Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 1 (1920-1921)
- Issue
- 5 (31.12.1920)
- Date
- 1920-12-31
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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T1"'V"'!“ hatte durch persönliche Einladung eine größere Anzahl unserer christlichen Mitbürger gebeten, einer Aussprache beizuwohnen, die der Syndikus des Zentralvereins, vr. Holländer, durch einen Bortrag über das Wesen deS Antisemitismus einleitete. Er brachte darin 1«m Ausdruck, daß von antisemitischer Seite die Fehler und Schwächen einseitig den Juden zur Last gelegt würden, ohne Rücksicht darauf, daß sie auch den Angehörigen sicherer Konfessionen anhaften, kam kurz auf die Erscheinungen zurück, die während und nach dem Kriege zu Parteizwecken den Juden aufgebürdet wurden und wies nach, wie unrecht diese Verallgemeinerung sei. Gerade wir Deutschen seien es dem Auslande gegenüber schuldig, nicht so zu verfahren. Dasselbe, waS die Antisemiten den Juden andichteten, werde vom Auslande noch jetzt den Deutschen gegenüber angewendet. Wenn man statt des Wortes „Jude" das Wort „Deutscher" bei derartigen Angriffen setze, habe man dasselbe Schauspiel, das wir vom Aulande erleben. Die von 250 bis 300 Personen, Damen und Herren, besuchte Versammlung, in der von Juden nur wenige geladen waren, so daß die Christen um ein vielfaches überwogen, folgte den Ausführungen des Redners lautlos und bezeugte dmch starken Beifall ihre Zustimmung hierzu. In der darauf folgenden Aussprache wurde von prominenter Seite das „Für und Wider" scharf hervorgehoben. Der Ton dieser Aussprache blieb bis auf zwei Redner, die den antisemitischen Standpunkt vertraten, vornehm und so belehrend, wie bei der Einberufung zu der Versammlung vorausgesetzt worden war. Bei den antisemitischen Rednern jedoch kamen Ausführungen zur Sprache, die, wie einer der andern Redner treffend sagte, nicht in diese Versammlung paßten. Der Verlauf der Sitzung legte es nahe, eine belehrende Aussprache vor geladenen christlichen Kreisen zu wiederholen, damit weitere Aufklärung über die hier berührten verschiedenen Probleme geschaffen werde. Luckenwalde. Am 1?. 12. referierte Herr 5tud. ing. Woyda - Berlin in einer Versammlung, die hier zwecks Gründung eines Jugend Vereins stattfand, über „Die Ziele der Jüdisch-liberalen I u g e n d v e r e i n e ". Er zog die Grenze gegen Orthodoxie und Zionismus und ging dann ausführlich auf die neutralen Jugendvereine ein. Er hob hervor, daß Neutralität eine entschiedene Stellungnahme zu den verschiedenen jüdischen Fragen verbiete. Das Wirken der neutralen Bereinigungen sei zur Fruchtlosigkeit verurteilt, da diese sich in wichtigen Fragen des Kompromisses bedienen müßten. In der anschließenden lebhaften Debatte wurde die Frage der Neutralität eingehend erörtert, deren Befürworter bei der darauf erfolgenden Abstimmung eine Zufallsmehrheit erhielten. Der Referent gab in seinem Schlußwort der Hoffnung Ausdruck, daß der Jugendverein, der sich in seiner überwiegenden Mehrheit aus liberalen Juden zusammenetze, bald Farbe bekennen und sich der Arbeitsgemeinchaft jüdisch-liberaler Jugendvereine als neues wertvolles und willkommenes Mitglied anschließen möge. Eine Erklärung der „Union üeutschösterreichischer Hu-en". Die „Union deutschösterreichischer Juden" (bisher „Oesterreichisch-Jsraelitische Union") veröffentlicht folgende Erklärung: „Am 24. November hat eine Sitzung des sogenannten „Jüdischen Nationalrates" stattgefunden, in welcher der Antrag gestellt wurde, zur Schaffung einer legitimen Vertretung der in Oesterreich lebenden Juden aller Richtungen als Teile einer volklichen Gemeinschaft des Judentums der ganzen Welt allgemeine, gleiche und Verhältniswahlen für den „Jüdischen Nationalrat" auszuschreiben. Demgegenüber erklären wir: Der sogenannte „Jüdische Nationalrat" ist eine einseitig parteimäßig zusammengesetzte Körperschaft, welcher wir jede Befugnis, im Namen der österreichischen Judenschaft zu sprechen und für dieselbe verbindliche Beschlüsse zu fassen, absprechen. Sowohl die im Jänner dieses Jahres durchgeführten Wahlen in den Wiener Kultusvorstand wie auch die im Oktober stattgefundenen Wahlen für die Nationalversammlung haben bewiesen, daß die überwiegende Mehrheit der in Oesterreich lebenden Juden jede Art von nationaler oder politischer Sonderstellung entschieden ablehnt. Schon die Bezeichnung „Jüdischer Nationalrat" und einzelner durch diesen geführten Agenden als „Aemter", wie Palästinaamt, Gewerbeförderungsamt, Unterrichtsamt usw., bedeutet für uns einen Eingriff in staatliche Hoheitsrechte. Es gibt für uns keinen andern Nationalrat als die gesetzliche parlamentarische Vertretung und keine andern Aemter, als die vom Staate für die Bedürfnisse der Gesamtbevölkerung errichteten Ministerien und ihre Dependenzen. Ihre Beschlüsse und Anordnungen allein sind auch für die jüdische Bevölkerung Oesterreichs rechtsverbindlich. Der sogenannte „Jüdische Nationalrat" vertritt lediglich die Interessen einer Minderheitspartei unter den österreichischen Juden, und wir bestreiten ihm daher das Recht, allgemeine Wahlen zur Schaffung einer angeblich legitimen Gesamtvertretung der österreichischen Juden aller Richtungen auszuschreiben. Die überwiegende Mehrheit der österreichischen Juden, die auf unserm Standpunkt steht, wird an solchen Wahlen nicht teilnehmen und die Rechtskraft ihres Ergebnisses nicht anerkennen. Wir lehnen auch irgendwelche, auf Grund einer irrigen Auslegung des Artikels 67 des Friedensvertrages von Saint-Germain in Anspruch genommene nationale oder politische Minderheitsrechte ab. Wir wollen m'chts andres als vollberechtigte und gleichverpflichtete Bürger dieses Staates sein und werden die uns verfassungsmäßig zustehenden staatsbürgerlichen Rechte nach wie vor im Rahmen der gesamtstaatlichen Einrichtungen zu wahren und auszubauen bestrebt sein." ftus öer Provinz. Arbeitsgemeinschaft jüdisch-liberaler Jugendvereine Deutschlands. Am 8. und 9. Januar 1921 findet in Liegnitz ein Delegiertentag der Arbeitsgemeinschaft jüdisch-liberaler Jugendvereine statt, an dem Vertreter sämtlicher liberaler Jugendvereine teilnehmen werden. Am Sonntag, den 9. Januar, wird eine öffentliche Kundgebung erfolgen, in der die Herren Rabbiner vr. B a e ck - Berlin und vr. G o l d m a n n - Leipzig sprechen werden. Schreiberhau. Am hiesigen Orte hat . sich eine überaus starke antisemitische Bewegung entwickelt, deren geistiger Leiter der hier beamtete Postsekretär Obst ist. Dieser Herr geht so weit, daß er zur Post kommende jüdische Personen durch Bemerkungen insultiert. Der Bürgermeister ist bemüht, die Gegensätze unter den in Frage kommenden Kreisen auszugleichen, jedoch ohne wirksamen Erfolg. Ein Antrag des Bürgermeisters an das Ministerium, Obst;u versetzen, wurde mit der Begründung abschlägig beschieden, daß ein Beamter wegen seiner politischen Gesinnung nicht versetzt werden dürfe. Lokales. fintisemitische Betätigung. Wir erhalten folgende Zuschrift: Sehr geehrte Redaktion! Am 15. Juli d. Js. wurden 3 Schülerinnen des Lyzeums des Fräuleins v. Zawadzki, im Alter von 14—16 Jahren, dabei ertappt, wie sie die Bänke des Südparks mit den bekannten judenhetzerischen Zetteln des deutschen Schutz- und Trutzbundes beklebten. Der Feststellung ihrer Personalien suchten sich die Mädchen mit allen möglichen Mitteln zu entziehen, was ihnen jedoch nicht gelang. Das gegen sie wegen groben Unfugs eingeleitete Strafverfahren wmde mit der Begründung eingestellt, daß den Mädchen das Bewußtsein der Rechtswidrigkeit ihres Tuns gefehlt habe. Die Schulleiterin hatte ihnen nämlich sämtliche Zeugnisse dahin ausgestellt, daß sie nach ihrer — der Direktorin — Ueberzeugung die Tat nur „als guten Streich" oder „guten Witz" aufgefaßt hätten. Als der Anzeigende sich am 3. Oktober d. IS. nach dem Stande des Verfahrens erkundigte, erhielt er unter dem 22. Oktober einen Bescheid von 6 Zeilen über die bereits erfolgte Einstellung. Die Amtsanwaltschaft hatte also zur Abfassung und Expedition dieses Schreibers nicht weniger als 18 Tage gebraucht. Auf die beim Oberstaatsanwalt erhobene Beschwerde erging der Bescheid: „Soweit in der Handlungsweise der Beschuldigten grober Unfug zu erblicken ist, ist die Strafverfolgung der am 16. Juli begangenen Tat durch die (3 Monate> betragende) Verjährung ausgeschlossen." Laut § 68 des Strafgesetzbuchs wird die Verjährung durch jede richterliche wegen der begangenen Tat gegen den Täter gerichtete Handlung unterbrochen. Die Staatsanwaltschaft pflegt im allgemeinen auf eure solche Unterbrechung genau zu achten. Wäre der obige Bescheid vor dem 16. Oktober eingetroffen, so wäre es möglich gewesen, dmch rechtzeitige Einlegung der Beschwerde gegen die Einstellung, eine solche richterliche Handlung zu veranlassen. Nunmehr gehen die Uebeltäter straffrei aus. Hochachtungsvoll Foerder Rechtsanwalt und Notar. Vom Pawel'schen Lyzeum. Fräulein Oberlehrer vr. Gertrud Landsberg, die am Pawel'schen Lyzeum unterrichtet, hat sich vor kurzem taufen lasten. Sie gÄenkt, die Leitung der Anstalt zu übernehmen. Eine Anzahl jüdischer Ellern haben ihre Kinder aus diesem Grunde bereits von der Anstalt abgemeldct. vereine und Versammlungen. Rene jüdische Amist. Ueber dieses Thema sprach am SouMag, den 19. d. Mts., in der Lessingloge vr. Freyer. Der Vortragende führte eine Anzahl jüdischer Künstler an und prüfte ihre Werte, die er im Lichtbilds zeigte, mit bewußter Ausschaltung des künstlerischen Standpunktes, daraufhin, ob sie wirklich spezifisch jüdische Kunst darstellen. Von einer solchen fordert er, daß sie die Grundzüge des jüdischen Wesens wiedergibt, die er vor allem in der engen Verquickung des Juden mit seiner Religion sieht, verbunden mit dem Streben nach Erkenntnis, sodann, in der Intensität des jüdischen Geistes, der sich äußerlich in der starken Gestikulation äußert, und schließlich in dem ausgeprägten Gefühl für das Leid. Bon den angeführten Künstlern entsprechen dir meisten dieser Forderung nicht, Bendemaun, Oppenheim, Liebermann schildern zwar jüdisches Leben, aber durchaus keinr jüdischen Gestalten mit charakteristischen Zügen. Schon näher kommeü dieser Forderung Lrsser Uri, Struck und Hirschbera, dessen im Schnee wandernde Juden die lebende Gegenwart ver^ körpern,' besonders aber Joseph Israels, der seinen Gepalten niemals pathetische Gesten gibt, sondern durch seine Motir^ zu wirken versteht, und unter den Expressionisten Jakob Steinhardt und Ludwig Meidner, deren Figuren ein übermäßig betontes inneres Erleben verkörpern. Die Erkürung für die geringe Anzahl wirklich jüdischer Werke jüdischer Meister glaubt der Vortragende darin zu sehen, daß hierzu eine Kulturgemeinschaft des jüdischen Volkes erforderlich fei: doch ist hier die Tatsache festzustellen, daß auch in Gebieten jüdischer Mafsensiedlung zwar jüdische Dichtungen entstanden sind, sich aber kein überragender bildender Künstler gefunden hat. K. L. Der angekündigte, uns bereits vorliegende Artikel „Oberschlesien kann aus technischen Gründen erst in der nächsten Nummer des Blattes erscheinen, ""Die Red. 1920/21 Kalender 5681 Monat Sabbath- Propheten- Wochentag Wochen- Dez. 31 T. Tebeth 29 T. Ausgang abschnitt abschnitt Freitag 31. 20. Sabbath I.Jan. 21. Breslaus n*atf o*tesr Ordnung des Gottesdienstes in den Gemeinde-Synagogen: MtiSjug. Hene Syaag. Freitag B1./12. Beginn abends 4.15Ü. 4.I5TJ Sbd. 1./1. morgs. 9.00 ü. 9.30 ü Predigt verm. - ü. 10.00 (J. Schloß abends 4.43 tJ. 4.43 U. An den Woch.- 2./1. bis Beginn morgs. 7.00U. 7.15U. tagen?./1. » abends 4.15 TJ. 4.15 ü. Kcfofinnation am 1.1. 21 Alte Synagoge: Josef Lästig, Tatar: Gustav, Goethestr. 90; Rudi Sarne aus IJrrntoorg, Großvater Isidor Miiitscher, IlöfchenstraOe 73. Die Zinsen der Zeröinauö unö §lora Landsberger-Stiftung sollen an ein n würdigen und dcdürftigen männlichen »der w-iblxben Verwandten von Ferdinand »nd Flora Landsberger ged Bruck in Trmange ung eines selchen an «inen würdigen und bedürftigen jüdischen Bewerber, der sich dem Studium der Maschinen- oder Bautechnik o?er einem Kunstgewerte widmet, vergeben werden, wobei Södne hiesiger GemelndemitgUeder den Dorrug haben. Meldungen mit «nisprechenden Zeugnissen sind bis lS. Februar an uns «lnzureichen. Dev Vorstand -er Kynagogen Oemeiude. Auder ypn uns verwalteten „Aussteuerhilfe" sollen Beihilfen an hteiige unbemittelte jüdische Bräute vergeben werden. Töchter früherer Mitglieder de» -Verein» zur Ausstattung armer israelitischer Mädchen" (ollen vorzugsweise berückiichrigt werden. Meldungen ind bi» l. Februar 1921 bei um einzurcichen Der Vorstand der Kynagogen-Gemeinde. Die Zinsen der Nanny Köhler-Stiftung sollen an Studierende der hiesigen Universität, an Mädchen, die sich für da» Lehr- und Erziedungvfach auvbildon, und an Personen beiderlei Geicdlechts. die das Studium einer Kunst oder emes höheren Kunnqewerbes vdNeoen, vergeben werden Die Bewerber müfien jüd chen Glaubens fein. Gesuche mit entsprechenden Zeugnissen sind dro LS. Januar bei uns einzureichen. Der Vorstand der Sqnagogrn-Ormrinde. I Bf* M NULLEN 1 I 9U VT1 _M.\l C.*wie I Nähseide in ca. BO m — versendet 1 Farben 1 | *| g. Nnohn nur oVoreins. Bei lt 0 Rollen <0°/sRat>att. M.Metzner&Co. Breslau 5, Gartenstr. 58 55 Ans der Gustav Warschauer-Stiftung soll zur Auesiattung an eine hiesige würdige jüd. Braut eine Beihilfe vergeben werden. Meldungen sino unter Angabe des Namen? und des Standes des Bräutigams d i v 15 Oanuar 1921 einzureichcn. Der Vorstand der Syuagogen-Gemrinde. Maler- Arbeiten Martin ßerold Aorckstraße 42 Tel. R. 5109. 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