Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 1 (1920-1921)
- Issue
- 6 (7.1.1921)
- Date
- 1921-01-07
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2613366-2613604-2613610--0028-2617190- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
ZübiMbemIeZkitung Dl» .Lablsch-libemle Lettuno" erscheint jeden Freitag und tollet duech die Dost oder durch dl» chrschakttfielle bezogen, viertrlMrllch Ml. 4 — Einzelnummer 40 Df. Ladwnoen auf Voftschrttkonlo Breslau 4S3S7,Lüd«ch- »brralr Leltuno, Kastrnverwaltuno, «.Bayer, Breslau i inumuiiiiimininnnmiHiun: DeraulworNlcher Schriftleiter: Julius, Loeb, Breslau 13. DMoriastra-e iy4d Bür bie«edaMoi, dtmmmie Lulivrlften find »ur an diese Abreffe »u rfchtea | Geschüftsftelle: Breslau 3, Reue Graupenftr. 5 Immiiiimm niiirnnriiniimm Bnnadmefchlu» für Berlchte: Montag mittag Sprechstunden der Schristlettung: Montag dl< Freitag ii—12 vorm, in der Seschilflsstrle. Annavmeschlufür Anzeigen: Dienstag frag Die 3'/. cm dreltr Millimeterzelle kostet so JW., Familienan»eigen40Vf. BeiVlederdolungsrma-igung «.Tarif Rr.s Breslau, den 7. Januar 1921 1. Jahrgang .Das Ist -er Pilger Gottes!" _ II. B. M. 8. 15. Ms zum ersten Male der Versuch der ägyptischen Zauberer sehlgeschlagen war, eine der Plagen selbst nachzuahmen, da warnten sie den Pharao: „Das ist der Finger Gottes." Aber der König wollte nicht hören. Bekannt ist aus der Peßach-Haggada, daß ein Talmudlehrer das Wort von der „Hand" Gottes am Meer dahin deutet, daß dort ein viel schwereres Strafgeiicht über Aegypten heretngebrochen sei als vor dem Auszuge Israels. Mag die Deutung unserem Geschmack vielleicht wenig Zusagen, so ergibt sie doch sachlich Richtiges und religiös und moralisch Wertvolles. Die ägyptischen zehn Plagen waren Warnungczeichen, Sturmsignale. Das war die Stunde des Pharao, die ihn vern chtete, daß er sie unbeachtet ließ und nicht durch Einkehr Rettung suchte. So tadelt später der Prophet Amos sein Volk, daß es Hunger und Dürre, Kornbrand und Heuschreckenplage, Pest und Revolution nicht als Warnungszeichen Gottes beachtet; darum müsse das Strafgericht über Israel hereinbrechen. So war auch Aegyptens Verderben unabwendbar geworden. Der sittliche Charakter der religiösen Ueberzeugung des Judentums kommt nicht etwa darin zum Ausdruck, daß man mechanische göttliche Gerechtigkeit annimmt und nach dem Maße unseres Glücks oder Unglücks den sittlichen Wert oder Unwert der Menschen oder Völker abmißt. Aber zwei Gesichtspunkte haben Geltung: im Völkerleben rächt sich früher oder später sittliche Verschuldung, und jeden soll Unglück, das ihn trifft, zu der Frage anregen: Was habeich an mir zu bessern? Darum hat man im Judentum die Tage des Gedenkens an Unalück des Volkes mir Bußgeberen ausgestattet und ist dabei der Meinung gewesen, daß nicht die Bußgebete, sondern der durch sie angeregte Wille zur Umkehr wesentlich ist. Wer in Schicksalen, die ihn treffen, den Fingerzeig Gottes sieht, dem wird das Unglück Anstoß zur Selbstläuterung. So lernt er das Unglück innerlich überwinden, ja es n> rb ihm zum Segen, weil es ihn lehrt, größer zu werden als seine Schuld, und das Schwerste abzuwenden. Freilich muß man die Zeichen der Zeit zu beachten und zu deuten wissen. Ob wir nicht von den alten ägyptischen Zauberern lernen könnten und sollten? Die Wendung des Schicksals kann nur von innen heraus durch sittliche und religiöse Selbstläuterung gelingen. Es ist verfehlt, zu fragen, ob etwa die anderen, die Glücklicheren, besser sind als wir. Wir müssen vielmehr, ohne uns für schlechter zu halten, fragen, welchen Anteil der Schuld wir selbst haben. Dann wird das Elend, das wir jetzt durchleben, uns ein Fingerzeig Gottes, und wir verhüten, daß uns Gottes Hand noch schwerer trifft, und bahnen den Weg zum Aufstieg. .§. Unü nochmals «Oberschlesien". Antwort auf den Artikel des Herrn Rabbiner vr. Kaatz-Hindenburg O.-S. in Nr. 48 der „Jüdischen Bolkszeitung". Sehr geehrter Herr Dr. Kaatz! Der Artikel „Oberschlesien" in der ersten Nummer dieses Blattes hat Jhnerr heftig mißfallen. Das nehmen wir Ihnen nicht übel. Wir hatten, offen gestanden, selbst nicht geglaubt, daß er gerade Ihnen Entzücken bereiten würde. Sie geben uns eine Antwort darauf, die hinwiederum uns nicht gefällt, denn ihr Ton ist nicht schön. Sie schelten darin ein bißchen viel herum, und wer schimpft, doch nein, wir wollen keine voreiligen Schlüsse ziehen, sondern nur annehmen, daß der dampfende Zorneseifer Ihnen die Brille beschlagen und dadurch den sonst so klaren Blick getrübthat. „Przidzie vorin Gedränge" sagen unsere lieben Oberschlesier in ihrer köstlichen „polnischen Muttersprache". So gehen wir denn über Ihre Scheltworte und Verdächtigungen gelassen hinweg und kratzen obendrein auch noch die Tunke von — ach, so billigem! — Spott herunter, die Sie über das Ganze ausgegossen haben. Da kommen dann als des Pudels Kern dreierlei Borwürfe zum Vorschein, denen wir uns nun zuwenden wollen. Erstens: wir hätten die Behauptung, die Juden Oberschlesiens seien liberal, leichtfertig und beweislos hinaustrompetet! Gestatten Sie uns eine Frage, verehrter Herr vr.: Halten Sie die Juden Oberschlesiens für orthodox oder, um die Ihnen liebere Bezeichnung zu wählen, für „gesetzestreu?" Wenn Sie Neigung haben sollten, diese Frage zu bejahen, dann laden wir Sie zu einem Sabbath-Vormittag-Spaziergang durch eine beliebige oberschlesische Gemeinde ein, es braucht nicht einmal: Hindenburg zu sein. Das Bild ist nämlich so ziemlich überall das gleiche. In der Synagoge ein kleines, kleines Häuflein frommer Beter über den großen Raum dünn verstreut, und die Gesetzestreuen sind doch — ihnen zur Ehre sei es gesagt — sicherlich hier vollzählig vertreten! Draußen aber in den Läden und Kontoren sehen wir die große Mehrzahl unserer Glaubensgenossen eifrig und beflissen ihrem Tagewerk nachgehen. Können Sie bestreiten, verehrter Herr vr., daß dies das Bild des oberschlesischen Sabbaths ist? Wenn Sie es in Abrede stellen sollten — der Beweis durch Zeugen und Augenschein ist jederzeit unschwer zu erbringen. Also wo sind nunJhre Gesetzestreuen, Herrvr. Kaatz? „So ist es denn", antworten Sie jetzt vielleicht ablenkend, „und zwar mit dem Gefühl, uns in der Falle zu haben," „so ist es denn ein Merkmal liberaler Gesinnung, daß man den Sabbath nicht heiligt?" Gemach Herr vr., so weit sind wir noch nicht! Wir können fürs erste nur feststellen, daß die erdrückende Mehrheit der oberschlesischen Gemeindemitglieder osfenbar nicht gesetzestreu ist. Ehe wir aber dazu übergehen zu untersuchen, mit welchem Recht wir die oberschlefischen Juden haben als liberal bezeichnen können, wollen wir gleich die zweite der von Ihnen gemachten Einwendungen bezeichnen, um beide dann gemeinsam abzutun. Sie sagen ganz richtig, daß wir mit den oberschlesischen Juden hinsichtlich ihres Liberalismus höchst unzufrieden sind und erst von der Zukunft eine Belebung der liberalen Bewegung in Oberschlesien erhoffen und erwarten. Und Sie finden darin einen logischen Widerspruch gegenüber unserer ersten Feststellung: die Juden Oberschlesiens sind liberal. Wir wollen den beiden Vorwürfen zu Leibe rücken, indem wir uns den Unterschied zwischen orthodoxer und liberaler Auffassung ein wenig näher ansehen, wie auch Sie dies für notwendig Hallen. Er ist freilich nicht ganz leicht zu formulieren, denn es gibt da natürlich eine Menge Abstufungen, wie wir sie bekanntlich doch sogar innerhalb des gesetzestreuen Lagers finden.... Wir wollen deshalb auch, anstatt uns um eine theoretische Formulierung abzuquälen, den Gegensatz in einem Bilde betrachten. Wie war es doch mit der Zwangswirtschaft, deren Aufstieg mrd Niedergang wir in diesen harten Jahren durchlebt und durchlitten haben? Als unser von furchtbaren Feinden umgebenes Land mit einem Male von der Weltwirtschaft abgesperrt war und Mangel an allem Nötigsten hart und drohend vor der Tür stand, da gaben unsere verantwortlichen Männer nach und nach, wie sich eben die Notwendigkeit herausstellte, jene Gesetze und Verordnungen heraus, durch welche die Erzeugnisse und Bestände an lebensnotwendigen Dingen, insbesondere an den zur Ernährung und Bekleidung dienenden Gegenstände als gemeinsames Gut des Volkes beschlagnahmt und der öffentlichen Bewirtschaftung zugeführt wurden. Wirnahmen es mit etwas Seufzen und Stöhnen auf, wie eben Menschen, denenUnerwünschtes aufgeladen wird, aber das Bewußtsein der drohenden Gefahr und der damals noch wache Gemeinsinn ließ uns diese Opfer, deren Notwendigkeit anerkannt wurde, schließlich mit Gelassenheit und Würde tragen. Und so ging es zuerst ganz gut. Aber allmählich wurde das anders. Die Gesetze der Zwangswirtschaft halten den Menschen zu hoch eingeschätzt, zu viel Selbstentäußerung von ihm gefordert. Nach und nach suchte so ziemlich jeder Erzeuger wie Verbraucher sür sich ein Sondervorteilchen zu ergattern. Zuerst empfanden sie es noch als eine Versündigung an unserem bedrohten Volke und einen schweren Verstoß gegen die Heiligkeit des Gesetzes. Aber als dann im Laufe der Zeit die Not ärger wurde und es sich immer deutlicher erwies, daß die ungleichmäßig und unvollständig zur Ablieferung kommenden Erzeugnisse und Vorräte mcht ausreichten, um dem vollen Bedarf aller zu genügen und sie vor Not zu schützen, da wurde die Zahl derjenigen, die sich gegen die Gesetze der Zwangswirtschaft vergingen, immer größer: Sie taten es auch MW. liberaler Jugenöocrein zu Mau Montag, den 10. Januar 1921, abends 8 Ahr, im Saale der „Geiellichaft Einiracht", Tauentzienstraße 12 (Eingang nur Anger) Vortrag öes Herrn Semelnde-Rabbiners Dr. Golümann-Leipzkg: „Was lehrt öle jüdische Geschichte zur Vergangenheit und Zukunft -er liberalen 36ec?“ Freunde und Andänger unserer Bewegung willkommen. Weitere Ankündigungen siehe letzte Seite. —... - - nunmehr nicht wie anfangs heimlich und mit innerer Unsicherheit und Zerrissercheit, sondern ziemlich offen und mit unverhohlenem Trotz gegen das Gesetz. Der Staat suchte mit harten Strafen dagegen anzukämpfen, aber auch dieses Mittel versagte, zumal die Richter die Gesetze, um die auch unter ihnen viele sich nicht scherten, nur unwillig und mit beschämtem Herzen anwandten. Ms dann aber vollends das bittere Ende und die Umwälzung der staatlichen Verhältnisse kam und die Regierung trotzdem nicht daran ging, die lästigen Beschränkungen „abzubauen", da brach immer stärker der öffentliche Unwille gegen die Zwangswirtschaft los. Man wies darauf hin, daß man sich in der Praxis ohnehin kaum allzuviel darum kümmere, weil die Notwendigkeiten des Lebens sich längst als stärker erwiesen hätten; denn das geschriebene Gesetz, und daß es deshalb ein Gebot der Ehrlichkeit und Sittlichkeit sei, die überständig gewordenen Berboteund Strafbestimmungen zu beseitigen. Der Kampf ist noch nicht ausgekämpft, aber im Prinzip ist er längst zu Gunsten der Gegner der Zwangswirtschaft entschieden. Mag mancher das für ein Um glück halten, mag es auch wirklich ein Unheil sein — das Leben, das mit seinen Unvollkommenheiten doch die stärkste Macht ist, hat gegen die Zwangswirtschaft entschieden. Was hat dies alles mit der Frage „Orthodoxie und Liberalismus" zu tun? Das wollen wir jetzt klar heraussagen. » Das gesetzestreue Judentum strenger Observanz gleicht in vielem dem System der Zwangswirtschaft, in welches unser deutsches Volk aus dem Gebote drängender Not heraus eingezwängt wurde. Das mosaische Gesetz und seine spätere Ausgestaltung durch das talmudische und rabbinische Schrifttum regelt das ganze Leben, das geistige und das materielle, bis in seine kleinsten Verästelungen. Vorschriften über Zahl und Art der täglichen Segenssprüche und Gebete auf der einen Seite und genaueste Speisegesetze auf der anderen Seite — das sind die Pole, zwischen denen das Leben des Gesetzestreuen abläuft. Und jede Verletzung dieser Bestimmungen ist Sünde und zieht die göttliche Strafe nach sich. Als diese Gesetze dem Volke gegeben wurden, welches dazu berufen war, unter ständigem und starkem äußeren Drucke die Idee des einen, einzigen Gottes aufzunehmen und allen Völkern der Erde zu verkünden, da waren diese Bestimmungen mit ihrer ungeheuren erziehlichen Bedeutung, diese nie dagewesene Häufung von kategorischen Imperativen notwendig und segensreich. Aber die Zeiten haben sich geändert. - Wir leben längst weder im eigenen Lande noch hinter den engen Mauern des Ghettos mehr. Um uns und in uns ist dadurch ein großer Wandel eingehreten. Und so ist denn auch die religiöse Zwangswirtschaft, und zwar zuerst auf den Gebieten, wo sie das äußere, materielle Leben zu meistern unternimmt, immer mehr durchbrochen und durchlöchett worden. Zuerst mit heimlicher Scheu und Angst, dann immer offener von all den einzelnen, die sich nicht mit einander besprochen hatten und die doch so handelten, wie ihre veränderte Ueberzeugung und des Lebens Notwendigkeit es ihnen gebot. Bis schließlich laut und immer lauter herausgesagt wurde, daß diese Gesetze zum erheblichen Teile keine bindende Kraft mehr für uns haben könnten und der Aufhebung oder Einschränkung bedürften. Bis es mit aller Klarheit ausgesprochen wurde: es darf nicht länger sein, daß das als Sünde gilt, was die meisten von uns frei und offen und ohne jedes Gefühl, damit gegen irgend eine verbindliche Norm zu verstoßen, ständig tun und auch ihren Kindern zu tun nicht verwehren. Bis zu welchem Puntte nun das System geistiger Zwangswirtschaft einzuschränken oder abzubauen ist, darüber klaffen die Ansichten natürlich weit auseinander, sicherlich noch weiter, als schon innerhalb der verschiedenen Schattierungen von Gesetzestreuen und Konservativen die Auffassungen darüber, was erlaubt und was verboten ist. Aufgabe der liberalen Bewegung und ihrer Organisationen ist es, die auseinander- und durcheinandergehenden Strömungen in einem Bette zu vereinigen. Gelingt ihr dies nicht, dann handelt jeder auf eigene Faust und nach eigenem Gutdünken wie bisher, dann macht sich jeder sein Gesetz selber und wirft j auch Wertvolles und Notwendiges über Bord. Der Orthodoxie, deren starre und strenge Forderungen für die große Wahrheit der deutschen Juden an den Notwendigkeiten des heutigen Wittschaftslebens ebenso sehr wie an dem Wall der veränderten Lebensauffassungen und Weltanschauungen scheitern, kann dieses Werk der Zusammenfassung und Erneuerung des Judentums nach. unserer tiefsten Ueberzeugung nicht gelingen. Sie hält an ihrer Zwangswirtschaft