Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 1 (1920-1921)
- Issue
- 5 (31.12.1920)
- Date
- 1920-12-31
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2613366-2613604-2613609--0023-2617184- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
' V AidMWerale Zeitung Die,^sadisch itverale ätituna" erscheint jeden Freitag und rostet durch die Vost ober durch die cheschüftSstelle bezogen, vlerteijSdrlich Rtt. 4.— Einzelnummer 40 Vf. Ladiunorn aufVoMtbrakonlv Breslau 433S7, Iüblfchliberale Leitung, Leastenvrrwaltuna, S-Layer, Breslau i iHimmiiiminiumiiiiiniiiimD Derantworllltder Schrlftlelter: Lulius Loeb, Breslau 13. Diltoriastraste 104 d MU bi» fteftaftton vrftlmmt» Lufchriftea flnft nur an Olef» aftrtfl* tu richten Geschäftsstelle: Breslau 3, Reue Graupenstr. 5 Imnimiimm Annadmeschlust für Berichte: Rlontag mittag . Sprechstunden der Schrlstlrlluna: Montag bis Freitag il—12 vorm. ln der chrfchüftsstele. Annaymefchlust für Anzeigen: Dienstag früh Die 3'/, cm drelle wllllmeterrelle kostet 60 £f., Samtlieaonrelaensopf. BeiMedervotungErma-igung tt.Lorik Nr. 5 Breslau, den 31. Dezember 1920 1. Jahrgang 3um bürgerlichen Neujahr. Von 0r. W 0 h l a u e r. Diese Zeilen stellen alles andere eher dar als eine systematisch angelegte Betrachtung; es sind willkürlich aneinandergereihte Hinweise auf bemerkenswerte Erscheinungen im Leben der Juden; sie haben sich mir aufgedrängt wie etwa dem botanisch interessierten Spaziergänger Mitteilungen an seine Begleiter, in denen er sie auf diese oder jene Besonderheit der am Wege stehenden- Pflanzen aufmerksam macht. Einkehr und Umkehr predigen unsere heiligsten Feste; wir sollen uns Rechenschaft geben über unser Sein und Handeln; wir sollen alles Böse und Niedrige in uns ertöten, den alten Adam ausziehen, einen neuen Menschen anziehen, eine Wiedergeburt erleben zu höherem Sein und Denken, zu wertvollerem Schaffen und Handeln. „Und so lang' Du das nicht hast, dieses: Stirb und Werde! Bist Du rrur ein trüber Gast auf der dunklen Erde" sagt Goethe in seiner „Seligen Sehnsucht." Diese Weisheit hat er, neberrher bemerkt, sicherlich nicht aus jüdischer Anschauung, wie ein von mir hochgeschätzter Gelehrter und Pädagoge anzunehmen geneigt sein würde, geschöpft, sondern aus tiefster menschlicher Empfindung, die auch in den Lehren des Judentums ihren Ausdruck gefunden hat. Wie wir es mit unseren heiligsten Festen halten, so soll es auch mit unserem bürgerliche,: Neujahr sein. Wir dürfen es nicht als einen bloßen „Kalenderabschnitt" ansehen, sondern sollen auch über unsere bürgerliche Betätigung die Jahresrechnung aufstellen und unser Debet und Kredit prüfen. Daß die Juden ihre Pflichten Hegen das Vaterland mit der gleichen Hingebung, Treue und Gewissenhait»s»-tt erfüllt haben wie ihre christlichen Mitbürger, ist selbstverständlich. Nur Torheit und Bosheit kann für die Verfehlung einzelner die Gesamtheit verantwortlich machen. Wohl haben manche unserer Glaubensgenossen, oder richtiger unserer einstigen Glaubensgenossen, sich in die Reihen der Umstürzler verirrt und nehmen in diesen Reihen eine Führerstellung ein. Aber man wolle doch nicht vergessen, daß Staat und Gesellschaft vornehmlich, aber keineswegs ausschließlich in Osteuropa, die Juden zu Parias gemacht hat, so daß in leidenschaftlichen Naturen gar leicht der Gedanke aufkommen konnte, im Interesse der Menschlichkeit müsse dieser Staat und diese Gesellschaft vernichtet werden. Daß dem so ist, bedauert niemand mehr als wir Juden; haben wir doch am meisten darunter zu leiden. Es ist eine alte Lehre und Erfahrung, daß man mit unsittlichen Mitteln keine sittlichen Zustände begründen kann. Das sollten sich die idealistisch gerichteten Fanatiker des Umsturzes gesagt sein lassen. Noch ein anderer Umstand ist hier zu beachten. Es ist mir leider nicht vergönnt gewesen, den Vortrag des Herrn vr. Baeck anzuhören. Wie berichtet wird, hat er auf die Gegensätzlichkeit im jüdischen Charakter hingewiesen und diese vornehmlich auf die Natur des Landes zurückgeführt, in dem das Judentum sich entwickelt hat. Den gleichen Weg hat man beschritten, wenn man die hellenische Eigenart erklären wollte. Zweifellos hat das gitterförmige Netz der Gebirge Griechenlands die kantonale Gliederung, die politische Gestaltung und den Unabhängigkeitssinn mit bedingt, ob aber ein seinem innersten Wesen nach anders gearteter Menschenschlag auf gleichem Raume gleiche Eigenschaften entwickelt hätte, bleibt doch fraglich. (Man denke an Griechenland im Mittelalter und in der Neuzeit.) Ebenso kann die natürliche Umwelt, in die sich die Juden in Palästina versetzt sahen, die scharf ausgeprägte Gegensätzlichkeit der klimatischen und der Bodenverhältnisse, auf das Wesen der Juden emen starken Einfluß geübt haben; ob er schlechthin bestimmend gewesen ist, wer will das entscheiden. Mehr noch als das Land bedeutet nach Ranke „die Abwandlung der Begebenheiten." Die Juden wohnten auf engem Raume. Wären sie anders geartet, ihr Charakter mehr nach der Machtseite gerichtet gewesen, so hätte das zu kriegerischer Expansion geführt. So aber begnügten sie sich im wesentlichen mit dem kleinen Transitland, ließen die Kriegsstürme orientalischer Großmächte über ihre Heimat brausen, paßten sich politisch .Wirtschaftlich zumeist den gegebenen Machtveryaltmssen an. In der Welt des Materiellen wurden sre geschmeidige, biegsame Praktiker, anders stand es mit ihrem Geistesleben. Ihre religiöse Lehre, von gottbegeisterten gewaltigen Persönlichkeiten ihnen verküiwet, ihr Glaube an den einig-einzigen Gott, der nach der Stimme der Propheten mit seiner Allmacht um> Gerechtigkeit die Welt umspannte, hob sie aus der T^ü^uden politischen Umwelt heraus. Die Lehre ward lhr <Aolz und ihre Erhebung. Ihr gegenüber bedeutete die materielle Welt herzlich wenig. So entwickelte sich jener noch heut zu spürende Gegensatz zwischen materieller und geistiger Existenz. In der äußeren Betätigung schmiegt man sich bis zu tief bedauerlicher Verleugnung der eigenen Persönlichkeit, im Reich des Geistes nimmt man mit dieser äußeren Welt und ihrer Bedingtheit fast gar keine Fühlung, denkt alles bis zur äußersten Konsequenz durch, und der Fanatiker verlangt, daß die praktische Welt der theoretischen entspreche. Eine „Leidenschaft des Kopfes" entsteht, deren verhängnisvolle Wirkung wir in unseren Tagen zu fühlen hatten. Wie sich nach jüdischer Auffassung, die eine allgemeine menschliche sein sollte (vergl. Goethe und Schiller). Wille und Trieb in uns versöhnen sollen, so muß auch die politische und religiöse Theorie die enge und harmomsche Fühlung mit der Praxis suchen, die Praxis durch die Theorie gefördert und veredelt werden. Daran sollen wir uns durch den „Kalenderabschnitt" mahnen lassen. Die schwersten Vorwürfe, die man gegen die Juden erhebt, beziehen sich auf das Erwerbsleben. Unter dem Zwang der Umstände — Jahrhunderte lang waren die Juden von fast allen bürgerlichen Berufen ausgeschlossen—nicht aus besonderer Neigung, sind die meisten unserer Glaubensgenossen Handelsleute geworden, und wenn auf diesem Gebiete in gleichen: Maße gesündigt wurde wie in christlichen Kreisen, so ist naturgemäß ein erheblicher Schuldposten zu verbuchen. Das sollte nicht sein, einmal weil es die striktesten Gebote unserer Religion, die Pflichten gegen unsere Nebenmenschen, gröblich verletzt, dann aber auch, weil wir Juden als gedrückte Minderheit mehr als alle andern jeden Anstoß vermeiden und strenge Selbstzucht üben müssen. Aber nicht nur die von der Religion nicht zu trennende ethische Verpflichtung, auch Anstand und Sitte — von letzterer zu sprechen, mag heut altmodisch, erscheinen — sollen uns heilig sein. Wer die Stimme' des Antisemitismus m'cht überhört, der wird mit Schiller sagen, es „zeigt mir der Feind, was ich soll". An der Pforte des neuen Jahres wollen wir geloben, Wandel zu schaffen, und mehr Solidaritätsgefühl aufzubringen. Unser äußerer Habitus, unser Auftreten in Gesellschaft und Öffentlichkeit, unser Verkehr mit den Behörden sollen diesem Solidaritätsgefühl Rechnung tragen. Dem Schulmann sei es gestattet, hier eine Bemerkung einzuflechten. Wollen wir unsere Kinder zu tüchtigen Staatsbürgern erziehen, so erscheint es geboten, sie frühzeitig Einordnung in die Gemeinschaft, Achtung vor der gesetzlichen Autorität zu lehren. Nur freie Menschen, die m'cht Sklaven ihrer Triebe sind, die gelernt haben, sich selbst zu befehlen — „Wer sich nicht selbst befiehlt, bleibt immer ein Knecht". (Goethe) — können einen freien Staat gestalten. In ihnen allein wird das Sittengesetz zum Naturgesetz, nur sie „nehmen die Gottheit in ihren Willen auf." Wie wenige von uns erziehen die Kinder in diesem Geiste! Die Achtung vor der Schule wird auch im jüdischen Elternhause jetzt vielfach nicht gefördert, sondern geradezu untergraben, unreife Kritik m'cht unterdrückt, sondern herausgefordert und bewundert, geistreiche Oberflächlichkeit höher geschätzt als solides Wissen, gewissenhafte Beobachtung der für die Schulzucht unumgänglichen Vorschriften als qusntile nexlixe^dle behandelt. In dieses Kapitel gehört auch eine Unsitte, die sich gerade in letzter Zeit bemerkbar macht. Es muß die Schulleitung verstimmen, wenn vor Beginn der Ferien sich eine Flut von Gesuchen über sie ergießt, in denen unter durchsichtigen Vorwänden die Notwendigkeit vorzeitiger Abreise der Schüler begründet wird. An solchem Gebühren sollten jüdische Eltern m'cht beteiligt sein. Das neue Jahr mag auch hier den Anfang der Besserung bedeuten. Da gerade von der Schule die Rede ist, so will ich auch mit wenigen Worten die Frage streifen, die augenblicklich unsere Gemeinde bis in die Tiefe aufregt: Ist die jüdische Schule eine Notwendigkeit? Ich halte sie nicht für eine Notwendigkeit, sondern unter Umständen sogar sür ein Unglück. Weshalb sie dies sein kann, das hat mein Kollege Malsch in der MW.llbmlll 3upMn p lm\m 'Montag, den 3. Januar 1921, abends 8 Ahr, im Saale der „Ge'ellickaft Eimraün", Tauenyienflraße 12 tEmgarg nur Anger) Dortrag des Herrn vr. Davidsohn: „DU |i[|t «Kit in iltt mrtn MW,, Wik". Freunde und Andänger unserer Bewegung willkommen. Doranzeioe: Montag, den K). Januar, Vortrag des Herrn Semeinde-Uabblners Dr Golömanri-keipzkg. =!I vorigen Nummer dieses Blüttes in einem gehaltvollen Artikel überzeugend nach gewiesen. Zugeben muß man, daß jüdische Schüler unter dem Antisemitismus schwer zu leiden haben. Mit der Simultanschule hängt dieser Antisemitismus sicherlich nicht zusammen, wie kürzlich ein Anhänger der konfessionellen Schule behauptete. Gemeint hat er wohl nicht die Simultanschule, denn die ist ja bisher eine Einzelerscheinung, sondern eine Schule, die Schüler christlicher und jüdischer Konfession besuchen. Aber auch diese trägt nicht die Schuld an antisemitischer Unduldsamkeit und Gemütsroheit, sondern dafür ist die Zeitströmung verantwortlich zu machen. In meiner Jugend, in der eine andere politische und religiöse Stimmung herrschte, hat sich, wie ich persönlich erfcchren habe, weder in der evangelischen Volksschule in Wohlau noch auf dem evangelischen Gymnasium in Glogau, noch auf dem als Simultananstalt begründeten Johannesgymnasium in Breslau der AMisemitismus breit gemacht. Christliche und jüdische Schüler lebten fast ausnahmslos in inniger Gemeinschaft. Da den jüdischen Schülern der Kampf mit dem AMisemitismus im Leben nicht erspart bleibt, dürfen sie in der Jugend m'cht vorsorglich geschont werden, sondern müssen ihn früh ausnehmen lernen, müssen kampfgeübt, gehärtet und erprobt sein. Nicht in der Stille, nur im Strom der Welt bildet sich ein Charakter. Bedauerlich ist es, daß die heilige Sabbathruhe den jüdischen Schülern versagt bleibt, aber auch das Leben gönnt sie nur wenigen, und ein schmerzlicher Verzicht ist immer noch besser als ein unwahrhaftiges und scheinheiliges. Umgehen kaum mehr erfüllbarer Vorschriften. Für die Weihe des Tages wird ein religiös gestimmter Familienvater auch unter den erschwerten Verhältnissen die rechte Form zu finden wissen. Das „Gedenken" des Sabbaths spielt hier allerdings eine größere Rolle als das „Hüten". Die Religion verlangt vor allem Wahrhaftigkeit, und wenn die GeineindeÄrperschaften aufgefordert werden, dieser Pflicht der Wahrhaftigkeit zu gehorchen und die Regierungsbehörden über ihre Stellung zur jüdischen Schule m'cht im unklaren zu lassen, so sollte man dam'cht als eine „Anzeige" oder „Denunziation" bezeichnen. Es hat sich gezeigt, daß die im Recht waren, die eine derartige Auffassung von seiten der Archänger der jüdischen Schule voraussetzten. Wichtiger als der AMisemitismus und seine Gefahren ist der Geist, in dem unterrichtet wird, die Gemüts- und Charakterbildung. Deutsche Denker und Dichter, griechische und lateinische, englische und französische Schriftsteller sollen weder im christlichen noch im jüdischen Sinne interpretiert werden, sondern aus dem Geiste heraus, der in ihnen lebendig ist. Nur daim werden sie wahrhaft fruchtbar. Mit sehr seltenen Ausnohmen haben sich jüdische und christliche Lehrer an öffeMlichen Schulen diese Auffassung zu eigen gemacht. Die Einheit und Ungebrochenheit des Charakters, wird für einen Deutschen, der sich zum Judentum bekennt, durch die nicht spezifisch-jüdische Schule keineswegs gefährdet. Die religiösen Lehren des Judentums stehen mit der Betätigung deutschen Wesens in keinem Widerspruch. Der deutsche Jude ist eben erst dann ein ganzer Mensch, wenn er sich in der geistigen Sphäre des Deutschtums ebenso heimisch fühlt wie in der religiösen des Judentums. Sondert er sich von Jugend auf ab, so wird er dem deutschen Volkstum fremd, er gibt denen recht, die ihn sür einen Fremdling ansehen wollen. Wenn hochbedeutende Frankfurter Pädagogen auch an jüdischen Schulen dem deutschen Geiste völlig gerecht geworden sirrd, so haben sie dies zum Teil ihren besonderen Eigenschaften, zum größeren Teil sicherlich ihrer Erziehung an m'cht spezifisch-jüdischen Anstalten zu verdanken. Im übrigen wolle man bedenken: Die jüdischen Konfessionalisten werden bei den höheren jüdischen Schulen nicht stehen bleiben; als Konsequenz werden sie die jüdische Universität und anderes mehr fordern. Welche Folgen sich daraus sür die Gesamtheit der deutschen Juden ergeben, mag sich jeder selbst ausmalen. Die jüdische Schule ist keine Notwendigkeit, dringend notwendig aber ist ein systematischer Ausbau des Religionsunterrichts, der nur geeigneten, erprobten und vor allem wurzelfesten Lehrkräften anzuvertrauen ist. Hier haben die Bemühungen des Vorstandes, sowie der Kultus- und.Schulkommission einzusetzen, hier hat sich die Opferwilligkeit der Repräsentanten zu bewähren. Im neuen Jahre soll auf diesem Gebiete neues Leben hervorsprießen. Was wir aber in erster Reihe von ihm erhoffen, das ist die Vertiefung, Läuterung und Erhebung des religiösen Empfindens, die Erweiterung der Kenntnisse unserer Lehre, das eindringende Verständnis in ihr innerstes Wesen und damit im Zusammenhänge die Betonung des Wichtigen und Gehaltyollen, die Fort-