Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 14 (1934)
- Issue
- 76-77 (21.9.1934)
- Date
- 1934-09-21
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Besuch bei einer kleinen Gemeinde Von Dr. Stefan Fraenkel An einem Freitag kam ich in der pommerschen Mittelstadt an. Mich empfing das Leben einer Stadt, die öwnig Industrie und daher auch nicht viel Arbeiter hat, dafür aber desto mehr mit dem Lande verbunden ist, und deren Weichbild selbst schon zahlreiche Gärten und Aecker aufweist, ln dieser Stadt leben etwa 60 jüdische Familien, großenteils Geschäftsleute -und Händler. Diese ungefähr 200 jüdischen Seelen bilden eine Gemeinde, deren Bild mir typisch für das - Bild vieler kleinerer Gemeinden in unserer Zeit zu seih scheint. Nachdem schon in den ganzen letzten Jahren immer mehr Jugend die Stadt verlassen hatte -und der Nachwuchs sich immer weiter verringerte, haben in den Jahren 1933 und 1934 auch mehrere alteingesessene .Familien ihren Wohnsitz in djeser Stadt aufgegeben, teils um in eine Großstadt zu übersiedeln, teils um auszuwandern. Im Zuge dieser Entwicklung ist eine. ganze Anzahl ehemals jüdischer Geschäfte in andere. Hände übergegangen, jüdische Akademiker sind kaum noch vorhanden. Freitag abend ging ich in .die Synagoge. Ohne einen Führer ist sie nicht zu finden, obwohl sie mitten in der Stadt liegt. Wir müssen einen Hausflur durchschreiten, dann einen Hof, um zum Eingang zu gelangen. Der Bau selbst wie das Innere zeigen Spuren des Alters, eine Erneuerung oder Auffrischung ist aber unmöglich, da zu kostspielig. Das Innere ist ganz aus Holz. -Auffällig ist die verhältnismäßig große Orgel, die aber unbenutzt bleibt. Diese, wie die ziemlich große Anzahl der Bänke und die Ausstattung der Lade und der Kanzel geben Zeugnis von einer früheren gewissen Wohlhabenheit der Gemeinde. Noch heute besoldet sie einen Rabbiner und einen Kantor, bald allerdings wird sie ohne Rabbiner sein. Der Gottesdienst ist von ■ ‘eileicht 25 Personen besucht, darunter kaum Jugend, einige junge Frauen, ein paar Knaben, mehr nicht. . Der Chor wird von einigen o bis 10 Jahre alten Kindern gebildet, mit denen der. Kantor die religiösen Gesänge eingeübt hat. Das Leben in einer solchen Gemeinde .formt sich für uns zu der Frage, ob die Gemeinde, deren Erhaltung aus eigenem vielleicht nicht mehr lange möglich sein wird,- von außen gehalten oder ob sie ihrem Schicksal überlassen werden soll. Die Antwort liegt bei den hierfür maßgebenden jüdischen Instanzen. Aber sie muß dahin gehen, daß die Gemeinde, wenn sie selbst weniger Seelen zählte, nichtuntergehen darf. Es ist schwer, diese Menschen, die mehr denn je von den Sorgen des Tages bedrängt werden, zusämmenzuhalten und sogar noch zu zeitlichen und geldlichen Opfern zu veranlassen, aber es lohnt sich! Für solche Gemeinden kommt heute bei den beschränkten Mitteln, die den zentralen jüdischen Stellen zur Verfügung stehen, nicht so sehr eine finanzielle Unterstützung in Betracht. Aber dje Aufgabe der maßgebenden Stellen muß es sein, für die ■ Äufrechterhaltung des Gemeindelebens zu sorgen, das in' dem täglichen Einerlei oft zu versanden droht. Es. müßten von außen — etwa durch regelmäßige Besuche und sonstige Interessenahme — neue Anregungen und Impulse gebracht werden, damit der einzelne Jude neues Jnteresse an.seiner Gemeinde gewinnt; er kennt keinen Kulturbund oder eine gleichartige Organisation, die ihm geistigen Gewinn und geistige Ablenkung verschafft. In der Gemeinde, die ich hier als Beispiel genommen habe, bleibt jede Familie die ganze Woche über in ihrer Wohnung und kommt nur mit einem kleinen Kreis von stets denselben Menschen zusammen, nur gerade in der Synagoge sprechen sie andere Juden und hören und erzählen von ihren Sorgen und Nöten. Aber schon dies erscheint wertvoll, denn so gibt es doch wenigstens einen Platz, der die Gemeinde zusammenführt und sie sich wieder einmal 2\uf sich selbst besinnnen läßt. Und nicht nur den Juden dieser Stadt dient die Synagoge zu dem, was ihr Name ursprünglich bedeutet, nämlich zum „Versammlungsort“, sondern vornehmlich auch den Juden, die vereinzelt draußen in den Dörfern der Umgebung wohneh, denen dort jede Beziehung zu -jüdischen Dingen fehlt. Wenn diese Juden an einem Sabbat oder einem anderen Feiertag in die Stadt kommen und in die Synagoge gehen, so wird gerade der Gottesdienst das Band, das sie mit dem Judentum verknüpft, immer von neuem festigen. Es wäre ein niemals gut zu machender Verlust — schon des Nachwuchses wegen —, wenn den Juden der Mittel- oder Kleinstadt diese oft einzige Stätte, die sie noch mit Geisi und Kultur des Judentums verbindet, verloren ginge. Der Friedhof dieser Stadt, von der ich eingangs sprach, ist das Vermächtnis, und die Forderung der Toten: Wie die zahlreichen Grabsteine, noch aus dem Anfang des 19. Jahrhunderts, jedem Unwetter und Sturm zum Trotz stehen blieben, so hat auch die Gemeinde aufrecht zu verharren, solange es nur irgend möglich ist. I i SUitber werben gemeffen Ungeduld im Kinderheim — Die geheimnisvollen Insirumente — jüdische Erbforschung in der Praxis Die jüdische Öffentlichkeit hat in den letzten Monaten wiederholt von der Tätigkeit der Arbeitsgemeinschaft für jüdische Erbforschung und Erbpflege erfahren, die es sich zum Ziel gesetzt hat, durch geeignete und bewährte Methoden in körperlich-seelischer Hinsicht Kenntnisse über die jüdische Bevölkerungsgruppe anthropologisch zu vertiefen. Wie aber wird diese Arbeit praktisch geleistet? Der Leiter der Organisation, Dr. W. Nußbaum, ermöglichte es mir, einen Blick in diese Tätigkeit zu tun, die sich auf anthropologische Erhebungen bei Berliner jüdischen Kindern erstreckte. Dr. Nußbaum und sein Assistent, der Anthropologe Salino, haben zu. diesem Zweck ihr Tätigkeitsgebiet in das Kinderheim in der Auguststraße verlegt und sind gerade dabei, eine Reihe von Kindern für ihre Messungen auszusuchen. Da werden genaue Körpermaße, Gesundheitszustand, soziale Lage festgestellt, das Einwirken von Erbe und Umwelt und Vererbung werden mit den exakten Mitteln der Wissenschaft untersucht. Um die Ungeduld der ausgesuchten Kinder zu besänftigen, hat ihnen der „Onkel Doktor“ eine süße Belohnung in Aussicht gestellt, Köpenlcker Wäscherei A. Wensch m Trocknet im Freien. Solide Preise. Fordern Sie Preisliste! Köpenick, Grfinauer Straße 77, F 4 Köpenick 1160 1H war aber so unvorsichtig, ihnen schon vorher zu verraten, daß sie auch fotografiert würden. Begreiflich, daß dieses „Ereignis“ bei ihnen große Aufregung hervorruft und sie den Fotografen bestürmen, ihnen ein Bild zu überlassen. Wie zu einem Sportfest sind sie angetreten, der Größe nach geordnet. Neugierig sind ihre Augen auf die Meßbestecke gerichtet, mit deren Hilfe an ihnen die erforderlichen Feststellungen getroffen werden. Auf einem Tisch liegen, allerhand interessante Dinge ausgebreitet. Da ist eine Färbentafel, die sämtliche Augenfarben enthält, die es in der Welt gibt. Da ist ein Instrument, das aussieht wie ein bunter Besen; es ist jedoch eine Skala der Haarfarben, die zum Vergleich benötigt werden, vom hellsten Blond bis zum tiefsten Negerschwarz. Ein Kästchen birgt eine Zusammenstellung sämtlicher Hautfarben. Die zur Untersuchung herangezogene Gruppe entstammt einfachen sozialen Verhältnissen, wie schon der erste Augenschein ergibt, der Gesundheitszustand und der Emährungsbefund bestätigen. Trotz der ungesunden Wohnverhältnisse, unter denen viele dieser Kinder leben, ist ihr körperlicher Befund nicht schlecht zu nennen. Bei vielen Kindern zeigen sich allerdings gewisse Körperanomalien, die man durch gesunde sportliche Betätigung zu beseitigen hofft. Die Untersuchungen sollen in den verschiedensten Heimen, und zwar an ostjüdischen und deutschjüdischen Kindern getrennt, getroffen werden. Durch all diese Erhebungen wird man wichtige Schlüsse für die Berufsumschichtung und späterhin auch für die Eheschließung ziehen können. Während der Untersuchungen haben die Hortnerinnen alle pädagogischen Mittel aufwenden müssen, um den aufgeregten Kinderhaufen einigermaßen zur Ruhe zu bringen. Die Ungeduld legt sich erst, als die. Kinder zu einer Gruppe zusammengestellt werden, das Blitzlicht in dem Raume aufflammt und der Fotograf die von allen ersehnte Aufnahme macht. Julius Walter. Teweles benahm sich frech Daß der Vorstand der Jüdischen Gemeinde von. Worms nicht mit sich spaßen ließ, geht aus einem Schriftstück aus dem Jahre 1788 hervor, das folgenden Wortlaut hat: Ich Endesunterzeichneter bekenne hiermit mit eigener Unterschrift, daß ich wegen frechen Auftretens gegen.den Gemeindevorstand verurtheilt worden bin, in die Gemeinde 18 Pfund Lichter zu liefern, ein ganzes Jahr kein Sabbatkleid zu tragen, auch während eines ganzen Jahres meinen Platz in der Synagoge zu meiden und mich unter den Platz des Herrn Rabbiners zu stellen und bei keinem Minjen mitgezählt zu werden. Hierauf habe ich den Vorstand um Strafmilderung gebeten, welcher mir auch Zusage gegeben, und zwar habe ich nunmehr statt 18 Pf.. Lichter 10 Pf. zu liefern, jedoch habe ich die Kosten für Lichtverbrauch während der Sitzungen mit 6 Kreuzern zu bezahlen, dieses längstens innerhalb 14 Tagen, dem Schammes für seine Mühe 1 Gulden. Sollte ich die Strafzahlung unterlassen, so habe ich 30 Thaler an die Stadt und 50 Thaler an die Gemeindekasse zu entrichten. Dies Alles habe ich aufrichtig — ohne äußere Einwirkung — angenommen. Unterzeichnet Teweles. Außerdem ist das Schriftstück unterzeichnet im Beisein von allen Vorstehern von Jehude Jizchak Eliesar Oppenheim, Schammesch Weneemann der Gemeinde Worms. zoiiSDiditloi B. nactunioisoB NW 4Q, Lüneburger Straße 1 Stadt- und Anslandsumzüge Zollabfertigung usw. Hansa 243 I Modern« Bett-, Mfibel-, Polsterond Dokorationswarkstltten BARESEL — WANK Charlottenburg 4. Bismarckstr G Achtung! Heißmangel rollt und plättet zugleich Pfundwäsche schrankfertig 0J25 Wittine, Sehweidnitxer Str. 2 SCHNEEWE1SSE WASCHE liefert Frau Welk«, KBpenlckrWaldstr. 8 Zeitgemäße Prellt, Abholung Mittwochs F 4 Köpenick 1235 Ihre Wascherei: Frollk Hoh«uoli«rndamm 19t H 6 Emser Platz 5329 Abholung und Lieferung frei K_Reklame "Fritz Kuhn Kantstraße 130a C 1 SteTnplatz 7376. Polster-, Dekoration*- und Halerarbeiten führt sauber und billig aus Paul Zeh. N 54, Christinenstr. 11 Möbel' Kamerllng N, Kastanienallee 56 £. 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