfe benützt? Ist also erstens Jahwe, d. h. auf deutsch der Ewige, Beständige, Getreue, nach den Quellen, die allein für die Beantwortung dieser Frage in Betracht kommen, ein „Stammesgott und Völkerfeind" wie Fritsch, S. 34, behauptet? Nun freilich schon der Holländer Kuenen, der Hauptvorgänger von Wellhausen, hat genreint, den protestierenden Satz aussprechen zu dürfen: „Den Glauben an Gott in der Geschichte lassen wir uns mch rauben." Schon er hat also so geredet, als wem: nach der Berufurrg Abrahams durch Gott dieser gemäß den Quellenberichten nichts mehr mit der allgemeinmenschlichen Geschichte zu tun haben solle. In seinen Fußstapfen weiterschreitend, stellen mm die religionsgeschichtlichen Wellhausenianer (Gunkel usw.) immer von neuem die Behauptung auf, daß die Berufung Abrahams „Parteilichkeit den andern Völkern gegenüber in sich schließe", wie sich Kittel in feinem Obergutachten im Gotteslästerungsprozeß Fritsch ausgedrückt hat. Wenn das geschieht am grünen Holz, was soll am dürren werden? Wenn selbst gelehrte Vertreter des Alten Testaments Jahwe als einen bloßen „Nationalgott" und ein von Parteilichkeit erfülltes Wesen zu bezeichnen wagen, ist es dann ein Wunder, weirn Dilettanten im Gebiete der alttestamentlichen Wissenschaft solche Behauptungen weiter kolportieren? Um so mehr ist es eine bittere Notwendigkeit, aus dem tatsächlichen Inhalt der Quellen nachzuweisen, daß diese jetzt landläufige Behauptung nur ein Zeichen von Kurzsichtigkeit in bezug auf die biblischen Tatsachen ist. Denn nach d i e s e n ist die allgemeine Menschengeschichte keineswegs infolge der besonderen Verbindung Gottes mit Abraham entgöttlicht worden, was Kuenen mit seinem oben aus dem Holländischen übersetzten Satze abwehren zu müssen meinte. Standen doch die nicht israelitischen Nationen auch nach Abrahams Berufung unter der Regierung und materiellen sowie geistigen Fürsorge des Weltengottes. Oder segnete er nicht auch Esaus Hauswesen im Edomiterlande (südlich vom Toten Meere: 1. Mos. 33,9)? Behütete er nicht auch die Aegypter vor dem Untergang in Hungersnot (50, 20)? Schützte er nicht auch die Niniviten in ihrem Rechte (Jona 4, 11)? Belehrt Gott nicht überall den Landmann (Jes. 28, 26) durch die Natur der Dinge? Wird er nicht ausdrücklich „ein HW'lidmlll InpMi zu Man. Montag, den 23. Mai 1921, abends 8 Uhr: Geselliges Beisammensein im Südpark. Voranzeige: Sonntag, de« 29. Mai 1921: Tagesausflug nach Malisch (Leubus). Zusammentreffen mit dem Liegnitzer IN. Erzieher von Nationen und Lehrer von Menschen" Ps. 94,10) genannt? Zielt der mit Abraham geschlossene Bund nach ausdrücklicher Quellenangabe mcht auf „die Segnung aller Geschlechter auf Erden" jin (fünfmal schon im 1. Buch Mose 12, 3 usw.)? Und st dieser Grundton etwa jemals im sraelitischen Schrifttum verklungen? Schlimm genug, daß moderne Gelehrte auf diese Tatsachen erst hingewiesen werden müssen, wie z. B. Delitzsch in meiner Abwehrschrift „Frd. Deliyschs ,Die große Täuschung, kritisch beleuchtet", die jetzt in 4. verbesserter Allflage vorliegt. Sie können es nicht verantworten, daß sie durch eine einseitige Darstellung der Religionsgeschichte Israels die Vorbilder für Geister, wie Fritsch usw., geworden sind. Ist es zweitens nach dem Zeugnis der Geschichtsbücher wahr, daß Jahwe „der Schützer des Unrechts" (Fritsch, S. 37) gewesen ist? Fassen wir bei der Erwägltng dieser Frage zunächst die Stellung Gottes zu bem ganzen Volke Israel ins Auge und prüfen sie am Maßstabe der Gerechtigkeit! Ist diese etwa in der Erwählung Israels zur vorübergehend ersten Gruppe in der Bürgerschaft des Gottesreiches verletzt worden? Nein, die Gerechtigkeit ist in dem göttlichen Ausspruch „Israel ist mein erstgeborener — mcht: mein einziger! — Sohn" (2. Mos. 4, 22) nicht unterdrückt worden. Denn bei Israel hat sich das Grundgesetz vom Gleichgewicht der Rechte und Pflichten in bemerkenswertester Weise geltend gemacht. Gleich der älteste Schriftprophet sagte ja, nachden: er die besondere religionsgeschichtliche Stellung Israels erwähnt hat, sofort im nächsten Satze: „Deshalb wird Gott euch auch h e i m s u ch e n in aller eurer Missetat" (Amos 3, 2). An Israel hat der Satz „Wem viel gegeben ist, von dem wird viel gefordert" (Luk. 12, 48) sich in voller Strenge durchgesetzt. Israel hat kein leichteres Pfund in der Ku l t Urgeschichte zu verwalten gehabt, als andere Völker. Die Freude überfeine vorübergehende religionsgeschichtliche Vorderstellung ist in diesem Volke oftmals durch den Jammer über die Strafen übertönt worden, die wegen der menfchenseitigen Verletzungen seiner religiösen Stellung verhängt werden muß. Einen besonderen Trumpf nieint man aber neuestens ausspielen zu können, lvenn man behauptet, Gott habe sich auch i m einzelnen oft ungerecht auf die Seite seiner „Lieblinge" gestellt. So ist hauptsächlich auch Gunkel in seinem Kommentar zur Genesis (1910, S. LXX) einem Fritsch vorangegangen, indem er auszusprechen wagt: „Gott ninrmt die Partei seines Lieblings, auch wenn er offenbar Unrecht hat." Aber mag er auch seinen Lesern verschweigen, daß Abraham wegen seines Verhaltens in 1. Mos. l2, 10—20 sich eine Zurechtweisung von dem Pharao und eine Ausweisung aus Aegypten gefallen lassen mußte, die geschichtliche Wahrheit bleibt trotzdem bestehen (vergl. über viele solche moderne Einseitigkeiten meinen Kommentar zu 1. Mose (1919) bei 12, 10 ff.; 20, 1 ff.; 25, 34; 30, 43 usw.). Vergeblich folgt solchen neueren Behauptungen von Gunkel usw. also auch Fritsch mit seinen Worten vom „Täuscher Abraham" in seiner Anklageschrift, S. 40. Wie leicht hätte er seine eigene Unparteilichkeit zeigen können, wenn er die Mißbilligung erwähnt hätte, der Abraham sich dort nach dem Zeugnis und unter der Billigung des israelitischen Geschichtsschreibers ausgesetzt hat! Aber im Eifer, der Gottheit „Israels" Ungerechtigkeit vorzuwerfen, macht mancher sich selbst der größten Ungerechtigkeit schuldig. Und wie steht es endlich drittens mit der neueren Meinung, daß auch das urchristliche Schrifttum Waffen im antisemitischen Kampfe liefere? Um aus der Beantwortung dieser Frage denjenigen Punkt herauszugreifen, der den meisten Schein besitzen könnte, mit der obige,r Ausführung zusammenhängt und gegenwärtig am meisten betont wird, ist' folgendes zu sagen. Bald leise und bald laut wird in der neuesten Zeit die Behauptung ausgesprochen, daß auch der Gott des Neuen Testaments ein anderer sei, als der des Alten TestameMs. Denn man liest z. B.: „Unser Gottesbegriff ist ein anderer als der des Moses, und er hat sich bis auf Jesus hin eMwickelt." (Noch mehr Zitate gibt mein Schriftchen: „Moderne Vergewaltigung des Alten Testaments", 1921, S. 25.) Aber so vielfach und so souverän auch Jesus von MomeMen des Alten Testaments weiter emporleitete, in bezug auf den Gottesbegriff hat er nicht von Fortschritt, nicht von einer neuen Stufe gesprochen. Vielmehr hat er ganz so sich ausgedrückt, daß für ihn derselbe Gottesbegrifs bei Moses und den Propheten, wie bei ihm, waltete, und in der Tat teilt der Gott des Alten Testaments nicht bloß die Eigenschaft der Gerechtigkeit, sondern auch die der Barmherzigkeit mit dem des Neuen Testaments. Man vergleiche doch nur z. B. die Worte „Barmherzig und gnädig ist Jahwe usw." oder „Wie sich ein Vater über Kinder erbarmt, so erbarmt sich Jahwe usw." (2. Mos. 34, 6; Ps. 103,13) mit den Sätzen „Der Widersacher wird dich überantworten dem Richter usw." oder „Welcher Baum nicht gute Früchte bringt, wird abgehauen und ins Feuer geworfen" (Matth. 5, 25; 7, 19)! Also bis jetzt ist noch keine Aeußerung des urchristlichen Schrifttums entdeckt worden, um d e r e n t - willen der Gott der israelitischen Religion herabgesetzt werden dürfte. Demnach gibt es bis hierher noch keine, die dem Antisemitismus einen gültigen Anlaß zur Verlästerung des alttestamentlichen Gottes bieten könnte. Aber hat mcht schon Fritsch solche Aeußerungen des Neuen Testaments geltend gemacht? Er bezeichnet ja, wie oben im Eingang erwähnt worden ist, Jahwe als „den bösen Geist" (S. 81) und wiederholt (S. 238) dies, weil Christus zu den Juden, die sich Gottes Kinder nannten, gesagt hat: „Ihr seid von dem Vater dem Teufel und nach eures Vaters Lust wollt ihr tun" (Joh. 8, 44). / Indes welches Mißverständnis wird da dem Texte zuteil! Dem, dessen Sinn ist nach dem griechischen Wortlaut und den, Zusammenhang dieser: „Ihr mir gegenüberstehende Juden, die ihr mich zu töten sucht (7, 30; 8, 40), stammt gleichsam von dem Teufel als eurem Vater, wie ihr ja mit eurem Mordanschlag auf nüch ein teuflisches Werk treibt." Aber keine Mißdeutung ist zu plump, um nicht vom Antisemitismus als Kanrpfmittel gegen den Geist des Men Testaments verwendet zu werden. Die soeben erörterte Stelle ist bei den Antisemiten sogar sehr beliebt, um das Niveau des israelitischen Gottesgedankens in das Gebiet des Untersittlichen hinabzustoßen. Dies könnte leicht aus Schriften des laufenden Jahres (A. Hoffmann- Kutschke, Deutschland den Deutschen 1921, S. 131; usw.) bewiesen werden. Hiermit meine ich aber schon hinreichend aufgezeigt zu haben, daß es eine Verdrehung der Geschick) t s t a t s a ch e n ist, wenn von mehreren neuesten Vorkämpfern des Antisemitismus die Bibel als Waffenarsenal für ihre Angriffe benützt wird. Hugen auf! Von Fritz St oll, Breslau. Die Resolution des Zentralvereins vom 10. April hat, obwohl sie erst seit kurzer Zeit in die Oeffentlichkeit gedrungen ist, bereits recht viel Staub ausgewirbelt. Die Bedeutung, die man ihr beimißt, ist schon allein aus dem Grunde nicht unberechtigt, weil sich der Zentralverein zum ersten Male seit langer Zeit gegenüber dem Zionismus und feiner Palästinaarbeit festlegt llnd seine bisherige Schaukelpolitik, die jeder Initiative bar lediglich eine schwächliche Reaktion auf die im Mischen Lager sich jeweils abspielcnden Ereignisse war, aufgegeben hat Ich will nicht darüber sprechen, ob die Form der Entschließung eine glückliche war oder ob nicht vielmehr eine andere Fassung von vornherein Mißverständnisse, die sich bereite gellend gemacht haben, hätte ausschließen können. Wir dürfen jedoch keinesfalls außer Acht lassen, daß eine unmittelbare Etltscheidung in der Palästinafrage, die durch di?. Zivilisten jetzt in dellkbar schärfster Betonung aufgeworfen war, geboten erschien, um die drohende Gefahr zu vermeiden, daß Verwirrung llnd Unklarheit über die Absichten der Vereinsleitung und die Tragweite der zionistischen Vorstöße Platz greife. Ich kann es mir leider nicht verhehlell, daß diese Befürchtung zum Teil sogar bereits eing« treten war, und daß sich unter anderen auch einige prominenlc Persönlichkeiten sowohl des Zentralvereins als auch unserer liberalen Bewegung haben irreführen lassen. Es wird ja wohl den meisten unserer Leser nicht ganz unbekannt sein, daß wir feit einiger Zeit im Zionismus eine MW-llbrralll IngenMn rii Berlin. DienStag, den 24. Mai 1921, abends 8 Uhr: Zusammensein in der „Alten Fischerhütte". (Bhf. Zehlendorf-West). Wannseebahnhof ab 7^, 7^, 8“. Sonntag, den 22« Mai 19211 Lagesausflug nach dem Spandauer Forst und Finkenkrug. . (Siehe letzte Seite dieser Zeitung.)