Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 14 (1934)
- Issue
- 74 (14.9.1934)
- Date
- 1934-09-14
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Berlin Freitag, 14. September 1934 MMner-Seminar zu Berlin. Preis 20 Pfg. Nr. 74 — 14. Jahrgang 3ür öeutfcfjes 3ubeittum unö celigiöfeit tHufbaü Die „Jüdisch-liberale Zeitung“ erscheint zweimal wöchentlich» Dienstags und Freitags- Was ist deutsch - was ist Jüdisch? Von Fab ins Schach Zu der Erkenntnis haben auch wir Juden uns durchgerungen, daß das Neue um uns kein Parteigebilde, sondern eine Weltanschauung ist, die in der Natur der Gemeinschaft wurzelt. Aber Weltanschauungen sind nicht starr-dogmatisch', man kann und soll sich mit ihnen auseinandersetzen. Die innere Welt des Dritten Reiches ist die irrationalistische, die Erhebung der Gefühle zum primären Willen, zur Lebensgrundlage. Psychologisch gesehen, ruht hier der tiefste Gegensatz zum Liberalismus. Denn der Liberalismus ist logisch-rationalistisch, er setzt bei den Menschen ein angeborenes gleiches Recht voraus und folgert daraus den'Staat gleicher Bürger. Auch die Grundlage der Emanzipation war Menschlichkeit, Gemeinschaft aller Bürger über alles Rassische und' Religiöse hinaus, eine Übertragung strenger Logik auf die realen Dinge des Staatslebens. Im Gegensatz dazu ist die Welt des Nationalsozialismus irrationalistisch, sie macht aus Aus Deutschland Justizrat Dr. Arnold'S e I i gsoh n, ein hervorragender* Vertreter der Wissenschaft des Patentrechts, beging gestern seinen 80. Geburtstag. Justizrat Seligsohn, dem vor einigen Jahren von der Universität Berlin die Würde eines Ehrendoktors verliehen worden war, war lange Zeit Vorsitzender des Kuratoriums der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums und Vorsitzender des HHfsvereins für jüdische Studierende. * Nach einer Veröffentlichung der Dortmunder Zeitung hat die Stadtverwaltung von Kamen folgende Erklärung abgegeben, in der sie mitteilt, daß die in der Stadt umlaufenden Gerüchte,1 wonach die Stadtverwaltung einer Jüdin zum 8 0. Geburtstagein Glückwunschschreiben übersandt habe, jeder G rundlage entbehren. Die Stadtverwaltung habe noch nie zum Geburtstag einer Jüdin oder eines Juden gratuliert. : * Der frühere Leiter der Röntgen-Abteilung am Krankenhaus der Israelitischen Gemeinde in Frankfurt a. M., Dr. Albert Oppenheimer, hat eine Berufung als 'Professor der Röntgenologie an die amerikanische Universität in Beirut in Syrien erhalten und tritt sein Amt am ersten Oktober an. * Der Schriftsteller, Sozialhygieniker und Statistiker Felix Theilhaber, von dessen Werken „Der Untergang der deutschen Juden“ am bekanntesten gewordenist, beging ’ seinen 50. Geburtstag. Die offizielle polnische Telegraphenagentur Pat meldet aus Danzig, daß der dortige Polizeipräsident seine Demission eingereicht habe, weil ihm zum Vorwurf gemacht worden war, daß seine.Fr au Jüdin sei. Aus dem Ausland Auf ■ dem jüdischen Friedhof der kanadischen Stadt Toronto wurden zahlreiche Grabsteine zerstört. Zwei Jugendliche wurden als Täter ermittelt und verhaftet. Die London Film Company-wird mit Zustimmung von Thomas Mann demnächst-seinen Roman „Josef und seine Brüder" verfilmen. Die Bearbeitung, die von Thomas Mann überwacht wird, wird Ludwig Biro besorgen. Der Dichter beabsichtigt, den Filmaufnahmen in London beizuwobnen. .. * Einer der Führer der südafrikanischen Judenheit, Louis Qradner, ist zum Bürgermeister von Kapstadt, w i ede rgewählt worden. * Auf dem von 700 Philosophen besuchten internationalen Philosophen-Kongreß in Prag wurde auf Vorschlag des Professors Brun schwieg von der Pariser Sorbonne beschlossen, den großen französisch-jüdischen Philosophen Henry Bergden psychischen Differenzen eine Norm für die Zumessung Von Macht und Recht. Anstelle des weiten, aber instinktiv unfaßbaren Begriffes Menschlichkeit tritt der für das Volk konkretere Nationalismus, anstelle der in der Tat überschätzten Kultur tritt das primitive Triebhafte, anstelle des demokratischen freien Wählens und Wollens tritt das Folgen einemhöheren Rufe. Das Wichtigste dabei, tiefer gesehen, ist die Abkehr vom Rationalistischen. Daraus, nicht durch die Änderung äußerer Regierungs- und Verwaltungsformen, entstand eine Umw e rtu n g vieler geistiger und sittlicher Werte.'Neue Probleme von einer tiefgreifenden Bedeutung tauchten auf, und auch an die alten Probleme trat man mit neuen Lösungen heran. Und an allem sind wir Juden beteiligt, — äußerlich als Objekt; innerlich aber auch als Subjekt, weil wir uns irgendwie mit diesen Problemen auseinandersetzen müssen, um in diesem Raum leben zu können. son zum Ehrenpräsidenten des nächsten internationalen Kongresses, .der in Paris stattfinden wird, zu ernennen: Dieser Beschluß würde Professor Bergson telegraphisch mitgeteilt. “ Wie aus Budapest gemeldet wird, hat Reichsverweservon Hörthy den Präsidenten der dortigen orthodoxen israelitischen Kultusgemeinde, Abraham Freudiger v. Obuda, in Anerkennung seiner Verdienste um das öffentliche und konfessionelle Leben den Titel eines königlich-ungarischen O b er r egi e rungs ra tes verliehen. ‘ * Wie aus London berichtet wird, hat eine von der Universität Chicago ausgerüstete Forschungsexpedition südlich der salomonischen Stadt Megiddo wichtige Ausgrabungen vorgenommen. Diese Festung beherrschte ehemals die ganze. Ebene von Esdralon und bewachte die südöstlichen Pässe des Berges Karmel. * Für die durch die Überschwemmungskatastrophe im Mai schwer heimgesuchte Stadt Tiberias hat die englische Regierung 25 000 Pfund zur Verfügung : gestellt, damit die durch öffentliche Sammlungen aufgebrachten Mittel ausschließlich dazu verwandt werden können, den geschädigten Familien die Neugründung einer Existenz zu ermöglichen. Die englischen Gelder sollen u. a. dazu dienen, drei neue Straßen durch die Altstadt zu ziehen, die im Falle einer neuerlichen Elementarkatastrophe den Abfluß der Wasseik massen in den Genezareth-See ohne Gefährdung von Leben und Eigentum sichern sollen. Wie aus Lausanne gemeldet wird, wird das unter Leitung .des vom Völkerbund eingesetzten Oberkommissars James G. Macdonald stehende Internationale Amt für Auswandererhilfe in nächster Zeit nach London verlegt werden. * Nach einer Veröffentlichung des Amtsblattes der belgischen. Regierung wurde der bisherige Vizekonsul in Harfa, Rosenfeld, ein Jude, zum belgischen Konsul für Haifa ernannt. « i Nach Meldungen aus Sofia warnt das Zentralkonsistorium der bulgarischen Juden vor ungeregelterWan-derung nach und durch Bulgarien, da die kleine jüdische Gemeinschaft Bulgariens nicht imstande sei, die Lasten einer ' solchen ungeregelten Wanderung von Unbemittelten zu tragen. Aus einer Soeben veröffentlichten amtlichen Statistik über Eheschließungen in Polen im abgelaufenen Jahr geht hervor, daß die jüdische Bevölkerung unter allen Konfessionen die geringste Zahl von Mischehen aufweist. Nur 0,1 Prozent der jüdischen Männer und Frauen, die im letzten Jahr geheiratet haben, sind eine Mischehe eingegangen. Es scheint auch, daß die Quelle der psvcliiscfien Beurteilung der Juden aus dein Gegensatz Rationalismus-Irrationalismus stammt. Man betrachtet die Natur des arischen, vor allem des nordischen Menschen .als irrationalistisch, zum Metaphysischen ncigeüd, nach dem Was und Warum, nicht nur nach,dem Wozu grübelnd. Im Gegensatz dazu sicht man im Judenden Typus des rechnenden, üherklugen Menschen, dem, alle Scelentiefc fern ist, der daher geistig nur sezieren/ aber nicht harmonisch bauen kann. Manscht in ihm —- im schlechten Sinne — den homo sapiens, der das Einheitlich-Große des Lebens nicht erfassen kann, weil er nur.' den Nutzen und nicht den inneren Wert sucht. Man spricht ihm jeden Idealismus ab, weil der wahre Idealismus aus detrt sehnenden, von Hoheit träumenden Herzen kommt. Man verneint bei ihm alles wahrhaft Schöpferische, das aus tiefen Quellen fließt. Wie verhält es sich in Wirklichkeit damit? ' > Wie mit allen Verallgemeinerungen: es wohnen hier . Wahres und Falsches nebeneinander, und auch das Wahre ist in seinen. Ursachen und Wirkungen vielfach-nicht richtig erfaßt. Man vergißt, daß der •Typus Jude' schwer zu erfassen ist, weil es im modernen Leben Europas einen 'einheitlichen jüdischen Charakter nicht mehr gibt. Man vergißt, daß auch in' der jüdischen Seele heterogene Elemente leben, daß hier Geschichtliches, Soziales, Empfundenes und Anempfundenes, Ursprüngliches und Angeeignetes miteinander so verschmolzen sind, daß “schwer zu sagen ist, was im heutigen Juden urjüdisch ist. Nuancen sind sicherlich auch im Leben und geistigen Wirken des deutschen Juden vorhanden, aber auch der feinste Psychologedürfte kaum ein^cinheitliches Bild daraus gestalten können. Gewiß neigt der Jude vielfach zum Klügeln, zum logischen Sezieren, zur Kritik. Aber — ist das urjiidisch oder Produkt . relativ neuer, geschichtlicher sozialer Verhältnisse? Und ist diese Erscheinung allgemein oder an ein bestimmtes. Milieu gebunden? Darauf allein kommt es an. ' Das alte Judentum, wie wir es aus der Bibel und. dem nachbiblischen ' Schrifttum konstruieren, schaltet das Irrationalistische nirgends aus, Ja, es wendet sich direkt an das Gemüt, appelliert an das Herz. Nur will es unfruchtbare Sentimentalität, taten lähmend es Träumen verhindern und setzt daher die Vernunft .als.Wächter, das Recht als Kriterium ein. Jede Religion will Wärme, jeder Glaube sucht das Menschenherz, ist also immer irrationalistisch, und in der Geschichte keiner Gemeinschaft spielt die Religion eine größere Rolle als in der jüdischen. Bei den Propheten, den Bildnern des homo religiosus, sehen wir eine Seelenglut, ein sittliches Pathos, die aus himmlischen Tiefen fließen, eine Erhebung des Menschlichen zum Göttlichen. Freilich liegt es in der Struktur des-Judentums, das ganze Leben-in seine Gewalt zu nehmen und sich alle Kräfte dienstbar zu machen. Der Mensch soll zu Hohem erzogen werden, seine Leidenschaft soll gebändigt, seine Natur geläutert werden. Das ist_ kein Utilitarismus, sondern der Weg zu Gott. Gewiß mag dieses Ideal nur von — Wenigen erreicht worden sein, aber wesensfremd ' konnte es dem Volk nicht gewesen sein, weil es schon in' den konkreten Gesetzen verkörpert war. Der biblische Mensch lebte in und mit der Natur, er erlebte ihre Wunder täglich und konnte nicht zur Nüchternheit erstarren.- — - Auch als der Jude von seinem Boden entfernt wurde, entfernte er sich wenig von seiner inneren Natur. Er blieb ein schlichter Mensch, mit schlichten, natürlichen Neigungen, mit dem natürlichen Bedürfnis nach Romantik und Poesie, nach Schönheit und Tiefe. Den Typus „Handelsjude" mit allem, was man heute darunter versteht, wird man auch in der späteren jüdischen Literatur schwerlich finden, wohl aber häufig den Typus „Gelehrter“, mit wissenschaftlichem Idealismus, wie ihn Hermann Cohen konstruiertet Es gibt kaum eine Gemeinschaft, in deren Denken und