Mannheim
Compact Memory

Jüdisch-liberale Zeitung · 1921-02-04 · 10 (4.2.1921) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
1 (1920-1921)
Issue
10 (4.2.1921)
Date
1921-02-04
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2613366-2613604-2613614--0048-2617214
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

9k »2Sdisch-Ud«rok 3tltano~ erschriM itotn Arrttoa und lojM durch 6k Voft oder durch dk cheschLfttstellr dezoorn. vlrrkUSdrUch Mt. Sk>»r>«ummrr 40 Vf SmuMtoorOiiOcr SANftlelier: 2«»u< r»«d. Lrrolo« 13. DMorlaflra-r 101 d |0r M(9MflMN (DHoMKAiKlIrlllni Haft nur ob dies» Äldrrffe ia rttfttta Auaabmeschlutz für Berichte: Montaa mMag Sprechstunden der Schrifttettung: Montag dlSArrltag 11—12 vorm, tn der cheschdft-stetlr. Annaymeschiuft fiir Anzeigen: Dienstag früh LahUmgra oufVvsticheStvnw Breslau 4»3S7,Südtsch- Nberste Leitung. Ltastenveewattuag, LLager, Breslau I Geschtistsstetie: Breslau 3, Reue Sraupenstr. 5 Dle 31/. cm breite Milllmeterzeile kostet so Vf., SamilienanLeigen 40Vf..DelVlederdolungErmäßigung «.Tarif Mio Breslau, den 4. Febmar 1921 1. Jahrgang Sie Sesamtorgauisation -er -rutschen Iu-en. Von Rechtsanwalt Heinrich Stern, Berlin. Vorfltzrudrr drr Brrriniguufür das liberale Judentum in DeruschKuid. Der 23. Januar 1921 wird einen Markstein in der beschichte der deutschen Judenheit, ja in der jüdischen Geschichte überhaupt, bilden. Der gewaltig besuchte 15. Gemeindelag des deutsch-israelitischen Gemeindebundes hat mit allen gegen zwei Stimmen des äußersten Flügels der Trennungsorthodoxie beschlossen, dem Freundschen Entwurf zur Satzungsänderung des deutschisraeli ischen Gemeindebundes zuzustimmen. Das bedeutet, daß der deutsch-israelitische Gemeindebund nunmehr sich eine Satzung gegeben hat, die ihn befähigen soll, gemäß Artikel 137 der Reichsverfassung als Körperschaft öffentlichen Rechtes die Interessen der in ihm zusammengeschlossenen jüdischen Gemeinden wahrzunehmen. Da unter den zustimmenden Gemeinden alle Großgemeinden und die überwältigende Mehrzahl der Mttel- und Kleingemeinden sich befunden haben, da insbesondere auch die Vertreter des bayerischen Gemeindeverbandes ihre Zustimmung erklärten und «mch die anwesenden badischen und württembergischen Vertreter für den Entwurf gestimmt haben, so ist kein Zweifel daran möglich, daß tatsächlich mit dem 23. Januar der sehnlich erwartete und dringend notwendige Zusammenschluß aller jüdischen Gemeinden Deutschlands — mit geringfügigen Ausnahmen — erfolgt ist. Schon die Tatsache des Zusammenschlusses allein ist von geradezu unermeßlicher Bedeutung. Wer die Verhältnisse im deutschen Judentum kennt, die beklagensiverte Zersplitterung, den heftigen Kampf der Weltanschauungen und Parteien, der wird den Gemeindetag mit erhebendem Gefühl verlassen haben. Hat doch endlich einmal über die Zerklüftung die Einigkeit der deutschen Juden gesiegt! Ueberdies ist der Entwurf aufgebaut auf völlig demokratischer Grundlage aus allgemeinem, gleichem und geheimem Wahlrecht beider Geschlechter. Auf Grund der Verhältniswahl wird der Bundestag des neuen D. I. G. B. erstehen und ein lebendiges Abbild der Kräfte darstellen, die die deutsche Judenheit in sich birgt. Schon der moralische Erfolg dieser Tatsachen, der Sieg des Einigkeilsgedankens über den Parieigeist, der Sieg des demokratischen Gedankens über veraltete aristokratische und plutokratische Interessen ist garnicht hoch genug einzuschätzen. Es ist der Sieg des Gedankens, den auch wir Liberalen, deren Judentum von der Idee dev Religionsgemeinschaft getragen ist, seit Jahren verfochten haben. Das Fundament ist gelegt, die Aufbauarbeit kann beginnen. Diese Schaffung der Gesamtorganisation ist nicht nur eine Erfüllung, sondern noch vielmehr eine Verheißung und ein Ansporn. Jetzt ist durch das gewährleistete freie Wahlrecht beiderlei Geschlechter den Liberalen einmal die Möglichkeit gegeben, in großem Ausmaß festzustellen, welche lebendigen Kräfte im Reich hinter ihnen stehen. Es ist die Möglichkeit gegeben, die Kräfte des liberalen Gedankens bei den Juden Deutschlands zu erproben und in eine umfangreiche Werbe- und Weckarbeit einzutreten. Diese Möglichkeit schließt zugleich eine schwere Verantwortung aller Orte in sich. Im ganzen Reich wird die Bereinigung für das liberale Judentum in Deutschland in eine schwere und intensive Werbetätigkeit einzutreten haben. Mit Schlagworten wird nicht viel auszurichten sein. Es wird zu zeigen sein, daß nur ein religiöses, fest gegründetes, auf dem Boden der Wissenschaft und allen Fortentwicklungen stehendes auf Grundsätzen religiöser Wahrhaftigkeit ruhendes Judentum Träger der jüdischen Zukunft in Deutschland sein kann. Nicht nationale Ziele, sondern Verinnerlichung und Vertiefung der im Judentum in reichem Maße ruhenden sittlichen und seelischen Kräfte können das Judentum erhalten und künftigen Geschlechtern fortpflanzen. Es ist eine ernste, gefährliche Probe, die das liberale Judentum in Deutschland zu bestehen hat. Me Kräfte werden angespannt werden müssen. Versagen die Liberalen bei dieser ersten und höchsten Probe, so haben sie für absehbare Zeit in Deutschland, ausgespielt und verdienen, ausgespielt zu haben. Wir aber glauben an den Sieg unserer Sache, weil wir von ihrer Wahrheit und Sieghastigkeit im tiefsten Herzen überzeugt sind. Möge dos deutsche liberale Judentum beweisen, daß es nicht nur schöner Worte fähig ist, sondern auch, wenn es darauf ankommt, großer Taten. Utaracnto and Gemeinschaftliches in Drthoövxte and Liberalismus. Bon Rabbiner Dr. Fuchs»Chemnitz. II. In dem ersten an dieser Stelle erschienenen Artikel wurde das Wesen der Orthodoxie geschildert, als auf dem Dogma von der ewigen und buchstäblichen Geltung der Tora beruhend, sowie die grundlegende Gegnerschaft des Liberalismus dazu. Im folgenden sollen nun die positiven Werte des letzteren zusammengestellt werden. — Festzuhalten gilt es an dem wirllich wertvollen Men. Der Zusammenhang mit der Religion der Väter muß erhalten bleiben. Denn in vielen ihrer Kuliformen lebt das, was auch uns Religion ist, die persönliche Frömmigkeit, der Aufschwung des Herzens zu Gott. Der schematische Wertunterschied zwischen Bibel, Talmud und späteren Rabbinen hat im Liberalismus keinen Platz; desto mehr aber gilt die selbstgewollte Religiosität. Die Grundempfindung des Liberalismus ist der Gehorsam gegenüber dem eigenen Gewissen, der identisch ist mit der Liebe zu Gott, der Sehnsucht nach dem Ideal. Insofern knüpft er bewußt an den israelitischen Prophetismus an, der die Daath Adonoj, das lebendige Gottgefühl (anstelle der Tora, der mitgeteilten Religion der Priester und Lehrer) in den Mittelpunkt der Religion stellt (vgl. Num. 11, 29. Hos. 2, 21 f. Jes. 11, 9. Jer. 31, 30 ff.) Ist dem Orthodoxen Religion Erfüllung des vom Himmel herabgestiegenen Gesetzes, so dem Liberalen Aufstieg des Menschen zu Gott, Gottsuchen mit Geist, Gemüt und Tat; ist dort trockner Dienst, so hiev warme leidenschaftliche Hingabe; dort Unterordnung der Persönlichkeit, hier Färbung des Mgemeingiltigen durch Persönlichkeit, Zeit und Sondergemeinschaft; dort Verholzung, manchmal sogar Versteinerung, hier vielseitige, bewegliche, durch Absterben und Neugeburt schöpferische Lebendigkeit; — dort schwerer Dienst, aber ohne Verantwortung für den Sinn desselben, hier ein Auswärtsklimmen durch Irrtum und Gewissensnot zu neuer „Jüdischkeit". — Wie Gottes Gebot, so ist aber schließlich auch Gott der liberalen Glaubenslehre weniger gut bekannt als der orthodoxen. Auch uns bedeutet er natürlich den Garant für den geheimen Sinn des Lebens, der sich und seinen Willen allen Widerständen zum Trotz durchsetzt. Wir können aber nicht zugcben, daß der natürliche Zusammenhang von Ursache und Wirkung von ihm willkürlich durchbrochen wird. Wir glauben, daß er sich desselben bedient, dahinterstehend wie der Techniker hinter seiner Maschine, seinen Geist der Welt aufprägend wie der Regisseur seinen Schauspielern, wirkend und fordernd wie der Staat gegenüber seinen Bürgern. Es gibt nichts „Uebernatürliches", also auch keine Wunder im orthodoxen Sinn. Selbst das Gebet darf nicht auf solche hoffen; es ist der Aufschwung der Seele zu ihrem Gott und verfehlt seine innere Wirkung nicht, wenn es in Reinheit und Andacht emporsteigt; aber die Wirkung ist eine natürliche Folge des Gedankens an Gott, — wie die alltäglichen Ereignisse, durch die Gott (nach dem alten Gebetswort) die Schöpfung ständig erneut, zu Wundern werden, wenn der Gläubige in ihnen das Walten des Gottesgeistes empfindet. Ebenso ist Offenbarung keine übernatürliche Gotteswirkung, sondern ein natürlicher Einblick in das Wesen der Welt, den hervorragende Geister durch außergewöhnliche Steigerung ihrer inneren Qualitäten empfangen, teils infolge ihrer Selbsterziehung, teils infolge der Gnade natürlicher äußerer Einflüsse. Die Autorität und Ehrfurcht, die wir solchen Propheten und Genies entgegenbringen, braucht aber unsere Kritik nicht zu verhindern, im Gegenteil, die Kritik wird unsre Bewunderung für ihre Persönlichkeit nur verstärken. Dasselbe gilt auch von dem Buch der Offenbarung, der Bibel, deren Heiligkeit, wie uns scheint, vom Liberalismus tiefer begriffen wird, als wenn man sie samt ihren Fehlern für ein unbegreifliches Geschenk des Jenseits erklärt. Und dasselbe muß auch hier.noch einmal von den Vorschriften der Bibel betont Wisch-liberaler Iugenüverein Montag, den 7. Februar 1921» abends 8 Ahr, im Saale der „Gesellschaft Eintracht", Tauentzienstraße 12 lEingang nur. Anger) Bortrag de- Herrn Emil Waidstein-QreSIau über: „Die Gesamtorganisatton -er deutschen Juden" Freunde und Anhänger unserer Bewegung willkommen. werden: Jrrdem wir ihre geschichtliche Bedingtheit erkemien, mehrt sich unsere Bewunderung vor ihnen und unsre Liebe zu der Gemeinschaft, die sie hervorgebracht hat. So stehen also Orthodoxie und Liberalismus als zwei verschiedene Arten von Frömmigkeit einander gegenüber; und an manchen Stellen dieser Gegenüberstellung mag der Eindruck entstehen, als ob sie ganz unverträglich mit einander seien. Dieser Eindruck ist jedoch falsch. Es wäre wahrlich verfehlt, wie manche fanatische Orthodoxe es getan haben, den Liberalismus als eine gesonderte Konfession innerhalb des Judentums zu bezeichnen. Allerdings das Dogma, also das „Bekenntnis", von der Tora vom Himmel trennt uns. Aber seit wann schaffen Bekenntnisse ein Schisma, außerhalb wie innerhalb des Judentums? Allein die Tal vermag das! Die Karäer trennten sich von den Rabbaniten fakttsch erst, als ihre Auslegung der Ehegesetze die Rabbamten zu „Mamserim" stempelte; und Luthers Konfession entstand durch die Lossagung von der Organisation der Kirche. Das orthodoxe Judentum hat keine solche Organisation, von der wir uns lossagen könnten, und weder wir noch unser Gegner werden unsre Kinder je einem Juden von der andern Richtung versagen! Wir alle sind heute froh, wenn wir als Schwiegerkinder Juden bekommen! Die Not der Zeit erstickt alte Schismagelüste, wie stark sie auch vor dem Kneg gewesen sein mögen, als man noch keine anderen Sorgen hatte! — Dagegen dürfen wir betonen, daß der Liberalismus zunächst in allen Hauptsachen fest auf dem Boden des überlieferten Judentums steht. Gegenüber dem Christentum betont er nicht bloß den Glauben an den einig-einzigen Gott, sondern auch den Wert dev Gerechtigkeit neben der Liebe, die Willensfreiheit statt der Erbsünde und Gnadenlehre, die Erwirkung der Sündenvergebung durch die eigne Kraft des Menschen statt durch die Vermittlung eines Erlösers, die Erziehung des Menschen durch den Kultus statt durch das Beispiel einer vorbildlichen Persönlichkeit, und umgekehrt die rein erzieherische Bedeutung des Kultus statt einer sakramentalen Bedeutung, die Wertlosigkeit des Glaubens bei der Beurteilung des Menschen durch Gott, und den Unwert aller späteren religiösen Neuerungen gegenüber den schöpferischen Leistungen der alttestamentlichen Propheten. Der Liberalismus glaubt mit der Orthodoxie an die religiöse Aufgabe der jüdischen Gemeinschaft, ihre Angehörigen zu Edelmenschen zu erziehen, eine Aufgabe, die nur in einer Religions- Gemeinschaft geleistet werden kann, — sodaß diese auch ihren Wert behält, wenn andere Völker in der Theorie die Lehren des Judentums anerkennen. Wir glauben schließ.: ch gemeinschaftlich, daß die jüdische Glaubenslehre die der Religion an sich, der reinen wahren Religion ist, die für alle Menschen taugt und von der wir hoffen, daß sie einmal von allen Menschen angenommen wird, und daß sie die Menschheit in ein Gottesreich der Sittlichkeit und des Friedens verwandeln wird. Wir dürfen aber weiter gehen und sagen: Der Liberalismus ist die bessere Form des Judentums. Bei aller Anerkennung der Leistungen des Talmudismus im Mittelalter glauben wir doch, daß die Zeit der Orthodoxie in der Gegenwart vorbei ist» Höchste Achtung vor denen, die das Joch des Gesetzes in Ehrlichkeit tragen! Wir aber sehen: das Leben und die geistige Einstellung, wie sie sich in der Gegenwart entwickelt haben, verträgt eine so intensive Umspinnung mit Religionshandlungen, wie sie die Orthodoxie vorsieht, einfach nicht mehr. Wer bekäme es z. B. rein seelisch genommen fertig, bei jedem Brot, das er ißt, also 5 Mal am Tag, die vorgeschriebenen Gebete vorher und hinterher zu sprechen! Wie wenig Berufe gibt es, in denen eine orthodoxe Sabbatseier durchführbar ist! Wie wenig Juden sind, zumal in der Großstadt, imstande, z. B. die Vorschriften über die Laubhütte zu beobachten! Und wieviel Andacht kam man aufbringen, auch wenn, ja gerade wenn man Hebräisch versteht, bei dem schnellen Hersagen von Psalmen und Psalmversen im Gottesdienst oder bei der immer wiederholten Rezitierung des Kaddisch! Diese Beispiele lassen sich vielfach verdoppeln. Sie zeigen, daß die Anpassung der Religion an das Leben, wie sie allein das System des Liberalismus ermöglicht, das bessere Judentum ist. Die Orthodoxie ist in derselben Gefahr wie das Christentum mit seinem Jesusideal, daß die Ueberspannung den Bogen brechen läßt: Sie verlangen beide zuviel und erreichen deshalb nur, daß man sich von ihnen abwendet. Schon heute hat die Orthodoxie ihre sittlich erzieherische Kraft stark eingebüßt, weil sie sich fast überall in Kampfstimmung gegenüber dem Liberalismus befindet: Das ReligionSgefetz wirkt nur, wo eS als

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.