Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 14 (1934)
- Issue
- 80-81 (5.10.1934)
- Date
- 1934-10-05
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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EaUfBer-Seminar zu Berlin. Berlin Freitag, 5. Oktober 1934 Doppelnummer Preis 20 Pfg. Nr. 80/81 — 14. Jahrgang 3»r beutfdjes 3ubentum unb reltgiöfen Aufbau Die „Jüdisch■liberale Zeitung“ erscheint zweimal wöchentlich» Dienstags und Freitags Es wird gemeldet: Aus Deutschland Wie aus Pressemeldungen hervorgellt, hat die. Stadtverwaltung in Wert heim unter den an Ortseingängen angebrachten Schriftbändern, die zum Besuch der Michaelismesse auf fordern, den Satz anbringen lassen: „Juden sind in Wertheim uner wünsch t“. Von einer gleichartigen .Maßnahme wird auch aus Tauberbischofsheim he- ' richtet. - . , Die „Dresdner Neuesten Nachrichten“ berichten von einem Vortragsabend, den das Sachsen-Kontor der Nordischen Gesellschaft veranstaltet hatte. Der. Abend wurde durch eine Ansprache des Reichsstatthalters Mutschmann eingeleitet, in der er die Rasse als die Grundlage der nationalsozialistischen Politik betonte und ausführte: „W i r w o 11 e n nicht, wie die Juden, das auserwählte Volk sein, wir wollen nicht die Völker beherrschen, sondern wir wollen mit unserem Gedankengut aus den Erfahrungen unserer Rasse heraus der Welt das Heil bringen.“ * Nach einer Mitteilung der Kurhessischen Landeszeitung in Kassel wurden ein jüdischer Schlächter aus Spangenberg und einer aus Baumbach wegen Übertretung des Schächtverbots in vorläufige polizeiliche Verwahrung genommen. * - \ Der Soziologe Professor Franz Oppenheimer begibt sich demnächst für längere Zeit nach Palästina. Vor seiner Abreise hielt er gestern im Rahmen des Kulturbunds Deutscher Juden in der Berliner Singakademie einen Vortrag über den „Sinn der Geschichte", ln der er, eine iebeu<j/£re Darstellung der geschichtlichen Entwicklung vom Standpunkt der soziologischen Erkenntnis gab. Aus dem Ausland Die Israelitische Kultusgemeinde in Wien hat eine Protestresolution gegen die Absonderung der jüdischen Kinder in den österreichischen Schulen, über die wir in der letzten Nummer unseres Blattes berichtet haben, beschlossen. Eine Deputation soll beim Bundeskanzler wegen Aufhebung dieser Maßnahme vorstellig"werden. Der Weg unseres Sdwksab Geschichte — aber wie? Die Gegenwart ist dem deutschen Juden zum entscheidenden Schicksal geworden, — und folgerichtig sucht er sich den Weg seines Schicksals, die Geschichte, zu vergegenwärtigen. Das Judentum als geschichtliche Erscheinung wird ihm mehr und mehr zum Gegenstand ernsten Bemühens. Doch sogleich erhebt sich dabei die Frage: Wo beginnen? Je mehr der wissensdurstige Leser der jüdischen Geschichte .näher zu kommen versucht, desto unzugänglicher stellt sie sich ihm dar, einem Gebirge gleich, das aus der Ferne ungleich leichter besteigbar erschien. -Aber selbst wenn er schließlich einen Zugang gefunden hat, erkennt er nur zu bald, daß er nicht dorthiji gelangt, wohin er eigentlich wollte; es. geht ihm ja nicht um Kenntnisse von Einzelheiten, sondern um Erkenntnis, der Zusammenhänge. Er sucht im Vergangenen nichts anderes als die Zeichen für die Gegenwart. Wer aber vom Heute aus seinen Blick in die Zeiten richtet, sollte nicht vergessen, daß er sich dabei nur solcher Mittel bedienen kann, die dem Heutigen entsprechen. Jede Beschäftigung mit der jüdischen Vergangenheit, die nach Darstellungen von gestern greift, muß daher notgedrungen unbefriedigt lassen. Wie jede Zeit ihr Geschichtsbild prägt, so wird auch das deutsche Judentum seine historische Neuordnung VOUj'Ch' toilfeffgn ffiagn müssen werden, über die er in die Bereiche seiner Vergangenheit so gelangen kann, daß er sich im Gegenwärtigen um so besser zurechtfindet. Wdnn die D a r s t e 11 u n g des Vergangenen auch der Prüfung durch das Heutige unterzogen werden muß, so bleiben doch die Quellen unverändert. Zwar scheinen gerade die Mittel.schwer zu erlangen, durch die man zu den jüdischen Geschichtsquellen steigt, aber ein solches "Unternehmen wird und kann nie enttäuschen. So weitschichtige Fragen auch die Kunde der Bibel aufwirft, ihr Wort bleibt doch für den Einfachen gesprochen und niedergeschrieben. Wer heute mit währer Bereitschaft des Geistes zur Bibel greift, wird sich über alle Unzugänglichkeiten der Qcschichtsräume hinweggetragen fühlen, um desto reicher in die Zeitlichkeit zurückzukehren. Zumal das kiiriderische Schrifttum vermag zum belebenden Quell des biblischen Worts zu werden, und wer den Ruf des Ezechiel zur besinnlichen Umkehr in der Kraft des Wortes auf sich wirken läßt, hat mehr für sein - jüdisches Geschichtsbewußtsein getan als der Leser' eines vielleicht ehimal marktgängigen Buches über das Judentum, das er zufällig beim Antiquar äufstöberte. . Die Bibel mag als Text ihre Geschichte haben, —. als Wort bleibt sie stets Gegenwart,-und alles Gegenwärtige ist Forderung,. Aufforderung. Daä Wort der Schrift ruft zu seiner Kenntnis auf, und wer sich wahrhaft bemüht, es zu hören, der wird auch immer, unabweisbarer das Bedürfnis empfinden, es ln seiner Ursprache zu vernehmen. Dieser Wunsch, von innen her in das Hebräische vorzudringen, ist auch dann, wenn er zunächst nur Wunsch bleibt, ■ eine echtere .Beziehung zum Geist der Vergangenheit als die äußerliche Aneignung einiger Ausdrücke der Alitagssprachc, mit der heute mancher, seinen Weg zum Judentum -- -- cti i\crn uhiiva iiw ■ ■" * Doch nicht nur die Schrift im engeren und weiteren Sinn kann als Quelle für die. Erkenntnis der jüdischen Vergangenheit gelten; es gibt, auch völlig^ außerhalb der religiösen Überlieferung quellenmäßige Zeugnisse der Vergangenheit. Als ein Beispiel mögen die Erinnerungen der Glückei von Hameln.genannt sein, aus denen ein ganzes Zeitalter deutsch-jüdischen Lebens zu uns spricht. (Fortsetzung auf der 2. Scjte.) . . Die Regierung von Mandschukuo hat den jüdischen Bürger Jakob Kahalkin aus Charbin. zum offiziellen Berater des dortigem Magistrats ernannt. » - •/ Nach einer Meldung aus Rom wurde der jüdische Universitätsprofessor und Gynäkologe Dr. Artom zur medizinischen Hilfeleistung bei der Entbindung der italienischen Kronprinzessin herangezogen. Die Untersuchung des Verbrechens an Professor Theodor Lessing, der im vergangenen Jahr in Mar.enbad ermordet wurde, ist, wie die Frankfurter Zeitung aus Marienbad erfährt, insofern" einen Schritt weitergekommen, als der Kraftwagenlenker Emst Stemkopf von der dortigen Polizei unter dem Verdacht der'Beteiiigung an dem Morde verhaftet wurde. * In Warschau wurde von der politischen Polizei eine antisemitische Geheimorganisation ausgehoben, zu der sich ein Teil der Mitglieder der aufgelösten n^tionalradikalen Partei zusammengeschlossen hatte. Bei antijüdischen Ausschreitungen in Lodz wurden zwei J u d e n durch. Messerstiche schwer verletzt, so daß sie ins Krankenhaus gebracht werden mußten. Der 24jährige Schuhmacher Bronislaw Kozial, der im Mai dieses Jahres den jüdischen Weber Mendel Lubinsky getötet hatte, wurde vom Gericht Bialystok zu der geringen. Strafe von drei-Jahren Gefängnis verurteilt. « Wie aus Washington berichtet wird, wird im Zusammenhang mit der organisatorischen Umgestaltung der von Roosevelt geschaffenen Nira, der Organisationsform der amerikanischen Wirtschaft, als kommender Mann der bekannte Bankier Bernhard Baruch genannt. Baruch, der 1919 Wirtschaftsberater der amerikanischen Friedensdelegation war, wurde schon früher von Roosevelt bei wichtigen Finanzfragen zugezogen. # Wie aus Amsterdam berichtet wird, wird im kommenden Jahr die Übersetzung der von Lazarus Goldschmidt bearbeiteten Neuausgabe des Babylonischen Talmud beendet sein. An der Publikation, deren Schlußband soeben durch die erste Lieferung eingelcitet wird, wurde etwa- 40 Jahre gearbeitet. * In der rumänischen Stadt B o t o s a n i ist" es nach Meldungen aus Bukarest zu schweren Zusammenstößen zwischen Bauern und Gendarmerie gekommen, als Angehörige der antisemitischen Liga für national-christliche Verteidigung in das jüdische Viertel einzudringen versuchten^ Auf .beiden Seiten gab es zahlreiche Verletzte. ln Manchester fand eine Kundgebung der Schwarzhemden statt, bei der, dem Bericht der „Times“ zufolge, Mosl'ey in seiner Rede in scharfer Form gegen die Juden Stellung genommen habe. Auf dem Kongreß der demokratischen Partei des Staates New York in Buffalo wurde der bisherige Staatsgouverneur, Colonel Herbert H. L e h m a n, abermals als Kandidat für den Gouvernenrposten nominiert. Colonel Lehman ist Jude. Nachdem das Mährisch-Ostrauer Radio innerhalb kurzer Zeit zweimal eine „Jüdische Stunde“ gesendet hat, sind Bestrebungen im- Gange, um in den tschechischen Sendern regelmäßig solche Veranstaltungen einzuführen. Die anliifidische Weltkonferenz Über eine „A n t i j üdisc h e We 11 k o n f e ren z“, die ursprünglich für Nürnberg geplant war, jetzt aber in Brüssel stattfindet, berichtet die „Fränkische Tageszeitung“ u. a. folgendes: „Der erste Tag der „Antijüdischen Weltkonferenz für Frieden, Freiheit, Arbeit“ verlief reibungslos. Zwei deutsche Delegierte, die diesbezüglich nicht zeitgerecht genug hatten verständigt werden können, werden vom Präsidium der Organisations-Kommission herzlich begrüßt, gleichzeitig aber gebeten, am Kongreß nicht teilzunehmen. Da die jüdischen Agitatoren in allen Ländern versuchten, alles völkische Erwachen als deutsches Gewächs und jeden für sein eigenes Volk Kämpfenden als „Hitler-Agenten“, als „Pangermanisten“ bei seinem Volke schlechtzumachen, wolle der Kongreß der Welt zeigen, daß der auf allen Gebieten aller Länder unerträglich gewordene Übermut des Judentums eine überall spontan . emporgewachsene antijüdische Gegen- und Abwchrbcwcgung herbeigeführt habe, und daß die natürliche Reaktion darauL von dem Geschehen in Deutschland Vollkommen unabhängig ist. Die Deutschen verlassen den Kongreß und ziehen außerdem die ihnen zügebilligten Berichterstatter zurück. Die . Berichterstattung in den einzelnen—vier Kommissionen über—" nehmen für Deutschland vier andere Länder.“. Ein Todesopfer derlemberger Ausschreitungen Lemberg. Die schweren judenfeindlichen Ausschreitungen,'die am 23. September in Lemberg stattfanden, und über die wir kürzlich berichtet haben, haben nachträglichem Tortes-, opfer gefordert. Die Frau des Lebensmittelhändters Daic Ilfeld, dessen Geschäft von antisemitischen Exzcdentcn überfallen und in Brand gesteckt worden" war, ist im Krankenhaus infolge der erlittenen schweren Brandwunden gestor-. b e ri. Die Bestattung des Todesopfers der antisemitischen Ausschreitungen gestaltete" sich "zu einer gewaltigen Kundgebung der gesamten" jüdischen Bevölkerung der Stadt. Das Traucrgefolgc wurde von den drei. Oberrabbinern Lembergs geführt. " Die Polizei hat über die Vorfälle ein Commiiniqud herausgegeben, in dem sic mittcilt, daß eine strenge Untersuch u ng eingelcitet wurde. Zu Verhaftungen im Zusammenhang mit den Ausschreitungen ist es jedoch bisher noch nicht gekommen. Synagoge aus dem 12. lahrhundert niedergebrannt Warschau. In der westgalizischen Stadt Jaslo brach ein großer Brand aus, dem-ü. ä/ auch die -Synagoge zum Opfer fiel. Die Jasloer .Synagoge war die älteste Westgaliziens. Sie stammte aus dem 12. Jahrhundert und war ein Baudenkmal von außerordentlich hohem Kunstwert. Die nächste Nummer der „11Z“- erscheint wieder als Doppelnmnmer am 12. Oktober.