Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 1 (1920-1921)
- Issue
- 20 (15.4.1921)
- Date
- 1921-04-15
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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IMMberale Lrilung niiiiiiiiiiiinii: Dle,^saviscd-Nvemle Leitung" erscheint jeden Freitag und kostet durch die Vost oder durch die H Derautworincher e«rirtieiter: SefchüftSsteNe bezogen, vierteljährlich Ml. 4 — q Julius Loeb, Breslau 13, Diktoriastraste 104 d S0r bl, «»baNloa bestimmte LufchelNen stnb nur an MH, Abrest» in elchlen Annadmkschluß für Berichte.- Montan mittao Sprechstunden der Schrlstleituno: Montag bis Freitag 11—12 vorm, in der Sefchästsstelle. Annahmefchiust für Anzeigen: Dienstag früh Lablungen auf JSoftf döedlonto Breslau 45367,3ttMfc0liberale ärituno, «astenverwaltuna. S. Bayer, Breslau I g Srschastsftell»; »rrsiau 3. Reue Srauvrnftr. s Q Dle 3V* cm breite Mllllmeierzetle kostet 60 Vf„ Familien. > ou»elaeu40vf. BelWtebervolungsrma-launa «.Tarif Nr. 20 Breslau, den 15. April 1921 1. Jahrgang Zum Schulbeginn. Bon Rabbiner Tr. Sänger-Breslau. Jahr für Jahr, um die Pessachzert, wenn das eine Schuljahr zur Neige gegangen und ein anderes sich der Jugend eröffnet, sehen sich Ellern und mit ihnen insbesondere ihre älteren Kinder oft vor Fragen gestellt, die beantwortet werden müssen, und deren Beantwortung vielen oft schwer fällt. In den Zeiten vor der Revolution war «der Fragenkomplex nicht so umfangreich, insbesondere war die Frage nach der Bewertung des Religionsunterrichtes nicht so in den Vordergrund getreten. Seit jener Zeit aber sehen sich viele Eltern veranlaßt, oft durch ihre Kinder dazu gezwungen, zu dieser Frage in anderer Form Stellung zu nehmen, als es ehedem geschah, und dessen freuen wir uns. Wir freuen uns, weil nun endlich einmal das Elternhaus aus einer unverständlichen Gleichgültigkeit aufgerüttelt wird durch die Frage des Kindes: „Soll ich noch weiter Religionsunterricht in der Schuhe Mitnahmen?", oder die andere Frage: „Soll ich überhaupt Religionsunterricht mitnehmen?" Die Stellung der nichtjüdischen Kreise zu dieser Frage — an sich durchaus von Bedeutung für uns — soll in diesem Zusammenhänge nicht in Betracht gezogen werden. Was aber bedeutet der Religionsunterricht unserer Glaubensgemeinschaft? Das ist die Frage, die in diesen Tagen des Schulbeginns wieder vielfach erörtert wird und der ich an dieser Stelle einige Worte widmen möchte. In den alten, durchaus nicht schlechten Zeiten, in denen das talmudische Wort noch Verständnis fand, daß Religionsgelehrsamkeit wertvoller sei als Priestertum und Königswürde, in jener . Zeit, da in den Lchchäusern der Fragen so viele waren, daß ganze Foliobände mit ihnen angefüllt werden konnten, auf die Frage aber, ob Religionswissenschaft noch ein Lehrfach der Schule sein solle oder nicht, kam keiner. Erst unsere Zeit der Umwertung aller Dinge kann sich rühmen, auf die Bedeutung dieser Wissenschaft besonders hingewiesen zu haben. Die Religionswissenschaft ist entstanden aus dem Realitätsgefühl für die Gottheit, die als eine starke, überwältigende Wirklichkeit in unser Le'ben hineinragt. Und je nach dem Grade der Gegenwärtigkeit des göttlichen Wesens und Willens bemißt sich die Stärke der religiösen Veranlagung. Es ist einleuchtend, daß das Moment der elterlichen Erziehung von hervorragender Bedeutung für die Stärke dieser Veranlagung sein muß. Das große Äuge Gottes, das nach allen Seiten sieht, muß des Kindes Wegen folgen. Die Worte des 117. Psalmes: „Wo soll ich hinflichen vor deinem Geiste", müssen seiner Seele innigstes Besitztum werden. Dieses Besitztum müßte eine Folge des elterlichen Einflusses sein. Die Familie muß wünschen, daß der in ihr lebende Geist sich vererbe, die jüdische Familie muß in unseren Zeiten den ganz beson deren Wunsch hegen, der Jugend als heiliges Vermächtnis zu hinterlassen, was ihr selbst als bedeutsame Tra dition überkommen ist. geworfen werden, aber auch nicht die andere, ob der Religionsunterricht anders zu bewerten sei als die übrigen Unterrichtsfächer. Unsere Gemeinde ist deshalb ernsthaft bemüht, allen Anforderungen, die seitens der Eltern an sie gestellt werden könnten, gerecht zu werden, und jedem Kinde an seiner Schule die Möglichkeit eines wöchentlich zweistündigen Religionsunterrichtes zu gewähren. Auch die Neuanstellung zweier akademisch gebildeter Religionslehrer und das Streben, den Unterricht bewährten Kräften anzuvertrauen, bürgen für eine gediegene religiöse Ausbildung unserer Jugend. Aber kein jüdischer Vater und feilte jüdische Mutter möge sich mit einem zweistündigen Unterricht zufrieden geben, der naturgemäß alles Hebräische ausschalten muß. Denn die Kenntnis unseres Gebetbuches, der Thora und der übrigen Bücher der Bibil setzen eine gewisse Vertrautheit mit der hebräischen Sprache voraus. Und je höher die Bildungsstufe ist, aus der der Jude zu stchen sich erfreut, um so selbstverständlicher für ihn muß auch die Kenntnis jener Sprache sein, in der der überwiegend größte Teil unserer Literatur niedergeschrieben ist, die die Sprache unseres Gottesdienstes ist, die der Väter Sprache gewesen und die daruni die Enkel nicht verleugnen dürfen. Diesem Zwecke dient unsere Religionsunterrichtsanstalt am Anger Nr. 8 und die ihr angegliederten Klassen und Kurse in den Räumen der Jlminaschule Kleiststraße. Am 18. d. Mts. nimmt der Unterricht am Anger seinen Anfang und am 19. in der Jlmingschule. An beiden Anstalten finden auch Schulentlassene Gelegenheit zur weiteren Ausbildung, insbesondere an der Stammanstalt am Anger, die jetzt auch Fortbildungskurse zur Ausbildung von Lehrerinnen eröffnet. Mögen di^se Zeilen dazu beitragen, gerade den religionsliberal gesinnten Eltern unserer Gemeinde Ueberzengung beiznbringen, daß keines ihrer Kinder der Wohltat des Religionsunterrichtes in seinem gesamten Umfange verlustig gehen darf, zum Wähle der Kinder, zum Heile der Eltern, zum Gedeihen der Gemeinde, zum Segen des Judentums! MMttlMlls, Wule und Jugend. >o>l BolkAsHiMchwn Max Ko sie r, Dresden. Wenn schon jeder fachlich und gerecht abwägende Mensch den Antisemitismus an sich äblehnen muß, so erscheint es mir als Lehrer und Erzieher geradezu eine Pflicht, diesen Rückfall in die traurigste Kulturbarbarei zu bekämpfen. Der Antiseinitisnms hat in keiner Form, auch nicht in der der sogenannten „deutschvölkischen" Bewegung, Existenzberechtigung. Das haben schon viele große deutsche Männer aller politischen Richtungen und aller religiösen Anschauungen in Wort und Schrift und mit den denkbar schärfsten Ausdrücken betont. Ich iw,,, «.v --- T.. nenne nur Theodor Da sie das allein nicht vermag, so > Monrmsen, Theobald Ziegler, Peter Rosegger, den Sprachv ... i...i_ Ri__ lUCin v >.-! .v ’x m «. nmfe der Unterricht helfend zur Seite treten. Kann man forscher Max Müller, Bismarck. Kaiser Friedrich III. und denn Religion und den durch sie verkörperten Geist lehren,! Luther. oder muß nicht, wie unsere Jugend heute vielfach meint, l Es handelt sich um eine Bewegung, die mit allen gerade Religion aus dem Menschen selbst herauswachsen?. Mitteln der Demagogie, insbesondere den unehrlichen ar- Wenn auch Belehrung über die Religion noch nicht Ver-! beitet. ^Man macht dabei nicht einmal vor unfern Kindern Mittelung der Religion ist, so ist es doch eine Erfcchrungs- ' ' tatsache. daß durch den Religionsunterricht religiöse Gefühle übertragen werden können, und zwar in um so größerem Maße dann, je persönlicher er erteilt wird. Wenn die dem Kinde vermittelten Vorstellungen und Kenntnisse dazu dierren können, seinen Geist und sein Gemüt auf das Göttliche -zu lenken, und wenn der Lehrer mit der ganzen Macht seiner Persönlichkit das zu Lehrende vertritt, dann wird der Religionsunterricht eines der wichtigsten religiösen Erziehungsmittel sein; denn sein Ziel ist kein geringeres als die gegebene Fortsetzung der häuslichen religiösen Erziehung sein zu wollen. Seine Aufgabe besteht also in der Vermittelung aller Kenntnisse auf dem Gebiete der Religionsübung und der Religionswisienschasten, aber auch in der Uebertragung der Religion von der Person des Lehrenden aus die Person des Lernenden. Das vermag kein Moralunterricht, und mag er der denkbar beste sein, jedenfalls er allein nicht. Die religiöse Ausrüstung, wie sie das Judentum zu geben vermag, mit besonderer Herausarbeitung und Betonung aller sozialen und ethischen Gesetze können selbst einer Jugend unserer schweren Zeit die Mittel an die Hand geben, in Gottergebenheit und SelbstzufriÄ>enheit als Menschenfreunde und Menschenbeglücker durch die Welt zu gehen. Darum, Ihr Eltern, entzieht keinem Eurer Kinder die Wohltat des Religionsunterrichtes. Die Frage, ob ein jüdisches Kind sich an dem Religionsunterrichte beteiligen soll, darf in einem jüdischen Hause überhaupt nicht aushalt. Man denkt eben auch dort: Wer die Jugend hat, hat die Zukunft. Im Augenblicke der tiefsten Erniedrigung unseres Vaterlandes, die der jüdische deutsche Volksteil genau so bitter empfindet, wie wir Nichtjuden. bringen cs „Kulturträger" fertig, unserer auswachsenden Jugend, die doch zu der schweren Aufgabe des vaterländischen Wiederaufbaues zu erzichen wäre, den Samen des Hasses und der Zwietracht in die Seele zu legen. Jeder wahre Baterlandssreund und jeder ernsthafte Politiker müßte sich aus sittlichen Gründen verpflichtet fühlen, sich gegen diese, wie gegen jede andere Hetze zu wenden! Auch die deutschnationalen Politiker, denen man den Vorwurf -nicht ersparen kann, daß sie sich in der „deutschvölkischen" Hexenküche gern ihr Parteisüppchen kochen lassen, haben diese Pflicht, wenn ihnen ihre Versicherungen der selbstlosen Vaterlandsliebe geglaubt werden sollen! Misch-liberaler Zugenüverein Montag, den 18. April 1921, abends 8V4 Ahr, im Saale der „Gesellschaft Eintracht", Tauentzienstraße 12 (Eingang nur Anger) Mag in Herrn Walter Isaak fit«: „kann M uni Jung Zusammengehen?" Freunde und Anhänger unserer Bewegung willkommen. Man kann aus 999mal widerlegten Unwahrheiten auch durch die tausendste Wiederholung keine Wahrheiten machen. Alle aus „deutschvölkischem" Munde immer wieder beweislos in alle Welt hinausgeschrienen Behauptungen, die sich summarisch gegen die deutschen Juden richten, sind teils maßlose Uebertreibungen, teils Verdrehungen und» Unwahrheiten. Das kann jeder, dtzr objektiv denkt, und gerecht sein will, von sich aus jederzeit selbst nachprüseu: Hierzu ein Schiübeispiel: Es läßt sich jederzeit mühelos beweisen, daß einer der schwersten antisemitischen Vorwürfe, die Juden seien „Kriegsdrückeberger", nur eine Erfindung zum Zwecke der Verhetzung ist. Genau wie alle andern Deutschen, und Mar in demselben Prozentsatz von 20 Prozent, taten die Juden Kriegsdienst. Von diesen jüdischen Soldaten waren 82 Prozent Frontkämpfer und 25 Prozent Kriegsfreiwillige. Dem entspricht auch der Prozentsatz an der Teilnähme an Beförderungen, Auszeichnungen, Gefallenen, Verwundeten, Gefangenen genau wie bei allen anderen Deutschen! Jede gegenteilige Behauptung ist unwahr und läßt sich mühelos an Hand der über jeden jüdischen Soldaten nunmehr vorhandenen Pevsonalkarte widerlegen. Ja, die Beweise sind auch den antisemitischen „Führern" längst bekannt, zum Teil sind sie sogar gerichtsnotorisch sestgelegt, und werden lediglich in einer gewissen Presse totgeschwiegen. Ich erinnere nur an den Hereinfall des „deutschvölkischen" Schriftleiters der Zeitschrift „Ans gut deutsch", der seinen „Irrtum" über die Beteiligung der Juden am Kriegsdienst mit ganzen, von ihm selbst ausgelobten 1000 Mark büßen mußte. Dieses Beispiel soll, wie schon oben gesagt, nur ein Musterbeispiel sein. In gleicher Weise läßt sich die Unwahrheit der andern antisemitischen Märchen leicht unter Beweis stellen, i Bekanntlich wirkt in der Jugenderziehung das Beispiel ote l der Erwachsenen und namentlich der Lchrer hervorragend mit. Wenn man aber — glücklicherweise immer noch vereinzelt — unfern höheren Schülern solche Hetzpropagandaschristen in die Hände spielt, so bringt man die Mädel und Jungen genau wie die erwachsenen Leser zu der geradezu krankhaften Vorstellung, beinahe an jeder Ecke einen Juden # stehen zu sehen, der zumindest eine böse Absicht hat. ob-' wohl Deutschland Mischen 60 Millionen Menschen nur eine halbe Million Juden hat. Man muß also schon zum Schutze unserer Jugend vor ganz falschen Vorstellungen fordern, daß sie von hetzerischein Trug verschont bleibe! Leider hat sich schon mancher anständig Gesinnte, mancher „Gefühlsantisemit", zu den Veranstaltern der Hetze verirrt. Ich bin fest überzeugt, daß er schnell umkehren würde, wenn er merkte, wie man ihn täuscht. Aus welchen Kreisen setzen sich die Nachläufer zusammen? Da ist zunächst die große Masse der Gutgläubigen, die mit kindlich naivem Vertrauen kritik- und urteilslos alles für bare Münze, nehmen, was man ihnen austischt, zumal wenn es. in ein nationales Mäntelchen gehüllt, in kleinen Portionen verabreicht wird. Gerade zu diesen muß man die Jugend zählen. Dann ist da eine nicht geringe Schar von Wissenden, deren eigene eigenartige „Geschäfte" geschützt werden, wenn sie fleißig mithelfen. Märchen über andere zu verbreiten, an die sie selbst nicht glauben. Dazu kommt noch ein gewisser Dell verärgerter kleiner Geschäftsleute. die noch nicht klar erkannt haben, daß sie durch den verlorenen Krieg und seine Folgen geschäftlich geschädigt sind, die man aber glauben macht, der jüdische Schieberkonkurrent sei schuld an ihrem Unglück. Diese Leute geben vor, sich vor den Ostjuden schützen zu müssen, und predigen dabei den Kanrps gegen unsere deutschen jüdischen Mitbürger, obwohl es gerade diese waren, die zuerst aus die Ostjudengefahr hinwiesen und von sich aus sofort Aktionen einleiteten, um die Ostjudenfrage in die richtigen Bahnen zu leiten. Die Ostjuden bringen ihre Ausländerunarten init und sind deswegen, nicht aber, weil sie Juden sind, zu überwachen und gegebenenfalls zu bekämpfen. Außerdem wollen wir doch nicht vergessen, daß durch die vorrevolutionäre Regierung während des Krieges ostjüdische Handwerker in Massen gewaltsam importiert und in der Kriegsindustrie verwendet wurden. Auch über die Stellung unserer Regierung zu den Juden bringt man unserer Jugend ganz falsche Begriffe bei. Darf man es billigen, wenn ein „Pädagog" im Unterricht gegen die „jüdische Schieberrepublik", gegen die ,^Judenregierung" loszicht? Es wäre diesem „wahrheitsliebenden" Jugendsuhver ein leichtes, sich selbst zu überzeugen, daß wir niemals eine „Juden"regievung halten noch haben, weder im Reiche, noch in Sachsen oder in andern Ländern. Auch „Deutschvölkische" wissen ganz genau, daß die Zugehörigkeit dreier ehemaliger Minister zum Judentum innerhalb eines Ministerverbrauchs von 160 belanglos ist; abgesehen davon, daß unter den vielen Unterstaatssekretären. Regiemngspräsidenlen, Kreishauptleuten, Senatoren, Ministerialdirektoren und Geheimräten nachweisbar nur zwei Juden sind. In ganz Deutschland!!! =ai