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Jüdische allgemeine Zeitung · 1934-12-19 · 94 (19.12.1934) · page 1

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Journal
Jüdische allgemeine Zeitung
Volume
14 (1934)
Issue
94 (19.12.1934)
Date
1934-12-19
Page
– (sequence 1)
Language
German
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BERLIN 19. Dezember 1934 PREIS 25 PF. Nr. 94 / 14. Jahrgang JÜDISCHE AUGEMEINE SclirUWiluae unü Oc-sehärtsale'Je: ISerliu W i.-,, Uiilan.Istr. IM. Fernruf: J2 Oliva G%S. Hankkonto: Kredit rerein für Handel und fiewerbc cGmbll, Uerlin X .24. — Bezurrspreis: Bit.' 1.— monatlich (zuz'ügl. RM. 0,10 ZeituDBar/ebühr und Bestellgeld), bei Streifbandveraand mzQgl. BJI. 0J0. Vn!a-: Vcil;nr^^fu,'a^.-ti«>'hait^iu UentM'lihmvl;«i.*;iÄ>im*r Juili-n t'C,iiit>lt.. IWlin IV Iii, l:iil.uul>ir;lgt.' l.vs. .uizi-iwuiwi«-: Dul'J upaiulirna _umt./rili- U.M. ti.lä_ f. raiailifiiauu-wu UM. u.M. f. Ktrllruitrnii-hr HM. U.ivx. »Vi u:»vciM'Jiiili!i'l,.r Nü-htN-lieffruni; l*.u»lit ketu Ali»i<rm-|i;itlf Wrcütlltu;. NEUE FOLGE ER JODISCH - L I B E R A L EN ZEITUNG Umfchau Von HEINBICH STERN Durch die Presse gellt die 'Meldung, daß der bekanntc.östcrrcichischc Rabbiner Grunwald den Vorschlag gemocht hat, in Jerusalem ein Habbinatskollegium zu errichten, das in Fragen der Abwehr äußerer Angriffe, der. Erhaltung von Würde und Ehre des Judentums maßgeblich tätig werden soll. Der Gedanke ist auf den ersten Blick recht bestechend, verliert aber an innerem Interesse dadurch, daß nach dem Wunsch von Grunwald dieses Kollegium in innerjüdischc Dinge nicht eingreifen dürfe. Ich habe schon vor Jahr und Tag die Frage angeregt, ob nicht eine Art Synhcdrion eingesetzt werden, könne für die brennendsten Notstände, die sich zum Beispiel auf dem Gebiet des Ehcrechts, des Sabbatgesetzes usw. aus der Fortentwicklung der Zeiten ergeben. Diese Frage ist in letzter Zeit vielfach, zum Beispiel von unserem geschätzten Mitarbeiter Max Dicncmniin aufgegriffen worden. Uns erscheint die autoritative Regelung derartiger Fragen dringender eines solchen nach innen wirkenden Kollegiums zu bedürfen, als die gewiß ebenso notwendige Aufklärungsarbeit nach außen, die .von Historikern, Philosophen und Theologen auch als Einzclpcrsönlichkcitcn geleistet werden kann. Denen gegenüber, die das Judentum wirklich kennen lernen wollen, genügt jede sachliche Aulklärung, den Unbelehrbaren wird auch die Autorität eines Rabbinatskollcgiums im Heiligen Lande nicht - imponieren. ■ * 1 In einem viel beachteten Vortrag hat der Vizepräsident des Centraivereins, Dr. Rudolf. Callmann,. Mitglied der Reichsvertretung, über innerjüdische Fragengesprochen. Zu einigen Punkten wird man .den Wortlaut des Vortrags abwarten, müssen; ich kann mir nicht denken,-daß Callmann wirklich gegen-die „jüdischen Deutschen" generell so gesprochen hat, wie dies in den Berichten über den Vortrag wiedergegeben ist; sonst würde man sehr heftig dagegen Einspruch erheben müssen. Klar hingegen ist schon heute, daß er den Standpunkt vertritt, Glauben, Religiosität ließe sich nicht lernen und „K o n j u n k t u r - R c 1 i - giosität" könnten wir nicht gebrauchen". Das ist ein sehr bedenkliches Wort, dem mau schnell entgegentreten muß. Wirkliche Religiosität und Konjunktur sind Widersprüche in sich selbst. Wohl aber sagt ein altes Sprichwort, daß „Not beten lehrt", und es sind nicht die Schlechtesten, in denen eine große Erschütterung, wie wir sie erlebt haben, den Weg liach oben frei machten. Sollen wir etwa nun noch ein Dienstalter für Gläubige einführen? Von dem geistigen Hochmut, der darin liegt, auf die lange Dauer seiner „Betätigung" im Judentum zu |M>chcn, ist Callmann gewiß fern. Es finden sich aber heute schon wieder jüdische Zünftler, die den Eintritt in lebendige jüdische Arbeit an irgend welche Bewährungsfristen binden wollen. Davor kann nicht dringend genug gewarnt werden. Wer früher ein jüdischer Antisemit war und jetzt sein Geltungsbedürfnis, das er in andern Kreisen nicht ausüben kann, hei uns, mögliclist gleich als Gemeindevorsteher, austoben möchte, soll gewiß die gebührende Antwort empfangen; diejenigen Menschen aber — und es sind nicht wenige —, deren geheimer jüdischer Instinkt, deren Trotzjudentum sich jetzt in bewußtes Erkennen der großen jüdischen Zusammenhänge gewandelt hat, Menschen, die heute verstehen, was der Sinn jüdischen Weltgeschehens ist, und die aus diesem Verstellen heraus den Glauben an die jüdische Zukunft in. sich " erwachen fühlen, — diese' -Menschen soll man nicht durch Schlagwort wie „Konjunktur-Religiosität" irre machen. Es handelt sich hier röcht um die Konjunktur — unser jüdisches Konjunktur- Barometer zeigt heule genau auf den entgegengesetzten Pol — sondern um die Freilegung der stärksten jüdischen Urkraft, Hier soll man die Steine wegräumen und nirbt mit Steinen werfen. Eine merkwürdige Kunde kommt aus Wien. Dorf hat die auf dem rechten Flügel der Orthodoxie stehende Gemeinde der Schiff-Schul die jetzige Notzeit der österreichischen Juden für geeignet gehalten, der Wiener Einhcitsgcrhcindc den Rücken zu drehen. ottenhar in Erfüllung eines der ältesten und ehrwürdigsten jüdischen Grundprinzipien: ..Trenne Dich nicht von der Gemeinschaft". In seiner berechtigten Abwehr dieses kaum glaublichen ln-dcn-Rücken-Fallcns weist der zionistische Gemeindepräsident mit einem gewissen Stolz darauf .hin, wie sehr die. Wiener Gemeinde für konservative Bedürfnisse gesorgt — und die Aktivität der'fortschrittlich religiösen Juden bisher hintan gehalten hat. Den Dank erntet die Gemeindeführung jetzt. Wird sie nun nach der andern Seite die selbstverständliche Gerechtigkeit üben, die ihr die eine so bös vergolten hat und die religiöspositive Arbeit dieser fortschrittlichen Kreise fördern? Autorität Von Dr. CLAUDE G. MONTEFIORE-Londön Das Thema oder Problem der „Autorität" wird heute in vielen Lebensbezirken und -betrachtiingcn aufgeworfen. Man könnte zunächst annehmen, der Gegensatz von „Autorität" sei „Freiheit", und keine Autorität anerkennen bedeute, sich innerlich frei, zu fühlen. Aber das ist durchaus nicht unbedingt der Fall. Unsere Rabbiner sagten: „Es gibt keine Freiheit nußer in der Tora'- — und doch war die Tora für sie verpflichtende Bindung. Paulus sagte: „Wo des Herrn Geist ist, da ist Freiheit^ — und doch war dieser Geist ihm höchste Autorität, an die er sich vollständig-gebunden fühlte. Goethe schrieb in einem seiner schönsten Sonette: „Und das Gesetz nur kann uns Freiheit geben." Eben das Gesetz, welches dem Einen Bindung bedeutet, bringt dem Andern Freiheit. Alles dürfte abhängen von der freudigen und vertrauensvollen A n - nähme des Gesetzes: Besteht erst einmal der Glaube an die Wahrheit, die Göttlichkeit, ja auch nur an die Notwendigkeit der Autorität, so kann sich die Vereinigung von innerer Freiheit und äußerem. Gehorsam zur-Harmonie-gestaltet*.-—■—..........---- ----- .Es heilst wohl, man könne seine religiöse Handlungsfreiheit aufgeben, nicht aber die Freiheit «eines religiösen Denkens. Es ist offensichtlich, daß man jemand zwingen kann, etwas zu tun oder zu erleiden, aber keine Macht der Erde kann mich zwingen, bestimmte Dinge zu glauben. Im gewissen Ausmaß und auf gewissen Gebieten darf die Autorität des Wissens : anerkannt werden. Ein Fachmann z. B. teilt mir eine Tatsache aus dein Gebiet der Geologie mit oder setzt mir eine daliingehörige Theorie auseinander, vielleicht eine Theorie, über die in Fachkreisen Einigkeit herrscht. Ich wäre ein Tor, sie nicht zu „glauben". Doch ein solcher Glaubenssatz, so Uingeiuimmen. ist gewiß kein Teil meines Seihst. Es ist ein Teil vom eigenen Selbst des Fachmanns: er hat den Satz bewiesen, die.Theorie, verwirklicht, er kennt sie. Wir nehmen sie auf Glauben hin. Ein vertrauenswürdiger Mann teilt mir mit, die Entfernung von A nach 15 betrage 15 km. Ich glaube diese Mitteilung. Aber ich weiß die Tatsache nicht in demselben Sinn, wie wenn ich, der ich eine bestimmte Anzahl von Kilometern in der Stunde zu laufen pflege, den Weg abgeschritten und dabei gefunden hätte, es. koste mich 75 Minuten, von A nach 15 zu gelangen. Die Wahrheiten der Religion unterscheiden sich' iPXW\ .<s* 4ss^ö » -iffVJ -i . , V von denen der Geologie. Wenn der größte 'Gelehrte, der bedeutendste Fachmann auf religiösem Gebiet dem gewöhnlichsten Ignoranten erklärt, die und die Lehren seien wahr, dann halten wir den Iguoraiiteu nicht für einen Toren, wenn er sich weigert, sie anzuerkennen. In der Geologie stimmen die Fachleute in derSjichc weitgehend übereilt, in der llcligiun weichen sie voneinander ab. Aber — dies'vor allein — in der Itcligion .genügt .nicht dn9 Glauben einer Tatsache, man muß den Glauben-an sie haben. (Das englische .Original sagt — im Deutschen unübersetzbar: In religion a man musl have more thau inerc belief :, he nuist hnvc failh. Die Schriftltg.) Dieser Glaube muß ein Teil des eigenen Ich werden. Der überzeugteste Gläubige in religiösen Dingen muß doch frei, freiwillig an diese Autorität,glauben, sonst ist sein Giuubc' wertlos und unzulänglich^. Der Mensch, der — sagen wir — an die buchstäbliche Wahrheit all vier .Erzählungen des Pentateuch von Abraham bis. Mose glaubt, der alle Gesetze Iii diesem Buch hinnimmt-nl» direkte Befehle. Gottes, hörharr von ihm dem Mose diktiert, so daß Mose geradezu Gottes Diktatcirjpfängcr war und nicht mehr —. dieser Afenach, der diese „Autorität" hfnnirnrpfi1** gwui'f&:'.btit-jrte derjenige, welcher - der Göttlichkeit des Jteligfoiugesetzes ungläubig gegenübersteht und keine seiner Vorschriften befolgt. -. ' Wir gehören, sowohl als Einzelne wie als Gruppe, zu denen, die die reine Göttlichkeit und die unbeschränkte Vollendung der Normen des Pentateuch nicht hinnehmen. Wir anerkennen daher ihre Autorität nicht, ohne zu fragen. Wir machen Abstufungen,'wir wählen, sondern aus. Wir lehnen nicht vollständig ab, wir nehmen nicht vollständig an; wir leugnen Itttd wir anerkennen die „Göttlichkeit" nicht vollständig. Eine schwierige Situation: vollkommenes Ja oder Nein wäre viel leichter.. Es muß auch zugegeben werden, daß, wenn kein volles, fragcnloscs ...In" möglich ist. die ä u ßc r I i ch e A u to ri t ä t hinfällig wird. Die Autorität kehrt dann in uns selbst ein: es ist .unsere Vernunft, unser Urtcif, unsere Wahl. Aber bedeutet dies „Wir", all die vereinzelten ..Ich'' und nicht mehr? Muß jeder Einzelne von uns sich selbst 'Gesetz sein in Glauben uud Handeln? Nicht ganz! Meinung, Urteil und Entscheidung der Weisesten und Gelehrtesten aus Gegenwart und Ver- _ gaugenheit haben schon ihr volles Gewicht. Das Urteil lies Einzelnen braucht nicht zu bedeuten ein Urteil ohne Hücksichtnahinc, ohne Ehrfurcht und Demut; — ich will diese Gedankengänge nicht weiter ausführen. '4 t; "*P J r 1 *4 ' "■«:»; "*J *^rS ' ■ -» *&äi$k ^*-'e7f'M . i .„ -^vj-v S*SS?s5i %»J 9 _' J Timm ~3 sfSJi'. i " fw *0a .V~J^ m W1* 'Jß? &?&*>J* -.„-"—.-v./r-v ^J&4>m;ji^f^^m ^<$k&föi*J>i < w™-w*ti-^<\.*.wsfo<*£ —Jt-.^-^-iVw." Vl^tS^- \ -^v«-?»- ^™rr's<-™*T*™a, JS»S?S»>*3«"ftt&ä&r ~r^»V&w& J£? ^iD^. ^^ffB&n Jüdische Jugend beim' Sehachspiel Weiter fragen wir: Kann Ieine Gruppe einen gemein- I »amen Glauben haben? Oder vielmehr können einen solchen gemeinsamen Glauben liahcnMitgliedcTeinerflrüj»- pe, die sich weigern, die volle Autorität beschriebe- . ner Glaubenssätze anzuerkennen? Wir wissen, «laß man diese Frage - bejahen darf. Ist solch Glaube ein ' reines Kompromiß? Nein. Er ist, kein Kompromiß im Sinne von Schwäche, Zweideutigkeit; er ist ein Kom- I jrjromiß in dem Sinne, daß er verschiedene Auslegungs¬ und Verwirklichungsmögphot. Diubu lichkeit zuläßt. Der Glaube

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