Jüdische allgemeine Zeitung
- Journal
- Jüdische allgemeine Zeitung
- Volume
- 14 (1934)
- Issue
- 89 (14.11.1934)
- Date
- 1934-11-14
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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3. Beilage 14. November 1934 JÜDISCHE ÄUCEMEINE ZEiTUNQ Bei einer Bildhauerin Elifabeth Wolff erzählt von ihrem Schaffen f Von I>r. J-Iliai J.iaiTENSTKIN Hislicr hoflc Uli mir <-iiu- HiUIlwuetiii uls ein Wf.«™ vorgestellt, Hilf du* der Ausdruck viirrvi;-" mir am besten zu passen schien Denn man denke sidi eine Frau, deren Hcruf en ■ aus dem härtesten, sprödesten Material, aus dem Stein. Bilder zu liatieii, und liiim wird mir.recht gehen. Um so angenehmer uor ich überrascht, als ich Elisuhcth Wolff in iiirein .schönen, »roLVii Atelier in Dahlem aufsuchte. Kinc schlanke, zurtgliVdrig« Krau hegrüüte. mich, die in nichts au ihr schweres Iland-Vi'erk erinnerte. Doch ganz stimmt das nicht. Betrachtet 'man aufmerksam ■las Aussehen von hihlenilen Kfinstlcrn, so erscheint als ihr Gemeinrrns mmw m\& Ei&im Dir Künsllrrin bei der Arbeil c-Ü* phot. Sonnenfeld. snmes, daß ihre Cellall, ihr Ccsirhl etwas ungemein Plastisches, gleichsam Modelliertes aufweisen, als sei der Schöpfer zugleich «in Geschöpf, wie auch Dichter oftmals aussehen, als seien sie ihrem eignen Werk entsprungen. Als ich mir so Elisabeth Wolff ansah ,da bemerkte ich sofort in den edlen Proportionen ihres harmonisch geschnittenen Gesichts das Signum bildenden Künstler-' tuins. ■ lind ich erfuhr von ihr, daß dieser Ilildnertricb sich schon in dem neunjährigen Kind offenbart Italic. Mit einer G o et hell iis l e , die preisgekrönt wurde, fing ca an. In jedem Material hat sie gearbeitet: in Holz und Metall, wie in Keramik und Stein, um schließlich diesem treu zu bleiben. Intensives Studium in ] Berlin und München hei Professor Wolter Scholl und Professor Waikerle einwickelten die Anlage. Anerkennung blieb nicht lange aus, und damit begannen sich auch die Aufträge einzustellen. Klisulii-tli Wolff macht davon kein Aufhebens. Mau merkt ihre unbändige Schaffenslust, ihre Freude an der schweren Arbeit, sie arbeitet uuublüssig vom frühen -Morgen an. Krfnlg ist für .sie, da sie ein Glückskind zu sein scheint, die logische Folge der i*cistuug. Aber in dem Atelier war wenig davon zu sehen. Elisabeth Wolff erklärte, daß der größte Teil ihrer Produktion, soweit er sich überhaupt noch in ihrem Besitz befinde, auf Ausstellungen sei: in London, auf der Präger Sezession, im jüdischen Museum in Breslau. Grade in England seien ihre Arbeiten besonders geschätzt, sie hübe als cinzigu deutsche Künstlerin in der. Hnyal Armlciny in London ausgestellt, ihre Porträts führender jüdischer Persönlichkeiten hätten ihr viele Freunde gebracht, «ml auch jetzt lialie sie. schon wieder die Koffer geparkt für die Heise, um in- London eine prominente Persönlichkeit zu porträtieren. Immer wieder--wchle sie von der englischen Aristokratie mit Porträtaufträgen bedacht. Von ihren deutschen Porträts haben die Büsten des Generals von Secekt, von Agnes Straub, von Martha Linz besonderen Eindruck gemacht. Vtn zu ihrer klaren Formengcbnng zu gelangen, hat Elisabeth Wulff nianrhe Wege und Umwege gemacht. Auch'dem Expressionismus und dein Kubismus hat sie ihren Tribut gezahlt. Aber ihre Bemühung ging darauf aus, vom Handwerklichen her das Gesetz ihrer Kunst ohne Umschweife, ohne. Tüftelei und Verzierung .möglichst ' rein zu erfüllen. Die Arbeiten ihrer letzten Srtiaffensperiode. zeigen, wie sie zu sich selbst gekommen ist. wie sie gelernt hat, einfach und eindeutig ihren Forniwillen darzustellen, wie. es ihr gelingt,' der Natur -getreu, Geschöpfe zu bilden, die durch ihr bloßes Dasein, durch 'das Organische ihres Baues ohne Interpretation zu wirken vermögen. Diese Kunst ist nicht Modestrümungen unterworfen, ist nicht nervös und differenziert, sondern seheint vielmehr in ihrem Schönhcitswillen dem griechischen Kunstideal nachzustreben. Dir Vitolilät dieser- Kunst ist ihr hervorstechendes Merkmal. Sie verbürgt eine stetige Weiterentwicklung und erlaubt eine günstige Prognose zu stellen, so daß man den neuen Schöpfungen der Künstlerin erwartungsvoll entgegensehen darf. E Die Anekdote Takt in der Mode Was Takt um! Mode miteinander zu tun haben? Unendlich viel. Er setzt — nicht zuletzt in der Mode — «las richtige Fingerspitzengefühl für den gegebenen Stil der Zeil voraus. Gerade heute, da es mehr als je gilt, auch in modischer Hinsieht Zurückhaltung zu üben, alles Auffallende zu vermeiden, kommt es auf dieses unbeirrbare Fingerspitzengefühl an. Die Zeil, in der viele unserer jüdischen Kranen glaubten, nur -dann „schick" zu Win, wenn tue dem letzten Modeschrei huldigten, ist vorbei. Aber vorbei ist nicht, was für jede Epoche und für jede Mode — mag sie noch so sehr Wandlungen unterworfen sein — unverrückbar Gültigkeit besitzt; die vorbildlichvornehme Kleidung der Frau. Ja, wir möchten auch heute an der jüdischen Frau die vor- nehme modische Haltung nicht/missen. Sie soll schlicht gekleidet sein, einlach — schick — richtig! Wobei schon eine kleine Cbcr- Ircibung in der äußeren Aufmachung, cii£ geringes Zuviel in der heutigen Zeit peinlich wirken muß--— aber ... Was ist also zum herannahenden Winter wirklich tragbar? Schwarz — wie immer in jedem Winter. Schwarze Mäntel, in die kleine Westen aus Pelz jeglichen Materials eingearbeitet wei den. Der Pelzbesatz schließt fest .am Hals, um vor Kälte zu schülzeu. Den gleichet! Zweck verfolgt der Wickel Verschluß der Müll Irl, deren Händer breit übe rein an der gehen und im Kücken geschlossen werden.' Es herrscht überhaupt Neigung zu Kücken- Verschlüssen vor. Audi an Kleidern. Au schwar/en Wollkleidern mit Samtsrhluppen oder Samtkrawattcii, au Wollkleidern kombiniert mit Moirce- oder Seidenstoffen, an schwarzen Woll-, klcidcrn mit Jabots oder breiten, großen Kragen. Neben jugendlichen, dunkelgrünen Schattierungen — Grün schmeichelt dem Teint und den Haaren — sind auch sportlich gehaltene,* knapp anliegende Kleider in braunen Töneu beliebt, die unter braunen Pelzmänteln, die augenblicklich besonders en vogue sind, getragen werden. Hocke sowohl wie Taillen sind schräg geschnitten, schmiegen sich daher dichl au den Körper an. Da der Hock-länger, und zum Ausschreiten zu eng geworden ist, weist er eine neue Nuance auf: er ist mitunter geschlitzt. Für den Vormittagsanzug nur ein wruiu, lür das Nachmittagskleid mehr. l)as Nachmittagskleid, ehemals Tages-End kl cid, jetzt Cocktailkleid benannt, ist fußlang. Es ist neben Stoffen, die mit Metallfäden durchwirkt sind, aus Samt, aus. Taft. Die Formen: Timiiiue- und Kasakklehh-r, Taftkleider mit steif abstehendem Hock, mit Hfi.ichen garniert, und mit Puffärnn'hi, an die Stileporheu um 1830, ,1UÜ0 und VJ13 erinnernd. Cbugcns der Ärmel! Er gibt dem Kleid die kapriziöse NtAc. Ei isi garniert, gefällt sich manchmal in verschiede neu Lüugcu, füllt weit am Handgelenk, endigt auch oft, wie er gerade will, in Dieiviertel-llöhe. Kr er^eheiut mal als Hnglan-, mal als Kitiiono-Ärmel. gibt sich überhaupt Mühe, so vielfältig wir," nur irgend möglich zu sein. Frauen, die zur Fülle neigen, sollten ihn meiden, denn — er macht stark. Doch die Üppigen können sich durch den Aufputz der Taille hierfür entschädigen lassen, für den es ja, wie erwähnt, so viele Möglichkeiten gibt. 1 Das große Abendkleid braucht hier nicht erörtert zu werden. Ks wird unseren Frauen das germgste Kopfzerbrechen machen, da die Gelegenheit', es zu tragen, nur äußerst selten gegeben sein wird . . . wenn überhaupt — — — Aber das wäre dann allerdings eine reine Frage des Taktes. ' Hilde Rosen. Man trägt. . . / v«, Benjamin Mau trägt gern, was mau ändern, kann, Mit Gürtel, Klip und Bändern dran Das alte Kleid ergänzend. Wer stellt sich heutzutage glult?! Wer Seide liebt, der licht sie malt, Es gehl uns halt nicht glänzend. lind da der" Mann sehr sparen muß Und trut/.dcm Haltung wahren muß, Gerät die Frau — in Wolle, Oh im Kulturbund, bei Dohrin. Im Lehrhaus, auf der'.Taueiitzien. Spielt dabei keine Holle. * Die Ünme, die gern modisch rauscht, Trägt ihre Ärmel auf gebauscht, Damit der Arm nicht ärmlich. Wer zu bemänteln sich nicht schämt. Kommt mit dem alten Pelz verbrämt. Das wirkt dann nicht'— erbärmlich. * Behutsam schreitet sie zur Wühl, Doch sie verschiebt es noch einmal, Der Mann nimmt's auf die Kappe, Und ist der Kock auch eng und lang, Erleidet doch der Frauen Hang Zur Schleppe — eine Schlappe. # Nicht Gehl ist, noch Gelegenheit Für modische Verwegenheit Von stark betonter Prägung. So wird, was Mode kühn entwarf, Heratuhgs-Sloff, und der bedarf Besonderer Erwägung. DER AUFTRAG I Aus der Tragödie ^Jfofeph Ben Matthias" Von JULIUS WOLFFSOHN Der letzte Wvtnsrh Ein Schwerverbrecher ist zum Tode verurteilt worden. Vor der Hinrichtung darf er noch einen letzten Wunsch äußern. Der' Delinquent, auf den schon der Scharfrichter wartet, besinnt sich einen Augenblick und sogt dann: „Ich möchte hebräisch lernen!" Wir veröffentlichen unplisLclieud eine SzcnO ans dein DraniH ...laseph Ben Matthias" des juugeü jüdischen Dirhters. Julius Wolf f söhn, das ia den nächsten Tagen im Kulturhuiidthe:iti>r Kheiii-ltuhr zur Uraufführung gelaugt. WoHfsohn behandelt in seinem Werk dirt Tragik, die ans dem IJntcrgauK des jüdistfln-n Stintes ins in unsere Tage herüherdriugi. Die \ViIIkürlirrrsrh:ift der Jlömcr sowie ihre /-ahllnseu f*l »ergriffe l»al*n yit schwerer IleuuruhtgiiDg de-* Landes geführt. Dia lie- V'»Tui>g hi.t iH'fi-lilu-s-i'U, eine (Ji-saudtsehafL naeh Ititm /n hieken. Ihn: Führung wird J.>.-u-|>)i Iteu .M:H()ii:is iilnrtrag.-u. J^ei.h l'*en Matthins, U-kauntcr unter di-m Namen ]•' 1 :i v i u s ,T <■ a ** i« Ii ii s . der spätere Verfasser des mlisrhen Krieges", liat die Vfrliimlung J.«r jüdischen K»h>iiie iu!t*>m aufgenomuu'n, deren Hepräsenlaüt Cnjiifi Iten Manage ist. Cujus: Sic kommen zu ungelegener Zeit nach Horn! Josef: Weshalb? G a j ii s : Der Wiederaufbau der Stadt drängt alles andere zurück. Die Behörden haben alle Hände voll damit zu tun, die Brandschäden zu beseitigen. . Josef: Deswegen kann die Hegierung doch die auswärtigen Angelegenheiten nicht mehr außer Acht lassen. G a j n s : Nach so außergewöhnlichen Ereignissen läßt die notwendige Straffheit schon mal zu wünschen übrig. Josef: Wir haben es gemerkt! Gajus: Damit muß man steh'abfinden. Josef; Unter solchen Umstünden sind Konflikte unvermeidlich! G u j ii s : Ks wäre immerhin die vornehmste Aufgabe, der Hegierung in Jerusalem gewesen, dafür zu sorgen, daß die Keihereien gütlich beigelegt werden. Josef: Die Körner treiben es zu weit! Gajus: Koni hat gerade den armenischen Konflikt bereinigt. König Tiridal ist auf dem Weg hierher, um seine Krone als liehen von Korns Gnaden in Empfang zu nehmen. Obwohl er unbesiegt ist, muß er sich demütigen. Glaubt ihr, daß Judäa als besiegtes Land etwas Besseres zu erwarten hat? Josef: Wir können diese schmachvolle Behandlung nicht länger schweigend ertragen! Gajus: Weshalb könnt ihr nicht Ruhe halten in Judäa? Josef: Man fordert uns heraus! Gajus : Unsinn! Warum soll Horn euch schlechter behandeln als die andern Provinzen? Ihr nehmt euch zu wichtig! Josef: Und der Fall Cäsaren? Gajus: Als kleine Minderheit hottet ihr kein Hecht; euch in die Verwaltung einzumischen. Ihr hättet euch ruhiger, zurückhaltender zeigen müssen! Glauben Sie mir: keine Provinz wird so anständig behandelt, wie Judän! Man hat euch doch alle Hechte gelassen! .1 o s e f : Wir können es nicht ertragen, wenn 'römische Soldaten durch die Straßen unserer Städte gehen! Alles in uns bäumt sieh auf gegen Horn! Gajus: Die römischen Behörden sind sehr großzügig und tolerant. Mau kann sich mit ihnen verständigen- Ich spreche aus Erfahrung. Warum vertragt ihr euch nicht mit ihnen? Ihr seid zu hochmütig!u Judäa! Josef: Was wißt ihr denn von Judäa? Judäa lebte schon, als von Koni noch niemand etwas wußte. Als Salouio den Tempel haute, war Horn ein Dorf! Gajus: Und'-jetzt ist es eine Weltmacht gcwordcnl .1 ose f : Ihr Einwand wäre richtig, — für einen Körner; Aber — ich habe geglaubt, zu einem Juden zu kommen! Gajus : Uli fühle als .lüde! Viermal bin ich in Judäa gewesen und habe im Vorhof des Tempels gestanden. Ich würde gern ein fünftes und sechstes Mal dort stehen. Aber ihr selbst ruft einen Ekel davor iu mir wach, iu Judäa zu leben! ,1 03ep.I1 : Ihr jüdisches Gefühl ist — merkwürdig, Gajus hen Mauas?c! Ich habe die Bedeutung des Pcssachfcstes nie tiefer empfunden als dieses Jahr. Aber es war bedrückend, die Befreiung aus Ägypten zu feiern, während römische Soldaten den Ordnungsdienst versahen. Gajus? Wollt ihr etwa Krieg führen gegen Korn? Josef: Wir hatten zum mindesten geglaubt, die Loge in" Judäa würde alle jüdischen Kolonien zu einer gemeinsamen Aktinn veranlassen; Gajus: Wir leben mit der Hegierung in gutem Einvernehmen. Der Kaiser behandelt uns in jeder Hinsicht zuvorkommend. Die Steuern sind erträglich. Sollen wir das euretwegen aufs Spiel set7.cn V Josef: Wir haben Unterstützung-von hier erwarte». Aber man lernt sehr — — vernünftig denken iu Horn! Gajus: Wir halten gewisse Beziehungen — — — Josef: Beziehungen! Ich. finde es würdelos, sich bo kleiner Mittel zu bedienen! Jetzt verstehe ich, daß nur die Verbundenheit mit der eigenen Erde Kraft und Selbstbewußtsein verleiht! Gajus: Ihre Erdverbuudenheit haben Sie scheinbar mit Mangel an Einsicht bezahlt. Josef: Die Männer in Judäa haben'ihren aufrechten Gang noch nicht verlernt. Gajus; Aber die römischen Legionen sind eine nicht zu