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Jüdisch-liberale Zeitung · 1934-10-12 · 82-83 (12.10.1934) · page 1

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
14 (1934)
Issue
82-83 (12.10.1934)
Date
1934-10-12
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Berlin Doppelnummer Preis 30 Pfg. Freitag, 12. Oktober 1934 Nr. 82/83 — 14. Jahrgang f\u6)fcbß6erafe3eifu(ia heutiges SuDenium unb reltgiöfeit Aufbau ^^3 Die „Jüdisch-liberale Zeitung** erscheint zweimal wöchentlich» Dienstag» und Freitags j Felix Goldmann j In Leipzig ist im 53. Lebensjahr Gemeinderabbiner Dr. Felix G o 1 d m a n n Verschieden. Der Verstorbene gehörte zii den führenden und repräsentativen Persönlichkeiten des religiösen Liberalismus. Die Nachricht von dem frühen Heimgang unseres Felix Goldmann, des Leipziger Rabbiners, wird bei den deutschen Juden, die in der heutigen schweren Notzeit jeden Mann brauchen, Bestürzung'und tiefste Trauer auslösen. Es ist kaum zu fassen-, daß dieser kraftvolle Arbeiter und Kämpfer, dem wir eben erst zum 50. Geburtstag gratulieren durften, uns, seinen Kindern, seiner Gemeinde, künftig fehlen soll. Als :ich als junger Generalsekretär der' Vereinigung kurz nach meinem Amtsantritt im Jahre 1016 .Oppeln besuchte, empfing mich Goldmann sehr zurückhaltend. Mit Redensarten und Versprechungen ließ er' sich nicht hinhalten, er verlangte positive Arbeit. Damals und noch die. Jahre, welche er in Oppeln wirkte, hat er für das liberale Judentum außerordentlich viel geleistet. Wie hat er z. B. für den Breslauer 1LI, mit dem er wöchentlich, mindestens einmal zusammenkam, als Lehrer und Anreger gearbeitet; noch kürzlich beim Tode unseres Erich Bayer erinnerte er sich mit wehmütiger Freude an diese Zeit des ausklingenden Krieges, die für ihn und für viele von uns wie eine längst vergangene Märchenzeit zurückliegt. Bei dieser Wirksamkeit zeigte, sich Goldmänns tiefer Emst für alles, was jüdische Arbeit bedeutete. Er haßte das Schlagwort und verlangte Gründlichkeit und Ehrlichkeit, auch auf Kosten mancher lieb gewordenen Parteidoktrinen. So konnte es kommen, daß manche, die .ihn nicht näher kannten, an ' ihm irre wurden. Es hieße, er sei konservativ gewor- . den, er sei zum Zionismus übergegangen u. a. m. Dabei ist sich Felix Goldmann, wie ich aus zahlreichen Unterhaltungen auch bis in die letzten Jahre feststellen konnte^ ganz gleich geblieben. Wie jeder wirkliche Denker und Kämpfer, war er niemals fertig. Er rang an sich und in "sich, er war nicht nur ein reichlich unbequemer Gegner auf Grund seines Wissens und seiner scharfen Wortkraft, sondern auch ein Mitkämpfer und Gesinnungsfreund, der sich nicht einfach mitschleppen ließ, sondern von dem man bei jeder ernsten Frage Ueberraschungen erwarten konnte. In kleinen Dingen der Organisation, für die er übrigens viel Verständnis hatte, war er leicht zum Nachgeben zu bewegen, aber in den großen geistigen Auseinandersetzungen ließ er sich nichts vormachen. Er, der noch wirklich etwas gelernt hatte und der, obwohl fast ertrinkend in den Berufsgeschäften des Alltags, sich ständig weiter fortbildete, ging selbst den Dingen auf den Grund und verlangte Tiefe gerade bei denen, auf deren Seite er kämpfte. Da konnte es Vorkommen, daß er in hellem Aerger über eine taktische Entscheidung, die ihm gegen den Geist ging, auch seinen Freunden etwas sagte und schrieb, was bei jedem andern als Kriegserklärung gedeutet werden konnte. Wir, die ihn kannten und liebten, wußten aber, daß er nicht nur Widerspruch erhob, sondern auch Widerspruch vertrug und einer sachlichen Erklärung jederzeit zugänglich war. Er war eben kein „ausgeklügelt Buch“, sondern in des Wortes tiefster Bedeutung ein ganzer „Mensch mit seinem Widerspruch“. . •. - ' Wir werden ihn sehr schwer missen. Hier soll nicht von dem .gesprochen werden, was er als Rabbiner seiner Gemeinde in seelsorgerischer und sozialer Beziehung geleistet hat — man frage die starke ostjüdische Bevölkerung Leipzigs danach —, hier soll auch nur gestreift werden, was er in den Reihen des C. V. als stolzer, kenntnisreicher und begeisterter Kämpfer für das deutsche Judentum geleistet hat; man lese zu dieser Seite seines Wesens einmal seine kleine Broschüre „Warum sind und bleiben wir Juden“; — ich denke in diesem Augenblick Vor allem an den Verlust, den wir bei der sich anbahnenderi geistigen Auseinandersetzung über die Erneuerung des religiösen Liberalismus fühlen müssen, da uns dieser eigenartige, gerade durch seine Widersprüche. so anregende Geist fehlt. Erst vor Geistige Entfremdung Klarheit! Von Eugen Tannenbaum Wenn zwischen Menschen' Gemeinsamkeiten fehlen, kommt es vor, daß sie sich zunächst das Wetter als Gesprächsstoffaussuchen. Es bildet die neutrale Sphäre, in der sie sich aus der Diskrepanz zueinander hintasten. Das Wetter ist gewissermaßen allen gcmeinsam. Die Sonne scheint über allen Menschen. Der Regen regnet für alle. Es ist Anlaß genug, in dieser- Gemeinsamkeit einen Zusammenschluß, zu erfühlen. Es bedarf unter den jüdischen Menschen des Heute nicht des Wetters, um, bei aller Divergenz der Einzelinteressen, des Temperaments, der Herkunft, des Berufs, der-Bildung eine solche Brücke zu schaffen. Sie ist da. Aber es ist leider oftmals eine Zugbrücke. Von beiden Seiten des Ufers streben Menschen einander zu. Zwischen ihnen gleitet der Strom gemeinsamen Erlebens, ln diesem Augenblick wird die Brücke hochgezogen. Rufe von Ufer zu Ufer. Aber sie werden vielfach nicht verstanden. Auf jedem Ufer spricht man, wenn auch nicht eine andere Sprache, so doch einen anderen Dialekt. Und der Elolmetscher fehlt. Der Dolmetscher ist die Klarheit. In seiner programmatischen Rede in Nürnberg hat Adolf Hitler das .Wort geprägt: Deutsch sein heißt klar sein. Will sagen: Sich verständlich machen und verstanden . werden. Ein Weltbild, ein Gedankensystem, ein bestimmtes Fühlen eindeutig vermitteln. Nicht als abstrakte Doktrin, sondern in einfacher Formulierung. Ohne Gedankenakrobatik. Ohne geistige Verrenkungen. *' Die Situation der Zeit verlangt auch von uns Juden auf deutscher Erde solche Klarheit. In Denken und Fühlen nicht minder als-in Wort und Schrift. Unter dem Mangel an Klarheit leidef innerhalb des' Kreises der jüdischen Gemeinschaft nicht selten das gegenseitige Sichverstehen. Es ist sozusagen ein Fehler der Begriffsbildung. Es ist ein Mangel, teils an Wollen, teils an Fähigkeit, auch kompliziertere Dinge in einfacher Weise auszudrücken. Es ist die Sucht, überalterte Formen geistiger Aeußerung im - neuen Lebensraum anzubringen. Ein Beispiel: In Berlin fand vor einiger Zeit eine Aussprache über die Lehrplangestaltung des Jüdischen Lehrhauses statt. Geistige Führer der deutschen Judenheit nahmen .das Wort. Es wurden bedeutsame Reden gehalten. Sie waren so bedeutsam, daß sie" über das Begriffs-Vermögen der meisten Teilnehmer derart weit hinausgingen, daß zum Schluß kaum einer der Versammelten in der Lage war, ein konkretes Fazit des Abends zu ziehen. Ein zweites Beispiel: In der amtlichen Verlautbarung einer jüdischen Organisation, die kürzlich durch die jüdische Presse ging, waren folgende Sätze zu lesen: „Die besondere Bedeutung und Aufgabe kurzem las ich einen Aufsatz von ihm über liberales Judentum in den leider dahin gegangenen „Neuen Jüdischen Monatsheften“. Fast jede Zeile reizte zum Widerspruch; aber regte auch derart zum Nachdenken an, wie es nur ein Mensch wahren Wissens und wahren Charakters zu tun vermag. Menschlich verlieren seine zahlreichen Freunde gar vieles, einen Gefährten, bei dem sich ein fast •jungenhafter Humor (überschattet nur durch die Leiden der letzten Jahre) — mit hingebender Treue und Hilfsbereitschaft vereinte. Seinen Kindern, an denen er mit innigster Liebe hing, .und auf die er im Geheimen so unendlich stolz war, gilt die innigste Teilnahme aller, die Felix Goldmann nahe standen-. Die Lücke, die durch seinen Tod gerissen ist, wird lange offen bleiben. Für uns heißt es, die Zähne zusammenzubeißen, die Reihen zu schließen und über Leid und Trauer hinweg weiterzuarbeiten! H. St—n. des... wurde übereinstimmend in der Klärung und Deutung der jeweiligen geistigen und politischen Situation gesehen, uni so dem deutschbewußten Judentum für die Erkenntnis der wirklichen Lage einen Dienst zu erweisen. Da eine solche Problematik weit über das Vermögen von Jugendlichen hinausgeht, wurde ausdrücklich festgestellt, daß die Aufgaben den Jugendpflege den dazu berufenen Verbänden überlassen werden müssen.“ Es ließe sich 'deuken, daß - gerade in dyr heutigen Zeit, die die Jugend schon in den Strudel des Lebens unmittelbar hineinreißt, auch eine schwierigere Problematik Jugendlichen nahegebracht werden kann, wenn nur der Wille zur Verdeutlichung da ist. Nicht ohne Sinn findet.sich in der Begründung zum Kulturkammergesetz der Satz: Kultur wächst von unten. Zeiten des Umbruchs, der durchgreifenden Neugestaltung des-Gemeinschaftslebens sind"auch immer Zeiten der grundlegenden Neugestaltung der Erziehung. Denn die Jugend ist.es, die als Träger der Zukunft für die neue Form des Gemeinschaftslebens seelisch und geistig vorbereitet und erzogen werden werden muß. Das organische Wachsen einer neuen geistigen Schicht jedoch kann nur auf dem Weg neuer, .simpler Begrifflichkeit erfolgen. In seinem Roman „Der Pojaz“ Bebildert Kart Emil Franzos, w/*: ein omtjüdimchmr Hmltt, d«r <Sc#Mu— ' ' ■ Spieler werden will, sich in einer Klosterbibliothck mit den Geheimnissen der deutschen Sprache vertraut macht und sich in einem Konversationslexikon die ersten Bildungselemente anzueignen sucht. Rätsel . über Rätsel. Bis er auf den Namen Akiba stößt. „Akiba — was? Er meint doch nicht den Rabbi Akiba! Er wird doch mir nicht vom Rabbi Akiba erzählen .wollen?! — ,der Sohn Josephs, Schüler des Gamaliel* — also doch, es ist wirklich der Rabbi. Akiba, mit dem mich schon mein alter Lehrer Simon in Buczacz genug gelangweilt hat — ,war citt^berühmter Rabbi* — wirklich?! Neuigkeiten weiß der einem zu erzählen! — ,der der Hauptgründer der Mischna wurde* — Und das ist alles, und mehr weiß er nicht?!“ Erzürnt schlägt der kleine Sender das Buch zu. „Ich Narr“, ruft er, „ich großer Narf! Wenn ich so bedenk’, was ich während der drei Wochen aus dem Buch da gelernt :hab’, lachen könnt ich, wenn ich nicht' weinen müßt’, daß Aal ein Fisch ist, aber ohne Schuppen und wie eine Schlange, und man ißt ihn geräuchert oder gekocht oder mariniert! Davon werd’ ich ein guter Schauspieler und kann zum Theater gehen!! Obendrein weiß ich noch garnicht, was mariniert heißt, aber wenn ichs wüllt’, hätt’ ich auch .nichts davon, denn Fische, die auf dem-Land kriechen können, sind ja treife!“ . Aehnlich ergeht es'auch unserer Jugend. Und nicht nur ihr. Auch den Menschen, die zwar im allgemeinen jetzt zwangsläufigjüdisch interessiert worden sind, denen aber jede Fundamentierung ihres jüdischen Gefühls durch Kenntnisse fehlt. Auch sic wissen, wenn sie jüdische Aufsätze lesen, ' wenn sie . jüdische Reden hören, oft nicht, was — „mariniert“ heißt! Das gilt aber keineswegs nur für Begriffe aus der jüdischen Geisteswelt. Schon heute sind für uns deutsche Juden zahlreiche allgemeine Bildungsmöglichkeiten ausgefallen. Je länger eine, solche Isolierung .anhält, umsomehr besteht die Gefahr einer Verringerung der eisernen Ration an persönlicher und sachlicher Bildung. Der - Jugend müssen mehr und mehr Vorstellungen, Voraussetzungen und Begriffe, die der älteren- Generation geläufig und vertraut sind, schwinden, sodaß eine Art geistiger Entfremdung zw-isehen den Trägern der alten und denen der neuen Bildung eintritt. Wenn nicht... Wenn nicht eine Überbrückung durch Klarheit gefunden wird. Wir yvollen um keinen Preis, daß Bildungsgut als hinderlicher Ballast über Bord geworfen wird. Aber mit jedem unproduktiven Über-Intellekt'ualismus muß es zu Ende sein. Der Strom der Bildung muß umgeleitet werden. Aus dem Abstrakten ins Konkrete. Verlorene und schwindende, verblaßte und

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