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Jüdisch-liberale Zeitung · 1921-03-24 · 17 (24.3.1921) · page 1

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
1 (1920-1921)
Issue
17 (24.3.1921)
Date
1921-03-24
Page
– (sequence 1)
Language
German
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MöW liberale Leitung Die «Südilch-ltbemle Lei««««" erfchei»! irden Areitao und löstet dunv dir Voft öder durch die SeschasUstelle bezogen, vtrrtriMrltch Ml. 4.— Einzrinummer 40 Pf. Lodlungra auf £o1tf<&f<Nonto Breslau 4S3S7,Lüblfch- Nderale Aettuna. Kaffenverwaltuny. S. Bayer. Breslau i DerautworMtdertzSchrlftlelter: Lullus Loeb, Breslau 13, DMoriaftra-^04d FOr dieSstedaMo» ß>» «ra»diek»rId»»ff»E»i»achU» | «eschatttstrlle: »««lau S, Reue Srauvenstr. S 'TTTmTTfTTlTTl 1 ■ IITTTTIHIIIIIIIIIFFTT Anaadmrfchlnß für Berichte: Montag mittag Sprechstunden der Schrlstleltung: BtonlagdlS Frellay 11—12 vorm, ln der SrfchLffsstelle. Annadmrschlnst für Anzeigen: Dienstag ttttd Dle L',e m drelle «NMmeterzelle kostet so Vf., Samilienan»elyen40Vf. BelVlederdolunasrma-lguna n.Tarif maaammmm Rr.17 Breslau, den 24. März 1921 1. Äahrgang Kmalek. Eine P u ri mb e tr acht u n g. Bon Rabbiner Dr. E r n st. A p p e l, Bingen a. Rh. Amalek rft die Verkörperung des Judenhasses, der im Lause der Jahrhunderte in den verschiedensten formen austrat -und dre verichiedenalcttgsten Beweggründe hatte. Als Israel aus der Hand der Aegypter erlöst, freudig und geyoven den: Lande der Freiheit entgegenzog, da war der erjre, der.chm diese Freiheit mißgönnte, der Stamm Amalek. Ucr griff Israel auf seiner Wanderung an, nicht etwa in einem offenen, ehrlichen Kampfe. viel Mannesmut besag Amalek nicht. Er überfiel die schwachen und Kranten, die nicht rasch geimg vorwärts kommen konnten und deshalb hinter dem Hauptzuge zurüctgebiieben rvaren. Mit Hinterlist Wehnoje nleoerstrecten, das war amalekitische Kampfesweije. Der Feindschaft Grund war Nicht etiva der, dag Amalek, der an der sudweitlichen Grenze Palästinas wohnte, sich durch IHaet in semer Exsitenz bedroht sah. s-em Hatz entsprang vielllreyr dem moorigen Gesichte seines Rewes und der ^biitzgunst darüber, dag Israel aus i>cm staube des Sklaventums sich emporgearbeitet hatte zu einem menschenwürdigen Dasein. Daher finden wir es auch begreiflich, datz die heüige Schrift, die sonst Versöhnung, Duldung uno Liebe lehrt, den Juden dre Erinnerung an Amalets Freveltal geradezu zur Pflicht nracht. „Gedenke, was Dir Amarek getan auf dem Wege, ats chr auszoget aus Aegypten.') Das sollte mich für Israel eilte Mahnung fern, |icts aus sich selcht acht zu haben, um heimtuarjchen Feinden keine Blotze zum Angriffe zu geben. Und tausend Jahre spater war es wiederuni ein Amalekite, der das suoische Bott mit Bewerben und Untergärig bedrohte. Haman, des Perserkontgs erster Beamter, war tief ergrimmt darüber, datz Movdecyai sich nicht wie alle anderen Burger vor ihm in den staub warf. Als Haman erfuhr, datz der Uebeltater, der es gewagt hatte, dre Eyrenbezeigimg gegen ihn zu unterlassen, von ludischer Abstamnmng ^iser, da kannte seine Erbitterung keme Grenzen mehr .sticht Ätovdechai allein, der seinen Zorn herausgefordert hatte, sondern dessen ganzes Bolk sollte die vermeintliche Untat büßen. "Statt die Bestrafung des schuldigen zu erwirken, bezeichnet er alle Stammesgenosfen vRovdechais vor dem Könige als Berachter der persischen LandeSilttc, als Revolutionäre und Uedertveter der toniglichen Gesetze, die deshalb alle Den Tod erleiden sollten. „Und Hamän sprach zum Könige AhaSveros: Da ist ein Bott, zerstreut und versprengt unter die Bölker, durch alle Lauoichasten Deines Königreichs, deren Gesetze linterschieden sind von denen der anderen Bolker, aber das Gesetz 'des Königs hatten sie nicht urrd denk Könige bringt es mchtü ein, wenn er sie laßt."**) In seinem blinden Hasse übersah Haman dabei ganz, welch großen Schaden er dem Lande und dem Könige durch seine lügenhaften Worte und durch die Absicht zufugte, datz er viele tausende sriMiche und arbeitsanre LandeSvewohner dem Berderben überlieferte. Doch der Haß achtet nicht auf die Wmiden, die er sich selber schlägt; ebensowenig wie er es sich zum Bolvutztsein bringt, datz ep sinnlos und verbrecherisch ist, Unbeteiligte und Unschuldige für das Vergehen eines Einzelnen verantwortlich zu machen, nur aus dem Grunde, weil sie derselben Abstammung und desselben Glaubens wie jener siiid. Das ist eben amalekitische Riedertracht, die sich ebenbürtig jener feigen Tücke Amaleks in der Wüste an die Seite'stellt. In dieser Form und Gestalt trat Amalek unzählige Male gegen Israel muf. Auch in der Gegenwart 'hat seine Kampfesweise sich nicht geändert. Kaum 'hatte Israel begonnen, von dem Jahrhunderte alten Driicke aufzuatmen, da mißgönnte man schon den Erlösten den freien Gebrauch ihrer Kräfte. Man fchaute mißmutig und schelfüchtig auf die Erfolge, die die früher Geachteten auf allen Gebieten menschlicher Tätigkeit errangen. Keine Beschuldigung und keine Berleumdiing war und ist zu stark, die man nicht gegen Israel erhoben hätte. Ein treuer Spiegel vergangener Judenfeindschaft. Wie einst Haman, so machte man auch die Gesamtheit für die Fehler einzelner verantwortlich. Der Makel, der einzelnen anhaftete, wurde allen Glaubensgenossen zum Vorwurf gemacht. Wie viele edle Herzen durch ein solch gewissenloses Verfahren aufs tödlichste verletzt werden, darnach frug und fragt Haman nicht, ebensowenig wie er trotz aller Betonung des Staatswohls in Erwägung zieht, welche Einbuße an sittlichen und idedlen Gütern sein Vaterland durch die Vergiftung der *) 6. Buch Moje 25. 17. Eskr 3. 8. Gemüter erleidet. „Dein, o Gott, ist dqs Reich",*) das ist, fo sagt der Talnrud, der Kampf gegen Amalek.**) An uns ist es, zur Herbeiführung des Reiches Gottes beizutragen durch den erfolgreichen Kanchf gegen den Hatz und den Neid, gegen die Bosheit und die Nredertracht. *) 1. Thrantrk 29. 11. **) Bemchat 68. 9m Geiste -er Verfassung. Bon Lamdtagsabgwridneten He!rrm>L"nn- Breslau. Geistige Umstellungen bühnen sich langsam an. Es liegt ein Auflehnen gegen Sprunghaftes, Gewaltsames in der schlichten, ttefen, gesunden Menschennatur. Greifen schwere, lange nachzttternde äutzere Einwirkungen geivaitsamer Art ins Gemeinschasts- und Einzelerteben, dann entsteht für viele die Unmöglichkeit des Einfühlens in das schnell und überraschend gekommene Neue. Dabei verhindert Rückwärtsblicben der einen und Vorwärtsschauen der anderen das in Zeitläuften ruhiger, stetiger Entwickelung eher mögliche Verstehen. Selbst gutes Wollen schreckt von dem Wege aufs Neuland zurück. Und Taften allein gibt das Gefühl der Unsicherheit. Dem Kulturellen einer solchen Zeit der Wandlungen und Umfovnmngen fehlt das Bodenständige, das Eingewurzettsein, das den steten Zustrom neuer Säfte und Kräfte aus gesundem Boden verbürgt. Solch eine Zeit liegt um uns. Wir stehen in ihr. Der Weltkrieg mit seinem vorher ungeahnten Ausmaß, die chm folgende staatliche Umwälzung, hat durch die Züge der Gewaltsamkeit tief an Geistiges gerührt. Inmitten solcher Gärungen können überraschend schnell, namentlich wenn ooll bewußter Absichtlichkeit dahinter steht, geistige Seuchen Raum gewinnen. Dann ist der Boden frei zum Auswuchern von Unduldsamkeit und Verhetzung. Das Wort Gerechtigkeit wird degriffsleer. Selbst Menschen, die stolz auf ihre Objektivität waren, verfallen dem Gifte geistiger Epidemien und werden Ansteckungsträger. Einseitige verzerrte Beurteilung, in öde Schlagworte gegossen und geprägt, findet schnell den Beifall der bretten Wlasse. Schwer ist's, hernach zur Gesundung im Geistigen zu kommen. Viel 'Muhen ist erforderlich, ehe das Einsichten ln schon Entstandenes und neu Hevanrvisendes ein bestimmtes Gleichmaß im staatlichen Gemeinschaftsleben erzeugt. der sturmbewegte See die glatte, sonnenflimmernde, friedliche Fläche wieder bietet. Doch gllt es auch hier, nicht oerzagt beiseite zu stehen, sondern ringend mitzuyelfen. Und Huttens köstliches Wort sollte jedes WahcheilSstreiters Leitstern sein: „Ich hab's gewagt!" — Der Gvuichstein neuen staatlichen Lebens ist gelegt: Die Verfassung von Weimar. Zwei ragende Säulen sind durch sie errichtet. Freiheit und Gerechtigkeit sind chre Flamen. Im Geiste dieser hohen Begriffe soll das Neue, Kommende 'heranwachsen, Zeitgeschehen begreifen, deuten und erleben. Sicher sind für manche diese Begriffe hallende, aber leere Worte, sicherlich fohlt bei vielen der Wille, sie in chrer vollen Tiefe auSzus Hopsen. Alber die Zeitnotwendigkeit verlangt, um dem dousichen Bolle schmerzliches zu ersparen, datz Wahrheit wird, was zunächst nur in Letter und Schrift steht, datz still gehegte Hoffnungen sich nicht als trügerisch erweisen. Wer nachdenklich beim Lesen der Verfassung enipfunden hat, wie immer und irmner wieder in allen Abwandlungen und Umformungen und Anwendungen der Inhalt beider Begriffe erscheint, der Goldader vergleichbar, die sich immer wieder durchs rauhe, harte, spröde Gestein zwängt, wird frohen Herzens sein und künftiger Entfaltung sich freuen. Allein schon vieles stand in Verfassungen und wurde nicht Wirklichkeit. Ist zum Beispiel das Wort von der Gleichberechtigung aller Staatsbürger, vom Zugang der Befähigten zu allen Aemtevn ein neuer Gedanke? allein! Aber gerade das NichtevMen des Verbrieften hat Verbitterung und Zorn geweckt. Es gllt im neuen Schaffen, Wahrheit und Wirtlichkeit werden zu lassen, was in Weimar geprägt wurde. Denn diese Verfassung ist etwas mchr als ihre Vorgänger. Einfacher Vergleich zeigt es. Die alten Verfassungen enrpfand man stärker — die äußere Form, der Sprachgärrauch schon gibt Anlaß — als Gesetz; die neue ist mehr Bekenntnis. Bekenntnis begehrt aber nach Erfiillung. Der neue Staat, die Bottsgemeinschaft, mutz das Bestreben in sich tragen, die neue Form des Gemeinschaftslebens in allen Staatsbürgern, von Jugend auf, vollbewußte Lebendigkeit werden zu lassen. Gerade von Jugend auf, denn wer die Jugend hat, besitzt die Zukunft. Einen Weg hierzu deutet Arttkel 146 der Reichsverfassung an, wenn er bekundet: In allen Schulen ist sitlliche Bildung, staatsbürgerliche Gesinnung, persönliche und berufliche Tüchtigkeit im Geiste des deutschen Volksttlms und der Böllevversöhnung zu erstreben. Beim Unterricht in öffentlichen Schulen ist Bedacht zu nchmen, datz die Empfindungen Andersdenkender nicht verletzt wevden. Staatsbürgerkunde und Arbeitsunterricht sind Lehrfächer der Schulen. JcderSchülererhält bei Beendigung der Schulpflicht einen Abdruck der Verfassung. Mit der Bestimmung im letzten Satze des Artikels wollte man den neuen Weg gchen, den Bruno Ablatz mit der Forderung kennzeichnete, daß die Verfassung „d i e staatsrechtliche Bibel des Volkes" werden nrüsse, ein Buch, oft gelesen und oft zu Rate gezogen. Wenn aber diese Anordnung nicht Aeußerlichkeit und leere Form sein soll, dann mutzdieSchule im Gei st e der Verfassung erziehen. Oder soll dem reif gewordenen Menschen, der in diesvrn Volksbuche blättert, die Erkennlns quellen: In dern Geiste, in dem die verschiedensten Artikel sprechen, bist du nicht erzogen worden? Es lebt doch, wie oft von harnrlosem Kindermunde ausgeplaudert wird, viel Unduldsamkeit auch in unserer Schule. Wes das Herz voll ist, fließt der 2)iund über. Politische und rassenthwretrsche Anschauungen und Nteinungen. oft nur aus Stimmungen entspringend und denr Geiste der Verfassung widersprechend, werden vorgetvagen und wirken nicht selten verletzend. Kinder sind wehrlos, aber empfinden die aus dieser Wchrlosigkeit hervorgehende Abhängigkeü stark. Die natuvgewachsene Auflehnung gegen jede parteiische Belchrung regt sich sofort. Die politische Freiheit wird keinem Lehrenden verkümmert, wenn man an ihn die bestimmte Forderung richtet, vor Kindern duldsam und gerecht zu fein. Hat unsere Jugend nicht gerade ein Anrecht, wieder Sonne ins Leben zu bekommen? Wahrlich, ihr hat das Geschick manches vorenthalten, was uns die Jugend schenkte. Wenn das Heranwachsende Ge schlecht nicht im Geiste der Verfassung, d. h. im Geiste der Duldsamkeit erzogen wird, bleibt die Volkszerrissenheit und der Weg zur Einheit aller wich verbaut. Es war mir Genugtuung, daß m den Programmsätzen, mit denen der Breslauer Lehrerverein die Borjtandswcchl einleitete, die Forderung stand und volle Billigung fand: Erzichung der Jugend inr Geiste der Weimarer Bersassu-ng. Das ist der Weg, der einzige. Für Hakenkreuzlendenzen sollte der nicht zu haben fein, der Volkseinheit und nationale Widergeburt erstrebt. Wir wollen „eine Aufwärtsbewegung zu Gunsten geistiger Werte" (Dr. M. Liepmann), ein Aufräumen von Verhetzung und Unduldsamkeit. Eine amerikanische Kundgebung gegen den Antisemitismus. Daß auch im Ausland die antisemittschen Bäume nicht in den Himniel wachsen, wie niatt nach den ständigen Berichten unserer völkischen Blätter befürchten müßte, beweist wieder einmal eine große Kundgebung aus den Vereinigten Staaten von Amerika. Dort hatte man unter der Leitung des bekannten Großindustriellen Henry Ford (nachdem sein Friedensschiff während des Krieges sich als nicht zugkräftig genug für feine Reklame erwiesen hatte, probiert er es nun mal mit einer Hatzpropaganda) statt nutzbringender Sachen, ausgerechnet den Anttsemitismus ans Deutschland zu inrportteren versucht, und zwar gerade in seinem minderwertigsten Artikel, den berüchtigten „Geheimnissen der Weisen von Zion". Viel Erfolg hatte Herr Ford nun gerade nicht, die „Welle", die Herrn Hergt angeblich zur Herrschaft tragen sollte, schwemmte den Amerikaner nur weiter von seinem Ziel weg. Ford war von der sogenannten .^dritten Partei" Amerikas als Präsidentschaftskandidat ausersehen worden, die Ikominierung unterblieb jedoch, und zwar ausgesprochenermatzen gerade wegen seiner antisemitischen Betätigung. 9iun erfolgt sogar ein bedeutsamer Gegenschlag gegen den antisemitischen Berhetzungsversuch in einer öffentlichen Erklärung von 120 heworragenden Persönlichkeiten der Union. Urheber 'der Kundgebung ist «in sozialistischer Schriftsteller, John Spargo. der ausdrücklich 'betont, daß „keine jüdische Person oder Organisation ipgerL etwas mit der Vorbereitung oder dem Druck des Protestes zu tun hatte." Der „Newyork Herald" (17. Januar 1921), dem wir das Nähere zu der Angelegenheit entnahmen, charakterisiert den Protest züsammenfasiend folgendermaßen: „Ein einzelner Bürger, ein Nicht-Jude, hat in eigener Initiative und Berant-

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