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Jüdisch-liberale Zeitung · 1934-10-12 · 82-83 (12.10.1934) · page 9

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
14 (1934)
Issue
82-83 (12.10.1934)
Date
1934-10-12
Page
– (sequence 9)
Language
German
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14. Jahrgang Nummer 82/83 3fiöifrt)-Uftgttrtg 3eifong 2. Beilage 12. Oktober 1934 Knacker / Ein j'emenififdjer Sdjwank Die älteste Judenschaft der Welt, die länger, als jede andere und verhältnismäßig unbeeinflußt van. innerjüdischen Wanderungen auf demselben Fleck sitzt und dabei ihre Auf der Suche nach der Bundeslade , Salomos religiöse Verfassung bis auf den heutigeh Tag unverändert gewahrt hat, sind die jemenitischen Juden. Der Ueberiiefcrung nach sind sie bereits vor der Zerstörung des ersten Tempels nach dem Land im südwestlicjien Teil Arabiens, in dem zu Salomos Zeiten die Königin von Saba herrschte, ausgewandert. . Nach der Rückkehr aus der babylonischen Gefangenschaft ließ Esra an die jemenitischen Juden eine Botschaft ergehen, in der er sie aufforderte, nach Jerusalem zurückzukehren. Da sie sich weigerten, wurden sie von 'dem Propheten verflucht und seitdem hat niemals mehr ein Jude aus Jemen den Namen Esra geführt, ln einer-in der Bücherei des Schochen-Verlages erschienenen Anthologie hat S. D. F. G oit ei n interessantes, sagenhaftes und geschichtliches Material zusammengeträgen, Gelehrtenlegenden und Märchep, sodaß man das einzigartige Leben und manchen setlsamen Brauch jener abseits von allen übrigen Juden stehenden jüdischen Gemeinschaft, deren Angehörige zum überwiegenden Teil Handwerker sind, auf eine anregende Art kennen lernt. Der nachstehende Schwank ist dieser Sammlung, die den Titel „Von den Juden Jemens“ trägt, entnommen. Es gab einmal einen Mann und eine Frau, die hatten nur ein Kind, sie waren aber sehr arm. Da starb der Mann und hinterließ nichts weiter als ein Kalb. Nach dem Tode seines Vaters fragte der Sohn seine Mutter, wie er hieße. Sagte sie ihm: Du hast keinen Namen. Sagte er: Dann gib mir Geld, daß ich mir einen kaufe. Sagte sie: Geld haben wir keines, aber wenn du das. Kalb nehmen willst, bitte schon.- Da-nahm der Sohn das Kalb und zog los, bis er sieben Räuber traf. Die fragten ihn nach seinem Begehr, und als er ihnen davon Mitteilung gemacht hatte, nahmen sie ihm das Kalb ab und sagten ihm: Du heißt Knacker. Voller Freude., eilte er zu seiner Mutter zurück und rief: Mutter, jetzt habe ich einen Namen. Welchen denn? fragte die Mutter. O weh, sagte er, ich habe ihn vergessen. Sogleich eilte er wieder den Räubern nach und fragte sie nach seinem Namen. Die gaben ihm einen Krug mit und sagten ihm: Wenn du zu deiner Mutter zurück kommst, zerschlage den-Krug, der Krug wird dann „Knack“ machen, und du wirst dich deines Namens erinnern. Er tat, wie ihm geheißen, seine Mutter aber war sehr böse und sagte:- Weh dir, unser einziges Out hast du vertan, und hast dich doch nur narren lassen. Erwiderte er: Nun, du wirst sehen, Mutter, sie werden es schon bekommen von wegen des Kalbes und einiges dazu. men den Sack mit dem. Hirten und warfen ihn in einen Teich. Am nächsten Tag kamen die Räuber wieder an diesem Teich vorbei, aber wie groß war ihr Erstaunen, als 'sie plötzlich Knacker mit einer großen Herde vor sich stehen sahen. Wie kommst du denn hierher, riefen sie. Ist der Tag der Auferstehung denn schon da? Mit nichten, erwklcrle Knacker. Aber wißt ihr denn nicht, daß es da unten im Teich die herrlichsten Besitztümer zu holen gibt? Er führte sie an den Rand des Teiches, in dessen Wasser das Spiegelbild der Tiere seiner Herde zu sehen war und rief: Schaut doch nur dahinunter! Ich habe mir von da dfunten diesie ganze Herde von Schafen und Rindern herauf geholt, und so habe ich jetzt alles, was ich brauche. Vielen Dank auch! Da wurden die Räuber lüstern und sagten zu Knacker: Vielleicht bist du so gut und wirfst uns alle in den Teich, damit auch wir uns eine solche schöne Herde heraufholen können? Knacker erklärte sich gerne dazu bereit und wollte sich schon an-' die Arbeit machen. Sie meinten aber: Vielleicht warten wir lieber damit bis zum Abend? Auf keinen Fall, erwiderte Knacker, die Wasserherden verstecken sich bei Nacht, unddann werdet ihr nichts erlangen. Na, wenn es nicht anders geht, sagten die Räuber, und ließen sich einer nach dem anderen ins Wasser werfen. Nachdem dies vollbracht war, eilte ‘ Knacker ins Haus der Räuber, nahm alles, was darin war, und brachte es seiner Mutter, indem er sagte: Siehsf du, Mutter, dies ist von wegen des Kalbes und noch einiges dazu. Von nun an waren sie reich, und es erging ihnen gut bis an ihr Ende. Auf ihrem Dache ist Schafsmist, auf unserem aber sind Rosinen und Mandeln! Die abessinische Regierung hat, wie wir der Kölnischen Volkszeitung entnehmen, dem englischen * Bibelforscher Thompson die Genehmigung erteilt, die sonst einem Europäer unzugänglichen Klöster im Innern des Landes aufzusuchen und sich Auszüge aus den in den Klostcrbibliotheken.aufbewahrten alten Schriften zu machen. Das Ziel der Arbeiten Thompsons ist, die Bundeslade aus dem -Teinpei Salomos, die angeblich seinerzeit nach den abessinischen Klöstern gebracht worden ist, aufzufinden. Die. wissenschaftliche Bibelforschung nimmt an, daß nach der Plünderung der abessinischen Klöster durch die Derwische, die Bundestade in ein bisher nicht auffindbares Versteck gebracht worden ist, und "daß sich Berichte hierüber noch in den Klosterbihliotheken befinden. Letzter Gottesdienst in der GrObziger Synagoge Dessau. 1n der Synagoge in Gröbzig- (Anhalt), die, wie bereits früher gemeldet, in das Eigentum der Stadtgerneindc Gröbzig übergeht, weil eine lebensfähige jüdische Gemeinde am Orte nicht mehr besteht, fand ein feierlicher Gottesdienst statt, zu dem der Vorstand ijes Anhaitischen Landesverbandes Israelitischer Kultusgcineindcn und Mitglieder.der Gemeinden Dessau und Köthen erschienen waren. Landesrabbiner Dr. Walter (Dessau) erinnerte in seiner Abschiedspredigt an' die wechselnden Schicksale, die diese jüdische -Landgemeinde während ihres dreihundertjährigen Bestehens erfahren hatte. Anschließend an den Gottesdienst zündete Rabbiner Baneth (Köthen) in der neuen Betstube der Gemeinde das Ewige Licht an. Alfred Dreyfus: Unschuldig auf der Teufelsinsel Sogleich ließ er sich von seiner Mutter einige zerbrochene Armbänder geben, steckte sie in den. Boden seines Gartens und begann die betreffende Stelle zu begießen. Die sieben kamen am Garten vorbei und fragten' ihn nach seinem Beginnen. Sagte er: Diese Erde hat die Eigenschaft, daß sie- Silber hervorbringt, wenn man Weizen auf ihr sät. Fragten sie: Wieso denn? Da zog er einige Stücke der zerbrochenen Armbänder aus dem Böden und zeigte sie ihnen. Sowie sie die sahen, kauften sie ihm das Stück Land für teures Geld ab. Sie säten Weizen, aber die Erde brachte nichts anderes hervor als Weizen. 'Da verklagten, sie Knacker beim Richter. Knacker aber brachte Zeugen dafür herbei, daß die Räuber seihst gesehen, hatten, wie aus dem Boden Silber wuchs. Sie hätten eben nicht so. viel Glück gehabt wie er. Der Richter wies sie ab, Knacker aber tröstete sie damit, daß er ein noch besseres Geschäft für sie habe. Er nahm einen Esel undsteckte ihm ein Korn Gold in den After; wenn er ihn dann mit einem spitzen Stecken in die Hinterbacken stach, gab der Esel das Gold von sich. Sowie die sieben Räuber sahen, daß Knackers Esel Gold von sich gab, kauften sie ihm den Esel für ein großes Stück Geld ab. Knacker sagte ihnen aber: Dieser Esel frißt nur Rosinen und Mandeln und gibt nur einmal die Woche Gold von sich. Man muß ihn dazu ins"feinste Gemach-des oberen Stockwerks bringen, darin schöne Teppiche ausbreiten, viele^ Porzellantassen hinterstellen und viele Lampen anzünden und an allen Seiten, ringsum Spiegel anbringen. Die Räuber machten alles genau so, wie Knacker es ihnen erklärt hatte, und wachten die ganze Nacht erwartungsvoll an der Tür des Gemachs. Sowie nun der Esel die vielen Lampen aus den Spiegeln wider- ■ strahlen sah, und sein eigenes Ebenbild , ihm von allen Seiten entgegentrat, wurde er toll und tobte im Gemach umher, bis alle. Lampen, Spiegel und Porzellantassen zerbrochen und alle Teppiche zerschnitten waren. Die Räuber aber waren hochbeglückt,, als sie den Lärm hörten; sie dachten nämlich: wieviel Gold hat nur der Esel von sich gegeben! Das klirrt und kracht ja nur so! Als sie aber am Morgen ins Gemach traten, sahen sie, was' der Esel angerichtet hatte, und sogleich liefen sie zum Richter, Knacker zu verklagen. Dieser aber brachte Zeugen dafür, daß der Esel vor -den Augen der Räuber Gold von sich gegeben hatte; wenn es den Räubern nicht gelungen wäre, dann hätten sie eben nicht so viel Glück gehabt wie er. Der Richter erkannte, daß Knacker im Rechte '-war und wies die Räuber ab. Als die Räuber sahen, daß sie Knacker auf dem Wege des Rechts nicht beikommen konnten, packten sie ihn und steckten ihn in einen Sack, um ihn in einem Teich zu ertränken. Unterwegs trafen sie auf ein Wirtshaus, da gingen sie hinein, um etwas zu sich zu nehmen, Knacker ließen sie aber draußen liegen: Knacker schrie laut um Hilfe; zufällig kam ein Hirte, der-’ Knacker kannte, mitsamt seiner Herde vorbei: Was ist dir? Da schrie-Knacker:.Weh mir, man will mich mit der Tochter des Sultans verheiraten, und zu diesem Zweck hat man mich in diesen verfluchten Sack gesteckt,; um mich zu ihr zu bringen. Sagte der Hirte: Willst du, daß wir tauschen? Sagte Knacker: Von Herzen gern. Der Hirte band den Sack auf und ließ Knacker heraus, dann kroch er selbst in den Sack; Knacker schnürte diesen zu, nahm die Herde an sich und machte sich davon. Die Räuber aber nah-. Bis an die Grenze meiner Kraft — Nächte in Bisen — Wie ein wllde& Tler bewacht Brief an den Präsidenten Alfred Dreyfus, der französische Qeneralstabsoffizler, dessen Affaire um die Jahrhundertwende die ganze Welt. beschäftigte? wurde ln ^dieser Woche 75 Jahre oit..- Vor genau eO'Jahr*nram /3.,Ohjoberf;.lS1Zf,'wmrde,der£jlawzgti£m} ~ französische Hauptmann plötzlich wegen■ Splonageverddchls'iuguhsten ‘Deutschlands ‘ Arluffttf&itfki^if'^Üree^^ vom Militärgericht degradiert und zur Deportation nach der Teufelslnset an der KästevonFranzöstsch-Oueyaneurteilt. Erst im Juli 1906 wurde das Urteil von Rennes aufgehoben, nachdem die vollkommene ScJutUlaislgkeU _ von Dreyfus festgesteilt worden war. Die furchtbaren, Jahre der Qual, dte Dreyfus, völlig von der Wett der Lebet*, den getrennt, auf der Teufelsinsel zubringen mußte, hat er ln seinem Buch „Fünf Jahre meines.Lebens" geschildert, dem die nachstehenden erschütternden Darstellungen entnommen sind. Sonntag, 6. September 1896. Man teilt mir soeben mit, da, daß ich nicht mehr auf dem Teil der Insel spazieren darf, der für mich reserviert war: ich soll nur noch rund um meine Behausung wandern dürfen. Wie lange werde ich noch widerstehen? Wie kann ich’s wissen? / /Ich hoffe, daß diese Tortur bald zu Ende ist, sonst hinterlasse ich meine Kinder als Vermächtnis Frankreich, dem Vaterland, dem ich immer treu und redlich gedient, und flehe von ganzer Seele und mit aller Kraft diejenigen an, die an der Spitze des Landes stehen, daß sie diese schreckliche Tragödie vollkommen aufklären. Und dann ist es an ihnen nachzufühlcn, was für unverdiente Qualen menschliches Wesen erduldet, und auf meine Kinder das Mitgefühl zu übertragen, das ein solches Unglück verdient. Am selben Tag, 2 Uhr mittags. Mein Kopf tut mir so weh; ach, wie wäre mir der Tod willkommen. __ Teuere Lucie, Ihr meine armen. Kinder, Ihr alle, meine Lieben 1 Was habe ich denn hinieden getan, um auf diese Weise leiden zu müssen? Montag, 7.‘ September 1896. Gestern hat man mich in doppelte Eisen gelegt. Warum? Ich weiß es nicht. 5 Solange ich hier bin, habe ich ganz genau den Weg verfolgt, der mir vorgeschrieben war, und die Vorschriften, die mir gemacht wurden, vollkommen beobachtet. Daß ich in dieser langen, furchtbaren Nacht nicht) verrückt 'geworden bin! Was gibt uns doch das Gewissen und das Pflichtgefühl gegenüber unseren Kindern für Kraft! Da ich unschuldig bin, ist es meine Pflicht, bis an die Grenze meiner Kraft zu gehen; solange man mich nicht umgebracht hat, werde ich eben einfach diese Pflicht erfüllen. Jenen, die sich zu meinen Henkern gemacht, hinterlasse : ich ihr Gewissen zum Richter an dem Zeitpunkt, an dem es Licht werden, an dem die Wahrheit entdeckt werden wird, denn früher oder später im Leben kommt alles an den Tag. Am selben Tag. Es ist fürchterlich, was ich alles erleide, aber ich bin sogar nicht mehr zornig über diejenigen, die einen Unschuldigen auf .diese Weise foltern, ich bin nur voller!Mitleid für sie. Dienstag, 8. September 1896. Diese Nächte in Eisen! Ich will nicht einmal von der körperlichen Qual sprechen, sondern mir von der seelischen.' Und das, ohne Erklärung, ohne daß ich weiß, Warum oder um welcher Sache willen! In was für einem fürchterlichen,, grauenhaften Traum lebe ich denn seit,zwei Jahren?. Nun denn, es ist meine Pflicht, bis an die Orenzen meiner Kraft zu gehen, und ich werde-einfach so weit gehen. Was ist aber das für eine Todesqual für einen Unschuldigen, schlimmer, als jede körperliche Marter. Aus der tiefen Verzweiflung meines ganzen Wesens heraus grüße'ich Euch immer noch mit meiner Zärtlichkeit,; meiner Liebe, Dich, liebe Lucie, Euch, geliebte, teuere Kinder. Am selben Tag, 2 Uhr nachts. . Mein Geist ist so betroffen, so-außer Fassung gebracht durch all das, was seit fast zwei Jahren mit mir vorgeht; daß ich nicht mehr weiter kann, daß alles in imir ’zu-. sammenbricht. Es ist wahrhaftig zu viel für menschliche Schultern. Warum "liege ich nicht im Grabe?' Oh, ewige Ruhe, Ich wiederhole, wenn es Licht geworden sein wird, vermache ich meine Kinder Frankreich, dem geliebten Vaterland. Otaubt mir nur, Du, .mein-lieber, kleiner Bub, Du, mein Töchterlein, und Du, geliebte Lucie, Ihr, die ich aus der tiefsten Tiefe meines Herzens, mit der ganzen iQIut meiner Seele liebe, wenn .Euch diese Zeilen in die Hand, kommen, daß* ich alles getan habe, was in Menschenkraft liegt, um standzuhalten. Mittwoch, 9. September 1896. Der Kommandant der- Inseln ist gestern abend hergekömmen. Er teilte mir mit, daß die Vorschriften, die in Bezug auf mich gemacht worden waren, nicht eine Strafe, sondern „eine Vorsichtsmaßregel“ seien, denn die Verwaltung habe~sich in keiner Weise über mich-beklagt. Eine Vorsichtsmaßregel, wenn man mich-in Eisen legt! Wenn ich doch schon wie ein wildes Tier Tag und. Nacht von einem Wärter mit Revolver und Gewehr bewacht werde! Nein, nein, man muß das Kind beim Name» nennen! Das ist eine Maßregel des Hasses, der Folter, die jene in Paris angeordnet, die, weil sie eine Familie nicht zu treffen vermögen, einen Unschuldigen schlagen, zur Strafe-dafür, daß weder er noch die Seinigen sich vor dem entsetzlichen Rechtsirrtum beugen wollen, beugen dürfen, der jemals begangen worden. - . — ' * Ich bin nicht imstande zu sagen, wer sich In der‘Weise zu meinem Henker, zum Henker meiner Familie aufwirft Wlsctertlbttftob Wllhtln Hülfe Berlfn-Adlmbof . Sdcbowstrafle 15 F3 Adltnbof 7347 . 2S»«Jt',:rkÄSw»f*7 mm

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