Jüdische allgemeine Zeitung
- Journal
- Jüdische allgemeine Zeitung
- Volume
- 14 (1934)
- Issue
- 95 (26.12.1934)
- Date
- 1934-12-26
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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BERLIN 26. Dezember 1934 PREIS 25 PF. Nr. 95 / 14. Jahrgang JÜDISCHE AUGEHEINE Schnftleituns und Geschäftsstelle: Berlin W 13, Uhlandstr. 158. Fernruf- J 2^0hva G0C8. Bankkonto: Kreditverein für Handel und Gewerbe «GmbH, Berlin N 2t. — BciuBsprois: UM- 1.— monatlich (ruzüsl. RH. 0.10 Zeituwrssehühr nnd Bestelleeid), bei Streifbandversand zuzügl. RH. 0,30. Mk W Mm ■■sa if Ms Jl» AKMftü Vcilai;: Verlaitsin-nussroscliari iu ll<.in„l,lan.l :iu»5«-i«i* .luden iCml.ll., llriliu \V 10, l'hlainl.traO.. IM. Aun-vt-niTiMw: 1W 13 k'ri>|ul|vii« mm-Zeilc UM. 0,15, f. Familienami ikM'ii UM. t),ll). f. stcll..iu;e.-iichc UM. 0.IW. llei uiivprufliiiMetrr Nu litMic.ftiruut: l*sl«lit t,-.i> .\nai>rut'h tiut Vertfütuuit.. e der Zeit Von HEEVZ KELLERMAWIV . Ufer soll ein Bekenntnis abgelegt i. erden. Im deutschen Judentum ist das Bckcnnrnisablcgcn IctztJun zur .Mode geworden. In dem Maß, in dem weite Teile der bürgerlich-jüdischen Öffentlichkeit bis zum Jahre 1933 das Bekenntnis oft belächelt, ironisiert haben, von einem jüdischen Bekenntnis aber gar peinlich berührt waren, in dem gleichen Mal»-hat es sich seit dem ersten April beeilt, das Versäumte nachzuholen, in der Presselin der Versammlung, allerorten. Das deutsche Judentum ist erstaunlich gesprächig geworden. Es gibt: eine Zeit zum Reden, und es gibt eine Zeit zum Schweigen. 1933/34 scheint uns die große Chance -zum Schweigen gewesen zu sein. Das deutsche Judentum bot dort geredet, wo es oft besser geschwiegen hätte, es hat aber auch . dort geschwiegen, wo. bisweilen ein offenes Wort am iPlatze gewesen wäre. Der letzte Vorwurf trifft vor allem das liberale Judentum. In einer "Zeit, in der nach religiös-liberaler Auffassung Judentum nicht nur von außen, sondern von innen her bedroht wurde, in dem neue, angeblich jüdische Kategorien in das Gespräch der jüdischen Öffentlichkeit Eingang fanden, in dem der Nationalismus als säkulare Erscheinung sich auch des jüdischen Bewußtseinszu bemächtigen begann, in einer solchen Zeit hätte man erwarten dürfen, daß der religiöse Liberalismus sich mit besonderer Intensität der Parole annimmt, die er seit Jahren verfochten bat: Religiöses Judentum. i Bis zum Jahre 1933 hat ein großer Teil deutscher Juden den.. Begriff „religiöses Judentum" als eine Selbstverständlichkeit, wennnicht gar als Pleonasmus aufgefaßt. Es hat sich gezeigt, daß für die Mehrzahl diese Parole nicht mehr als eine Ausflucht, nämlich eine Flucht aus der jüdischen Fragestellung gewesen ist. Das wurde in dem. Moment offenbar, in dem die deutschen Juden dieser Fragestellung nicht mehr entrinnen konnten. Wären sie aufrichtig religiös und nur religiös gewesen, wie sie vermeinten, nun,-so wäre ihr erster Gang nach dem April 1933 in die religiöse Mitte, vielleicht sogar in die Synagoge, gewesen'und nicht zur Alijah. Überfüllte Synagogen sind kein Gegenbeweis, solange die Kauzcl keine Kanzel, sondern eine politische Tribüne ist. Nicht daß wir meinen, Religion und Politik haben nichts miteinander zu tun. Aber entscheidend ist die Frage des Primats: Sicht die Politik im Dienste der Religion oder die Religion im Dienste der Politik? Die Mehrzahl der deutschen Juden gibt heule schon ganz unumwunden zu, daß ihr Judentum - nicht aus nur religiösen Quellen fließt. Im besonderen Maße gilt das voll der Jugcnd; Nichts ist weniger gerechtfertigt als die laute Verwunderung und die stete Klage, daß die jüdische Jugend arcligiös sei. Wie sollte es anders sein? Im Elternhaus hat sie meist wenig Religiosität verspürt. In den zwei Rcligionsstundcn auf der öffentlichen Schule hat sie nicht viel mehr gelernt. Nichts wäre nun aber falscher und gefährlicher, als Religion heute in der Schule oder in den Bünden von oben her ru dekretieren, gewissermaßen aufzupfropfen. Das Ergebnis wäre ein Judentum, das alle Verlegungen und Schwächen der Orthodoxie, aber nichts von ihren Vorzügen besäße. Ansätze zu solchem religiösen Kruppeltum zeigen sich leider schon. Dabei bleibt es sich völlig gleich, ob einer verzweifelt unrcligiösen Situation nun" mit Gcw'alt die religiöse Kappe übergestülpt wird, oder oh eine geschichtliche Situation, der nichts Religiöses anhaftet, sondern nur ein trüber Glaube von mystischen Stimmungen selbst zur Religion erklärt wird. Auch hier wird unter dem Etikett der Religion nichts anderes als Politik eingeschmuggelt, und eine unbefangene Jugend tauscht ihre besten Hoffnungen gegen den Mythos der Verzweiflung ein. Womit bestreitet nun aber das sogenannte deutsche Judentum sein Judentum? Zunächst ohne Zweifel mit persönlichen und sachlichen, insbesondere beruflichen Opfern, zu denen das deutsche Gesetz zwingt. Eine unfreiwillige Leistung, aber schon deshalb eine Leistung, mit der alle die, die sich gerne selbst bemitleiden, an der Rampe des menschlichen. Verständnisses kokettieren. Man bat ein sehr wirksames Aushängeschild gefunden: Jadisches Schicksal. Sofern ein Name nicht schon Leistimg oder Ideologie bedeutet, mag es hingehen. Aber für viele bedeutete es — .lud e n t u m, Was ist die Folge? In juristischen, in wirtschaftlichen, in technischen und religiösen Dingen hat nach wie vor der Fachmann das Wort, in jüdischen Fragen aber ist jeder Fachmann. Seit 1933 gibt es ein jüdisches Eipcrtentum, das bisweilen unverantwortlich ist in seiner Anmaßung, seiner Voreiligkeit und seiner Bekenntniswut. Die Sehicksalsgemcinschaft i,t „„scheinend die magna charta des Judentum» geworden. Nichts liegt uns ferner als der Wunsch, innerhalb des Judentums nach Dauer der Tätigkeit Rang und Prh Regien zu verteilen. Aber all denen, die sich mit soviel Pathos immer wieder auf diese Schiiksnlsgcmcinschnfi berufen, legen wir die Frage vor, ob sie nicht den Nachweis derselben schuldig geblieben sind. Die Ehrlichkeit zwingt zu der Feststellung: in der Form, in der diese Bezeichnung heute mißbraucht wird, ist sie nicht existent. Es gibt keine solche Schicksalagcmcinschaft, weil bei einer großen Anzahl der deutschen Juden weder eine Gemeinschaft im Schicksal, noch eine menschliche Gemeinschaft, noch allgemein ein Wille zur gemeinschaftlichen Überwindung sichtbar geworden ist. Die Ereignisse 1933/34 haben zwar das gesamte Judentum irgendwie getroffen, und darin haben sie ihr Bedeutungsvolles, daß sie jedem deutschen Juden das Bewußtsein vermittelt haben, Jude zu »ein. Aber sie haben nicht gleichartig getroffen, sondern verschieden nach sozialer Stellung, nach militärischer oder nichtmilitärischer Vergangenheit, nach seelischer Veranlagung und finanzieller Konstitution. Man sollte doch meinen, daß das erste Grundgesetz einer so schwer bedrohten Grinrindc Solidarität sei. Wer aber einmal erfahren hat, wie Mitglieder dieser Not- Gemeinde in den primitivsten Fragen sozialer und persönlicher Hilfe .versagen, der sieht sich genötigt, etwas mehr Diskretion im Pathos zu üben. Wir halten dafür, daß Sehicksolsgcmeinschalt das ausschließliche Kennzeichen derjenigen Menschen bleibt, die nicht nur gewisse tragische Gemeinsamkeiten ihr^ eigen nennen,' sondern auch den Willen halten, diese Gemeinsamkeiten in Gemeinschaft zu tragen und in Gemeinschaft zu überwinden. Dieser Wille läßt sich an einer Stelle im deutschen Judentum mit Deutlichkeit nachweisen: am Bund der Jugend. Die junge Generation hat der älteren einfach das Prac der Kamerad- Schaft voraus, im Bund ist Schi.cksalsgcmcinsrhaft bereits Gestalt geworden. Aber ihr, wie der älteren Generation, fehlt das Moment, das den Bestand der Gemeinschaft nicht nur sichert, sondern auch auf Dauer verbürgt. Sic bleibt so lange gefährdet wie die ältere Generation uneinheitlich, solange nicht das geistige Regulativ da ist, dos ihre Menschen täglich wieder zur Erneuerung Fortsetzung auf der 2. Seite Blutbefchuldigiiiig findet eine harmlose Aufklärung Bratislava. Durch ein zunächst mysteriös erscheinendes Gfcrücht wurde die kleine Gemeinde L'hrovcs hei Pricnidza in der Slowakei in Aufregung versetzt. Es hatte sich dort ein Mann als Arzt aus Preßburg ausgegeben und von-mehreren Leuten Blutproben genommen. Es dauerte nicht lange, und es verbreitete sich das Gerücht, daß Juden von mehreren Personen das Blut abgezapft hätten, um es für das Osterbrot zu verwenden. Die Erregung in der Ortschaft war so stark, daß Gendarmeric die Iluhc herstellen mußte. Dies gelang ihr aber erst, als sie das Bratislavacr Staatafcrankcnhnus angerufen hatte, wodurch die Sache eine harmlose Aufklärung fand: Ein junger Assistenzarzt der Klinik, übrigens ein N i c Ii t j u d c, mußte, um ein wissenschaftliches Werk beenden zu können, von gewissen Personen Blutproben nehmen. Dies nützten dann gewissenlose Elemente zu einer Judenhetze aus, die allerdings im Keime erstickt werden konnte. Amsterdam. Der jüdische Senator Dr. Henri Polak hat den Justizrninister um Einleitung eines Gerichtsverfahrens gegen Major Kruyt und Duinker, die Herausgeber einer Wochenschrift, in der behauptet wurde, es gebe einen jüdischen Ritualmord, wegen Schmähung der jüdischen Religion ersucht Gleichzeitig forderte Senator Polak ein Verbot der Verbreitung solcher Behauptungen. Der Justizminister hat die Prüfung des Falle* zugesagt. Umfdiau .Von HEINRICH STEltN l nsere I-escr finden an anderer Stelle dir offizielle Einladung-— der Vereinigung f ür das rc ligiösübe rale J uden- I Hin zu ihrer Ilaiiplvi-rsnmniliing um 211. .Iiuiiiiir. K» ist die erste zu sachlicher Arbeit berufene \Vrsaiimijniig nach der Um- . wälzung. Aua der Tagesordnung ist zu ersehen, daß die Fragen der äußeren Organisation und V r o-rra g a u d n , dir frühere ' Versammlungen beherrscht hallen, völlig zurücktreten hinter der ernsthaften Erörterung der Crundprohlcuir unserer Bewegung. Liberales Judentum is| eine Weltanschauung und die daran» siclf ergebende Lebenshaltung. Daraus folgt, daß die geistige lliililuiig unserer Arbeit, geiiicssriian den großen Kri-iguiwii der letzten Vergangenheit, rbensu der Nachprüfung bedarf wie dir Forderung nach der praktische ir^tl b u n g. Bei keiner Friij-e i-l dir Idee- und die Wirklichkeit, ist [.eben und 1-clire. für im» in »<i ' enge Beziehung gebracht wie hei dem Problem de» Sabbat. Darum ist v» nicht wuiulcrliur, daß gerade in einer Bewegung,'.die religiös aufhauen willj von diesem jüdischen Kernproblem nniP' gegangen wird. Außere' Gelegenheiten, die da» Sabbat-Problem neu in das Licht des Tages gestellt haben, bieten nur den Anlaß *u einer geistigen Durchdringung dieser gerade für die Diaspora .so unendlich wichtigen und schwierigen Frage. -Wehn endlich ein besonderer Punkt der Tagesordnung unserer Jugend gewidmet Ut, so soll auch damit nicht nur die, gar nicht «infacVis organisatorische Frage behandelt sein, ftotularn vor allem da* auch lOr unsere Bewegung immer wiederkehrende Problem der Auseinandersetzung der Generationen, das geleitet werden soll von der Hoffnung »da. llerx der Kinder surocltaü/uhren «u da» Vätern und da* - Herz der Vater zu den Kindern. - — Der O r g an i sa t io n s a u a a c Ii u ß d o r Beichavertrctting hat den ersten Teil seiner Arbeit beendet. Da» am meisten drängende Problem der Erweiterung de» Präsidialnu»- schusses hat eine Erledigung gefunden, dlo vielleicht nicht alle befriedigt, aber hoffentlich alle, befrieden wird. Nun aller liegiunt erst die schwierigste Aufgabe des Ausschusses, die organische, Zusammenfassung der Gemeinden und Gciiirinilcvcrbändc mit der Rrirhsvcrtrrliiiig. Die Schwierigkeit liegt hier, wie sehr oft in unsern Kreisen, darin, daß der Ausschuß die unangenehme Aufgabe hat, gegen lichgewonlciie Traditionell und muh so hrrrrhliglf. Einzelwünschc im Interesse der Allgemeinheit air/.ilgchrn. Olx rslis Gesetz für eine Neuorganisation .....ß sein, formell: Dnpprhirbi il und bürokratischen Leerlauf zu vcruicidrii, und materiell: das vrrlrailruswillr Zusammenarbeiten zwischen Organisationen und Gcmi-indi-n, insbesondere zwischen llciclisvcrlrclutig und Gemeinden, personell und sachlich auf eineunerschütterliche Grundlage zu Irringen. Ohne die "Kraftquellen, ilie iu cleii Gemeinden - liegen, kann keine zentrale. Arbeit geleistet werden; ein »nirkc» Zentrum muß der oft zersplitterten und örtlich auseinander flatternden Gemciiidearbcit Halt und Richtung geben. * —'" - ■ ~ Es ist nicht nur Pflicht de» wirtsrhuflsgrscbirhllichrn (jW nisten, der Tatsache zu gedenken, daß aus der großen -Firm» Hermann "Tietz die Familie des Begründer» und Namrligebers ausgeschieden ist. Wo „deutsche .luden lelie»; wird da» schmerzliche Gefühl, daß. hier eine bedeutende Position einer allen jüdischen Kniifniannsfatuilic durch den Lauf der Zelt verloreii__ gegangen "ist, verstärkt werden durch die wehiilüli(!,-alolzc Erinnerung an den hervorragenden Kaufmann, Juden und Menschen, de.- dieser Firma jahrzehntelang vorstand und der, selbst ein treuer, religiös-liberaler Jude, vielen von uns menschlich und gcsinmingsmflßiK nahestand: Oskar Tietz. Seiner zu gedenke» und mit ihm seiner Kinder, die »ein Werk auf ihre Schulter genommen hatten und auch im inncrjfldischcn Leben seinem Pfade folgten, ist uns hei diesem Anlaß ein aufrichtiges Bedürfnis. Die Umftellung bei Tietz Im Anschluß an die Mich von un» .veröffentlichte Mitteilung.von dem Ausscheiden der Herren Georg und Martin Tietz aus dem Warenhauskonzern Hermann Tictz und Co. sowie der Eintragung im Handelsregister, daß die Cenannlcn unter der Firmierung Tietz Anschluß und Exiwrt C. m. b. H.' eine Gesellschaft gegründet. haben, teilt die, Hertie Kaufhau» Beteiligungs- C.m.b.H., die die Firma Hermann Tietz u. Co. mit Aktiven und Passiven übernommen bat, u. a. folgendes mit.: -„Die Tlctz Anschluß G.m.b.H. ist eine persönliche Gründung der Herren Georg und Martinjrietz, die mit dem GeschaftaWlrieb der Firma Hermaro» Tlet« o. Cd. hiebt* za tun Bar. Di» Herren Georg und Martin Tietz haben in dem AuscinandersctztJhgsvertrag