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Jüdisch-liberale Zeitung · 1921-01-21 · 8 (21.1.1921) · page 1

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
1 (1920-1921)
Issue
8 (21.1.1921)
Date
1921-01-21
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Ein Christ, der sich aus Gründen seiner sittlichen Ueberzeugung für uns Juden einsetzt, ist heutzutage eine so seltene Erscheinung in deutschen Landen, daß Ihr Artikel in Nr. 3 der Jüdisch-liberalen Zeitung vom 17. Dezember schon um seiner Gesinnung willen sicherlich in jedem jüdischen Leser warme Empfindungen erwecken wird. Ob aber die sachliche Zustimmung in jüdischen Kreisen ebenso allgemein und uneingeschränkt sein wird wie die gefühlsmäßige, erscheint mir zweifel Haft. Biele werden ihre abweichenden Ansichten unter drücken, weil sie vermeiden wollen, dem Freund und Mtkämpfer in den Arm zu fallen. Ich meine aber, daß ein Mann Ihres Schlages, Herr Pastor, freimütigen Widerspruch gerade von jüdischer Seite wird zu schätzen wissen. Sie beginnen mit dem Gedanken, daß das deutsche Unglück nicht nur Verhängnis sei, sond^m Folge eines Verschuldens, des übermütigen Selbstvertrauens der Vfktton. Ich stimme Ihnen bei und verallgemeinere VIhren Gedarckerr: Kein geschichtliches Unglück ist )n ü r Berhänchrvs. Auch die Welle von Abneigung und HaH, die sich jetzt aus dem deutschen Volke gegen uns Juden erhebt, trifft uns nicht unverschuldet. Töricht sind freilich die Behauptungen, wir Juden hätten den Krieg angezettelt, wir hätten das Volk ausgewuchert, wir hätten den Siegeswillen des Heeres untergraben. Aber haben wir deutschen Juden nicht dennoch schwere Mitschuld an dem Krieg und an der Niederlage? Haben wir die verhängnisvolle deutsche Hybris je zu dämpfen versucht? Als sich in den langen Jahren vor dem Kriege der deutsche Geist in den Wolken selbstgespendeten WechrauchSzuumnebelnbegann, haben wir Juden damals nicht fleißig das Rauchfaß mitgeschwungen? Haben wir je den Mut gefunden, die „deutsch-germanische" Rasse zu kritisieren, als in den Tagen Chamberlains die Mische Rasse so ausgiebiger Betrachtung gewürdigt wurde? Wir unterlagen der Suggestion vom „blonden Herrenmenschen". Wir beteten nach, daß am deutschen Wesen die Welt genesen müsse. Wir wimmerten wohl über gelegentliche Peitschenhiebe, aber im nächsten Augenblick schmeichelten und bewunderten wir wieder. Wir bemühten uns, blond und arisch zu werden, vergaßen unsere Ueberlieferungen, kopierten in der Einrichtung unserer Tempel die christlichen Gotteshäuser und nannten unsere schwarzäugigen Söhne Siegfried und Werner. Wir würden wcchrlich dem deutschen Volke damals einen besseren Dienst erwiesen haben, wenn wir weniger „tteudeutsch", wenn wir unabhängiger, „jüdischer" gewesen wären. Deutsche und Juden, Herr Pastor, unterscheiden sich in mancherlei Beziehungen; einen Fehler aber haben sie miteinander gemein, den Fehler, den Sie als Deutscher vom Deutschen bekennen: „Er selbst nämlich hat kein sicheres, aus fester Verwobenheit mit heimatlicher Erde und geistiger Kultur stammendes Vaterlandsgefühl." Beiden fehlt die Bescheidenheit ruhigen Selbstbewußtseins, die dem Andern , das Recht auf Eigenart zuerkennt, ohne an sich selbst irre zu werden. Beide neigen dazu, entweder sich selbst zu vergöttern oder — was nicht minder gefährlich ist — einen Andern. Die nämliche Erkrankung des Selbstgefühls, die sich im Durchschnittsdeutschen seit 1870 als blinde Anbetung der eigenen Bortrefflichkeit äußerte, erschien im Durchschnittsjuden als sklavische Selbsterniedrigung und Nachahmungssucht. Zur freiblickenden Ruhe eines ausgeglichenen Selbstvertrauens zu gelangen, ist das Ziel individueller Erziehung nicht minder als nationaler Erziehung. Freundschaft zwischen einem deutschen Christen und einem Juden ist nur zwischen solchen Persönlichkeiten von Dauer, die fest genug in sich selbst gegründet sind, um daS Andersartige zu sehen und anzuerkennen, ohne eS doch nachahmen zu wollen. Und nicht eher wird der Antisemitismus verschwinden, nicht eher wird eine männliche Freundschaft -wischen der deutschen und der Mischen Rasse möglich werden, als bis beide Stämme in kräftiger Ausbildung ihrer Eigenart diesen Grad eelischer Freiheit erreicht haben. Führt der Weg, den Sie Christen und^Juden vorzeichnen, zu diesem Ziel? Ich bezweifle es. Sie mögen noch so viele Argumente des Antisemitismus^widerlegen, Herr Pastor, immer wieder wird ein neuer Kopf der Hydra neue Beschuldigungen zischeln. Denn dem krankhaften Selbstgefühl des von Juden umschmeichelten Deutschen erscheint die jüdische Sondernatur als eine Art heimtückischer Beeinträchtigung. Der Deutsche denkt: „Diese Juden versichern mir beständig, es sei ihr höchster Wunsch, meinen Grad von^ Bortrefflichkeit zu erreichen, und dennoch bleiben sie insgeheim bei ihren Eigentümlichkeiten und stellen dadurch in stillschweigender Einigkeit den Wert meines christlich-deutschen Wesens in Frage." Der Durchschnittsdeutsche ist nicht „gebildet" genug, die Berechtigung einer zweiten Daseinsform neben sich gefühlsmäßige anzuerkennen, der Durchschnittsjude ist nicht „gebildet" genug, unter den mächtigen Einflüssen des Deutschtums seine eigene unauslöschliche Sondetatt ftei zu entwickeln und zu lieben. Kein noch so gutgemeintes Zureden zur Duldsamkeit hilft aus der unglücklichen Situation, in der sich die Charakterfehler zweier Rassen durch gegenseitige Einwirkung andauernd verschärfen. Nicht aus dem Verkehr miteinander kann die Heilung kommen — sonst wäre sie ja auch längst da —, sondern nur durch Selbsterziehung beider Teile von innen heraus. Dem heutigen Juden fehlt es an Zutrauen zu den Kräften der. eigenen Nattrr. Sie, Herr . Pastor, <entp fehlen den Jriden, sich allzeit wie in einem GlaShause zu fühlen und auf Währung ihres guten Rufespeinlichst bedacht zu sein. Sie weisen auf die BeruMassen der Offiziere und Pastoren hin, die Heutzutage eben falls besondervorsichtig in ihrem Auftreten sein müßten. Sind Sie selbst so besondervorsichtig, Herr Pastor? Sind Sie sicher, daß Ihr mutiges Eintreten für uns Juden in einer jüdischen Zeitung von der Mehrheit Ihrer Amts- und Glaubensgenossen gebilligt werden wird? Haben Sie berücksichtigt, was Ihre Feinde dazu sagen könnten? Nein! nicht die Sorge für Ihren „guten Ruf", sondern Ihr sittliches Bewußtsein hat Sie zu diesem Schritte bestimmt, der Ihnen, wie Sie selbst schreiben, im heutigen Deutschland keine Lor beeren eintragen wird. Gönnen Sie uns Juden die gleiche Freiheit! Lassen Sie uns handeln wie die sitt liche Stimme unseres tiefsten Inneren uns befiehlt, frei von dem lähmenden Gedanken: „was könnten die Antisemiten dazu sagen?", und nicht, als wären wir in einem Glashause, sondern als wären wir in einem festummauerten Tempel, allein mit Gott! Sie als deutscher Christ Haben das Recht, die Judenfrage als eine Angelegenheit Deutschlands zu betrachten. Ich als Jude habe das Recht, zuförderst zu ftagen, was den Juden ftommt. Der deutsche Geist — nicht waS sich seit 1870 so nennt, sondern was einst in der Welt so hieß — war der Erzieher der Juden dieses Landes. Niemand kann tiefer als wir empfinden, was wir den toten Meistern verdanken. Aber dies ist das Ziel — und, wenn man so will, die Tragik — aller menschlichen Erziehung, daß sie den Zögling selbständig macht und ihn vom Lehrer scheidet. Gerade wenn wir würdige Schüler sind und keine bloßen Rachäffer und Lobhudler, so muß notwendig »ine Zeit kommen, in der wir uns zurückziehen, über uns Nachdenken und eigene Wege suchen. Diese Zeit ist hereingebrochen. Biele unter uns — ich spreche von den Zionisten, deren Ziele Ihnen so grotesk erscheinen — empfinden den fortdauernden deutschen Einfluß auf ihrer gegenwärtigen Entwicklungsstufe nicht mehr als fördernd, sondern als lähmend. Sie wissen, daß eigene Kraft ihre Erziehung voll- Iüöijch-liberaler Jugeaöverem Montag, den li Januar litt, abends 8 Ahr, im Saale der „Gesellschaft Eintracht", Tauentzienftraße IS (Eingang nur Anger) Wortrag des Herr» Aaddtner Dr. Slngar, »littet Riten Im Zu-entum". Freunde und Anhänger unserer Bewegung willkommen. Worangetger Montage de» 81. Januar: Generalversammlung. Anträge find bis 28. Januar schriftlich einzureichen. & — Weitere Ankündigungen sieh« letzte Seite.- —' enden muß, wollen sie nicht ewig unfertig bleiben. Sie erkennen mit Widerwillen, daß sie in der letzten Zeit ein pecus servile imit&torum waren und halten es für sträflich, die Rücksicht auf beschränkte Feinde zur Richtschnur ihres Handelns zu machen. Sie sehnen sich heraus aus dem Augiasställe des Judenhasses, dessen tausendjährigen Kot kein Herkules wegräumen kann. Sie fühlen, daß sich gegen sie selbst der Borwurf richtet, den Sie, Herr Pastor, gegen den Deutschen erheben: „Er selbst nämlich hat kün sicheres aus fester Berwobercheit mit heimatlicher Erde und geistiger Kultur stammendes Baterlandsgefühl." Die älteste Heimat öffnet sich uns wieder, und sie zieht mit immer wachsender Kraft unsere Seelen an. Sie können mit der zionistischen Bewegung schwerlich vertraut sein, Herr Pastor; sonst würden Sie uns nicht leichthin mit den Antisemiten vergleichen. Die Antisemiten wollen aus politischen Gründen die Austreibung der Juden; wir wollen denjenigen Juden eine Heimstätte bereiten, die aus persönlichen Motiven irgendwelcher Art den schweren Entschluß zur Auswanderung fassen. Mr glauben nicht, daß die jüdische Rasse die vornehmste des Erdballs sei, der sich alle andern anzuähnlichen hätten. Aber wir hcüten es für unsere Pflicht, diese unsere Rasse zu der höchsten kulturellen Entfaltung zu bringen, deren sie fähig ist. Wir sind keine Chauvinisten, wahrhaftig nicht: Die geschichtliche Funktion der Juden, sämtlichen Völkern der Welt als Prügelknaben zu dienen, würde etwaige Anlagen zum Chauvinismus durchaus, ertötet haben, und bas Stückchen Land, das wir unter englischem Schutz neben arabischen Bauern besiedeln wollen, wäre keine geeignete Basis für ein jüdisches Weltreich. Zionismus ist „innere Mission"; Palästina ist nicht Zweck, sondern Mittel. Keiner unter uns haßt das Volk, unter dem er ausgewachsen ist und das selbst in Zeiten nationalen Niederganges Männer von Ihrer Gesinnung hervorbringt. Keiner, der sich zur Abreise rüstet, wird den Wunsch hegen, sich für immer vom deutschen Wesen zu trennen; uta er wird von der Grenze aus auf Deutschland zurückblicken mit den Gefühlen, mit denen Iphigenie vom „erdgeborenen" Thoas scheidet, um die alte Heimat zu entsühnen. * * * Zwei Antworten. Sehr geehrter Herr Lohn-Bossen! K Durch den Beginn von Bortragskursen sehr beschäftigt, kamt ich auf Ihren „Offenen Brief" nur Folgendes antwotten: 1. Für meine. Bekämpfung deS Antisemitismus will ich keine Vorzugsstellung. Erwiderungen, Gegnerschaften usw. sind mir daher höchst willkommen. Ja: Hätte ich keine Gegner, wie hielte ichs aus? Ganz gewiß würde ich allgemeine Zustimmung nicht äls Vorzug bettachten. „Nichts tut der Leber so wohl und lieb wie ein geschliffener Schnabelhieb." , Aber Sie antworten mit Würde, Sie sprechen sachlich und tief: dafür muß man heute besonders danken. 2.. Wie es selbstverständlich für Sie ist, die Fragen, die wir angeschnitten haben, auch vom jüdischen Stcmdpunkte aus zu bettachten, so ist es mein Recht, nur die deutsche Seite der Angelegenheit zu sehen. Und von hier aus sage ich: Die Ziele der Zionisten (die, verzeihen Sie, ich sehr genau kenne) werden wir bekämpfen. Wir Nichtantisemiten wollen die Juden nicht verlieren: Wir wissen ihren Beittag für unser deutsches Volkstum zu schätzen. Und wir leiden, daß der Zionismus das jüdische Problem kompliziett: einem Zionisten können wir in der Tat keinen deutschen Ministerposten überttagen. 3. Verzeihen Sie: Sie bekämpfen den Machtgedanken, wie er vor 1914 bei uns im Kurs stand — mit Recht. Aber der Zionismus ist aus demselben Geist. Er kann sich die Erhcütung des Judentums nur denken, wenn eS auch einen jüdischen Staat gibt. Ich meine: Die Stärke liegt bei einem anderen Standpunkt. Bei dem: Auch im andersgläubigen Volkstum bewahre ich meine Eigenatt. Ich hasse die Enge, ich hasse die Absondermrg. Ach diese Aengstlichen, die die konfessionelle Schule besuchen, um ihren Glauben zu erhalten! Ach diese Kleinlichen, die Andersgläubige heruntersetzen, meiden, verdächtigen, weil nur so sie die Eigenatt bewahren können! Noch bin ich ganz Lutheraner: nicht aus der Welt, i n die Welt! Zeigen Sie mir neues,

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