Mannheim
Compact Memory

Jüdische allgemeine Zeitung · 1934-11-28 · 91 (28.11.1934) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische allgemeine Zeitung
Volume
14 (1934)
Issue
91 (28.11.1934)
Date
1934-11-28
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/4109741-4109754-2613599--045-2617090
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

T-lSUßlSs] zu Berlin. BERLIN 28. November 1934 ßtokeUftje^ PREIS 25 PF. Nr. Ol / 14. Jahrqan« JUDISCHE AUGEMEINE SchiifUeituns und Geschäftsstelle: Berlin W 1B, TJhlanostr. 158. Feraraf: 3 2 Olira 69G8. Bankkonto: Kreditrerein für Handel nnd Gewerbe eGmbrll Berlin N21. — Bezugspreis: IUI. 1,— monatlich (luzügl.. RH. 010 Zeitungegebühr und Bestellgeld), tx" Streifbandversand inzügL RH. 030. Verlag: VerlacJeeuoaaenachaft in Deutschland anaasaiger Joden cOmbll. (In Gründung). Berlin W15. OUlandatr. 1S8. Anzoiuenurei»: Pie U'geapaJU mm-ZeileBM.0.16. f. Fainilienaawigen RM. 0,1!!, f. Stelleugeancli« RH. 0,08. Bei unverschuldeter Niohtboliefeiunif. bejlelit kein Auaoruoli uut Vergütung. Unter Lichtfeft /Auftrag an die Jugend Von HEINZ KELLEIIAIANN Als nun die Zeit kam, du MaUnthias sterben sollte, sprach er zu seinen Söhnen: „Jetzt herrscht Züchtigung und ist eine Zeit des grimmigen Zornes. So eifert nun für das Gesetz, meine Kinder, und gebt euer Leben hin für den Bund der Väter! Gedenkt der Taten eurer Väter, die sie vollbrachten zu ihrer Zeit, und erwerbet euch großen Ruhm und einen ewigen Namcnl" tt uDaS ist Ghanukfca- Das Fest der Lichter, das Heldenlied von Kampf und Sieg, von Todesmut und Gottesfurcht, von der Schärfe des Schwertes und dem Glanz der Weihe. Wenn es einen augenfälligen Gegensatz giht zwischen den beiden Festen, die im kommenden Monat in Deutschland gefeiert werden, zwischen Chanukka und Weihnachten, darin ist es scheinbar der Gegensatz von Krieg und Frieden, liier „Frieden auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen" und dort der heroische Kriegsruf Judas, des Makabäers: „Die Sachen stehen also jetzt so, daß ihr entweder die Freiheit und ein glückliches Leben erringt/wie wir es unter den alten väterlichen Einrichtungen gehabt haben, oder aber daß ihr, wenn ihr im Kampfe euch feige benehmt, das Schimpflichste erleidet und mit eurem ganzen- Geschlecht zugrunde geht. Bedenkt ihr nun, daß ihr auch ohne Kampf dem Tode verfallen seid und habt ihr die Überzeugung, daß euch als Lohn Freiheit, Heimat und freie Ausübung eurer Gottesverehrung winkt, so werdet ihr euch mutig zum Kampf rüsten . . ." Das ist Romantik, echteste Romantik. Alles oder nichts, Leben oder Tod, Sieg oder Untergang, was kann revolutionärer sein als diese Alternative I Hier - begegnen sich Pflicht und Glaube in der Zone der Gefahr, und jedes kleinliche Bedenken fällt wie Plunder ab von der nackten Grausamkeit der Realität. Welcher Reiz für jugendliche Seelen, aber auch welche Genugtuung für eine Geheration, die sich die männlichen Tugenden „Ruhm, Demut, Tapferkeit, Vaterlandsliebe, Führertreue, Volkstreue" (Stapel) von ihrer Umwelt absprechen lassen muß, die nach der Ansicht neuester Interpreten sich statt der heroischen Denkweise: „Lieber in Ehren sterben als in Schande leben" der feigen Übung befleißigt: „Leben, leben, bloß, leben, auch, in Schande lebt sich's schön" (Passarge). Chanukka: das ist Hanna mit ihren vielen Söhnen, das ist Eleasar, die ewigen Namen, die den Zug jüdischen Märtyrertunis anführen. Chanukka, das ist Mattathias, Juda Makkabi und das Hasmonäergeschlecht, das ist Mut und Kriegsgeschick, Sieg und Freiheit, das ist der gerechte Lohn der guten Sache. Nach ihnen steht keine große Gefolgschaft. Wo und wie oft hat Israel später wirklich mit der Schärfe des Schwertes gesiegt, wann hat es . den Triumph seines Glaubens feiern dürfen mit dem Erfolg der glücklicheren Waffe? Und selbst der 25. Kislew ist streng: genommen kein Siegestag gewesen.. Er war eine Atempause zwischen den Schlachten. Nichts war entschieden, schwere Kämpfe standen bevor, und der Friede lag in weitem Felde. So waren die Tage des "Juda Makkabi. -Er stand mit seinen Brüdern im letzten Auftrag ihres Vaters: „Eifert für das Gesetz, und gebt euer' Leben hin für den Bund der Väter!" Juda Makkabi hat den Befehl wortgetreu erfüllt. Er sah das Neue werden, er führte es selbst herbei, aber er erlebte nicht mehr die Vollendung, wie Moses sie nicht erlebt hatte, wie keiner der wahrhaft Großen sie je erlebt. Sie alle lebten im Auftrag, d. h. zwischen Geheiß und Erfüllung, aber in ihnen war das Werk schon in ganzer Fülle vollendet, bevor es außen sichtbar sich gestaltete. Der Tempel stand, mochte die Welt auch schwanken. Wenn Chanukka, das Fest der Erneuerung; heute ein Gleichnis bietet, hier liegt es begründet. Es ist der Auftrag an die Generation, die zwischen den Zeiten steht. — Die jüdische Jugend erlebt in Deutschland schwere Tage. Das ist für sie eine bedenkliche. Situation, weil sie sie. zu falschen liomantizismen verführt.-Der heroische Mensch gellt bei. ihr um. Keine Gestalt aus unseren Tagen, gehämmert' von der Härte des wirklichen Lebens, sondern eine Ausgeburt der Selbstgefälligkeit, Geheimnisse abseits vom Wege und Prahlereien auf offener Straße — falsch verstandene Lagerfeuerstimmung. „Wer von der Vergangenheit lebt, geht an der Vergangenheit zugrunde!" Die Gegenwart * scheint uns nicht mehr" zu gehören, mag sein; aber diese Verfangenheit hat uns nie geört. - —.....- Und eine zweite Gefahr: das ist die Gefahr selbst. Nietzsche hat mit ihr gespielt, und mehr noch: er hat sie gesegnet. Zu dem gestürzten Seiltänzer beugt Zarathustra sich nieder: „Du hast aus der Gefahr deinen Beruf gemacht, daran ist nichts zu verachten. Nun gellst du an deinem Beruf zugrunde: dafür' will ich dich mit meinen Händen begraben." — Das ist es, das „Aus der Gefahr eisen Beruf machen", das jüdische Jugend beute oft zur Wirklichkeitsfremde führt. Dieses Ideal aus Tod und Verklärung macht sie blind gegen Realitäten. Diese falsch verstandene Romantik, die aus dem Unglück' ein Verdienst macht, hat mit der Romantik Gelang der Chanukkalichter Von ARTHUR SILBERGLEIT Und wieder flüstern uns die gold'nen Lichter Jahrtausendsagen; ihre Angesichter Verklären sich so wie verzückte Dichter Beim Psalm auf Judas Makkabäus' Ruhm, Daß er als Held beschirmt die Tempelpforte, Und Harfenmärchen, Hohepriesterworte Verzaubern jedes Herz zum Heiligtum. So mythentief durchraunen Kerzenzungen Uns mit dem Traumlied der Erinnerungen, Daß Urahn Schwert und Harfe einst geschwungen In Treue zu Jehovas Majestät, Daß uns're Seelen gläubig selbst erglühen Wie Lichter pilgernd sich zum Herrn bemühen, Der uns in Sternen seine Spur verrät. niiiiiiiiuiiiiiiin unseres Chanukka wahrhaftig so wenig zu tun wie diese schwebenden Luftexistenzen mit dem bodenverwurzelten Heldentum des Juda Makkabi und dem" bodenlosen Leid jüdischen Märtyrertums. Denn sie stehen nicht zw ischen den Zeiten, sondern außerhalb. Von allem was war, haben sie sich vergoldete Erinnerungen bewahrt, und von dem, was ist. wollen sie nichts sehen und hören. Sie haben nur einen Wunsch: möchte doch'der goldene Traum nicht weichen und möchte nie die Grenze ihres Jugendlandes erreicht sein. Ihnen fehlt der Auftrag. Ihnen fehlt das Bewußtsein, im Dienste einer Sache zu Die jüngste Generation stehen, die größer ist als die eigene Person, Ihnen fehlt schlicht gesagt die Demut des Gerechten. Nein, da» ist nicht die Jugend, die wir rufen. Sie hat nicht den Geist des Chanukka. Sie fühlt sich nur «ich selbst verantwortlich, und niemals wird sie Tempel bauen. Die jüdische Jugend bot heute zwischen den Zeiten zu stehen, eingedenk ihrer großen Vergangenheit, mit klarem Blick für die Cegenwart, aufgeschlossenen Herzens für eine bessere Zukunft. Sie hat von jenem Heldentum zu sein, das nicht von sich redet und nicht von sich reden macht, das vor den lauten-Erfolg das schweigende Beliorren stellt und das inmitten der Gefahr sich noch zum. Geist bekennt. Judentum kennt solches Heldentum. Ks hat ihm ein ewiges Gedächtnis gestiftet: Das Buch. Chanukka, Fest der Erneuerung, Fest des Geiste«, nicht Fest des Schwertes. Es ist der Auftrag an die Zwischengeneration, die da lebt nicht um ihretwillen und nicht um der Gefahr wil!en,spndern um des Auftrags willen, die selber vielleicht nicht mehr die Erfüllung sehen wird und dennoch Tempelbaut. ■ . _ Konfeflionen in Deutfchland Der Anteil der Juden an der HeithabevoUernflg In einer Sonderveröffentlichung de» Statistischen Jleichsamt» wird ein umfassender Überblick über die religiös« iwummmsetzung des deutschen Volke» in Stadt und Land gesellen. Von - der rund 65,2 Millionen umfassenden GesamÜMsvölkerung _de» Deutschen lleichc» (ohne Saargebiet) entfallen auf die beulen llauutkonfessioncn zusammen. 95,12 Prozent. Die verbleibenden ruroi 3,2 Millionen Personen oder 4,88 Prozent setzen sich aus „anderen Christen", Israeliten und „Sonstigen" zusammen. Die Israeliten umfassen rund 500000 Personen oder 0,77 Prozent der Gesamtbevölkerung. . Die Israeliten (liier der Religion»-, nicht der lUssezugehörigkeit nach) haben im letzten Zählabschuitt um rund 65 000 Personen odet-11,5 Prozent abgenommen. Der Anteil der Israeliten an der Heichsbcvölkerung ist infolgedessen von 0,'JO Prozent auf 0,7 7 Prozent zurückgegangen. Die Abnahme wird vor allem aut Abwanderung zurückzuführen sein; sie erklärt sich femei aus dem S t e r be I »1 lül>e r »chu 6 der hrseUteOcZum Teil wohl auch durch Austritte aus den Uraelitisehe» lleligiorugemeinBchaften. ' Wieaus dem neuen amtlichen Material über die deutschen Konfessionen hervorgeht, sind von 555857 Einwohnern in Frankfurt a. M. 317 58!» evangelisch (57,2 v. IIJ — daro» 310248 Angehörige evangelischer Landes- oder Freikirchen —, 184194 rdrnlsch-katholiscS (33,1 v. H.), 26 158 Israeliten (4,7 v. H.). 1

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.