Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 14 (1934)
- Issue
- 72-73 (7.9.1934)
- Date
- 1934-09-07
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Ahnentafeln berühmter jüdischer Familien ■D®q£. ftaman — uti6 ifftc (Öcfdjxdiite Durch vier Jahrhunderte bis in die Gegenwart Famijienforschung ist heute große Mode. Manch einer ist schon stolz, wenn es ihm gelingt, die genauen Daten für seine vier Großeltern zusammen zu bekommen. Wir Juden sind von jeher Familienforscher gewesen. Man muß auch hier wieder auf die Bibel hinweisen, die mit besonderer Vorliebe und außerordentlicher Gründlichkeit die Abstammung der einzelnen Personen darlegt. Allein im Buche Genesis finden wir die Geschlechtsregister von Adam bis auf Noah, die Geschlechter Noas, Sems, Japheths, Häms, Ismaels, Isaaks, Esaus und Jakobs. Legt die Bibel schon so großen Wert auf die genaue Kenntnis der Vorfahren, so erst recht die Juden in späterer Zeit. Bis in unsere Tage hat sich jeher echt jüdische Sinn für Familientradition erhalten. Der „Jichuß-Brief“, der die Abstammung von einem weisen und geachteten Gelehrten, von einem berühmten Rabbi, erweist, ist.sehr begehrt und-geschätzt. Es zeigt sich bei solchen Familienforschungen, daß die Abkömmlinge angesehener Rabbiner stets nur in ähnliche berühmte. Familie eingeheiratet haben. So sind denn zahlreiche alte Familien eng und häufig 'miteinander verwandt. Wir haben hier einmal den Versuch unternommen,- aus der recht beträchtlichen Zahl solcher alten jüdischen Familien ein paar .herauszugreifen und ihre Entwicklung und Verzweigungbis in die Gegenwart hinein zu verfolgen. Meyerbeers Großmutter Der Weg führt uns zunächst in das Haus einer Alt-Berliner Familie, der Familie Bamberger. Im alten Westen wohnt eine Nachfahrin jener Familie — in einem Heim, in dem man sich gleich wohl fühlt, und in dem jeder Blick auf eine Alt-Berliner Erinnerungen fällt. Da sehen wir auf einem Bild die schmäle Drei- Fenster-Front des Hauses Königsstraße 57, in welchem Michael Hirsch, der im Jahre 1730 aus Bamberg nach Berlin gekommen Ist, seine „Wechsel-Handlung“, sein Bankgeschäft betreibt. Er führt hier in Berlin bald den Namen Bamberg und nennt sich später Bamberger. Sicher ist er sehr angesehen; denn als er heiratet, nimmt er eine Frau aus jener bekannten und geachteten Familie Ries, die im Jahre 1671 aus Oesterreich nach Berlin gekommen war: die Urenkelin von Model Ries, dem Mitbegründer der Berliner jüdischen Gern ern de, wird seine Frau. Eine Tochter aus dieser Ehe wird übrigens die Großmutter Meyerbeers. Eine edle Tat Ein Enkel dieses Michael Hirsch Bamberger heiratet nun in eine andere berühmte Familie ein, in die Familie des. Jacob Moses. Dieser Jacob Moses, der 1724 geboren wurde und 1802 starb, hat einst eine große Rolle im Berliner jüdischen Gemeindeleben gespielt. Von 1775—1792 war er Oberlandesältester aller preußischen Juden. Bei seinem Tode widmete die Vossische Zeitung dem „Köngl. Preuß. Ober-Landes-Aeltesten sämtlicher wohllöbl. Judenschaften in den preußischen Landen“ besonders ehrenvolle Worte des Gedenkens. Sehr schön und kennzeichnend für diesen angesehenen Bankier Jacob - Moses ist auch die folgende Stelle eines zeitgenössischen Werkes .über den General von Ziethen, in welchem. es bei der Erwähnung des Todes eines Obersten von Seelen in der Schlacht bei Hochkirch (1758) heißt: - „Er (der Oberst v. Seelen) hinterließ eine Gattin mit einem Sohn und einer Tochter, nicht nur ohne Vermögen, sondern in tiefen Schulden versenkt. Der König gab der Witwe, fünfhundert Thaler jährliche Pension und sorgte nach ihrem Ableben für ihre Hinterbliebene Tochter, welche jetzt ebenfalls im Grabe ruht. Noch großmütiger handelte ein Gläubiger-des verstorbenen Obersten. Er hatte demselben erst neuerlich sechstausend Thaler geliehen; als es aber dahin kam, daß das ■ Haus der Witwe im Rundtheil zu Berlin, ihre einzige Habe, angeschlagen und verkauft werden sollte, ging er zu derselben und vernichtete in ihrer Gegenwart die Verschreibung dieser Schuld mit der edelmüthigen Aeußerung: er wolle die gebeugten Nachkommen eines Mannes nicht drücken, der viel zu rechtschaffen gewesen wäre, als daß er ihn nicht wiederbezahlt haben sollte, wenn er sein schönes Leben hätte, fortsetzen können. Dieser Mann, dessen Name der Ehre werth ist, neben den Namen Friedrich, Ziethen und Seelen genannt zu werden, ist der noch jetztlebende, in . Berlin grau gewordene ehemalige Oberlandes-Aelteste der Judenschaft, Herr Jacob Moses, der seiner mit Ehren vollendeten öffentlichen Geschäfte wegen, drei Regenten und deren Ministerio, bekannt und schätzbar ward, so wie er von seiner Nation und von vielen andern Menschen und Familien, denen er mit rastloser Thätigkeit in ihren Verlegenheiten zu Hülfe eilte, dankbar verehrt wird.“ , _ ’ ' Diese edle Handlungsweise des jüdischen Geldverleihers hat übrigens Eingang in die Literatur gefunden. Lessing kannte diesen Vorgang und schilderte ihn — abgewandelt — in seiner „M i n n a von Ba rnhelm“. Der Major von Tellheim vernichtet da (1. Aufzug, 6. Auftritt) den Schuldschein, den die „Dame in Trauer“, die verarmte Witwe seines gefallenen Freundes, einzulöseri kommt. Elf Kinder aus zwei Ehen Wer einen solchen Mann wie Jacob Moses zu seinen Ahnen zählen kann, wird sicher stolz auf ihn sein. Seine jüdischen Nachkommen sind es bestimmt "7. aber sicher auch die zahlreichen christlichen. Wer. sind die christlichen Nachfahren des Jacob Moses? Dieser jüdische Oberlandesälteste hatte aus zwei Ehen 11 Kinder. Bei der Namensgebung im' Jahre 1812 nehmen seine Söhne verschiedene Namen an: einer nennt sich Arndt, einige andere Moßner, wieder andere nehmen den Namen Moser an. ■ E>n Enkel eines dieser Söhne des Jacob Moses ist'Jacob Wilhelm Moßner, der schon in jungen Jahren getauft wurde. Er ist — gleich'seinem Urgroßvater — Bankier und betreibt sein Bankgeschäft in der Behrenstraße. Dieser Bankier Moßner hat sich um das Haus Hohenzollern besonders verdient gemacht. Als Prinz Wilhelm im Jahre 1848 nach England fliehen mußte, war es Jakob Wilhelm Moßner, der das dazu erforderliche Geld hergab. Diese Tat hat Wilhelm I. dem Bankier stets gedankt. Und als in späteren Jahren der Kaiser einmal Moßner traf und ihn fragte, ob er nicht irgendwie sich erkenntlich zeigen könne für die damalige Unterstützung, sagte ihm der Bankier, daß sein Sohn Walter ein guter Reiter sei, zum M.ilitär wolle und Offizier werden möchte —-_seine Abstammung hindere ihn aber daran. Kaiser Wilhelm I. setzte sich persönlich für den Abkömmling des Jacob Moses ein; Walter Moßner wurde späterhin Walter von Moßner, General der Kavallerie und Adjutant Wilhelms II. Heute noch gibt es höhere Offiziere, die den Namen Moßner führen und Nachkommen jenes Jacob Moses sind. Uebrigens gehört in die Reihe der Nachfahren des jüdischen Oberlandesältesten auch Graf Arco, der Leiter, der Telefunken-Werke. Seine Mutter, die den Grafen Arco-Valley heiratete, war nämlich eine Schwester des Generals von'Moßner. Jacob Moses’ Sohn Wolf Jacob Moßner aber, dessen Tochter sich mit der Bambergerschen Familie verband, blieb dem Judentum treu, und auch seine Nachkommen, zu denen übrigens der kürzlich ver- " storbene Berliner Schriftsteller Georg Bamberger gehört, haben die jüdische Gemeinschaft nicht verlassen. Aus Österreich vertrieben ■ Eine andere Familie, die sich — im Gegensatz zu den Nachkommen des Jacob Moses — von wenigen Ausnahmen abgesehen rein jüdisch erhalten hat, ist die Familie Veit-Simo-n. Ihre Vorfahren gehören ebenfalls zu jenen aus Oesterreich im Jahre 1671 ver-. triebenen Juden: Benedikt (Baruch) Veit kommt aus einem kleinen niederösterreichischen Ort nach Berlin; sein Sohn ist Jakob Veit, mit dessen Tod um die Mitte des 18. Jahrhunderts diese Familie eigentlich ausgestorben ist. Um die gleiche Zeit aber kommt ein Verwandter, Juda Veit, nach Berlin! Er heiratet die Tochter des Hirsch Prager, der in Potsdam die erste Samtfabrik errichtet hat'. Sieben Söhne und drei Töchter werden in dieser Ehe geboren. Der erste Sohn ist Simön Veit, dem bekanntlich seine Frau Dorothea Mendelssohn weggelaufen ist. Die beiden Söhne aus dieser Ehe, die Maler Philipp und Johann Veit, sind -zusammen mit ihrer Mutter Katholiken geworden.. „Goethe sieht aus wie Onkel Salomon“ Ein anderer Sohn Juda Veits ist der Bankier Salomon Veit. Als einmal zwei Angehörige der Familie Veit Besuch bei Goethe machten, berichteten sie nach Hause: Goethe sieht aus wie Onkel Salomon. Wer’s nicht glaubt, kann sich noen heute von dem prachtvollen Goethekopf des Sa'. imou Veit überzeugen. Schadow hat nämlich eilte Büste Salomon Veits geschaffen. In der Nationalgalerie stand sie bis vor kurzem stets zusammen mit der Büste der Königin Luise von Schadow. Eine Tochter eines anderen Sohnes des Juda Veit wurde durch Heirat mit der Familie Simon verbunden. Zur Erinnerung an die Abstammung von der Familie Veit tragen heute noch die männlichen und weiblichen Nachkommen, die aus dieser Verbindung Veit-Simon hervorgegangen sind, den Namen „Veit“ als letzten Vornamen. •Die Familie Simon läßt sich im Mannesstamm seit etwa 1710 in Berlin nachweisen. Der Vorfahr der Familie ist Arori ben Abraham ben Josef. Er war Dajart (Richter) bei der jüdischen Gemeinde in Berlin; seine Entscheidungen, die sogenannten Decisionen, werden zum Teil noch im Archiv der Gemeinde aufbewahrt. Sein Sohn Samuel ist ein gelehrter Rabbi. Dessen Sohn ist Simcho; aus seinen drei Ehen lassen sich mindestens 23 Kinder nachweisen — eine Familienlegende freilich hängt ihm sogar 36 Kinder an. Ob 23 oder 36 — auf jeden Fall sind es genug, um von ihnen viele bekannte jüdische Familien wie Simon, Bleichröder, Benarv und zahlreiche andere abzuleiten. Einer von den vielen Sühnen, Hermann, der den Namen Simon annahm, heiratete jene Enkelin des Juda Veit. Das Familienhaus stand an der Neuen Promenade 9 10. Im Jahre 1870 hat es dem Bau der Stadtbahn^ weichen müssen. Dieses Haus, das den größten Saal auf zu weisen hatte, den es damals in einem Berliner Privathaus gab, bat einst im geistigen Leben Berlins eine nicht unbedeutende Rolle gespielt, ln diesem schönen Saal hat vordem Fichte seine ersten Vorträgegehalten. Eine Kostbarkeit der Preußischen Staatsbibliothek Ein dritter Name noch taucht unter jenen österreichischen Einwanderern auf, die der Große Kurfürst in Berlin wohnen ließ: der Name Fränkel-Mir e 1 s. Diese Familie ist natürlich mehrfach mit den yörhergenannten Familien Ries und Veit verschwägert. Zwei Söhne-des Wiener Rabbiners Jakob Koppel Mirelsgehen nach-Berlin: Salomon und Benjamin. Benjamin Frünkel-Mirels wird Rabhinen in der neuen Heimat. Zu seinen -Nachkommen gehört David Frün— kel-Mirels, der zuerst in'Dessaii uud dann in Berlin Rabbiner war; er war es, der M o s e s M e.n d e 1 ssöhn zu sieh nach Berlin holte. Der Bruder Ben-’ jamins, Salomon Mirels, erfreute sich der besonderen Gunstdes Großen Kurfürsten und wurde von diesem zum Kaiser nach Wien geschickt, um dort eine- Anleihe aufzunehmen. Salomon Mirels, der als Stifter derl676 gegründeten Beerdigungsgesellschaft in Berlin genannt wird, bleibt nicht lange hier; er wird bald als Oberrabbiner nach ~ Hamburg-Altona-Wandsbek berufen. Einer seiner 25 Söhne, Aron Mirels, wird Ober r a b b i n e r V o n Lomlo n. — lm Zusammenhang mit dem Namen Benjamin Mirels muß ein kostbares Geschenk der Familie an den Kurfürsten Friedlich 111. Erwähnung finden. Nach dem Tode Benjamin Mirels im Jahre 1691 schenkten seine Witwe und seine beiden Söhne der kurfürstlichen Bibliothek als Dank für die Aufnahme in Berlin vier -kostbare Riesenfoliobände einer alten besonders schönen und sehr geschätzten Bib e 1 h an dsch r if t. Die preußische Staatsbibliothek bewahrt heute noch diese wertvolle Gabe der Rabbiner-Familie Mirels auf. Der Stammbaum, der Mirels — nur in Berlin gibt es heute noch einnige wenige Personen, die diesen Namen tragen — kann besonders weit zurückverfolgt werden.. Ueberall, wo uns Namen berühmter jüdischer Gelehrter begegnen,-läßt sich eine Verwandtschaft mit der Familie Heller-Fränkel-Mirels nachweisen. (Diese drei Namen wurden oft abwechselnd von den Familienmitgliedern gebraucht). In die Reihe der Vorfahren dieser Familie gehört beispielsweise Rabbi Jomtow Lipmann Heller, der Oberrabbiner in Wien und später in Prag war und den bekannten Mischä-Kommentar -Tossafot Jomtow verfaßt hat. Dahin gehören immer wieder Rabbiner in Wien, in Nikolsburg, in Prag, in Fürth, in Posen, in Krakau, in Metz (hier mit besonderer Genehmigung Ludwigs XIV.), in- Amsterdam, in Padua, in Venedig und in vielen anderen , Städtern ' Der „Judengenera /“ Da ist ferner Jakob Basscwi zu nennen, der Von Kaiser Ferdinand II. im Jahre 1622 geadelt wurde und den Namen Bassewi von Treuenberg erhielt1. Auch die Familie des Rabbi Spira aus Prag, die aus' dem 30jährigen Krieg bekannt und berühmt geworden, ist, muß unter den Vorfahren erwähnt werden.- Als 1648 die Schweden Prag belagerten und sich der Kleinscitc der Stadt bereits bemächtigt hatten, war -es der „Judengeneral“ Wolf Spira und sein Sohn, die Studenten und Bürger 'Prags sammelten, sich mit ihnen am Brückenkopf an der Karlsbrückc verschanzten und die’Stadt drei Wochen lang tapfer, und siegreich gegen die Schweden ^verteidigten. Weiterhin verdient Saul Wahl, der jüdische E i n t a gs kön i g v o n Polen, genannt zu werden. Vor allem aber gehörtin die Reihe der Almen dieser Familie der Schöpfer des Golem, derberühmte „Hohe Rabbi Löw“ aus Prag, dessen Denkmal in dieser Stadt stellt. In vierfacher Weise ist die Familie Mirels mit diesem berühmten Gelehrten, der vor über vier- Jahrhunderten gehören wurde, verwandt. Der Stammbaum des hohen Rabbi Löw, des Rabbi Jehuda ben Rabbi Bezalel, aber wird bis auf Rasclii zurückve'rfolgt — und Rasclii wiederum stammt nach einer Uebcrlieferung vom. König David ab. Die gründliche und umfassende Kenntnis ihres Stammbaums verdankt die~FamiIie Mirels einem ihrer Vorfahren, Rabbiner in Wresehen, der vor über hundert Jahren seinem Sohn als Hochzeitsgeschenk den .ganzen' Stammbaum aufschrieb. Das hebräische Ori- .ginal dieses interessanten Dokumentes, dieses Jischuß- Briefes, befindet sich noch heute — behütet und geschätzt — in Familienbesitz. Wenige Familien freilich, besitzen solch umfassende Aufzeichnungen über ihfe Abstammung. In einem Punkt aber hat die. Familientradition - bei uns Juden ganz Hervorragendes und Einzigartiges geleistet. Die Bibel spricht von der kultischen Sonder-