Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 14 (1934)
- Issue
- 82-83 (12.10.1934)
- Date
- 1934-10-12
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Man. empfindet wohl, daß die Lokalverwaltung (mit Ausnahme des Oberaufsehers, der extra von Paris geschickt worden ist) selber entsetzt ist über diese unmenschlichen, willkürlichen-Maßregeln, daß sie aber verpflichtet ist, dieselben auf mich anzuwenden, da es nicht ihre Sache ist, über Verordnungen, die ihr auferlegt werden, zu diskutieren. Nein, die Verantwortlichkeit liegt weiter-,oben, beim ~ Urheber oder den Urhebern dieser unmenschlichen Vorschriften. Aber, wie groß auch die Qual, die körperliche und seelische Marter sein mag, die man mirauferlegt, meine Pflicht, die Pflicht der Meinigen bleibt sich immer gleich: wir verlangen und wollen die allcrgründlichste Aufklärung über das entsetzliche Drama, denn wir sind Unschuldige, - die nichts zu fürchten haben und die auch' nichts fürchten, - da sie nur Eines fordere, die Wahrheit. Wenn ich das alles so überdenke, werde ich nicht einmal mehr zornig, ich empfinde nur ein ungeheures Mitleid mit denen, die so viele menschliche Wesen auf diese Weise quälen. Was für Gewissensbisse bereiten sie sich für den Zeitpunkt vor, an dem die Wahrheit an den_Tag gekommen sein wird, denn die Geschichte, sie kennt keine Geheimnisse. Donnerstag, 10. September 1806. Es ist alles in mir so traurig, mein Gemüt so zerquält, mein Gehirn so zerschmettert, daß ich nur noch mit Mühe meine Gedanken zusammenraffen kann; das ist wahrhaftig . zu viel des Leidens, und immer steht das entsetzliche Rätsel noch vor mir. Ich bin. so an Leib und Seele erechöpft, daß ich heute . mit dem-Tagebuch aufhöre, da ich noch nicht vorher sehen kann, wie weit meine Kräfte noch reichen, wann mein Gehirn - unter der Last so vieler Martern bersten wird. ■ Ich schließe es, indem ich an den Herrn Präsidenten der Republik, für den Fall, daß ich erliegen sollte, bevor das Ende dieses entsetzlichen Dramas erreicht, ist, eine letzte, höchste Bitte richte: Herr Präsident der Republik, ich gestatte mir, Sie zu ersuchen, daß dieses Tagebuch, das ich ohne weitere Absicht geschrieben, meiner Frau übergeben werde. - Herr Präsident, man findet darin vielleicht den Schrei des Zornes und Entsetzens gegenüber der grauenhaftesten Verurteilung, die je ein menschliches Wesen, und dazu noch ein menschliches Wesen, das seiner Ehre nie etwas vergeben, betroffen hat. Ich habe nicht mehr den Mut, es nochmals durchzulesen und die furchtbare Reise ein' zweites Mal zu . machen. ' Ich erhebe heute gegen niemanden eine Gegenklage; jeder war der Ansicht, in vollem Recht und aus reinem Gewissen-zu handeln. Ich erkläre nur einfach, daß ich ah diesem schändlichen Verbrechen unschuldig hin, und-daß ich nur immer das Eine, dasselbe fordere, daß man nach dem wirklichen Schuldigen, dem Urheber dieser unerhörten Missetat fahnde. T ‘ Und dann fordere ich, daß an dem Tage, an dem die Wahrheit aufgedeckt worden, man meiner geliebten Frau, meinen teuren Kindern das Mitgefühl zuteil werden läßt, das ein so großes Unglück einzuflößen vermag. Der J. B, C. „Berlin“ boxte Verwarnungen im Ring Man muß es schon zugeben: dieses Mal war dem veranstaltenden Verein eine Wiederholung des rauschenden Erfolges der Premiere nicht vergönnt. Schon rein äußerlich war der Unterschied festzustellen, Wies doch der Saal in der Spichemstraße, der die größte Boxträdition aller Berliner Kampfstätten hat, erhebliche Lücken auf. Die Kämpfe wurden von dem früheren Meisterboxer Erich P a nn e-Teutonia geleitet. Nahezu alle Boxer kämpften äußerst unrein, und es gab kaum einen, der den Ring ohne Verwarnung verlassen konnte. Panne ließ sich durch den aufopfernden Siegeswillen der Aktiven nicht irritieren, sondern ahndete jeden Regelverstoß mit unnachgiebiger Härte, so daß mancher Kampf.ein Ende durch Disqualifikation fand.. Es dürfte sich für die Zukunft empfehlen, daß die Trainer im Training einer sauberen, den Regeln entsprechenden Kampfesweise ihre größte Beachtung zuwenden. Fs ist selbstverständlich; daß nicht jeder junge Sportler ein Talent sein kann, unbedingt muß aber verlangt werden, daß jeder, der für gut genug gehalten wird, der Öffentlichkeit präsentiert zu werden, die elementaren Regeln des Boxens* beherrscht. Es wurde zum überwiegenden Teil geprügelt, und wenn den Aktiven auch gern attestiert werden soll, daß sie sich mit großem Herzen - und Siegeswillen schlugen, so genügt das für eine öffentliche Demonstration noch in keiner Weise. Den besten Kampfstil zeigte wieder M ey e r-Köln, der aber auch leider zu einem billigen Disqualifikationserfolg über L e wko w i tz-Breslau kam, da dir Breslauer alles mit der Innenhand schlug. Es war der einzige Fight, dessen frühzeitiges Ende man bedauern konnte. , Wenn man aus dieser Veranstaltung gelernt hat, so hat sie schließlich ihren Zweck doch noch erfüllt, und die Zuschauer werden mit der Aussicht auf ein besseres Gelingen sicherlich alle wieder zur Stelle sein, wenn der J.B.C. „Berlin“ sie ruft. J. Kheimer die Folgen der „Bodensperre“, die eine wirkliche freie Konkurrenz verhinderte und schließlich zur Ursache schwerster sozialer Not und wirtschaftlicher Krisen wurde. . Den Kapitalismus sieht der Redner .im Sterben. Welches ist nun unsere f??- ■ , Gewalt hat einst Mensch und Boden gefesselt. Die bürgerlichen Revolutionen haben nicht den Boden befreit. Überall dort, wo freier Zugang zum Boden bestand, herrschte soziale Gerechtigkeit, blühte die Wirtschaft des Landes. Wir ' müssen den Boden erlösen! 6000 Jahre Staatsgeschichte sind nur ein kleiner Teil im Verlaut der Geschichte. De„ „Sinn der Geschichte“ kann man nicht von dieser verhältnismäßig kurzen Zeit ableiten. Diese 6000 Jahre sind der Ablauf einer :— vielleicht sogar notwendigen- — Krankheit. Ist erst der Boden dem Besitz einiger weniger entzogen, werden sich auch die Schlußfolgerungen der Klassiker erfüllen. Die Entwicklung wird dann vom Krieg zum Frieden gehen. Aber die Voraussetzung'ist eben die Freiheit des Bodens, wie sie schon die Bibel vertritt: „Mein ist das Land“, spricht der. Herr, „und ihr seid mir nur die Erbsitzer auf ihm!“ —mf-~. 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Haus Abschiedsvortrag Franz Oppenheimers Nationalökonomie im Kulturbund Vor einer Reise nach Palästina verabschiedete sich Professor Franz Oppenheimer von der Berliner Kulturbund- Gemeinde mit einem Vortrag über den „Sinn der Geschichte“, de, ihm Gelegenheit gab, seine bekannten agrarsozialistischen Ideen zu vertreten. Ein Optimist sprach. Die Singakademie hatte sich in einen Kollegsaal verwendelt. Nach einem historischen Überblick über die Sinndeutung der Geschichte in den verschiedenen Zeiten bis auf unsere Tage zeigte Oppenheimer die gesellschaftliche Grundlage, auf der diese Auffassungen entstehen konnten. Die optimistische Auffassung der deutschen klassischen Philosophie, daß die Entwicklung von der Barbarei zur Bildung, von der Gewalt zum Rechtsstaat ginge, war durch die wirtschaftlichen Tatsachen — Zunahme des Reichstums auf der einen, größtes Elend auf der andern Seife — erschüttert worden. Aber dennoch hatten nach Oppenheimer die Lehren der Klassiker ihre Berechtigung. Die Schlußfolgerung war-richtig,' doch die Voraussetzungen waren noch nicht geschaffen. Wir sind es gewohnt, die Weltgeschichte mit der Staatengeschichte gleichzusetzen. In Wirklichkeit' hat die Staatengeschichte nur ein Alter von etwa 6000 Jahren, während die Vorgeschichte in Europa 100 000, außerhalb Europas eine Million Jahre zählt. Staaten entstanden nun nicht durch Wachstum, sondern durch Eroberung. Die Sieger machen sich zu Herren, und nun werden Mensch und Erde gefesselt. Die Tatsache des Ausschlusses der meisten Menschen vom Bodenbesitz mußte die Entstehung einer glücklichen Gemeinschaft verhindern, ln anschaulicher Weise schilderte Oppen- Der jüdische Sarastro Bei der ersten Aufführung von Mozarts „Zauberflöte“ in Prag im Jahre 1795 trug sich ein „Ereignis“ zu, das die Gemüter der Bewohner der Moldaustadt wochenlang beschäftigte. Das sensationelle Ereignis bestand darin, daß ein Jude als Sänger des Särastro auftrat. Ein Prager Blatt begleitete diesen Vorfall mit folgenden Worten: „Am zehnten v. ward hier das bekannte Stück „Die Zauberfiöte“ gegeben. Ich eilte ins Theater — und — wie erstaunte ich nicht — als ich in der Person desSa'rastro einen wohlgestalteten jungen Mann mit einer einnehmenden Stimme erblickte, von dem man mir sagte, daß er ein Israelit — jäj ein Israelit sei. Er eischrak anfänglich, als er auf der Bühne erschien, ein Beweis, daß er ein Mensch sei, den die Natur, um ihre Rechte zu beweisen, an seine Schwäche erinnerte. Das Publikum, so dies merkte, klatschte, um ihm Mut einzuflößen, Beifall zu und erreichte seinen Zweck; denn er sang und sprach nachher wiederholt mit wahrer Anmut und Würde. Ich lauerte aufs Ende, und man rief und klatschte ihn mit Beifall heraus. Kurz, ich fand das hiesige Publikum anders, als man es uns schilderte, fand, daß es selbst an Israeliten Anlagen uiid Verdienste zu ^befördern weiß, und nur vielleicht gegen jene anders gesinnt ist, wider welche es vielleicht gerechte Klage führt. Hartung, so ist der Name dieses Israeliten, wird nächstens in anderen Rollen auftreten und den erhaltenen Beifall noch mehr zu rechtfertigen suchen.“, Berliner Bottesbienfte Freitag, 12. Oktober. Neue Synagoge, 5.15 Wir: Sänger. Lindenstraße: 5.15 Uhr. Friedenstempel 5.30 Uhr: Warschauer. Lätzowstraße, 6 Uhr: Seligsohn. Fasanenstraße, 6.30 Uhr: Salomonski. Levetzowstraße, 7 Uhr: Prinz. Prinzregentenstraße, 7.15 Uhr: Gatliner. Liberale Synagoge Norden, Schönhauser Allee 162, 7.15 Uhr: Brasch. Liberale Synagoge Osten„ Kaiserstraße 30, 7.30 Uhr: Adler. Liberale Synagoge Nordost, Prenzlauer Promenade 176, 7.30 Uhr: Plaut. Liberale Synagoge Westend, Kaiserdamm 78, 7.15 Uhr: (~i mf Tiheimli» C<iHn<*Aita J_S. __e * achimsthaler Straße 13, 6.30 Uhr: Rosenthal: Sonnabend, 13. Oktober. Synagogen mit neuem .Ritas: Hmptgotlesdienst 10 Uhr. Frühgottesdienst: Lindenstraße, Levetzowstraße und Prinzregentenstraße 7.30 Uhr. Lindenstraße: Weyl. Liberale Synagoge Norden: Brasch. Jüdische Religionsgemeinde Charlottenburg, 9.30 Uhr: Plolke. Sonntag, 14. Oktober. Jüdische Reformgemeinde, Johannisstraße 16, 10.30 Uhr: Gotischalk, Brillanten u. Silbcrsaehen, Zahngoldbruch kauft höchshahlend I A B nA AI Berlifi’Charlottenburg, l|| KUH n» Joarhimnthaler Str. 7 im Haust QuiVtou/omar WUCHEREI BARTON * PläUcrel,Gard.-Spannerel. Gew.-Wäsche Kaiser Friedrlchstr, la (am Ulullaf Lulsenptatz) u. Goethestr.74 Abholung und Lieferung freu Salt 35 Jahren KÖpenicber Wäscherei K. Lehmann Köpenldc« WllhalmstraOa 5 Abholung u. Lieferung Jeden Freitagt Schoneodste Benandiung Pianos z. Miete! 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