Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 1 (1920-1921)
- Issue
- 4 (24.12.1920)
- Date
- 1920-12-24
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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MWWerale Zeitung mimmniT Dir.Ladisch-Nbrrale ätttuno" erscheint jevea Freitag «ad kostet durch dir Kofi oder durch die 8 DenniwvrM««, ««mu««»»: chrschüftSstellt beivgen, vieHelsavrilch MI. 4.- ft Sullus Lord, »re««« iS. DMorioslrade i04d Stu»rln«mmtr 40 Vf Aadluvoen aufVoftscheckkontoDreslou 453A7,3fiMf&- Itbeeole Letmng, Raffenverwaltung, SLayer. 29re«!aui 9flr eie SfrtafltOR deVmmteLu-chkifte» Sod «Ufo«, Mete PStrtVt m richte« Geschäftsstelle: Breslau 3, Reue Sraupenstr. 5 i murrt fxxxz »HHTTI Anaadmrschluß für Berichte: Montag mittag «»rechUuad»« der eftrlltlettuno: Montag bis Freitag 11—12 vorm, in der Geschäftsstelle. Annaymefchlust für Anzetgen: Dienstag früh Dir L',. cm breite Millimeierzeile rostet so Vf., Samtiieaaareigen 4vVk Bet Dieberboiung Semü-lgunglt. Tarif Rr.4 Breslau, den 24. Dezember 1920 1. Jahrgang Die Wische Schule. An unsere Leser! Infolge der unvermeidlichen, insbesondere durch den Kreuzbandversand bedingten Anfangsschwierigkeiten sirü» die ersten Nummern unserer Zeitung zum Teil nicht mehr am Freitag in die Hände unserer Leser gelangt. Vom 1. Januar ab findet die Zustellung an unsere Abonnenten durch die Post statt. Das Blatt wird dann regelmäßig im Laufe des Freitag noch den Beziehern zugehen. — Um die Kosten und die Arbeit der Einziehung des Abonnementsbetrags durch Boten zu sparen, bitten wir höflichst, die dieser Nummer beiliegende Zahlkarte zu benutzen; dies gilt auch für diHenigen unserer Leser, die bereits das Blatt durch Bestellkarte abonniert haben. Schriftleitung und Expedition der jüdisch - liberalen Zeitung". „Bin ich an Gottes Stelle?- -- I. B. M. 50, 19. Jakob war a-storben, einträchtig hatten seine Söhne ,,aC^ Kaiman überführt und dort beigesetzt. Jetzt lichteten Josephs Brüder, daß er, aller Rücksichten ledig, sich an ihnen rächen rytzrde. Sle.-lwrdt-nihm..gtatfcfaft «»i» demütiger Bitte um Vergebung, warfen sich ihm zu Füßen und boten sich ihm zu Sklaven an. Joseph lehnte alles ab. »Bin ich etwa an Gottes Stelle? Ihr habt zwar Böses gegen mich geplant, aber Gott hat es zum Guten gelenkt." Nicht bloß die Regung des Gewissens hat Josephs Brüder getrieben, sondern vor allem die Furcht. Kleine Geister können erlittenes Unrecht nicht vergessen und glauben, daß auch andere so klein denken müssen. Darum quält sie, wenn sie Unrecht getan haben, nicht so sehr das Gewissen wie die Furcht, daß sie die Wiedervergeltung erfahren müssen. In allem Erleben waren Josephs Brüder so klein geblieben, wie sie damals waren, als die Liebe des Vaters, der bunte Rock und Josephs hochfliegende Träume ihren Neid gegen den Bruder zu tödlichem Haß angefacht hatten^ Sie halten den Bruder niemals verstanden, sie verstanden sein großes Herz auch jetzt nicht. Er aber dachte größer. Das Richteramt ist Gottes, Rache lag ihm fern. Auch die bösen Anschläge der Menschen waren ihm göttliche Fügung, dessen Ziel das Gute ist. Erlittenes Unrecht schmerzt, das eigene Interesse wie die menschliche Ordnung fordert Abwehr. Das Judentum lehrt nicht, dem Bösen nicht zu widerstehen und sich selbst dem Gegner zu neuem Unrecht darzubieten. Das Recht und die Würde der eigenen Persönlichkeit müßte darunter schwer leiden. Aber das Judentum lehrt das Gefühl erlittenen Unrechts überwinden, nicht Böses mit Bösem zu vergelten, sondern zu vergessen. Nachtragende Gesinnung zerstört jede menschliche Ordnung nicht minder als kampflose Unterwerfirng unter das Unrecht. Heute stehen die Völker und in den Völkern die Stände und Klassen einander feindlich gegenüber. Jeder glaubt, von dem andern Unbill erfahren zu haben, und jeder will selbst das strafende Richteramt üben, Kläger und Richter sein in eigener Sache. Das muß ein Zerrbild von Weltgerechtigkeit geben, das nicht besser, sondern nur abstoßender wirkt durch die tönenden Worte von Sittlichkeit und Tugend, hinter denen sich die Kleinheit der Geister und ihres sittlichen Empfindens verbirgt. Diese Menschen sind zu klein, um vergessen zu können, aber sie dünken sich so groß, daß sie sich an Gottes Stelle zu setzen und sein Richteramt zu verwalten wagen. Wahre sittliche Größe wird immer demütig sein, nur der kleine Mensch überhebt sich. Nicht durch Nichten und Strafen, sondern durch Verstehen und Vergessen kann alte Schuld gesühnt, können die Menschen in Eintracht zusammengeführt werden. Es ist Zeit, daß an Stelle der kleinlichen Geister, denen auch das sittliche Leben nur ein Rechenexempel ist — freilich ein solches, bei dem die eigenen Schuldposten meist das einzige find, was vergessen wird — Menschen von wahrer Größe, von Demut und von Menschenliebe an führenden Stellen stehen. Wir Juden haben unendlich viel Unbill im Lause der Geschichte erlitten. Wir dürfen stolz daraus sein, c*w0ani vereinzelt Aeußerungen des Hasses und der Rache finden. Hüten wir uns jetzt angesichts der Hechel des Antisemitismus vor Verbitterung, sonderst verbinden «oT1 St*1* rait ®CTWt nUW an G-Ues Die Mische Schote - eine Notwendigkeit? Nur durch eine Interpunktion ist diese Ueberschrift verschieden von den großen Anzeigen und Aufrufen, durch die ein unbekannter Einberufer nach dem großen Lessingsaale zu zwei Referaten berief. Die Frage der jüdischen Schule hat schon vor etwa einem Jähre die Gemüter der jüdischen Gemeinde in Breslau erhitzt, sie stand im Mittelpunkt der Wahlparole, unter welcher sich der Kamps um die Gemeindevertretung vollzog und die Verneinung dieser Frage war es, die damals zu einem großen Teile die Wahlschlacht entschied. Ob es klug und notwendig war, diese Frage, nachdem die erste Klasse dieser jüdischen Schule durch einen besonders gebildeten „Jüdischen Schulverein" bereits geschaffen war, erneut in die Öffentlichkeit zu tragen, ob es dem Frieden in der Gemeinde förderlich ist, durch diese Kraftprobe sestzustellen, wie weit große Kreise der Gemeinde, Orthodoxe und Liberale, die Gegner der konfessionellen Schule sind, den Toleranzgedanken so aussassen, daß Zionisten und ihre Anhänger in gewissen Kreisen der Ultra-Orthodoxie die Richtung für die ganze Gemeinde angeben, sei dem Urteile der Leser überlassen. Wir fassen religiöse Toleranz so aus, daß jede Partei ohne Gewissenszwang ihren Glauben bekennen und werden, aber aus religiöser Toleranz lehnen wir es ab, der Schule einen konfessionellen Charakter zu geben. Im Jahre 1890 gab es im Preuß. Abg.-Haus, hervorgerufen durch Stöcker eine große Schuldebatte, in der Stöcker rügte, daß die höheren Schulen in Berlin, Breslau usw. mit jüdischen Elementen überlastet seien. Graf Pfeil blies im Herrenhause in die gleiche Trompete und ersuchte die Regierung um Abhilfe, d. h. um Sonderschulen, dem widersprach Mquel, Bötticher, der Feldmarschall Graf Moltke, ganz besonders aber der Kultusminister v. Goßler, der erklärte: „Wenn wir für 18 000 jüdische Schüler durch 600 jüdische Lehrer besonderen Unterricht erteilen lassen, so ist ein großer Teil unserer Bevölkerung in eine Entwicklung hineingedrängt, die zu einem Auseinanderfall, nicht zum Zusammenschluß führt." Der „Reichsherold" des Antisemiten Böckel schrieb darauf, die jüdische Abkunst des Minister v. Goßler stände außer Zweifel. Daß die Zionisten in der Frage der Schule und der Fremdstämmigkeit der Juden in Deutschland mit den Antisemiten einer Ansicht sind, ist bekannt, aber, wie das zionistische Merkbuch von Preuß und Holdheim hervorhebt, segeln auch wesentliche Teile der Agudas, d. h. der am meisten rechts gerichteten Orthodoxie im völkischen Fahrwasser. Allerdings ist bezüglich der Schule der Grundgedanke der beiden Parteien nicht der gleiche, erstrebt die Agudas eine Stärkung der Orthodoxie, so will der Zionismus die Schule als Sprungbrett für den völkischen Gedanken benutzen. Wie aber haben bedeutende Pädagogen über derartige Zweckschulen geurteilt? Diesterweg schrieb 1863 in den Rheinischen Blättern unter „Konfessionsschule, Simultanschule, Humanitätsschule." „Wer da meinen sollte, die Antipathie gegen die Juden sei aus der Welt geschwunden, irrt gewaltig. Man trifft sie sogar in den gebildeten Ständen noch am meisten, selbst unter den Literaten und Lehrern. Wie bändigt und beseitigt man dieses grausame Vorurteil? Ich kenne für unseren Zweck kein geeigneteres Mittel als dieses: Man setze einen Lehrer jüdischer Religion —8— PTPT MW'liberslll Wllbomln jn Mau Am Montag, den 27. Dezember, findet keine Zusammenkunft statt. Der Vortrag des Herrn vr. Davidsohn über „Die MW tttlt Io Der neutral lwW«o üßrtf" ist auf Montag, den 3. Januar, verlegt worden. als ordentlichen Lehrer in die Lehrerkorporation hinein. Solche Anstalt ist etwas anderes, als die nach Kons fessionen getrennten Schulen und sie übt für die Ausrottung von Vorurteilen, für Gemeinsinn menschliches Zusammensein, Achtung der Nebenmenschen ganz andere Wirkungen aus, als konfessionelle Schulen. Der Rechtslehrer Rudolf v. Gneist schrieb von konfessionellen Schulen: „Der Gesichtspunkt der Reinheit des kirchlichen Glaubens und des kirchlichen Glaubenseifers wird der entscheidende für die Auswahl der Lehrer und für die Disziplin über dieselben, neben welchen der Lehrerberus, der Erziehungsberus, die wissenschaftliche Bildung in zweite Linie zurücktreten." Die „Kreuzzeitung" allerdings trat an: 11. November 1898 für die Ausmerzung jüdischer und katholischer Lehrer an evangelischen Schulen ein, sie geht in der Forderung konfessioneller Schulen mit den Herren vom jüdischen Schulverein konform. Wie steht es im Faust? ,.Es tut mir in der Seele weh, wenn ich Dich in der Gesellschaft seh'." Es wird auf die bestehenden jüdischen Schulen hingewiesen. Sie sind vor der Emanzipation gegründet, sowohl die Talmud Thora Schule in Hamburg, als die Jacobsohn Schule in Seesen, als das Philantropin in Frankfurt. Heute jüdische Konsessionsschulen gründen, heißt!die mehr als 100 jährige Arbeit seit der Emanzipation «v.fe fei« b«t Emanzipation vernichten. Die Herren Verfechter der Schule sprechen von der Aufgabe der Erziehung zur einheitlichen Persönlichkeit. Nun auch wir wollen die Einheit der Persönlichkeit, aber die Einheit besteht aus einer Vielheit von Empfindungen und Ansichten, die sich in der Persönlichkeit zur Einheit zusammen schließen und diese Synthese heißt für uns „Deutsches Volkstum und jüdischer Glaube." Ein jüdisches Volk gibt es seit 1900 Jahren nicht mehr, in Deutschland ansässig, vielfach länger als unsere christlichen Mitbürger, sind wir Teile des deutschen Volkes, auch wenn toir jüdischen Stammes sind, und wir verlangen, daß die Kultur unserer Kinder eine deutsche sei, verbunden mit und durch das Elternhaus errichtet auf der Grundlage jüdischer Glaubenslehre. Wissen denn die Verfechter der jüdischen Schule nicht, daß die Prozentnorm das Ziel des Antisemitismus ist, für Schule und Universität, ausgehend von der falschen Behauptung, wir seien Ausländer im deutschen Lande. Wir sind keine Germanen, übrigens so wenig, wie die größtenteils slavische Mischbevölkerung im Osten Deutschlands, aber Deutsche sind wir, vielfach seit der Zeit, wo mit Römern, lang vor der christlichen Bevölkerung, Juden nach Deutschland kamen, Deutsche durch Geburt und Nationalitätswillen. . Ein heißer Wissensdurst erfüllt den deutschen Juden. Auf höheren Knabenschulen entfallen für 10 000 Einwohner jeder Konfession ungerechnet, 61 Christen, 386 Juden, auf Universitäten 6 Christen, 32 Juden. Soll diese ganze Entwicklung beendet werden, nur weil eine Minorität ihren Kindern den Kampf ersparen will, der den Jüngling erst stählt und zum Manne erzieht. Der Antisemitismus ist ein Teil jener Kraft, die das Böse will und das Gute schafft. Er hat die heutige Jugend jüdischer gemacht und sie mit höherem Stolz auf die Reinheit ihres Glaubens erfüllt als die vorangegangene Generation. Freilich, wie sollen solche Gedanken die Kreise erfüllen, in denen Moses Mendelsohn und die Emanzipation als Unglück für die Judenheit empfunden werden. S. R. Hirsch, der orthodoxe Führer, hat zwar im sechszehnten seiner 19 Briefe die Emanzipation gepriesen, aber seine kleinen Epigonen trauern ob der dadrrrch eingetretenen Erweiterung des jüdischen Wirkungskreises! Wahrlich, ein enger Kreis umgibt Euer Leben! In seiner Arbeit „Der Völkerbund im Lichte des Judentums" schreibt Herr Or. Heinemann am Schluß, als er über das Ende der babylonischen Exils und die Befreiung der Juden spricht: „Zweifeln wir, daß es auch damals viele gab, die vor den Sonderausgaben und Hoffnungen der eigenen Gemeinschaft den Blick verloren für die Welt und ihre Sorgen?" Dieses Wort ist für die Herren Verfechter der Konfessionsschule anzuwenden, obschon ihre Herren Vertreter ironisch feststeltten, es sprächen über Erziehung und Schule Biele, die nichts davon verständen. Mn, die obigen Autoren sind wohl hierzu, nicht zu rechnen und der gesunde Laienverstand, besonders wenn er mit eingehendem Studium verknüpft