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Jüdisch-liberale Zeitung · 1921-02-25 · 13 (25.2.1921) · page 1

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
1 (1920-1921)
Issue
13 (25.2.1921)
Date
1921-02-25
Page
– (sequence 1)
Language
German
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IüdWWerale Leikmg Dir,Lü«sch ltbemle Leitung" erscheint jeden Fkkttag und kostet durch die Post oder durch die GefchüftSIttlle berogen, vierteWidrlich Mk. 4- Slnzeinummer 40 ps. Laylmiüen auf Vostfchecklonto Breslau 433S7,Zadlfch- Ndeeule Ärttuno, Kafsrnverwaltuna, SBager, Breslau i »MmTnimitiimiiiiiimiiiinnin Derantworlllcher Gchrlstlelter: Julius Loeb, Breslau 13, DMoriastratze 104 d sar die Jteftoftlon bestimmte ÄufchNften sind nur an diese Adresse »u achtel, | Geschäftsstelle: Breslau 3, Neue Sraupenftr. 5 | l«giiiiiig"igggrwgigiiiiiiigiimi»iiTTTTi Annadmeschluft für Berichte: Montag mittag Sprechstunden der Gchrtstleitung: Montag vis Freitag 11—12 vorm, in der Geschäftsstelle. Annaymeschlust für Anzeigen: DienStag früh Die 3li% cm breite Millimeterzeile kostet 60 Vf., Famillenanreigen 40 Pf. Bel Wiederholung Grma-lgung lt.Lartt Nr. 13 Breslau, den 25. Februar 1921 memmmemmmmm 1. Äahrgang Israel. Borr Genteinderabbiner vr. B. (Äottschalt, Posen. Fragt n:an uns liberale Juden nach unseren Zielen/ fragt man uns, was uns an das Judentum fesselt, so können wir die kürzeste Antwort geben, wenn wir auf unfern Namen verweis«: und auf die Deutung, welche die Bibel diesem Namen beilegt: „Israel—(Gotteskämpfer) denn mit Gott und Menschen hast du gekämpft und gesiegt." Wenn ich sage, daß gerade, wir liberalen Inden hier unser Ziel vorgezeichnet finden, so lege ich den Ten in jener Deutung natürlich auf die Worte: „Hast du gekämpft und gesiegt." Denn „mit Gott" leben und sterben ja auch unsere andersgläubigen Brüder. Aber ihr Gott ist ihnen ja vorgezeichnet, sie fühlen sich an ihn gebunden und wollen nur ausführen, was er befohlen — im kleinen wie im großen. Wir aber kämpfen um diesen Gott, wie schon seit Mose — über die Propheten, über Maimonides hinweg — bis in unsere Zeit hinein um Gott gekämpft und gerungen wurde. Wir lassen uns nicht binden und fühlen uns nicht gebunden — es sei denn durch unser Innerstes. Wir dttngen keine Opfer des Intellekts, keine Opfer der Erkenntnis, keine Opfer der Pietät — wir bringen nur Opfer unseres Herzens. Wir lassen uns nicht vorschrerben, was wir fühlen und wie wir fühlen sollen, wie wir lieben und wen wir lieben dürfen. Erst wenn . nufer Inneres „ja" sagt zu dem Gott, der zu uns spricht, dann ist er unser Gott — und schweigt unser Inneres, dann kämpfen und ringen wir um unfern Gott, kämpfen rnw ringen mit Gott und mit Menschen, kämpfen und ringen, bis wir gesiegt. ' r Dieser Kampf um Gott ist uralt bei uns, wir nennen - ihn das Streben, Gott zu vergeistigen. Aber bis in die neueste Zeit hinein, ja bis in die neuesten Tage hinein machte diese Vergeistigung halt bei Gott als einer Macht Über uns. Niemand wagte daran zu rütteln, bis Steinthal Um Ende des vorigen Jahrhunderts den Kampf dagegen aufnahm und selbst die Propheten in diesem Puntt —^ in dem Punkt ihrer Gottesvorstellung „Kinder" -nannte. Dann suchte uns Cohen Gott nahe zu bringen als den Gott der Sittlichkeit, als die Macht des Guten — als den Gott der Vernunft. Aber diese Vergeistigung, die Cohen erstrebt, fand nur wenig Anklang und wird sich die Herzen niemals erobern. Sie ist ergrübelt und dämm kalt und erwärmt nur den, der selbst solch ein Diener des Geistes ist, wie es Cohen einstmals gewesen. Was aber heute in Tausenden lebt, es ist das Gottffefichl eines Steinthal, es ist das Gottgefühl ihres Herzens, ihrer Seele und ihres Gemütes. Ihr Verstand hat die Legende vom Himmel zerstört, ihre Erkenntnis ihnen die Naturkraft enthüllt und damit den alten Gott entthront, aber ihr Herz ging leer dabei aus. In diesem Herzen — da ringt es und wotzt es, da schreit es nach Frieden mit dieser Welt, mit ihrer Tragik und ihrem Glück, mit ihren Rätseln und ihren Menschen. In diesem Herzen — da spielt sich ein Kampf ab um einen Hält, einen Mittelpunkt, um eine Richtkraft, ein Strebeziel. In diesem Herzen — da sucht man Gott. Und indem man ihn sucht — hat man ihn gefunden. Das nämlich ist unsere Offenbarung. Das Feuer, das in dem Innern lodert, es ist unser Dornbusch, aus welchem Gott spricht. Wir machen völlig Ernst mit dem Ziel, .uns unfern Gott zu vergeistigen — aber nicht, indem wir ihn für rein geistig erklären, nicht, indem wir nur Bräuche abschaffen, sondern indem wir ihn als die Kraft, die unser Herz und die Seele erfüllt mrd von da aus Mes leitet und lenkt, verehren und lieben und änbeken. Und indem wir so den Kampf um Gott kämpfen, sind wir uns natürlich bewußt, über das Judentum hinauszugehn — aber wir haben auch nicht einen Augenblick das Gchllhl, aus der» Anderttu« hmauszugehn. Wir sehn das Wesentliche im Judentum mcht darin, wie «s uns seine« Gott gelehrt hat, sondern prüfen, was «S uns von diesem Gott gelehrt hat. Und dieses „was" es ergreift auch «och uns heut — soweit es nicht unserm Verstand widerspricht. Wir entnehmen ihm heut «och den Antrieb zum Höchsten, wir finden unsere heutige Sehnsucht hier wieder. Die Schmerzen des PfÄlMiste« smd unsere Schmerzen, der Jubel ihrer -Seele "jauchzt auch in uns. Das sittliche Pathos aller Propheten, es fft auch «ns heut aufwühlender Weckruf, ihr Schrei nach Erbarmen, nach Güte und Liebe findet 4auf«chfaches -Echo «mch heute bei «ns. Wir sehn das Wesen aller Propheten und das Wesen Mer Psalmtste« nicht darin, daß fie von Gott gebrochen haben, sondern daß Gott aus ihnen gesprochen. Sie fühlten natürlich auch die religiöse Erschütterung, welche in ihrem Innern l vorging, aber sie führten sie auf den Gott draußen zurück — uns. aber genügt die religiöse Erschütterung. Sie nennen wir das religiöse i§rleben, sie nennen wir Gott und seine Stimme. Und darin — in diesem religiösen Erleben — fühlen wir uns mit allen verwandt, die jemals im Judentum Großes geschaffen, die heute noch jüdisch-religiös leben wollen; darin finden wir uns wieder als Juden, dadurch sind wir mit allen verknüpft, die jemals für diese Religion gelitten, darum lieben wir ihre Feste und darum lieben wir ihre Bräuche, darum lieben wir unsere Bibel, :mr daß wir fast überalllan Stelle des Gottes, „der Himmel und Erde geschaffen hat", den Gott des Herzens und der Seele setzen; darum fördern wir Institutionen, die jüdisch-religiöses Leben ausprägen und erhalten wollen; darum verteidigen wir die jüdische Ehre; darum verab scheuen wir jede Taufe; darum arbeiten wir für Er Haltung, für die Verewigung des Judentums. Wer anderes glaubt oder anderes fürchtet, begreift uns nicht oder steht uns noch fern. Eine Synthese zwischen Judentum und Kultur wollen wir schaffen, aber nicht das Judentum der Kultur opfern. Wir wollen es nicht hinüberführen in andere Religionen, sondern hinaus führen über andere Religionen, die auch stehn geblieben sind mit dem Gottesbegriff, damit es ihnen noch einmä zur Leuchtfackel sei. Wir versteh:: die Zeit des Messias nicht so, daß einst alle Religionsunterschiede verschwinden, wir glauben an Annäherung der Religionen, aber nicht au ihre Beseitigung. Die Bewegung der „Freireligiösen" oder der „Bund der Überkonfessionellen" werden immer Sonderbewegungen bleiben. Und deshalb arbeiten wir mit Kraft — mit ganzem Herzen und ganzer Seele — für die Erhaltung des Judentums d. h. für die Erhaltung der religiösen Urkraft, die unsere besten Geister erfüllte. Wir'wollen nicht bloß v eredelte Juden, wir wollen religiös veredelteAuden, und wollen auch nicht bloß veredelte Menschen, sondern religiös veredelte Juden, und das heißt für uns: Menschen )ie sich bewußt sind, als Juden so tief religiös zu sein das heißt für uns: Menschen, die sich bewußt sind, daß ein Jude die Welt erst „christlich" gemacht und daß kein Jude daher Veranlassung hat, in dieses Christentum überzugehn; das heißt für uns: Menschen, die für Got kämpfen — für ihn und mit ihm und um ihn kämpfen weil sie Juden, und das heißt „Israeliten" sind und Juden auch immerdar bleiben wollen. beraubt, und. daß jüdische Frauen zu Tausenden. dHn viehischen Trieb wilder Horden geopfert'wurden. greife eien in Massen verstümmelt, Hunderte unschüldMr Kinder in Stücke zerhackt worden. Die einzige Hoffnung derer, die diese Panik erlebten, sei die Kugel, «e ihnen schnellen Tod gönne. Auf der Karlsbader Welthilfskouferenz berichtete der Ingenieur Jemkin über seine persönlichen Erlebnisse: „Das Aergste taten die Banden Petljuräs. I« SkrvMn loß Judenblut. Oft wurden die Pogrome von btn Behörden angeordnet. Manchmal spielte die Müsik dazu. Die gräßlichst«: Seelenmartern bewirkte das Verbot, die Gemordeten zu bestatten. Da vorher Ne Waffen eingezogen waren, konnte niemand an NotwHr denken. Bier Kleinstädte wurden völlig ausgeschl« Die Gesamtzahl der gemordeten Juden beträgt 138 ebenso groß ist die Zahl der hilflos Hinterbliebenen. Waisen. Ein Drittel der ukrainischen Inden, die drei Millionen Seelen umfaßt, ist ins tiefste Gend gesunken." Ueber diese furchtbaren Vorgänge, die, wie gesagt, unbestreitbare Tatsachen sind, haben die deutsch-völkischen und antisemitischen Redner in ihren Borträge«, in denen sie die „Wahrheit über Rußland" zu berichten versprachen, kein einziges Wort gesagt. Es wäre ja auch ihren Zwecken der nationalistischen und antisemittischen Bolksverhetzung hinderlich gewesen. ä»ch eine „Wahrheit über Rußland". Die Greuel kn -er Ukraine. In den deutsch-völkischen Agitationsversammlungen werden den Zuhörern fortgesetzt wahrhaft tolle Geschichten erzählt. Erst kürzlich hat ein angeblicher l)r. Schmidt aus Petersburg in mehreren deutsch-völkischen Versammlungen berichtet, in Riga seien Tausende von Gegnern der Bolschewisten durch jüdische Mädchen hingerichtet worden, die sich freiwillig zu dieser Blutcrbeit erboten hätten, nachdem chinesische Kuli sie verweigerten. Solche Erzählungen tragen den Stempel der Erfindung ander Stirn. Ohne daß das System des bolschewistischen Terrors gegen politische Widersacher irgendwie verteidigt werden soll, muß gesagt werden, daß derartige Erzcchlungen von bolschewistischen Massengreueln bisher einer Nachprüfung, soweit eben eine solche möglich war, nicht standgehalten haben. Bewiesene Tatsachen sind dagegen die furchtbaren Grausamkeiten und Massenmorde, die unter der Herrschaft der antibolschewistischen reaktionären Generäle in der russischen Ukraine begangen worden sind. Die „Königsberger Bolkszeitung" ver öffentlichte kürzlich Mitteilungen aus den offiziellen Berichten der Ausschüsse des Roten Kreuzes, in denen festgestellt wird, daß in der Ukraine Zehntausende jüdischer Menschen hingemetzett, Hunderttausende verwundet, mißhandelt, geschändet, ihres letzten Hemdes Wüisch-liberaler Iugenüverein Montag, den 28. Februar 1921, abends 8 Ahr, iiri Saale der „Gesellschaft Eintracht", Tauentzienftratze 12 (Eingang nur Anger) Bortrag des Herrn Kurt Brienitzer über: „Dle Sudeusrage in Deutschland". Freunde und Anhänger unserer Bewegung willkommen. Im Anschluß daran halten wir es für unsere Pflicht, auf ein neu erschienenes Buch hinzuweisen, dauns über die geradezu fürchterlichen Vorgänge in der Ukraine ein erschütternd vollkommenes Bild gibt; es betitelt sich „Der jüdische Churban in der Ukraine. Materialien und Dokumente. Herausgeaeben Jmw L. Chasanowitz, Verlag Judäa, Berlin 1920". Mas dieses Buch wahrheitsgetreu berichtet, klingt so unglaublich und übertrifft alles bisher au Grausamkeiten Gekannte in einem Maße, daß man diel Vorkommnisse für eine Phantasie halten könnte und nicht für Erlebnisse unserer Tage. „Eine ganze jüdische Gemeinde, Männer und Frauen, Greise und Kinder,. werden gebunden, zu Boden geworfen. Kosaken jagen zu Roß über sie hin. Was bleibt, iß eine unkenntlich blutige Masse." Oder: „Auf die Synagoge, in der die Gemeinde sich versammelt hat, wird ein Höllenfeuer von Kanonen und Maschinengewehren eröffnet, bis Mensch und Stein im wüsten Durcheinander vernichtet daliegen." Weiter: „Eine ganze Gemeinde verbirgt sich, im Glauben geschützt zu sein, in der Synagoge. Voller Angst, bemerkt zu werden, ist alles ruhig. Da fängt ein Kind vor Hunger an zu weinen. Um die Gemeinde der Gefahr der Entdeckung nicht auszrrliefern, nimmt der eigene Vater es in den Arm und — erstickt es. Die Mutter schreit auf, die Gemeinde wird in ihrem Versteck aufgefunden und wird insgesamt ein Opfer der Kanonen." Dies in Kürze als ganz kleine Einzelheiten aus dem genannten Buch. Man müßte ein Herz von Stein haben, wollte man an diesen Tatsachen gefühllos vorübergehen. Weh und Empörung mischen sich, wenn man liest, daß in den letzten 2 Jahren über 160 000 Juden systematisch getötet worden sind und mehr als die doppelte Zahl ihrer Abkömmlinge hilf- und schutzlos umherirrt. Nicht nur uns Juden, wenn auch natürlich in erster Linie, sondern die gesamte gesittete Menschheit, soweit sie sich noch ein Fünkchen ihrer Würde nach den demoralisierenden Jahren des Krieges bewahrt hat, geht es an, wenn hier in einer Weise, die an die schwärzesten Zeiten des Mittelalters erinnert, jedem elementarsten Begriff von Gesittung und Kultur aufs schmählichste ins Gesicht geschlagen wird. Das sind Früchte des Geistes, der heute leider auch weite Kreise Unserer Deutsch-döMstzen beseelt. Ein Schrei des Entsetzens muß durch die Lande ehen, alles, was noch auf den Namen „Mensch" im ten Sinne des Wortes Anspruch erhebt, nach sich, ungeachtet der Nöte unserer Tage, Msammesfiswen, um diesen Scheußlichkeiten Einhalt zu tun, und mit allen Mitteln der Menschenwürde wieder zü ihrem Rechte zu verhelfen in einer Zeit, die es doch bcharmttich „so herrlich weit gebracht hat".

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