Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 1 (1920-1921)
- Issue
- 12 (18.2.1921)
- Date
- 1921-02-18
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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MW liberale Zeitung Dir jadisch-Nbewle Zeitung" erscheint reden yimnimiiiiiimmimiiüiiimimh Annahmeschluß für Berichte: Montag mittag Freitag und kostet durch die Post oder durch die 8 DrranNvorlllchrr Schriftleiter: H Sprechstunden der Schrlftleltung: Geschäftsstelle bezogest, vierteljährlich Mk. 4 — 8 Lulius Loeb, Breslau 13, DiNoriastraße 104 v 8 Montag vis Freitag 11-12 vorm, in der Geschäftsstelle. Einzelnummer 40 Pf. 1 8 wr vieoudaMoa beMmmieLuschrtttrn gnft Huron Mete aiftrrflr tu rhDlw H Annahmeschluß für Anzeigen: Dienstag sray Ladlungen oufvostschearontoBreslau 42387.Iüblfch- Q Gefchüftsstelle: Breslau 3, Neue Graupenstr. 5 p Die 3 ,2 cm breite MiMmeterzeNe »ostet 00 Vf., FamitteaitdeeaieLeitung,5rastevverwalluno,S.Bayer. Breslau I iiiiiiiiiiiiuiiiuixiiiiHiiiiiinimiil anzeigen40Vf. DeiWtederdoiungErmäßigunglt.Tarif Nr. 12 Breslau, den iS. Februar 1921 1. Jahrgang Sozialismus und Judentum. An unsere Leser! Seitens zahlreicher Leser unseres Blattes gehen uns fortgesetzt Klagen darüber zu, daß sie die Zeitung gamicht oder nur unregelmäßig zugestellt erhalten. Da die Post von unserer Expedition die erforderliche Anzahl abonnierter Exemplare genau aufgeliefert bekommt, müssen wir unsere Bezieher hiermit bitten, erforderlichenfalls zunächst bei dem Postboten zu reklamieren und, falls dies erfolglos bleibt, uns erst dann schriftlich Mitteilung zu machen» damit wir für eine eventuelle Beschwerde unsererseits bei der Post die erforderliche Unterlage in Händen haben. Geschäftsstelle der jüdisch-liberalen Zeitung". Sozialismus und Judentum. Bon Dr. Keller Brinitzer, CbemnU'.. Schlagworte sind ebenso billig wie gefährlich. Eins der verfänglichsten Schlagworle ist das vom Sozialismus. Jeder spricht davon, zumeist ohne zu wissen, worum es sich wirklich handelt. Wenn aber diese große Unbekannte, genannt Sozialismus, irgendwie irgendwo unliebsame Erscheinungen zeitigt, wie bequem ist es dann, den Sozialismus aufS Judentum abzuschieben, das ja solchen Böswilligen noch unbekannter zu sein pflegt. Wie naheliegend zwei Dinge in Verbindung zu bringen, von denen beiden man nichts versteht. Die Antisemiten handeln dann wie nach Voltaire die Aerzte als Leute, welche Körper, die sie nicht kennen, in'andre Körper stecken, die sie noch weniger kennen. Aber auch Männer, denen man keine böse Absicht Nachweisen kann, haben Sozialismus und Judentum in Zusammenhang gebracht. Es verlohnt daher derMt'che, einmal aus Lust an der Wahrheit über Sozialismus und Judeirtum nachzudenken. Will man ein richtiges Bild gelvinneu, bann darf man nicht die Stellung einzelner Juden zum Sozialismus zu Grunde legen — wie es Blüher tut — sondern man muß sachlich das ausführen, was dem Judentum (nicht einzelnen Juden) und dem Sozialisnms (nicht einzelnen Sozialisten) gemäß ist. I. Was will der Sozialismus'? Er will das gesamte äußere Leben der Menschen, Arbeit und Verkehr, Unternehmung imd Genuß soviel wie irgendmöglich unter die Herrschaft der äußeren rechtlichen Ordmmg und damit auch des staatlichen Zwanges stellen. Der Sozialismus glaubt damit dem Menschen eine Wohltat zu erweisen, indem der Mensch der Gefahr der Armut und äußeren Not, der Sorge um die physische Selbsterhaltung überhoben wird' der Mensch soll mit Gewalt und Zwang glücklich gemacht werden. Der Sozialismus stützt den Sinn der Geschichte auf den Materialismus der wirtschaftlichen Bedingungen. So strebt er zur Glückseligmachung der Menschen das Gemeineigentum an den Produktionsmitteln an Stelle des Privateigentums an. Der sozialistische Staat wird also nicht wie der Rechtstaat nach dem Gesichtspunkte des Rechts, sondern aus dem Gesichtspunkte der materiellen Interessen ausgebildet. II. Zwang, Eigentu mintd j üd i s ch e R e li g i o n. Wie steht das Judentum zu den augenfälligsten Erscheinungen des Sozialismus, zur z w a n g s w e i s e n Beglückung des Menschen und zur Abschaffung d e s P r i v a t e i g e n t u m s? Die . jüdische Religion hat im achten Gebot den Grundstein aller Gesittung gelegt: die Achtung vor dem Eigentum: Du sollst nicht stehlen.; Das Eigentum des Mitmenschen soll uns heilig sein. Wir dürfen ihn in keiner Weise in seinem Besitz schädigen, weder durch Raub oder Diebstahl, noch durch Betrug oder Täuschung (2. Mos. 20, 13: 3. Mos. 19, 11:5. Mos. lv. 14; Jes. 61,8; Ps. 15, 12). Im 2. Mos. 21, 16 ist ausgesprochen, daß das kostbarste Eigentum des Menschen seine, persönliche Freiheit ist; wer ihn daher zum Sklaven verkauft, verwirkt den Tod des Krwürgers. Nach dem Judentum ist der innere Zweck des Eigentums die persönliche Freiheit; aber diese (vergl. 2. Mos. 21, 28 Ep. 22, 5) als die persönliche Freiheit aller im Einklang mit der Selbsterhaltung des Ganzen. Das Judentum lehnt darnach das sozialistische Gesamteigentum ab und stellt die Forderung des Privateigentums auf, aber nicht des unbeschränkten Eigentums, das vom Eigennutz verblendet ist, sondern nur des mit Rücksicht auf das Nebeneinanderbestehen der Einzelnen und des Ganzen beschränkten. Eine hübsche Legende führt uns die strenge Unterscheidung von Privat-und Gesamteigentum im Judentum deutlich vor Augen, nämlich Tosefta, Baba kamma, Perek II 13: eine Geschichte von einem, der die Steine aus seinem Acker nahm und sie in das Gebiet der Gesamtheit legte. Ein Frommer trat an ihn heran und sprach zu ihm: Warum legst Du Steine aus einem Gebiete, das dir nicht gehört, in ein Gebiet, das dir gehört? Jener lachte über ihn. Nach einiger Zeit kam jener Mann in Not und verkaufte seinen Acker. Als er dann über jene Stelle ging, strauchelte er. Da sprach er: Nicht umsonst hat jener Fromme mir gesagt: Siehe, du legst Steine aus einem Gebiete, das dir (jetzt) nicht (mehr) gehört, in ein Gebiet, das dir gehört. Wie die Lehre vom Gesamteigentum, so steht auch die zwangsweise Beglückung der Märschen im Widerspruch mit den Lehren des Judentums. Siehe, das Leben und den Tod habe ich dir vorgelegt, den Segen und den Fluch wähle nun das Leben (5. Mos. 30, 19). Aus freier Entschließung aus eigner Willkür soll der Mensch das Gute tun. Deshalb ist die staatliche Organisation der Arbeit nach dem Judentum kein Ideal der Zukunft, sondern Rückfall in die primitive Barbarei niederer Kulturstufen. „Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen." Das Judentum lehrt den Segen der Arbeit: der Mensch ist von Gott zur Arbeit bestimmt. Das Judentum hat alles: den Menschen, den Staat, die Arbeit, die ganze Schöpfung in den Dienst einer hohen Idee gestellt, in den Dienst der sittlichen Vervollkommnung. Auch der Staat und alle seine Einrichtungen bedeuten dem Judentum die Herrschaft Gottes d. h. der vollkommensten Sittlichkeit. Es ist die Majestät des Menschen sich in seiner unbedingten und keinem äußeren Zusammenhang unterworfenen Freiheit ohne Bevormundung aus eigenem Entschluß vor dem Sturz in das Nichts zu bewahren. Der Mensch kann nur durch sich selbst gerettet werden. Wird das menschliche Leben aber — tuie es der Sozialismus will — unter den Gesichtspunkt des Zwanges gestellt, so wird alle Sittlichkeit — wie sie das Judentum fordert — abgeschnitten. Eine Sittlichkeit, die erzwungen ist, ist garnichts wert und ein Hohn auf ihren Namen; denn dadurch würde der Mensch, anstatt zur sittlichen Persönlichkeit erhoben, zur Maschine erniedrigt und damit diemenschliche Bestimmung unmöglich gemacht werden; die freie Tat der Selbsterhebung, das Herauswachsen der geistigen Freiheit aus der natürlichen Unmündigkeit zur Sittlichkeit würde geradezu ertötet sein. Das ist auch ein Grund, aus dem der Zionismus abzulehnen ist, weil er sich die Erhaltung des Judentums nur denken kann, wenn es einen jüdischen Staat gibt, der notwendig mit staatlichem Zwang ausgestattet sein müßte. Allen Zwang lehnt aber das Judentum als der Sittlichkeit zuwider ab. Mölsch-liberaler Mgenöverein Montag» den 21. Februar 1921, abends 8 Ahr, im Saale der „Gejellschaft Eintracht*, Tauentzienstraßc 12 (Eingang nur Anger) Dortrag des Herrn Dr. Ernst FrXnke! über: W Otntftfjt JuMtun im nnf&ng m >». JfitytyuM«. Freunde und Anhänger unserer Bewegnng willkommeil. — Weitere Ankündigungen siehe letzte Seite. — III. Judentum, S o z i a t i s m u s u. Theokratie. Nachdem wir erkannt haben, daß Zwang und Gesantteigenlum als Folgerungen aus der Idee des Sozialismus sich nicht mit den Lehren des Judentums in Nnklang bringen lassen, ja zu ihnen in diametralen Gegensatz stehen, wollen tvir jetzt das Verhältnis von Judentum und Theokratie untersuchen, weil — wie wir sehen werden — zwischen Sozialistnus und Theokratie eine gewisse Verwandtschaft besteht. Unter Theokratie versteht inan eine Staatsverfassung, bei der man Gott selbst.als den Regenten und die geltenden Gesetze als Befehle Gottes betrachtet. Die theokratisch Gesinnten wollen das gesamte innere Leben der Menschen, ihr Verhältnis zu Gott und das Heil der Seele durch die Methode des Rechts und seinen Zwang beherrschen. Die Freunde der Theokratie sind bemüht, dein Menschen das Irren und Zweifeln, die Arbeit der freien Meinungsbildung und das Suchen nach eigener lieberzeugung zu ersparen in dem, was ihnen für das ewige Heil der Menschen als das Entscheidende gilt;-sie wollen die Menschen durch das Rechtsgesetz, wo es nötig ist, mit Feuer und Schwert selig machen. Wie den sozialistischen Staat materielle Interessen beherrschen, so sind es beim theokratischen Staat ideale Interessen, welche die staatliche Rechtsbildung überwuchern und zwar, da die Religion allein imstande ist die Massen zu ergreifen und so den Staat sich dienstbar zu machen, religiöse Interessen. Theokratie und Sozialismus haben also gemeinsam, daß sie die freie Selbstentscheidung des Einzelnen ausschließen und ihn staatlich oder religiös bevormunden. Theokratie und Sozialismus weisen also eine formale Gleichheit auf. Wie steht nun das Judentum zur Theokratie? Die Idee der Erwählung Israels bedeutet, daß dieses einzige Volk zur Menschheit werden soll, sofern es seinen Berus erfüllt, nämlich: die Einheit Gottes über die ganze Menschheit auszubreiten. Die Menschheit, die einig den einzigen Gott bekennt, soll das Vaterland des einzigen zur Verbreitung des Gottesglaubens erwählten Volkes werden. Die Verwirklichung der Sittlichkeit auf Erden durch freie Selbstbestimmung und sittliche Selbstent scheidung des Menschen, das ist die jüdische Theokratie, das ist zugleich die Idee des Messias. Das Reich des Messias ist nicht das Reich eines persönlichen Herrschers, sondern die Herrschaft des Heiligen, die vollkommene Sittlichkeit. In den Tagen des Messias erhofft das Judentum die Ausrichtung des Gottesreiches, in dem Gottes Herrschaft allein die Wirklichkeit bestimmt. Das Judentum verkennt also nicht wie Sozialisnms und Theokratie die in der menschlichen Natur liegenden Möglichkeiten und Notwendigkeiten; es verkennt nicht wie jene, daß man den Menschen ohne seinen Willen weder glücklich noch selig machen kann. Es fordert vielmehr, daß jeder lernen soll, für sich selbst zu sorgen. Es ist nicht erwünscht und auch garnicht möglich, daß Staat und Religion wie eine Art allgegenwärtiger Vorsehung alle bevormunde und aller Geschäfte führe. Gegenüber deni fortgeschrittenen Rechtsbewußtsein, der vertieften wissenschaftlichen Erkenntnis und den veränderten Lebensbedingungen sind Sozialismus wie Theokratie Ausartungen, die man nicht versuchen darf, den modernen Menschen wieder aufzudrängen. Für die heutige Kultur sind beide das schlechthin Feindselige und Abgeschmackte, wogegen mit aller Kraft anzukämpfen auch nach dem Judentum die erste aller Pflichten ist. IV. Judentum und Sozialismus. Nachdem wir bisher nur einzelne Fragen behandelt haben, an denen sich das Verhältnis zwischen Sozialismus und Judentum in einzelnen Folgeerscheinungen Zeigte, wollen wir nun noch versuchen, auf ihr Verhältnis von ihrem innersten Kerne her zu blicken. Wie das satzungsmäßig feststehende Recht und das in uns lebende Rechtsgefühl sowie die aus dem objektiv feststehenden Recht sich ergebende subjektrechtliche Befugnis des Einzelnen zweierlei ist, so sind auch die religiöse Empfindung, die Religiosität und die Wiederspiegelung und der Niederschlag dieses