Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 14 (1934)
- Issue
- 70 (31.8.1934)
- Date
- 1934-08-31
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Berlin Freitag, 31. August 1934 Preis 20 Pfg. Nr. 70 — 14. Jahrgang Die „Jüdisch-liberale Zeitung«« erscheint zweimal wöchentlichi Dienstags und Freitags Theaterdonner im jüdischen Leben Von Ludwig Holländer In Genf hat eine Reihe von Tagen eine sogenannte „Jüdische .Weltkonfer.enz“ getagt. Mußte sie schon durch die Person ihres Veranstalters, dem man noch aus früheren Zeiten in allen Kreisen der Jndenheit wegen seiner Betriebsamkeit mit starker Zurückhaltung begegnet, offenbar mehr als unbedeutend sein, so hat sie dadurch jeden inneren Wert verloren, daß alle großen jüdischen Organisationen in der gesamten Welt eine Beteiligung an ihr ab gelehnt haben. - Mit solchen Konferenzen hat man oft genug seine üblen Erfahrungen gemacht. Sie haben nur dann eine Bedeutung, wenn sie eine Reihe von Voraussetzungen erfüllen. Zunächst einmal muß die Möglichkeit einer wirklichen Einflußnahme auf das, was erstrebt wird, gegeben sein. Wenn heute irgendwelche Kreise zusammentreten, so müssen sie wissen, daß hinter ihnen eine Geschlossenheit steht. Mögen sie sonst aus noch so trefflichen Leuten bestehen, so werden die Beratungen einer Konferenz keinerlei Bedeutung haben, wenn die berufene Vertreter derer, die auf dem Gesamtgebiet der Besprechungen maßgeblich sind, die Teilnahme von vornherein ablehnen. Es wird weiter erforderlich sein, daß. eine solche Besprechung nicht nur ihres Einflusses gewiß sein darf, sondern auch, daß sie die Bestrebung haben muß, die Tragweite ihrer eventuellen Beschlüsse zu übersehen. An diesen beiden Erfordernissen hat es der sogenannten. vorbereitenden Konferenz in Genf völlig gefehlt. Im Grunde genommen hat sie nichts anderes getan als eine Besprechung einer Reihe von Männern und Frauen veranstaltet, die das Bedürfnis hatten, einmal in Genf „zu tagen“.. Sicherlich sehr schön und sehr interessant, dort etwas vorzuspielen, was dann manche Leute als eine hochwichtige Aktion ansehen. Wenn dann aber diese dazu unberechtigten Männer und Frauen einen Beschluß, fassen, der unüberlegt und ohne Durchdenkung seines^ Inhalts in die Welt hinausgeht, dann müssen sie sich den Tadel gefallen lassen, den sie verdienen. Man hat in Genf den Boykott der deutschen Waren beschlossen. Man hat nicht daran gedacht, daß jeder Boykott bisher sein Ziel verf ehlt hat, wenn er sich auf ein sehr großes Wirtschaftsgebiet erstreckte. Man hat vergessen, daß schon die alten klassischen Nationalökonomen darauf aufmerksam machten, daß das wirtschaftliche Unglück der einen alles bedeute, nur nicht das Glück der anderen. Man hat übersehen, daß der Boykott über ein Wirtschaftsgebiet wie das Deutsche Reich bei dessen Bedeutung für die Weltwirtschaft auch dieser, den größten Schaden zufügen würde und daß endlich denjenigen, denen man helfen will, den deutschen Juden, damit nur geschadet werden könnte. Alles dies ist von der-jüdischen Presse in Deutschland, gleichviel auf welchem politischen Boden sie steht, oft genug gesagt worden. Die Redner, die in Genf ■ aufgetreten sind, müssen das gewußt haben und müssen gerade in dieser Frage die Sorgfalt, die-.heute von jedem, der öffentlich in einer derartigen Frage auftritt, verlangt jvird, völlig verabsäumt haben.' Man muß den Eindruck gewinnen, daß der Donner, der dort sich hören ließ,. Theaterdonner im eigentlichen Sinne des Wortes/gewesen ist, aber ein Donner, der schaden mußte, und bei dem vor allen Dingen schon der Glaube an seine Wirksamkeit nicht vorhanden sein konnte. .Wenn nicht nur in Deutschland, das ja an dieser Konferenz überhaupt nicht beteiligt war, sondern bei den großen und anerkannten jüdischen Organisationen der ganzen Welt keinerlei Wunsch bestand, diese Konferenz zu besuchen, so zeigt dieser Umstand, daß man dortetwa gefaßte Beschlüsse für wertlos1 und dort gehaltene Reden für mindestens zum Teil verantwortungslos angesehen hat. Ein wirklich hervorragender Mann, der in Genf gesprochen hat, war vielleicht der Einzige, der der Konferenz und einem eventuellen jüdischen Weltkongreß die richtigen Wege gewiesen hat, der Oberrabbiner von . Rom, Kommodore Dr. Angelo Sacerdoti. Wenn Sacerdoti dort gesagt hat: „Der jüdische Weltkongreß muß ' der Welt-zunächst seine genau bestimmten Ziele be- .kannt geben, weil dann die Reinheit und Aufrichtigkeit seiner Absichten unverkennbar ist“, und wenn er weiter davon gesprochen hat, daß „ein späterer Kongreß daran arbeiten muß, den wahren jüdischen ■ Geist zu erwecken, sein geistiges Leben zu erneuern und dafür zu sorgen, daß diese heilige Mission niemals von materiellen Interessen beherrscht sein darf“, ferner-daß „der Weltkongreß unter keinem Verwände in die innere Politik der einzelnen Länder sich mischen darf“, so sind alle die Grundlagen vorhanden, die einem evenfuelleir Kongreß die Gewähr seiner Bedeutuiig in jeder Beziehung geben könnten. Was man aber in Genf erleben mußte, das war alles andere als die Vorbereitung eines solchen Kongresses. Und noch eine andere Wirkung hat jener Theater- , donner - mit. sich gebracht. Ein deutscher jüdischer Verband hat in einer öffentlichen Kundgebung gegen diese Konferenz Einspruch eingelegt. Dieser Einspruch war unserer Ueberzeugung nach deswegen unnötig, weil das Genfer Geschehnis so unbedeutend ■ war, daß davon die politische Welt auch nicht im geringsten beeinflußt werden konnte. Bedauerlich erscheint es aber, wenn hier wieder der Versuch gemacht worden ist, einen Teil der deutschen Juden seiner Gesinnung und seiner vaterländischen Haltung wegen zu verdächtigen. Schon seit vielen Jahren müßten wir jüdischliberalen Männer uns dagegen wehren, daß man zionistisch gesinnten Menschen die Vaterlandsliebe absprach. Die Psychologie der Vaterlands-. liebe beweist, daß sie nur nach der Tat und nicht nach theoretischen Auffassungen beurteilt werden kann. Wenn man in Jahrzehnten den Zionismus kennen gelernt und stark kritisch behandelt hat, und wenn man weiß, wie man selbst mit deutschem Wesen und deutscher Kultur und deutscher Zukunft innerlich verbunden ist, dann kann man ermessen, wie. unangebracht es ist, einer jüdischen Richtung von vornherein den Makel der Vaterlandslosigkeit aufzuerlegen. Es gibt leider überall Menschen, denen die Anhänglichkeit und der Wille zum Vaterlande fehlt, solche Menschen werden nie in Bereitschaft stehen', wenn es sich darum handelt, für das Vaterland einzutreten. Es wird gewiß auch unter uns Juden Menschen geben,' denen die Vaterlandsliebe abzusprechen ist — wie es solche Menschen leider in allen Kreisen der Bevölkerung gibt —, aber etwa die Anhänger des Aufbäus Palästina als mangelnde Patrioten zu bezeichnen, ist völlig unangebracht und innerlich ungerecht. Man mag die Richtung bekämpfen, man sqllte aber von Verdächtigungen dieser Art unter ■ allen Umständen Abstand nehmen, weil sie den Weg in die Irre bedeuten. Der .Abschluß dieser wenig erfreulichen Konferenz mit allen ihren Auswüchsen kann nur dahin gehen, daß man die Ziele, die der Oberrabbiner von Rom klar und deutlich formulierte, genau erwägt, um festzustellen, ob einmal auf der von ihm gekennzeich-. neten Grundlage ein jüdischer Weltkongreß veranstaltet werden kann. Heute muß man bei der Unklarheit und Gespaltenheit des innerjüdischen Lagers nach wie vof’die ■ größten Bedenken gegen einen solchen Kongreß äußern. Eine Erkllrung des Vorstandes der Jüdischen Gemeinde Gegen die sogenannte Jüdische WeHkonYerenz“ Es ist für nichtjüdische Publizisten sicher nicht leicht, Meldungen, die ihnen über Vorgänge im jüdischen Leben, zumal außerhalb Deutschlands, zugehen, richtig zu würdigen. . Zuweilen möchte man wünschen, dall vor Publikationen über . derartige Ereignisse grundsätzlich ■ eine Auskunft cimSPÄräklichcn Sachkenners cingeholt wird. So brachte in den letzten Tagen eine ganze Anzahl deutscher Zeitungen Berichte über eine „jüdische Weltkonferenz“, die dieser Tage in Genf getagt hat und insbesondere auch Beschlüsse über „eine verschärfte Fortsetzung des Boykotts deutscher Waren“ gefaßt haben soll. Daß die deutschen Juden derartige Boykott^ bestrebungen aufs schärfste ablehnen und. verurteilen, bedarf keiner Darlegung. Es ist von - den maßgebenden jüdischen Organisationen, so auch vom Vorstand unserer Gemeinde^ schon in den schweren Tagen des März/ April 1933 feierlich erklärt worden. Was damals galt, gilt unverändert heute. Aber die Tagespresse tut den Ereignissen In Genf zuviel Ehre an. Diese „Weltkonferenz“ dient der Vorbereitung eines „Weltkongresses“ und dieser „Weltkongreß“, der seit Iahten -geplant ist,-kommt nicht zustande, well sich die maßgebenden jüdischen Organisationen von ihm wie von den vorbereitenden Konferenzen geflissentlich fern halten. .Eben erst veröffentlicht das American Jewish Committee eine (von uns In der letzten Nummer der „J1Z“ wiedergegebene) Erklärung gegen diese Pläne, und die Haltung des englischen Jewish’ Board of Deputies und vieler anderer bedeutender Körperschaften ist die gleiche. Die ernst zu nehmenden jüdischen Kreise des Auslandes beobachten mit. lebhaftem und begreifIfchem fnteresse die Lage des deutschen Judentums; ihre helfende Hand hat Not gelindert und Segen gewirkt. Aber sie I ebnen Boykottreibereien, wie sie auf Jener sehr’ wenig belangreichen Konferenz — wenn die Zeitungsberichte zutreffen — sich ereignet haben, durchaus ab. Wir hoffen, daß auch die Tagespresse' von dieser Sachlage, die Jedem Kenner der jüdischen Verhältnisse geläufig ist, allmählich Kenntnis nehmen wird. Anmeldung der Landhandelsbetriebe zum Reichsnährstand Im Reichsgesetzblatt Nr. 99 vom-27. August wird die Zweite-Vbrordnu'ng des Reichsmiaisters für’ Ernährung und Landwirtschaft vom 22. August 1934 über die Anmeldung der 4 Betriebe des Landhandels und der Be- und Verarbeitung landwirtschaftlicher Erzeugnisse zum Reichsnährstand veröffentlicht. Die Verordnung gilt.auch für die in jüdischem Besitz befindlichen Betriebe. Nach dieser Verordnung wird ‘der in der öffentlichen Aufforderung des Reichsbauemführers vom 25. Juni 1934 und in der Verordnung über die Anmeldung der Betriebe des Landhandels und der “Be- und Verarbeitung landwirtschaftlicher Erzeugnisse zum Reichsnährstand vom 6. Juli 1934 vorgesehene^ Meldepflicht von den" Inhabern der Betriebe de* Landhandels und der Be- und Verarbeitung landwirtschaftlicher Erzeugnisse auch dann genügt, wenn sie sich bis zum 15. September 1934 - bei der zuständigen Kreisbauemschaft .anmelden. Von den Inhabern der Betriebe des Lebensmitteleinzeihandels wird der Anmeldepflicht auch dann genügt, wenn diese Inhaber sich bis zum 15. September 1934 entweder bei der örtlich zuständigen Kreisbauemschaft oder bei der örtlich zuständigen Bezirksorganisaiion des Reichsverbandes Deutscher Kaufleute des Kolonialwaren-, Feinkost- und Lebens* mitteleinzelhandeis anmelden. Die Strafverfolgung wegen Zuwiderhandlung gegen die erwähnte Verordnung vom 6. Juli 1934 tritt nur auf Antrag des Landesbauernführers ein. Amnestier! Breslau. Dem Kaufmann Albert Rosenthal und dem Verwaltungsdirektor' der Breslauer Jüdischen Gemeinde, Dr. Emst Rechnitz, die als Verfasser bzw. verantwortlicher Redakteur eines in der August-Nummer 1933 des Breslauer Oemeindeblattes erschienenen Artikels „Ich suche meine Brüder“ vom Sondergericht Breslau am 14. November 1933 zu-einem Jahr drei Monaten Oefängnis verurteilt worden waren, ist auf Grund der von der Reichsregierung erlassenen Amnestie dir Rest ihrer Strafen im Gnadenwege erlassen worden.