Jüdische allgemeine Zeitung
- Journal
- Jüdische allgemeine Zeitung
- Volume
- 14 (1934)
- Issue
- 92 (5.12.1934)
- Date
- 1934-12-05
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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BERLIN 5. Dezember 1934 ^jO»^. ' I Saite-Seminar [ I zu Berlin, j EmkUfi-jedm PREIS 25 PF. Nr. 92 / 14. Jahrganq JÜDISCHE ALLGEMEINE Scbriftleituwr „nd Geschäftsstelle: üerlia W lö. ühlandstr. ljS. Fernruf: J 2 Oliva 69G8. Bankkonto: Kreditverein für Handel und Gewerbe eGoilUI. Berlin N 24. — Beiogspreis: MI. i.— monatlich (mtiul. K.M. U 10 Zeitnnesgebühr und Bestellgeld), bei Streifbandversaml zuzücl. K.M. 0.31). Verlag: VerlaiiSBonosscnscbaft in Deulschlaml anaüMigar JuiW-rniiihll. (in- Crüuiluni:). Herlin W lä. lllilaiulsir. 1>. Au/rwiinproin-: Ui.. U'iir»!'»Ii. nim-Zeile U.M. 0,15. f. Fainilienania.wii UM.0.1-.'. f. Stxll«ifr»ui-l<tf.llM.D,>«. llei uuverjehuldeter Nieli'tWIieferuiv l.rMel.r.kolii Aiupnu-Ii :.ul V.T-iiluiw. NEUE FOLG E D E R J ö D I S C H - L I B E R A L E N EITU N G Vifion — Wahrheit? das Leben nicht leitet, kann das Duner restlos befriedigen. Von LUDWIG HOLLÄNDER Erörtern wir nicht, ob Chanukka ein rein religiöses, ein religiös-nationales oder ein rein nationales Fest ist. Denn solche Erörterungen führen zu Haarspaltereien. Der Inhalt der Begriffe dieser Unterscheidungen ist \iei zu unklar, jeder stellt sieh dabei andere Gedankcnrcihen vor. Eine fruchtbare Meinungsäußerung würde selbst dann schwer möglich sein, wenn man genau erklären wollte, was man unter religiös, was man unter national zu verstehen habe. Aber Eines steht fest: und das ist die r e 1 igi ös c G r u n d - lagt unseres Chanukkafestes. Diese muß die. Basis für' unsere Betrachtung sein, schon deswegen, weil sie Gemeingut aller Juden in der Welt ist. " '■ . Aber nicht mit dem Rüstzeug der Theologie wird hier gesprochen. Ein Laie legt seine einfachen Gedanken dar; sie mögen vom Standpunkte der Gottes- -gclahrtheit in manchem anfechtbar sein. Doch hier wird von den Bekenntnissen eines einfachen Judenglaubens gesprochen, ohne ihn in eine Weltanschauung oder gar in ein System bringen zu wollen. Am Sabbat Chanukka wird die Vision des Propheten Secharja in den Tempeln verlesen. Geschildert ■wird, wie Serubabel. den Bau des Tempels vollenden soll und wie das Wort des Herrn an Serubabel erging: „Nicht durch Heeresmacht und nicht durch Stärke, sondern durc:h meinen Geist soll die Vollendung -erreicht werden." Dieses Wort muß dem Gesamtjudentum ein Leitstern werden. Das Problem des Geistes ist, religionsphilosophisch betrachtet, weit offen. Mancherlei Deutungen sind erfolgt und möglich. Für den Juden ist es eindeutig: Geist der Heiligkeit ist' mit diesem Geiste gemeint! Wir wissen, daß. der Geist der Heiligkeit im Judentum Raum zu mystischen Betrachtungen irgendwelcher Art kaum läßt. Der Geist der Heiligkeit ist Gottes Geist, der Geist, der Gott eigen ist. Nicht nur der Lebensgeist ist gemeint, sondern der Gedanke der Leitung des Menschen durch Gott ist ausgesprochen. Der Geist steht im Gegensatz zu aller menschlichen Macht, besonders auch zu der Macht der Heere. Der ganze Mensch wird aus Gott hergeleitet, und in dem Geheimnis Gottes wird das Wesen des Menschen begründet. In der Entwicklung des Judentums ist der Begriff des Geisteszu tiefster Erkenntnis gelangt. Während „Geist" ursprünglich Wind und Lebenshauch bedeutet - hat, allerdings immer mir in. Beziehungen zu Gott, ist er allmählich zu seiner umfassenden Bedeutung durch Lehre und Erkenntnis gelangt. Der Geist als solcher birgt die Gefahr der Entfremdung von-einer Sinngebung des Lebens in sich. Das Leben selbst muß heilig gesprochen werden, sobald es nicht mehr seinen Sinn erhält durch den göttlichen Funken,.sobald es nicht mehr im Dienst der Wert - Verwirklichung steht. Die wahre Schuld des Geistes als solche liegt in der Gefahr der Zersetzung von Wahrheit und Sittlichkeit. Sie kann nicht überwunden werden durch das Leben. Das leib- . liehe Leben ist nur Grundlage menschlichen Seins. Seine Bedeutung erhält dieses Leben allein durch die Heiligkeit des Geistes. Die Erweckung dieses Geistes der Heiligkeit muß die Grundlage zu einer Erneuerung des Judentums sein. Wir wissen, daß gelehrte und nichtgelehrte Männer und Frauen in ihren Betrachtungen über Wesen, Zweck und Ziel der menschlichen Gesellschaft alle Möglichkeiten des menschlichen Denkens erörtert haben. Eine sehr lange Periode war damit erfüllt, zu ergründen -r— das Problem der Psychosoziologie — zu welchem Ziele in der Welt der Wirtschaft der Mensch gelangen solle. Sehr lange Zeit kam man zu dem Ergebnis der sogenannten Maximisation, d. h. größtmögliches Glück der größtmöglichsten Zahl soll erreicht werden. Alle Gelehrten und alle Laien strebten danach. ..Happiness, felicita, bonheur" waren die Stichworte. Immer wieder suchte man sie zu gewinnen. Durch mehr als ein Jahrhundert war mau auf der Suche. 'Vergeblich. Ein italienischer-Gelehrter, wohl so ziemlich der Einzige in einer großen Reihe von Schriftstellern, meinte allerdings schon im. 18. Jahrhundert: Wichtiger als Systeme für die Erlangung des Glücks für das Volk aufzustellen, sei es, die Ursache Dasein niemals Tür Dagegen . wird eingewandt werden: W er nicht mit Religiosität Ircrgabt ist. wird nie zu ihr gelangen. Infolgedessen .sei auch liier wieder das für den Laien unzulässige Moralisieren zum Inhalt der Betrnchliing gemacht geworden. Wuit gefehlt! Man muß sich entscheiden, ob man sich ein Judentum ohne Glauben, ohne Cberzeugung von dem Geiste der Heiligkeit denken kann. Man wird-zu dem Ergebnis kommen, daß alles-andere im besten Falle ein Ersatz ist. Secharja hat im späteren Verlauf der \ ision davon gesprochen, daß -vinianche den Tag lies kleinen Anfangs verachten" und -hat damit auf den W eg hingewiesen-, der zur Erlangung einer wahren iinuiiiM^ EllltUNGOKIIJübtSUIENKMKCSOl'KEIt; IN DER SYNAGOGE; ' Im Mittclpuukt der Gcfaltencn-Gcdenkfeier, die der 11. j. F. um Sonntag, in der Synagoge Prinzregentenstraße veranstaltet hatte,' stand die Übergabe des Buche» ,^Kriegsbriefe jgefallrnrr douitchai^ Juden"-* Das Bild zeigt' Dr. ßrnat »Fraenkel von der Bundesleitung bei seiner Ansprache.' Im Vordergrund vor der Kanzel die Fahnenabordnungen des K.j.F., des Militär-. Vereins „Deutsches Vaterland" sowie der- Sport- und Jugendgruppen. (Bericht auf der 2. Seite.) 5l"'f? WIIII»»^^ Ju .,, . Y.*"^ I fjlIS'V» i 1 -. Mira.....iiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiü seines Unglücks zu untersuchen. In diesem Gedanken ist das Entscheidende gesagt. Man Jiebt heute mit Recht nicht das Predigen von Moral, man strebt dagegen nach innerer Wahrheit. Wenn auch das Suchen nach dem Glück gewiß manche praktischen Ergebnisse zeigt, der KernderFrage wird nie zu einer Lösung' geführt werden, es sei denn, daß das Wort, das Secharja in seiner Vision den Engel sprechen läßt, zur Wahrheit wird. Nur durch die Anerkennung des Geistes der Heiligkeit werden die Menschen zu dem inneren ' Frieden kommen, der ihnen heute wie in früheren Zeiten genommen ist. Alle die großen Fragen - von Staat, Gesellschaft und Wirtschaft, die heute die Menschen bewegen, finden die Lösung, sobald dieser Geist'der Heiligkeit menschliches Handeln und menschlichen Willen Bestimmt. Das muß besonders für Juden und Judentum ~ gelten, uns geht es an. Man klagt mit Recht darüber, daß weite Kreise der Religion entwachsen sind. Bet herrscht wird die große Zahl der heutigen Juden entscheidend von einem Wunsche: die Lebensbahn glatt zu gestalten, angebliche Hemmungen des Lebensglücks zu beseitigen. Und so kam sie zu der Uberzeugung,- man könne alles Leid überwinden, wenn man der nachfolgenden Generation und sich selber „die Wege ebene". In dem Augenblick, in dem die Erkenntnis reift, daß dieses Ziel doch nicht erreicht werden kann, werden viele Menschen innerlich zerbrochen. Gerade in unserer Zeit der Prüfung kann man beobachten, daß viele sich der Meinung hingeben, das religiöse Judentum sei am Ende. Die Kenntnis der Geschichte des Judentums sollte diese Zweifler belehren, daß niemals in der vieltausendjährigen Entwicklung unserer Gemeinschaft der Gang der Geschichte einen geraden - Weg nach oben gezeigt hat. Erst dann, wenn sich die Erkenntnis von der Heiligkeit des Geistes mit all seinen Forderungen und all seinen Zielsetzungen im Leben der Juden durchsetzt, ist eine beruhigende und klare Atmosphäre geschaffen. Jede Anschauung von den Dingen auf dieser Erde wird von dem Gedanken getragen sein müssen: Wo der Gebt wahrer Religiosität Religiosität führen kurin. Wenn nämlich der Tag des kleinen Anfangs auch den Juden ein Leitstern werden wird, ist damit der Weg zur Gewinnung einer inneren Überzeugung gegeben. Die jetzt überall geübte Beschäftigung mit den Fragen des Judentums wird zwar niemals ein-Ersatz der wahren Religiosität werden, aber solche'Arbeit leitet diesen Tag des kleinen Anfungs ein. Nicht gilt der Satz, daß man da» Verlorene nie wieder finden kann, für das Judentum seinem ganzen Charakter nach, V(eil_die Beschäftigung mit den geistigen Erscheinungen des Judentums zur Erkenntnis des Geistes führt1 Damit aber ist der Weg zur Lebensgestaltung und zur Lebensfreude-gewonnen, und insbesondere die Bahn zu jenem Optimismus geebnet, den wir trotz allem immer wieder behaupten werden und müssen,_wenn wir die Macht des Geistes der Heiligkeit in uns"erem Sein bejahenl ReiAsinnenmiiiifter über Reichsrefopm and Jndenfrage Chemnitz. Bei einer grollen Kundgebung in Chemnitz sprach Reichsinnenminister Dr. F r i c'k über die Reichsrefonn und er- " klärte dazu, dem B. T. zufolge, daß an sich-die Weimarer Verfassung mit dem Ermächtigungsgesetz 'gefallen sei. Man habe sie noch nicht durch eine neue Verfassung ersetzt, 'weil man ein - organisches Wachstum wolle. ' Man schaffe, was der Augenblick erfordere. Aber jeder Tag bringe ein großes Stück Hcichsreform und am Schluß stehe das große Verfassungswerk, das man dem deutschen Volke geben wolle. Zur BevSlkerungspoliuk und Hassenfrage erklärte der Minister: „Wir stehen auf dem Standpunkt, daß DeuUchUnd den Deutschen gebart. Damit haben \ wirden Haft-de» internationalen Judentums auf uns gezogen. Aber die Herrschaften täuschen sich, wenn sie glauben, uns mit irgendwelchen Schwierigkeiten, besonders auf dem Gebiete des Exports, auch nur um Haaresbreite von . unserem Wege abbringen zu können." ' Das internationale Judentum habe bereit» ein Friedensangebot unter der Voraussetzung gemacht, daß man die deutsche Einstellung zum Judentum Indere.j Die Annahme «ine» derartigen. Angebot» könne nicht in Frage kommen, und kein Jude habe ein Recht, sich Ober' ungerechte Behandlung in Deutschland zu beklagen.