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Jüdische allgemeine Zeitung · 1934-11-14 · 89 (14.11.1934) · page 1

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Journal
Jüdische allgemeine Zeitung
Volume
14 (1934)
Issue
89 (14.11.1934)
Date
1934-11-14
Page
– (sequence 1)
Language
German
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St*/i iMr-tenlw I if .? BERLIN 14. November 1934 PREIS 25 PF. Nr. 89 / 14. Jahrqanq JUDISCHE AUGEMBNE Schriftleitting und Geschäftsstelle: lferlio \y 1;, L'hlaudslr. 126. Frra/iif: J2 Oliva 6968. Bankkonto: Kreditverein für Handel und Gewerbe eGnibH. Berlin N24. — Bezugspreis: IUI. 1.— monatlich (zuiücl. KM. 0.10 Zeitungsgebükr uud Bestellgeld), bei Strcifhaadveriand ziuükI. KM. U.IPJ. Verla*;: Wrla^siieuos-emvliafl m Orul>t*hlautl au>ä**it:fr .liitlru rtimbjl. (,lu Gründune), Berlin W 15, Ulilaudstr. 13S. .\nzeiueuiireisu: Die VJtfnslMÜt. mm-Zeile RM. 0,15. (. Familirnanuigoa U.M. 0.1'.', f. SU-UeugFWha KU. O.08. Bei unverschuldeter NichtbeUefeniun t**leltt Weia Aini'nn'h auf Vergütung. NEUE FOLGE O JÜDISCH-LIBERAL EN Z E I T UN G Ruf der Zeit! Von LUDWIG HOLLÄNDER Wenn hier tlie Vertiefung unseres religiösen Seins als Ruf der Zeit bezeichnet wird, so ist die Wirkung bei Vielen die Auslösung" eines leisen Lücheins. Man wird glauben, die Judenheit hätte heute andere Sorgen. Weit gefehlt. Grundlage für Judentum und Judenheit ist allein tiefe, jüdische Religiosität. Alles andere ist Ersatz, besserer oder schlechterer. Keine Arbeit auf wissenschaftlichem oder rein sozialem Gebiet, kein politischer Neubau im jüdischen Palästina, so notwendig er ist, geschweige die Betriebsamkeit 'kleiner Häuptlinge aller Richtungen, keine Botschaften, Deklarationen und sonstige schönen Dinge, die zur Rettung des Judentums „unternommen" werden, dringen zur Kernfrage: Erhöhung und Zurückführung des jüdischen Menschen zur Religiosität vor. Gewiß ist diese Forderung nicht volkstümlich. Die Berufenen, Prediger und Lehrer, haben eine schwere Last-, sie werden von den Meisten nicht gehört; ihre Lehren stoßen auf. taube Ohren. * Aber nur dann hat das Wort „Rückkehr zum Judentum'1 einen wahren Inhalt, wenn die Neu- •werdung der jüdischen Religiosität jedem suchenden, jedem sorgenden Juden nahegebracht wird. Alle Arbeit für echte jüdische Kultur ist gut, alle Bestrebungen zur Hebung des jüdischen \v*issens sind lobenswert, alle soziale Tätigkeit ist notwendig, alle Bemühungen um Existenz und vor allem um die Ehre des jüdischen Namens sind bitterernst;' aber sie bedeuten nur "etwas auf dem Boden der Religiosität. Denn zerfällt sie, ist alles zerfallen. Es ist nicht wahr, daß die nationale Grundlage, wenn überhaupt, so allein das Judentum ausmachten und erhalten kann: es ist ebenso Fehlmeinung, daß irgend eine andere Tätigkeit, irgend eine andere Grundlage entscheidend für die Erhaltung unserer Gemein-' schaft sein kann, es sei denn die Religiosität. Dieses Glaubensgut ist bei der Masse der W'estjudcn schlecht aufgehoben. Und die Mittel, dem Judentum neues Leben einzuflößen, mögen durchaus segensreich sein; sie stützen den Bau aber nur dann gut, wenn sie auf der Grundlage der Religiosität ruhen. _Alles mag so vortrefflich wie möglich gezimmert sein: es stürzt zusammen, wenn die Grundmauer birst. . Nur der Gedanke eines fortschrittlichen Judentums hat die innere Kraft zur Weckung der Religiosität und zur Ausbreitung einer gewonnenen Uberzeugung. Niemand, der dem Judentum in seiner - Uberlieferung streng ergeben ist. wird und darf in seiner Uberzeugung wankend gemacht werden. Wer aber kein Glaubensgut sein eigen nennt und die Religiosität für „überwunden" ansieht, der muß in dem sogenannten „liberalen" Judentum den alleinigen. Weg zur Erweckung und Erhaltung der Religiosität erblicken. Absichtlich ist das Wort „sogenannt" liberal gewählt, weil der Begriff „liberal" mißdeutend, ja falsch ist. Gemeint ist jenes Judentum, das, aus religiösem, überliefertem Quell schöpfend, alle Erkenntnisse und Erscheinungen der Zeit auf ihren religiösen Gehalt prüft und sie im Falle der Bewährung mit dem Judentum verbindet. ' Wer in diesem Sinne d<»nkt und handelt, wird das Alte verehren, die Zukunft vermehren. .• Ihm wird der ungeahnte Fortschritt der Religionswissenschaften mit ihren tiefen Erkenntnissen auf dem Gebiete der Philosophie, der Soziologie, der Psychologie der Religion nicht fremd bleiben; er wird sie verarbeitend und vertiefend auf sich wirken lassen und mit -dem traditionellen Gute vermählen. Förderung wahrer Religiosität wird die Folge sein. Ein steiniger Weg, belächelt von den Vielgeschäftigen. Aber fürden, der das Wesen des Judentums erkannt hat, der notwendige! Eine Leistung dieser Zeitung wird es sein, ihren Lesern in leichtverständlicher Form diese Dinge nahe zu bringen. Nicht auf bequemen Umwegen, sondern auf dem mühseligen Pfade der. verinnerlichten Arbeit, der Uberwindung alles Redensartlichen, der Nichtachtung aller derer, tjic oft Gesagtes mit immer neuen Ausschmückungen dem Leser vorsetzen, wird die Freude an Erkenntnis, die Liebe , zum wahren Göttlichen ausgebreitet. Ein Streit um Symbole Die Figuren am Bremer Dom — Eine Ausdeutung wird widerlegt An der Wcslfassade des Bremer Doms befinden stell fünf plastische Gruppen mit Tierfiguren von symbolischer Bc-* deutung, um die, wie wir in der Frankfurter Zeitung lesen, in Bremen ein erbitterter Streit eingesetzt hat. Die Gruppen erinnern äußerlich au' mittelalterliche Formen, wurden aber erst im Jahre 1902 nach Plänen von Dombaumeister Salzmann aufgestellt. Sicwerden mit fünf lebensgroßen menschlichen Figureo-in Beziehung gesetzt, die sich über ihnen befinden. Nach der Auffassung der einen handelt es sich bei den Gruppen um ^ausgesprochenes Fremdgut einer uns fremden Geistesrichtung". Die erste, ein Greif, der eine Frau mit Spiegel und Schmurkkästcheu im Arm hält; verkörpere einen fremden Glauben, der sich einer germanischen Frau bemächtigt habe. Über diesem Bild throne der Apostel Paulus mit Schwert und Bibel. Das zweite BUd, wieder ein Greif, der aber diesmal eine Schlange in den Fängen hält, versinnbildliche, da der Greif triumphierend nach Norden blicke, den Sieg des Südens über die Midgardschlange, also über Germanien, über diesem Bild throne der Apostel Petrus mit dem Schlüssel zur Weltmacht und der Bibel in den Händen- Das dritte Bild stelle einen Löwen im Kampf mit dem Drachen dar: der Drache liege aber auf der den Germanen heiligen Iiminsul. Dieses bedeute den Kampf zwischen dem Drachen, der das Gcrmancnlum zerschlagen 'habe, und dem jüdischen Löw e n. über diesem Bilde throne bezeichnenderweise der Sachscnschlächtcr Karl. Das vierte Bild zeige nur den jüdischen Löwen, der einen Schafbock, unter sich gebracht habe. Über diesem Bild throne nicht mehr eine Figur aus dem Neuen Testament, hier wache Moses über den Sieg des Judentums. Die fünfte Gruppe stelle einen Löwen dar, wie er in seinen Armen .einen wehrlosen arischen Mann halte, dem man "einen "WürfeIbeeher in die Hand gedrückt habe. Die zwei, herausgefallenen Würfel zeigten fünf und neun Augen, 5 und 9 aber seien heilige Zahlen der Juden. Diese» Bild künde al*o den Triumph des Judentum» " über den Arier- Darum throne auch der König David darüber und schlage SiegCfHcder auf seiner Leier. - ' Dieser Ausdeutung ist man von kirchlicher Seite e ii t g c,g angetreten. Solzmartns Nachfolger, Dorobiiumcistcr Ehrhardt, sagt in einer auf Wunsch des I-andesbiarhofr, Weidemann vorgenommenen Veröffentlichung, es sei richtig, daß die oberen Standbilder Dawd und Moses als Vertreter des Alten Testamentes und Petrus und Paulus als die des Neuen Testamentes darstellten. Zu bemerken sei nur, daß Karl der Grotte da» Modell einer Kirche halte, weil er das bremische Bistum gegründet und dadurch den AnlaU zum Bau desersten Domes in Bremen gegeben habe. Dagegen sei die Deutung der Figuren unter diesen Standbildern ganz willkürlich. Die Darstellungen lehnten sich au die Bilderkreise früherer, inabesondere der romanischen Kunst an. Greifen und Löwen, uralte deutsche Wappentiere, befänden sich in siegreichem Kampfe mit Menschen und Tieren. Sic seien Symbole des Christentums. Der Mann in den Klauen des Löwen sei ein Symbol der Spielleidenschaft, die Frau mit Geschmeidekasten und Spiegel stelle das Laster der Eitelkeit dar. Der Würfel mit der Zahl!> deute darauf, daß «s sich um falsches Spiel handle. Der Bock habe als unreines Tier gegolten und bedeute Stolz und W ollust. Der zerschlagene Götze sei ein Hinweis auf da» Heidentum, und der Tierkampf sei wohl als die Besiegung der heidnischen Sarhscn durch Kar! den Großen zu deuten. Die Schlange sei der Teufel. Interessant ist. daß auch die Angreifer nicht etwa, wie man glauben. könnte, die Beseitigung des Figurenwerke* verlangen. Diese Werke, so sagen sie, seien die. interetMntesten Werke dieser Art, die es gebe. Bremen besitze sie als die einzige Stadt in Deutschland. Sie seien gesetzt worden, damit die Menschheit lerne. Umfchau Von HE1N1UCU STEHN Die Berliner Jüdische Gemeinde hat ihre große' S t e u e r d e h alte hinter sich. Mit einer seltenen Einmütigkeit Italien lieidc Gemeinde-Körperschaften einstimmig beschlossen, es Tür dieses Jahr noch hei der alten Steueri|tiote von '20 Prozent zu belussen, »ich aber die Vorauszahlungen Tür das nächste Jahr schon so einzurichten. daß mit einer Erhöhung der Steuerquote um einige Prozent zu rechnen sein wird. Die verantwortlichen Miinuer in den Gemeinden werden sich licuttTgewiß nicht leichten Herzens dazu entschließen, lie .Steuerschraube anzuziehen. Es muß aber doch uuf zweierlei hingewiesen werden: Einmal, daß das absolute Steuerabkommen, gerade in dem jüdischen. Bet-ölkcrungsleil. infolge «1er Ereignisse der letzten anderthalb Jahre stark zurückgegangen ist. In. Berlin beträgt der Rückgang des Aufkommen» fast 2f> Prozent. Diesem geminderten Einkommen jjegcnüher steht die ungeheure .Vermehrung der Gcmcindetiitigkeit. Man darf nur die Worte Schulwcrk und Wirtschaftshilfe aussprechen, um darüber klar zu sein, wuh an Mehrleistung heute-gefordert wird/ Hinzu kommt, daß die Gemeinden mehr ah» je Tr&gex der xenttalea Organisation und Institution »ein werden, ihre Mittel werden, sollen sie künftig ordnungsgemäß arbeiten, nicht auf zufälligen Sammlungen im In- oder Auslande beruhen dürfen; sondern durch regelmäßige Unterstützungder Gesamtheit der jüdischen Steuerzahler, in Deutschland also in erster Linie der großen Gemein-' den.- Diese Verpflichtung ruht auf der Schulter jeden einzelnen Juden, er wird sieb aber dessen bewußt sein' müssen, daß er heute das, was er der Gemeinschaft, gibt, vielfältig von ihr zurückempfängt. Ohne iödi-. sehen Gemeinschaftssinn und .Opfer ist die wirtschaftliche und geistige Aufrechterhaltung des deutschen Judentums unmöglich. ■» In der Weiche, die in ganz Deutschland im Zeichen des Buches stand, bat, so will es ein anmutiger 'Zufall, die Jüdische Buchgcmeinschaft den ersten Wancf der deutschen Bibelübersetzung, der die Thora um faßt.' herausgebracht. Es darf hier hervorgehoben werden, daß die Initiative hierzu von der liberalen FiirlM'1/.un^-uuf »Irr ~. Seit«" e phot Kdukr Wis4eriiilfsutrlge ist jB42nckca Taabnaauaeiaciai \

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