Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 14 (1934)
- Issue
- 86-87 (26.10.1934)
- Date
- 1934-10-26
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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I Bahbiner-SemlnaF | zu Berlin. Berlin Freitag, 26. Oktober 1934 Doppelnummer Preis 30 Pfg. Nr. 86/87 — 14. Jahrgang gflr bewtfdjtes gabetitom aitb rdigiöfeit ülufbau JDie „lüdisch-liberale Zeitung» erscheint zweimal wöchentlich; Dienstags und Freitags ’X V Leben Zu Abraham Geigers 60. Todestag Von Fritz Bamberger Am 23. Oktober 1874 starb Abraham Geifer mitten aus seiner Arbeit heraus,, die der Wissenschaft des Judentums und dessen Reform galt. Sechzig Jahre sind seitdem vergangen. Seine wissenschaftliche Leistungist in ihrem Glanz -geblieben, auch wo die' Forschung weitergeschritten ist. Die Kühnheit und Exaktheit seiner Untersuchungen in einem sind auch heute noch ein erstrebenswertes Vorbild gelehrter Arbeit. Die praktische Idee aber,' für die der liberale Reformator in inbrünstiger Leidenschaftlichkeit und unnachgiebiger Forderung sich eingesetzt hat, findet der Gedenktag stärkster Anzweiflung und arger Belastung ausgesetzt. „Das Überkommene mit den Anforderungen der Gegenwart“ zu verbinden, erklärte Geiger in der „Wissenschaftlichen Zeitschrift für jüdische'Theologie“ als sein wichtigstes Anliegen,'und nun ist eine neue Gegen wart’mit neuen Forderungen und aus neuen Gesinnungen da, für die, wie »oft erklärt wird, seine Arbeit sinnlos und nicht förtführbar sein soll. ' Wir sind heute dem auf die religiöse Praxis aus- , gerichteten „Liberalismus“ der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts gegenüber leicht ungerecht. Wir . sind im selbstverständlichen Besitz und im gewohnheitsmäßigen Gebrauch der damals geformten und gegen alle Widerstände durchgesetzten oder umge- .formten Einrichtungen. Sie sind fast allgemein akzeptiert, auch bei denen, die damals zur anderen Front gehört hätten. Worum früher gekämpft wurde, ist längst kein Schibbolet mehr. Wir verstehen den Aufwand in diesem Kampf nicht mehr recht, der längst zu Ende geführt-ist. Aber eben deswegen scheint es uns unrecht, von hier aus, wie es scheint leicht, die Bemühungen Geigers und seiner Zeit" um ein -Problem abzutun, das ebenso wie damals vor uns steht: die Auseinandersetzung zwischen Tradition und Leben. Sie vollzieht sich heute in einer tieferen Schicht, und von da erst wird sie sich in der Praxis spiegeln. Uns will scheinen, daß Geiger sie aus einer Grundeinsicht heraus angefaßt hat, die wir auch heute verwenden können, und daß er die Lösung damit in einer Richtung versucht hat, die auch jetzt noch kein Irrweg ist. Sie kam ihm aus einer tiefen Einsicht in das Wesen der Geschichte. Er empfand Geschichteais einen aus tiefen Quellen gespeisten Strom, der in mancherlei Formen seine Gestalt verändert, aber in allem' Wechsel die Bestimmung seines Urv Sprungs mit sich führt, sie klarer faßt oder wieder vergißt, sie aber nie aufgibt. Es gibt Hemmung und Stillstand und Erstarrung,' wenn man aber die eingefrorene Form zerschlägt, fließt dahinter wieder, echte lebendige Geschichte in altem, unverdprbenem Sinn. Geiger hat Tradition in Geschichte aufgelöst, aber damit die Entgegensetzung von Tradition und Leben aufgehoben. Tradition als lebendige Entwicklung empfunden, muß schließlich in die ■ lebendige Gegenwart führen. Dieser Sinn für Geschichte hat Geigers theologischen Vorgängern gefehlt. ■ Für sie hatte der historische Augenblick Dauer bekommen. Er gab ihnen die, Richtschnur, an der sie das überlieferte Judentum; maßen, das sie selbst wieder ganz ungeschichtlich, wie ein großes Gefäß betrachteten, in das man gute und schlechte, schöne und kuriose Stücke aus allen Zeiten und vielen Ländern geschüttet hat. Es ist eine . grausame und bittere Widerlegung von David Friedländers „zeitgemäßem“ Standpunkt, daß zu der Zeit, als er von schlechtem Aufklärertum aus ein Hinein- . wachsen des Judentums in das Christentum befürwortete, die „Zeit“ selbst sich längst anderem Geiste zugewandt hatte. Geiger selbst hat das Judentum nicht von außen reformieren wollen, sondern gefordert, „aus dem Judentum heraus die Judenheit neu und frisch belebt zu gestalten“. Indem er die Offenbarung durch die geschichtliche Entwicklung hindurch sich entfalten und äußern sah, wurde ihm nach eigenem Wort die Wissenschaft, die dieser Entwicklung nachgeht, im echten Sinne des Wortes offenbarungsgläubig. In dieser Anschauung will Geigers Reform eine Selbstkorrektur des. sich entwickelnden jüdischen Geistes sein, bei dem die Identität des Überkommenen mit den Anforderungen der Zeit nicht äußerlich geformt, sondern ganz echt erst dann ist, wenn sie aus der geschichtlichen Bewegung selbst hervorgeht. In dem vollkommenen Zusammentreten des jüdischen und des Weltgeistes liegt dann das Erscheinen des messianischen Reiches. _ Gegenüb endloser großen Konzeption, die aus einer schönen Grundeinsicht herauswächst, hat Geiger allerdings auch nicht darauf verzichtet, den „echten jüdischen Geist“, der in der Geschichtsbewegung der Tradition zur Erscheinung kommt, gedanklich zu bestimmen und ihn als Kriterium reformatorischer ’ Anerkennung zu benutzen. Von ihm aus formt sich daun eijie „volle reine .Religionsidee“, die der der anderen Religionen überlegen und eine allgemeine Überzeugungskraft von der Vernunft her besitzt.. Geigers Bekenntnis, daß er beim Predigen recht oft die Jsraft der Religion in einer Weise empfinde, von der es ihm nicht möglich sei, sie sich klar zunr Begriffe zu Briti- -gen, soll daneben stehen, weil sie ihn'selbst in der Kenntnis der Grenzen seiner Position zeigt. Solche Grenzen sind ihm auch fiir sein Wirken überhaupt klar gewesen, und das hebt ihn,endlich noch einmal ah von geschichtsfremden Theologen, die ihre Forderungen aus der zeitlichen- Situation hernahmen und ihr dann doch wieder für alle Zeit Dauer und Gültigkeit geben wollten. Als Geiger Berlin 1830 verließ, um als Rabbiner nach Breslau zu gehen, schrieb er: „Für mich beginnt eine neue Epoche. Bin ich wirklich ein Moment des gegenwärtigen Jahrhunderts, so muß auch dieses davon etwas verspüren.“ In dem jüdischen 10. Jahrhundert ist Geigers Wirkung gewiß nicht verloren. Die Auffassung, die er von- Geschichte gehabt hat, bestätigt Bichauch an. Ihm" selbst. Als ein Moment seiner Zeltnbrt -,er \n, sie eingegangen und ln ihr „aufgehoben“;ln dem schönen Sinn des Wortes, ln dem_ Hegel, dessen Nachwirkung in Geigers Anschauungen fühlbar ist, es verwendet hat: die’Geschichte hat seine Leistung „bewahrt“ und trägt sie unsr zu als neue Aufgabe. -; Bedenklich^ Ziffern Wien. Pater G. Bichlmair von der Societas Jesu veröffentlicht interessantes Material über die katholische Konversionsbewegung in Wien. Danach sind seit Januar 1928 bis Juli 1934 in Wien ungefähr tausend Bekehrungen erfolgt, hiervon waren- 447 Judentaufen, 366 Übertritte von Protestanten, der Rest verteilt sich auf verschiedene andere Bekenntnisse (Anglikaner, Griechicb-Orthodoxe, Konfessionslose). Über die Entwicklung der Konversionsbewegung in den letzten dreieinhalb Jahren gibt folgendes Zahlenbild Aufschluß Juden: Protestanten: Andere: Zusammen 1930 27 39 7 73 1931 43 51 S 102 1932 42 71 10 128 1933 102 51 7 160 1. Hälfte 1934 152 66 ' 17 230 Diese Ziffern sprechen eine” sehr deutliche Sprache. Pater Bichlmair setzt jedoch hinzu: „Im Jahre 1934 werden voraussichtlich sechsmal soviele Übertritte stattiinden wie im Jahre 1930, die Zahl der Judentaufen dürfte im laufenden Jahre schätzungsweise' auf 250 ansteigen.“ Es miill hierzu bemerkt werden, daß diese Ziffern beiweitem nicht alle Austritte aus dem Judentum erfassen, da -in ihnen weder die Übertritte zu evangelischen und anderen Kirchen, noch die Konfessionslosen, die die große Mehrheit der Austretenden in den letzten Jahren darstellen, enthalten sind. Aber auch die Taufbewegtmg, die insbesondere im letzten Jahre, offenbar unter dem Einfluß des christlichkatholischen Regierungskürses, eine rapid ansteigende Tender» angenommen hat, ist eine sehr ernste Erscheinung. Der katholische Priester Pater Bichlmair verzeichnet diese Tatsache allerdings mit großer Freude. Er tritt auch der-Anschauung entgegen, als ob Judentaufen nur aus äußerlichen Beweggründenerfolgen und' deshalb abzulehnen seien. Er stellt auf Grund seiner. Erfahrungen aus dem Verhallen der Konvertiten vor und tiach der Taufe die Beweggründe der Konversion nach ihrer Häufigkeit zusammen, wobei sich in absteigender Linie folgendes Bild ergibt: I. i,ideell vollzogene Auswurzelung "aus dem Judcnvolko und beabsichtigte Einwurzelung in das christliche Volk“, 2. „Anglcichung an die katholische Umgebung“, 3. „beabsichtigte Verheira-' tung mit einem katholischen Partner“, 4. „Rücksicht auf den herrschenden politischen Kurs", 5. „Sehnsucht naeli einer konfessionellen Zugehörigkeit bei solchen Menschen, die. vor Jahren konfessionslos geworden sind“, h. „Angleichung an die Religion der Kinder“, 7. „inneres religiöses Suchen nach einer wirklich vertretbaren religiösen Haltung“ und 8. „innerlich erkannte religiös-sittliche Pflicht bei solchen, die sich bereits früher mit religiöse!! Fragen und Studien^ beschäftigt haben.“ Pater Bichlmair kommt auf Grund seiner Beobachtungen zu dem Schluß, däß-der Prozentsatz gläubig gebliebener Judenkonvertiten nicht, -jedenfalls nicht weit hinter der ande- ‘rer Konvertiten zurückbieibt und erklärt: „Daß Jndentaufen grundsätzlich, weil angeblich nur äußerlich erstrebt" und gewollt, mißlingen müßten, ist eine haltlose Behauptung , fanatischer Antisemiten.“ ‘ * Die jnöifdi'IHietale äeifong erscheint für die Folge unter dem Titel Jüdische Allgemeine Zeitung Die nächste Nummer gelangt am 7. November zur Ausgabe