Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 14 (1934)
- Issue
- 84-85 (19.10.1934)
- Date
- 1934-10-19
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Berlin Freitag, 19. Oktober 1934 Doppelnummer Preis 30 Pfg. Nr. 84/85 — 14. Jahrgang Sfir beutfcfjes 3ubentum unb religiöfen Ulufbau Pie »Jüdisch - liberale Zeitung«* erscheint zweimal wöchentlich» Dienstags und Freitags Meinungen trennenAufgaben verbinden Um die Rekbsvertretung Von Rechtsanwalt Heinrich Stern- Der Sitzung des Beirats'der Reichsvertretung vom 14. d. Mts. haben wir mit recht gemischten Gefühlen entgegengesehen. Die Befürchtung, daß die leider nicht mehr ganz verborgenen Gegensätze zwischen .Reichsvertretung und Großgemeinden zu einer unliebsamen, Entladung führen würden, war insbesondere nach der Haltung einzelner Organe der jüdischen Presse nicht von der Hand zu weisen. Glücklicherweise bedeutete die Sitzung des Beirats für die Bedenklichen eine angenehme Enttäuschung. Man wird nicht mit dem ganzen Verlauf der Sitzung eihverstan- ’den sein können. Anstatt Einzelbeschwerden zu erörtern, hätte man von vornherein die sachliche Frage nach dem Aufbau, Ausbau und Umbau der Reichsvertretung grundsätzlich besprechen sollen, wozu nur wenig Zeit blieb. . Ich habe bereits vor Monaten an dieser Stelle, als von irgendwelchen aktuellen Differenzen noch keine. Rede sein konnte, einen Ausbau der Reichsvertretung aus den Gemeinden heraus gefordert (vergl. meinen Artikel über die- Reichsgemeinde: in Nr. 22 vom. 16. März der ,,J1Z.‘‘). Diese Frage hätte, unbeschadet aller gegenwärtigen Mißhelligkeiten, für eine derartige Sitzung den einzig würdigen Erörterungsstoff "bilden können. Ich stehe noch heute auf dem Standpunkt, den ich damals vertrat. Die Reichsvertretung hat ein doppeltes Gesicht; eines weist nach außen, eines nach innen. Soweit es sich um die Vertretung der Juden nach außen handelt, sollen die Männer führen, welche in den politischen' Organisationen tätig sind, ohne daß die gemeindlichen Mitarbeiter ausgeschaltet werden. Umgekehrt sollen bei dem innern Aufbau des deutschen Judentums in Wirtschaft, Kultur und Erziehung die Gemeinden das Recht und die Pflicht haben, durch Männer ihres Vertrauens, erfahren in der schwierigen Technik der Gemeindearbeit, die' Reichsvertretung zu verstärken1. Allgemein herrschte im Beirat Einigkeit darüber, daß die Zukunft von den Gemeinden, insbesondere,von den Großgemeinden, harte Opfer zugunsten der Gesamtheit der deutschen Juden fordern muß. Die Gemeinden haben daher das Recht, aus den in ihnen lebenden Kraftzentren Menschen ihres Vertrauens zur Mitarbeit in die Zentralverwaltung zu entsenden. Dies wird umsomehr nötig sein, wenn die Reichsvertretung ernsthaft daran gehen sollte, wie es aus den Worten des Herrn Dr. Hirsch hervorklang, sich mit dem inneren Aufbau der Gemeinden maßgeblich näher zu beschäftigen. Ich gehöre keineswegs zu denjenigen, die jedes einmal geschaffene Gemeindestatut für heilig und jeden Gemeindeführer für unantastbar halten. . Schon der Preußische Landesverband hat seinerzeit untermeinem Vorsitz sogenannte Mustersatzungen für die Gemeinden beraten. Warum soll die Reichsvertretung nicht berechtigt sein, alte Schläuche zu entleeren und neuen Wein hineinzugießen?. Ueber den Kopf der Gemeinden hinüber wird sie dies aber nicht tun .dürfen, und es ist daher durchaus berechtigt, wenn die Gemeinden eine stärkere personelle Anteilnahme an der Arbeit der Reichs Vertretung fordern. Schließlich und endlich war man hierüber auch vollkommen einig. Man hat einen .Verfassungsausschuß gewählt, in dem sich Insbesondere bewährte Mitarbeiter aus der Gemeindearbeit befinden. Dieser wird zu prüfen haben, wie er die Gemeinden in die Reichsvertretung einordnet. Ob und in welchem Maße hierzu der Präsidialausschuß erweitert werden soll oder ob die Organisation anders ausgestaltet werden kann, darüber hat die Kommission zu befinden. Wenn die ■ Jüdische Rundschau in ihrem Bericht über die Bejratssitzung .an einer Stelle bemerkt, daß der. schließlich zur Annahme gekommene Antrag Warburg nach Intention des Antragstellers die Erweiterung des Präsidialausschusses ausschließt, so ist das zweifellos unrichtig. Der Präsident der Reichsvertretung selbst hat auf Anfrage eines Breslauer Vertreters erklärt, daß die Annahme des Antrajfes Warburg der Kommission volle Freiheit lasse und sie nach keiner Hinsicht beschränke. Diese Erklärung hat auch alle diejenigen Teilnehmer an der Versammlung, die an sich vielleicht weitergehende Richtlinien für die Kommission befürwortet hätten — ein derartiger Antrag von mir lag vor — bewogen, dem Antrag auf Niedersetzungder Kommission zuzustimmen. - Man darf zu den erfahrenen Männern dieses Ausschusses das volle Vertrauen haben, daß sie nicht an Dogmen kleben, nicht irgendwelche unliebsame Vorfälle der Vergangenheit verewigen, sondern der Reichsvertretung eine Verfassung vorschlagen werden, die in denkbar praktischer Form die Einheit des Judentums sprechend zum Ausdruck bringen wird. Hierzu, wird es insbesondere auch nötig sein, den Zentral-, ausschuß, überdessen bedeutsame Arbeit entgehend un<L unter Beifall der gesamten Versammlung berichtet wurde, schärfer und schlagkräftiger als bisher der Reichsvertretung einzugliedern.' Ueber alle Differenzen in technischen und tiefer^— liegenden sachlichen Fragen wurde die Versammiung letzten Endes aber doch von dem Geiste getragen, daß mehr denn je dem deutschen Judentum ein Dreifaches; not tut; Einigkeit, Würde und Initiative. Dieses Gefühl brachte der Präsident der Reichsvertretung in seiner Einleitung in klassische Form. Es ist dringend zu wünschen, daß das, was er gesagt hat, was er insbesondere über die.Zusammenarbeit von Reichsvertretung und Gemeinden gesagt hat, hüben und drüben - lebendige Wirklichkeit werde. Das deutsche Judentum ist stolz auf seine Gemeinden, ihre Menschen, und die Fülle fruchtbringender Arbeit, die von ihnen geleistet wird. Das deutsche Judentum hängt aber auch, das ergab die Sitzung klar, an einer einheitlichen, - von jungem Geist getragenen,' kräftigen und verantwortungsbewußten Führung. Aus der Wechselwirkung, die auf gegenseitigem Vertrauen beruht .-kann . und wird auch in^der schweren vor uns liegenden Zelt Gedeihliches für das .deutsche Judentum erwachsen. Der Verlauf der Tagung Der Beirat der Reichs Vertretung trat am 'Sonntag, 14. Oktober, zu einer Tagung zusammen, .um ein Jahr nach Bestehen der Reichsvertretung die Berichte über die bisherige Entwicklung entgegenzunehmen und die Situation seit seinem letzten Zusammentritt im Februar zu erörtern. Rabbiner Dr. Baeck, der Präsident der Reichsvertretung, begrüßte die zahlreich erschienenen Beiratsmitglieder. Dr. BaeckSc Ansprache Die Reichsvertretung, so rührte Präsident Dr. Baeck aus, kann nur gemeinsam mit alten organisatorischen Gesamtheiten des deutschen Judentums Arbeit leisten. Organisationen und Gemeinden sind unentbehrliche Werkzeuge unserer Arbeit. Das gilt besonders und vor allem von der Berliner Gemeinde. Hier in den Gemeinden sind die großen Kraftzentren, ' aus denen die Reichsvertretung immer neue Kraft schöpfen kamt und schöpfen will. Die Reichsvertretung kann nicht über den Organisationen und Gemeinden stehen; aber auch nicht zwischen ihnen. Wir wollen und müssen Zusammenarbeiten mit den Gemeinden und Organisationen. Meinungen trennen, aber Aufgaben verbinden. Wo die Meinungen zurücktreten und das Bewußtsein der großen Aufgabe vor Geist und Wille tritt, dort ist Zusammenarbeit immer gefunden worden. Vor uns steht ein Winter mit allen seinen Schwierigkeiten und Sorgen. Wenn wir uns fragen, ob wir diesen Winter. moralisch und wirtschaftlich bestehen werden, so können wir eine Antwort nur finden, aus dem, was sich in den vergangenen anderthalb Jahren bewährt hat. Wir haben eine entscheidende Probe in dieser Vergangenheit bestanden. Wir sind loyale Bürger des Staates gewesen und geblieben. Es ist uns nicht leicht gewesen, die harten Sorgen um ,die Existenz, die an jedehmd alle herantraten, zu meistern. Wenn die Sorge kommt, kann der Geist leicht schwinden. Nur wenn der Geist in uns bleibt, wird es jüdisches Leben in unserer Mitte geben. Zu allem Geiste gehört Bescheidenheit, die, Bescheidenheit der Zurückhaltung. Um des Geistes willen üben wir sie und wollen wir sie üben. Judentum war oft Objekt in der Geschichte. Auch uns bestand die Gefahr, daß wir bloßes Objekt in dieser Zeit seien. Wir haben auch diese Probe bestanden. Durch alles, was wir im Werke des Aufbaus und der Hilfe, der Berufsausbildung und Umschichtung usw. zu leisten vermochten, haben wir bewiesen, daß wir- Persönlichkeit, Subjekt bleiben wollen, Subjekt im Denken, Schaffen und Aufbauen. Damit ist die eigentliche Aufgabe der Reichsvertretung gekennzeichnet. Mit ihr steht und fällt sie. Uns ist nur riloralische Kraft gegeben: Kraft der Persönlichkeit, Respekt vor der j Persönlichkeit und Ringen um die Persönlichkeit. Es ist ein Kampf zwischen Ideen und Interessen in der Welt. Würde die Reichsvertretung Interessen dienen, dann-würde sie nicht arbeiten können. Ihr Fundament hat sie in der Idee der Loyalität, des Geistes, der- Persönlichkeit, die nie Objekt des Geschehens werden will. In der Treue zur Idee ist ihr das Lebensrecht gegeben. Und aus dieser Idee ergeben sich die Aufgaben. Solange ein Mensch Aufgaben besitzt, ist er nie verloren. Solange Menschen an -Aufgaben Zusammenarbeiten, verstehen sie sich schließlich. Wir haben unsere großen Aufgaben und das ist unsere Zukunftshoffhung. Unser "deutsches Judentum, so fuhr Dr. -Baeck fort, hat den Reichtum der Verbindung voii 'Boden und Qclst. Du . zeigt die landamamachäftllchcAusprigiag innerhalb de» deutschen Judentums. Wir haben üt der Rclchavertretung kelne Fraktionen, aber einen Reichtum an Menschen, die aus dem Bunde von Boden und Geist in ihrer. Eigenart geworden sind. Wir haben einen Reichtum durch Organisationen, die sich— ergänzen, d. h. in sich ein Ganzes sind und doch wiederum zusammen ein Ganzes. Als Letztes und Größtes haben wir. die Gemeinden. Durch diesen Reichtum„sind'" wir nie verloren. Was man nicht aufgibt, hat man nie verloren. Oeben wir uns, so schloß Dr. Baeck, nicht auf in unserer Einigkeit unfl Geschlossenheit, dann sind wir nie verloren. Direktor Heinrich Stahl begrüßte im Namen der Berliner Jüdischen Gemeinde den . Beirat. Er erklärte, daß die Oemeinde in allen Ihren Körperschaften hinter der Reichsvertretung stehe und ihr Loyalität entgegenbringe. Wir Berliner Juden, so meinte Direktor Stahl, sehen uns mit allen Juden eins. Wir sehen" unsere Aufgabe darin, treu für alle zu wirken. Das haben wir oft bewiesen und werden es immer weiter beweisen. Dr. Hindi Ober die ,,Innere Lage im deutschen Judentum“ Ministerialrat a. D.,Dr. Otto Hirsch, der Vorsitzende des Präsidialausschusses der Reichsvertretung, gab in. seinem Referat über die „Innere Lage im deutschen Judentum und seine -Organisation“ einen 'Überblick über den Stand der Grundfragen, die für den-Ausbau des deutschen Judentums entscheidend sind. Heute gibt—es nur noch wenige, die ausschließlich an sich selbst denken und den Ruf der Gemeinschaft nicht hören. Für die Erhaltung des Judentums haben sich alle Organisationen eingesetzt, die das deutsche Judentum aufzuweisen hat. Und nicht zuletzt haben die Gemeinden Hervorragendes zur Milderung all der Probleme getan, die unsere Zeit uns in Bezug auf Hilfe und.Aufbau gestellt hat. So verschieden die Gemeinden in ihrer lokalen Färbung und Größe sind, so verschieden war auch, die Einstellung, die sie zu den neuen Aufgaben hatten. Kaum kleiner waren die Unterschiede unter den Landesverbänden der Gemeinden. Die" Gemeinden haben einen konservativen Orundzug und tragen örtlichen Charakter. Die großen Organisationen, die Jugend- und Sportbünde, wirken im weiten Raume des Reiches. Sofern der Kampf dieser Organisationen miteinander ein geistigerist, soll das unser Stolz sein, wenn er nur in vornehmer-Wejse geführt wird und die Einheit des'deutschen Judentums nicht vergißt. . Früher war die- Reichsvertretung, wie sic vor dem 17. September 1933 bestand, eine Verwaltungsgemeinschalt. Sie hat auf die Aufgabe der inneren Formung verzichtet. An jenem denkwürdigen 17. September 1933 sei aber, so fuhr Dr. Hirsch fort, eine Zusammenfassung der örtlichen und privaten Organisation des deutschen Judentums .zur Reprä-. sentation aller Richtungen'und geographischen Teile Deutschlands erfolgt. Heute, nach einem Jahr, dürfen wir fcststellen, daß dieser Versuch gelungen sei. Die Reichsvertretung hat als Gesamtvertretung . eine totale Zuständigkeit. Mit den Gemeinden habe sie das Schul- und Bijdungswesen feordnet; mit ihnen auch bei der Wirtschaftsförderung und eratung zusammengearbeitet. Die Gemeindeautonom i e sei etwas unbedingt Wertvolles. Aber sie habe einen verschiedenen Inhalt. Bei den großen Gemeinden und insr besondere bei der Berliner Gemeinde bedeute sie' Initiative