Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 1 (1920-1921)
- Issue
- 9 (28.1.1921)
- Date
- 1921-01-28
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Bei den letzten Repräsentanten-Wahlen der Berliner Mischen Gemeinde haben sich Orthodoxe und Liberale zusammengeschlossen wider den gemeinsamen Gegner: die Nationaljuden. Aehnliches wird voraussichtlich auch an andern Orten geschehen. Angesichts dessen lohnt es sich, die Frage wieder einmal zu erörtern und möglichst präzis zu beantworten, was innerlich die jüdische Orthodoxie von uns trennt und inwieweit wir doch mit ihr im Religiösen übereinstimmen. Die Orthodoxen betonen gern, daß das Wort orthodox „rechtgläubig" nicht auf ihr Judentum paßt, da der Hauptgegensatz zwischen Orthodox und Liberal im Tun liege, in der Beobachtung des Zeremonial gesetzes, und nicht wie beim Christentum in den Glaubens anschauungen. Die Orthodoxen nennen sich deshalb lieber „gesetzestreu". Das ist nur halb xichtig. Es stimmt, weil es im Judentum überhaupt nicht so sehr auf Glaube und Bekenntnis ankommt. Es stimmt aber nicht ganz, weil die Gesetzestreue auf einer Glaubensanschauung und religiösen Gesamtstimmung beruht. Sie hat ihre letzte Hurrel in der Empfindung der menschlichen Schwäche. Der Menschen g e i st — so wird hier geltend gemacht — ist nicht imstande, die Rätsel des Lebens W lösen; er mutz sich deshalb auf die Ueberlieferung Verlagen, die auf Gott selbst zurückgeHt. Und der Menschenw i l l e ist nicht imstande, aus eigner Kraft sich zu erziehen; er muß deshalb die Erziehungsmaßncchmen auf sich nehmen, welch» Gott und die Ueberlieferung ihm gn die Hand gibt. So wird Kritik unmöglich gemacht, und die Ueberlieferung zum unantastbaren heiligen Gottesgut; zur Haupttugend wird der Gehorsam, die Wichtersüllung,. und zur wichtigsten religiösen Empfindung Jir'oh, Gottesfurcht, Ehrerbietung. Der Kernsatz von , der Ueberlieferung aber ist ein Dogma: Die Tora stammt vom Himmel, sie ist von Gott dem Mose am Sinai! gegeben, sie ist die göttliche Wahrheit, die absolute ewige Autorität. Dieser ^Satz hat mit dem Eingottglauben innerlich nichts zu tun. Er ist unbeweisbar, mw von der Ueberlieferung gefühlsmäßig aufgestell und durchaus innerlich unwahrscheinlich; er hat also alle Kennzeichen des Dogmas. Erkennt man ihn an, so ergibt sich alles übrige von selbst. Dann ist jedes Wort ja jeder Buchstabe der Tora gottgewollt, und wer Gottes Gebot genau beobachten will, muß darauf achten und zu erforschen trachten, welcher Sinn jeder Kleinigkeit in der Tora zugrunde liegt. Die Gesetzlehrer sind nicht Schöpfer oder Gestalter des religiösen Lebens, sondern lediglich Erklärer. Das Gesetz ist irreformabel; es kann durch die Anwerbung vertieft und erweitert, aber nich^ . innerlich verändert werden, es sei denn nach seinen eigenen Prinzipien (z. B. können unter gewissen Kanteten von einem Synhedrion positiv gerichtete Forderungen von religiösen Hmrdlungen erlassen oder aufgehoben werden; nie jedoch ein biblisches Verbot!) Eine Entwicklung der Religion ist möglich und vorhanden, aber nicht in dem Sinne, wie ein Maler alte Kunstprinzipien ausgibt und durch neue ersetzt, sondern wie er eine Skizze^ zu einem Bilde vervollständigt: Die Entwicklung schafft nicht neue Atten der Frömmigkeit, sondern verstärkte Anwerbung der alten. Sie geht deshalb auf möglichst peinliche Exaktheit und juristische Festlegung von Verboten und Erlaubt und auf möglichst gewissenhafte Ausführung. Ein wissenschaftlicher verstandesmäßiger Zug kommt in die Religion, der früher oder später den lebendigen frommen Aufschwung der Seele zu Gott Überwuchern muß. Großes und Kleines, Moral und Zeremonial wird über einen Kamm geschoren; und tiefsinnige Vorschriften mit unverständlichen gleich skrupulös behandelt: Denn sie alle sind der unbegreifliche Wille des heiligen Gottes. Seine Unbegreiflichkeit ist das Sprungbrett zur orthodoxen Lebensführung. —Eben dieselbe aber gestaltet auch die Glaubenslehre. Bon der gelehrten Ignoranz ausgehend, übernimmt der Orthodoxe die Lehren und Erzählungen der Bibel, besonders der Tora, kritiklos unbesehen als wahr. Wie Juda Halevi im Kusari den jüdischen „Meister" prechen läßt, so sagt auch er: Am Sinai haben 600 000 Mann Gottes Selbftoffenbarung erlebt; sie kann also nicht erlogen sein: Soviel Menschen können sich nicht, zu einem Bettug zusammentun oder sich täuschen lassen. Daß die Erzählung selbst mit oder ohne Absicht fehlerhaft ein könnte, wird nicht bedacht. In der Bibel aber herrscht eine vollständig supranaturalistische Auffassung. Diese wird also von der Orthodoxie mit übernommen, und so entsteht noch einmal ein dogmatischer Unterschied gegenüber dem Liberalismus, der nur deshalb nicht 0 stark empfunden wird, weil das Dogmatische tat ächlich im Judentum nicht im Vordergrund des Interesses teht, und weil das allzu Anstößige auch von der Ortho doxie durch „Umdeutung" oder rationalistische Er klärung aus der Wett geschasst wird (z. B. die 6 Tage der Schöpfung durch Erklärung von Tag-Erdperiode). So saßt also der Orthodoxe Gott als einen Faktor auf, der nicht bloß über der Welt steht, sondern in den Zuammenhang der naturgesetzlichen Ursachen und Wirkungen eingreist, um Wunder zu tun, um Gebeterhörung durch zuführen, um sich selbst zu offenbaren; und zu den messianischen Hoffnungen gehört es, daß durch übernatürliche Wirttlng des Messias aus dem Hause Davids der Tempeldienst in Jerusalem wieder eingeführt wird, der wahrhafte priesterliche Geburtsadel wieder festgestellt und alle noch zweifelhaften religionsgesetzlichen Fragen entschieden werden. — Was aber schwerer als all dies wiegt, ist, daß die Religion von der Orthodoxie rein als Veranstaltung Gottes zur Erziehimg des Menschen angesehen wird. Die Tora hat nichts menschlich Subjektives, Persönliches an sich; sie stimmt zwar überein mit den natürlichen- Anschauungen, Empfindungen und Willensregungen. Da aber der Mensch leicht irrt — intellektuell und moralisch —, so regelt sie alles genau, das tägliche Leben wie das intimste Geistesleben. Der Mensch ist gleichsam nur dazu da, die Tora zu erfüllen. Das ist eine in ihrer Art grandiose Konzeption; und solange sie im Ghetto durchgeführt worden ist, hat die Judenheit an Geist und Sittlichkeit an der Spitze aller Völker gestanden. Es verschlägt nichts, daß in dieser Athmosphäre auch die Heuchelei gedeiht. Denn aus die Dauer muß das System die Bersittlichung der Massen erreichen, — wenn es nur in sich zusammenhäll. Das aber ist nicht der Fall! Man macht dem Liberalismus oft den Vorwurf, er beruhe auf Bequemlichkeit (der Liberale wolle die Last des Gesetzes nicht auf sich nehmen) oder auf speichelleckerischer Anpassung an das Christentum, besonders an den formenarmen Protestantismus. Das mag bei manchen der Fäll sein. Aber der Liberalismus hätte nicht soviel Terrain gewinnen können, wenn er nicht theoretisch begründet wäre. Und seine feste Grundlage ist die Bibelkritik. Die Grundlage des orthodoxen Systems ist zerweicht. Das Studium der Maßora zeigt, daß der Text der Bibel, auch der Tora, nicht einwandfrei überliefert ist, also in der mindestens seit der Zerstörung des Tempels feststehenden Form nicht den Willen Gottes so wiedergibt, daß jedes Wort und Zeichen von göttlicher Ewigkeitsbedeutung ist. Zahlreiche Widersprüche, Wiederholungen und aiwere Anzeichen beweisen jedem vorurteilslos Denkenden un widerleglich, daß die Tora nicht ganz von Mose und überhaupt nicht von einem einzigen Verfasser stammt, am allerwenigsten von Gott, dem soviele Unbegreiflich ketten in einer für ein unmmrdiges Volk bestimmten Lehre nicht zuzutrauen sind. Ueber die Endsätze der Bibelkritik mag man denken wie man will, an dieser ihrer methodischen Grundlage, dem „negativen Beweis", ist nicht zu zweifeln. (Man lese die Einzelheiten darüber in einer „Einleitung" nach, etwa Holzingers Einl. in den Hexateuch S. 15 ss. oder Cornills Einl. in das A T. § 5 Abs. 3 f.; s. a. Spinozas Theolog. poltt. Traktat, Kap. 10, A. Geigers Urschrift usw.) — Ist aber die Tora nicht „vom Himmel", so stürzt das ganze orthodoxe System! Dann hat die unvoreingenommene Wissenschaft das Wort. Diese lehrt, daß die Religionen wie die Bibel Menschenwerk sind, in dem sich Gottes Geist, der Sinn der Welt und die Forderungen des Weltgeistes an den Menschen kundtun. In der Bibel wie in der Glaubenslehre ist zu scheiden zwischen einem ewigen Kern und einer vergänglichen Schale, wie in den Religionsvorschriften zwischen ewig giltigen sittlich-religiösen Geboten und wandelbaren Bräuchen der Gottesverehrung. Alles aberist entstanden, nicht durch eine einmalige Gottestat geoffenbart, sondern durch langsame, Jahrhunderte währende Menschenarbeit geschaffen, bis der wahre Sinn der Welt sich herauskrystallisiert hat. Organische Entwicklung hat stattgefunden und muß auch weiter stattfinden; und wenn der Greis ein ganz anderes Ansehen hat als das Kind, so beweist das nichts dagegen, daß beide dieselbe Person sind. — So ist der Kultus entstanden aus Bräuchen, die sich allmählich zu Gesetzen verfestigt haben; anonyme Fromme haben ihn gechaffen, das Volk hat ihn zum Brauch und dann erst Autoritäten zum Gesetz erhoben und schematisiett. „Israels Brauch ist Gesetz", dies Talmudwort hat gegolten, ehe es eine Bibel gab, und wird in alle Zukunft gelten. Die Gesetzlehrer schassen nicht, sondern hinken der Volksautorität nach (— wenn sie nicht vorziehen, wie heutzutage, den religiösen Sinn selbst bei der Jugend schon in die richtige Bahn zu lenken). Auch der Kultus ist göttlich, insofern als er nach seiner Verfestigung zum Volksbrauch bezw. Gesetz der Bersittlichung und Weihe des Lebens bient, aber nicht in dem Sinne, daß er (wie etwa Moralgesetze) unabänderlich wäre: gottgeboten heißt nicht ewigglltig! Der Talmudsatz (z. B. von Rav ausgesprochen): „Die Religionsges.etze dienen der sittlichen Läuterung" wird zum Kriterium, was in unsrer Zeit vom Kultus bleiben kann, nämlich das, was imstande ist, uns sittlich zu erziehen, was von einer ittlicheu Idee getragen ist, was Herzensfrömmigkeit weckt, erhÄt und vertieft. Nachdem die vergleichende Religionsaeschichte gezeigt hat, daß ähnliche, oft gleiche Kultbräuche wie die jüdischen auch bei heidnischen Völkern existiert haben, müssen Kultbräuche, welche keine sittliche Bedeutung für uns haben, nicht bloß als veraltet, sondern als heidnisch gelten und dürfen auch von frommer Pietät nicht mehr bewahtt werden; sie müssen neuen Kultformen Platz machen, die von dem sittlich-religösen Bewußtsein unserer Zeit getragen sind. Das erst heißt in Wahrheit orgamsche Fortentwicklung! MW-liberaler Menöverei« Montag, de» LI. Januar 1821, abends 8 Uhr, im Saale der „Gesellschaft Eintracht", Tauentzienstraße 12 (Eingang nur Anger) GeneralvrrsammUmtz. Tagesordnung: 1. Geschäfts- und Kassenbericht des letzten Vereinsjahres. 2. Entlastung und Neuwahl des Vorstandes. 8. Dringtichkeitsantrag auf Erhöhung der Beiträge. Zutritt zur Generalversammlung haben nur Mitglieder. die Gesamtorganisation -es -rutschen Judentums verwirklicht. Berlin. Der Deutsch-Israelitische Gemeindeklg hat iu seiner Sitzung vom Sonntag, den 23. Januar den Verfassungsentwurf für eine Gesamtorganisation des deutschen Judentums nach einer eingehenden Begründung durch de» Berichterstatter, Dr. Jsmar Freund-Berlin, und anschließender umfassender Aussprache mit allen gegen vier Stimmen, die der äußersten Orthodoxie angehören, angenommen. Damit hat das deutsche Judentum seine Verfassung erhaüen. * * * Wir geben im folgenden den Bericht unseres Berliner Sondervertreters über den Verlauf der Tagung wieder: Am Sonntag, den 23. Januar, fand in Berlin im Tempel der U. O. B. B.-Logen der 15. Deutsch-JSraelitifche Gemeindetag statt. Nach Eröffnung des Gemeindetages durch den Vorsitzenden des Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes, Herrn Professor K a l i f ch e r und Erledigung der geschäftlichen Angelegenheiten kommt man zu Pnntt 5 der Tagesordnung: „Abänderung der Satzungen des Deutsch-Israelischen Gemeindebundes vberschlesterl ÄLLLLL2 Eile tut not!