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Jüdisch-liberale Zeitung · 1934-09-18 · 75 (18.9.1934) · page 1

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
14 (1934)
Issue
75 (18.9.1934)
Date
1934-09-18
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Berlin Dienstag, 18. September 1934 zu Berlin. Preis 20 Pfg. Nr. 75 — 14. Jahrgang iberaleJeinin gilt heutiges Subentum uitb religiöfeit Wufbau __ Pie „Jüdisch - liberale Zeitung*« erscheint zweimal wöchentlich; Dienstags und Freitags „Friede dem Femen und dem Nahen“ Zum Versöhnungstag 5695 / wmmm«*. »wi-mm* h. BätSÄ! SS rruciot^al __1_e_x_t . it» ■ I. „Friede, Friede dem Fernen und dem Nahen!“' rufen wir mit dem Propheten auf einer der Höhen unseres Versöhnungstages und künden damit die frohe Botschaft, die Gott selbst mit diesem Tag an alle, an die Fernen zuerst und an die Nahen alsdann ergehen läßt. Ob sie ein Echo in Menschenherzen findet? Wie ein Fremdling nimmt sich der Tag der Versöhnung inmitten einer Welt der Feindschaft aus. Aber uns,'' denen er Jahr für Jahr als der vertraute nahe Freund kommt, darf das an seiner Forderung nicht irre machen. Wir reichen in Liebe dem uns feindlichen Bruder die Hand, und wären wir selbst gewiß, daß er sie nicht ergreift. Wir wissen um Alter und Grund der Entzweiung, die uns trennt. Wie Urbilder stehen sie vor uns, die Kinder desselben Blutes, Söhne des gleichen Vaters und derselben Mutter, Zwillingsbrüder, die noch nicht geboren, sich schon den Raum im Mutterschoße streitig machen, als Knaben entgegcngesetzte Wege gehen, als junge Männer sich tödlich hassen,' weil einer dem anderen nicht Erstgeburtsrecht und Erstgeborenensegen gönnt: Jakob und Esau. Wenn wir der feinsinnigen Deutung unserer alten Weisen folgen, hat schon der blinde Vater Wesen und Sendung seiner Söhne seherisch gekündet, als er, sich zum feierlichen Segen rüstend, sprach: „Die Stimme ist Jakobs Stimme, und die Hände sind Esaus Hände.“ Der alte-Satz, daß was den Vätern begegnete, auch ihren Kindern widerfuhr, gilt im besonderen von unserem dritten Stammvater, von Jakob, dem wir den Namen Israel verdanken. Seine Geschichte ist auch die unsrige. Wir dürfen nichts daran' verdecken oder beschönigen, so wenig es die Bibel selber tut, aber wir brauchen es. auch nicht. Denn es ist die Geschichte einer seelischen Wandlung und Läuterung. Durch List und Trug glaubte Jakob den väterlichen Segen, der ihm von' Geburt versagt war, erschleichen zu können. „Siehe, der Duft meines Sohnes ist wie der Duft des Feldes, das der Ewige gesegnet hat. So gebe dir Gott vom Tau des Himmels und von den Fetten der Erde und Korns und Mostes die Fülle! Völker sollen dir. dienen, Nationen sich dir bücken, werde Herr deinen Brüdern, daß sich 'dir bücken deiner Mutter Söhne. Die dir fluchen — verflucht!, die dich segnen — gesegnet!“ Das war der Segen nicht für „den schlichten Mann, der in Zelten weilte“. Das war der Segen für den Menschen der freien Natur, dessen Kleid den kräftig frischen Duft des Feldes ausströmt, ■ der Segen für den Jäger, der mit Pfeil und Bogen den Vogel im Flug, das Wild im Sprunge erlegt und stolz mit blutiger Beute. heimkehrt, der Segen auch für den seßhaften Bauer, der dem fetten Boden des „Kornes und des Mostes Fülle“ abgewinnt; es war der Segen für den tapferen, trotzigen Krieger, der mit vierhundert wohlgewappneten Mannen daherzieht, er, der Herr, dem sich die Söhne seiner Mutter bücken. Nur schlecht verkleidet Jakob die glatten Hände und den glatten Hals mit rauhen Fellen, und der Segen, den er damit gewinnt, wies ihn zum Fluche. Anders der Segen, den er als unverstellter Jakob von seinem Vater später empfing, wie er vor Esaus ,Racheschwur in die Fremde fliehen mußte: „Gott der Allmächtige segne dich, er mache dich fruchtbar und’ mehre dich, daß du zu einer Gemeinde von Völkern werdest. Er gebe dir den Segen Abrahams, dir und deiner Nachkommenschaft mit dir, daß du das Land deiner Gästschaft ererbst, das Gott Abraham gab.“ Der Segeii, den Abraham von Gott empfangen und an Isak weitergegeben, damit dieser ihn derp rechtmäßigen Erben seines Geistes weitergebe, er .war für Jakob bestimmt: als Hirt in harter Fron der'Fremde sollte er ihn sich verdienen, in der täglichen sorgenden Liebe zu Frau und Kind, in der täglichen liebenden Sorge; für jedes Tier, das seiner Obhut anvertraut war, unter Kämpfen und -Leiden in einer Umwelt voll Mißtrauen und Neid, aber auch in dankerfüllten Ge- . beten an den Altären des Gottes, der ihm im nächtlichen Jugendtraum erschienen war und ihn behütete, wohin er ging, und ihn zur „Gemeinde Jakobs“, zum Vater der Kinder Israels reifen ließ, auf daß wie durch Abraham auch durch ihn „gesegnet würden alle Geschlechter des Erdreichs“. II. Edom — unter diesem Namen ist nach biblischer Auffassung Esau in die Weltgeschichte eingegangen. Edom aber, so verstanden es schon unsre Alten, ist gestaltet, zu Kunstwerken formt oder an Wundern der Technik bildet, was man als Bauer dem Boden.abringt, als Jäger'erbeutet, als Krieger besiegt, erobert und vernichtet.— mag es Babylon oder Ägypten, Rom oder sonstwie-heißen — Edoms Vorrecht, sein Erstgeburtsrecht ist es. Jakobs aber ist die Stimme, die mahnende und tröstende, des Propheten,- die klagende und jubelnde des Psalmisten, die Stimme eines unerschütter- - liehen reinen Gottvertrauens, die Stimme einer all-. (Fortsetzung auf der 2. Seite.) Tag und Mensch Von Rabbiner Dr. N. Salomonski V „Der Tag ist kurz, die Arbeit ist schwer, die Arbeiter sind träge, der Lohn ist reich, und der Herr drängt“. Dieses -Wort des Rabbi Tarfön, welches aus den Sprüchen der Väter bekannt ist, kann für den Versöhnungstag nutzbringende Anwendung finden. Es ' muß.immer wieder versucht werden, durch die eigene geistige Erhebung, die vielen so schwer fällt und.doch hohen Erfolg verspricht, unser Menschentum neu beginnen zu lassen und zu adeln. Wir müssen die Kraft erzeugen, um durch dieses Streben dem Willen Gottes entgegenzukommen, denn die Erweckung einer solchen Gesinnung" und der Taten, die sie im Gefolge hat, ist das Ziel der Schöpfung. Wenn man sich nun bemüht, auf diesem Wege zu Gott vorzudringen,’- dann ist unsere erste Grundstimmung die Trauer. In unserem persönlichen Ergehen und zur Einschätzung eines Charakters bleibt es stets bemerkenswert, wie das Leid sich gestaltet, und auswirkt, nachdem der erste Schmerz vorüber ist. Die Naturen sind darin sehr verschieden. Es gibt Menschen, die fassungslos und nur mit dem Aufschrei der Wucht des Unglücks gegenüberstehen, es gibt auch andere, die gemäßigt, gebändigt, gesänftigt das Schwerste ertragen, und gerade deren Schmerz ist tief und.echt. Es bleibt aber durchaus unfruchtbar, sich nur dem Bußgedanken, der bis zu einer gewissen Wollust am Verworfensein ausarten kann, hinzugeben. Wir wollen hiermit nicht sagen, daß der Mensch seine Sünden und Vergehungen robust abschütteln soll. Aber wie könnte ihm Kraft bleiben oder erwachsen, sich zu bessern oder mit dem Guten zu beginnen, wenn er verzweifelt ist und bleibt. Darum soll der Israelit am Tage der Versöhnung einen Hauch der eigenen Menschenwürde verspüren und — ob jung oder alt — in sich den Mut erblühen lassen, sein Leben zu einem gesegneten zu gestalten. Am Beispiel großer Persönlichkeiten, im Rückblick auf die Geschichte der Judenheit, in Angleichung an die Lage und die Leiden unserer Lehrer und Propheten, im Vertrauen darauf, daß jedem ein Rückweg und Umkehr möglich ist, muß er in sich als Lebensprogramm, das sofort beginnt, die Ueberzeugung absolut gestalten: mein Leben ist ein von Gott bestimmtes, auserwähltes Schaffen. Es muß mein Wille sein zu erkennen, was mir frommt! Es ist leicht, zu den Gesegneten zu gehören!. , Wenn diese Lebensbejahung ihren Weg aus dem Kopf in die Wirklichkeit antreten will, dann gibt es für die" Durchführung eine einzige bewährte Methode, und das ist der Begriff der Disziplin. Sie fehlt uns zu unserem Unheil am stärksten, und die meisten von uns, welche sich zu den Berufenen rechnen, verstehen weder zu gehorchen noch zu befehlen. Ja wenn wir das lernen könnten und schon der Jugend beibrächten, daß kein verzärteltes Geschlecht erwüchse, sondern ein treues, gehorsames, pflichterfülltes, starkes, stilles, bescheidenes, dann wäre schon der Ausblick auf unser neues Leben ein Segen! - Wir würden nämlich erkennen, daß das Leben' kein Zufall, sondern eine Fügung ist, die im Willen des "Menschen steht. Wer auf seine Jahre und Geschicke zurückblickt, der kann doch nur im Wahn annehmeh, daß die Gestattung seines Daseins ein Spiel der Blindheit warT Wir müssen umgekehrt glauben, daß von der Vorsehung für jeden Menschen 1 Schicksal und Ziel und Arbeitsleistung vorbereitet sind,- wenn wir unseren Willen dazu betonen, wenn wir es wollen. Darüber hinaus’ soll man sich auch „in' der Zeit des Alters, wenn unsere Kraft dahrnschwindet“, nicht für überflüssig oder unwert erachten. Wir haben aus alter und neuer Zeit denkwür- _ dige Beweise dafür, was Menschen noch als Greise leisten können. Nicht selten geschieht es, sogar, daß gerade die'letzten Jahre-unsere" besten werden und daß ein Zusammenwirken von Weisheit und Erfahrung, Milde und Menschlichkeit ein’ rühmliches Vorbild darbietet. Aus der Abgeklärtheit dieser Lebensauffassung, welche in der Ruhe und Stille des Jom Kippur auchsolchen Menschen zum Bewußtsein kommen känn,- welche hoffentlich das Leben erst vor sich haben, erhebt sich als Krönung die echte Religiosität. Wer den Tag ernst nimmt, und wen er packt, der wird ein Frommer und Gott Fürchtender, der weiß, daß die Frömmigkeit nie unmodern wird und daß es den Juden am höchsten ziert,. wenn er sich als Kind. Gottes fühlt und an seiner Hand durchs Leben schreitet. -— — Wenn wir viele fromme.Menschen hätten, die für die Ausbreitung der Religion erglühen und ihr Besitztum nicht als Eigengut arischen, dann würde die Menschlichkeit wachsen. Dann begänne die Zeit des Bauens und Aufbauens, des Arbeitens und der Lebenswerke, dann würde die Zeit der. Menschenreife anheben, die uns feste und unerschütterliche Treue, wohlwollende und gerechte Charaktere beschert, die die Kinder, die Erwachsenen und die Greise zu Anbetern Gottes umschafft, Ihre Erreichung hängt nicht von'dem Vordrängen — im Gegenteil — nur von der Zurückhaltung ab. Wenn wir still, zäh, eisern, bedächtig, unerschütterlich, mit ganz klarem Kopf und doch mit einem Herzen voll Liebe in der Brust warten können, bis der Ruf an uns ergeht, bis man uns holt, und wenn jeder von uns, wenn unsere Gesamtheitdiese Tugenden begreift, dann werden wir die Nöte der Zeit überdauern, dann wird der Tag der Vcrsöhnung Wunder tun und den wirklichen Menschen schaf-l’ fen. Es mag lange'dauern, bis wir dahin kommen, aber die Berechtigung zum Optimismus ist schon heute angebracht, welche lautet: Alle Menschen sindberufen, alle Menschen sind auserwählt! Wichtiger Hinweis! 1 In den Tagen bis zum 25. Septem- 1 ber legt der Briefträger die Abon- | nementsquittung für den Monat I Oktober in Höhe von Mk. 1,35 | zuzüglich Post-Bestellgebühr vor. |- Nur pünktliche Einlösung sichert 1 den Weiterbezug der 1 „Jüdisch-liberalen Zeitungr“.

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