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Jüdisch-liberale Zeitung · 1934-08-24 · 68 (24.8.1934) · page 5

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
14 (1934)
Issue
68 (24.8.1934)
Date
1934-08-24
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
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Die Älteren: Sfrettagabenb Itt religiöfer Sereitfcfjaft Der kahle Raum wird belebt durch junge Menschen, die gekommen sind, um in der Gemeinschaft ihrer Freunde den F rei tag-Aben d zu erleben. Noch ist das Gespräch durch den Alltag etwas verstaubt, mancher hat gerade erst seihe Schreibmaschine zugeklappt, ein anderer trägt noch auf seinem Gesicht, in seinem Gang, die Müdigkeit und Hoffnungslosigkeit desjenigen, der aus seiner Bahn geschleudert wurde und sich vorläufig nicht so recht'zurechtfinderi kann. Aber schon die weiße, festlich gedeckte Tafel, der Sabbatleuchter, dessen Kerzen eben durch eine von uns angezündet werden, ja selbst die. gelblichen Tasten des Klaviers, das sonst geschlossen ist, und auch das große Cello, das da in der Ecke lehnt, schaffen Augenblicke der Erwartung. Und nun beginnt das Klavier zu singen, die Hände des Spielers entlocken seinen Tönen Klänge, die selbst uns jungen Menschen durch die Not, die ein jeder erlebt oder miterlebt, verloren gegangen sind. Bald dröhnt das Cello; es klagt, weint, jubelt in seltsamen dunklen Tönen, gibt wechselseitig der Klaviermusik Antwort. Eine junge melodische Stimme schwingt durch den Raum. Klar und erlöst schwebt der letzte Ton durch das Zimmer- Jehuda Halevi wird gehört in seinem Gesang „In Ewigkeit“. Und dann werden Worte der Kameradschaft gesprochen, der Freude, die stets und immer gesucht werden müßte. und stets und immer gefunden werden könnte; eine Erzählung der Bibel wird eingeflochten,: Kameradschaftserinnerungen werden in dem Rahmen der festlichen Stunde gelöst. Und am Schluß ertönt der Abschied vom Klavier Wir sitzen wie gebannt, bis eine gewaltsame laute Stimme uns dem Zauber entreißt. Und nun wird an der Tafel fröhlich Freitag-Abend gefeiert. Man ist unbeschwerter, Kiddusch wird gemacht, Schir hamaalaus gesungen, und zum Schluß spricht einer das Tischgebet. Erlebter Freitag-Abend in religiöser Bereitschaft. Ruth Tiihauer Bund deutsch-jüdischer lugend Ortsgruppe Breslau (1L1). Der Bunb jpridjf Die Jüngeren: Safjtt Her „$!atten‘ Endlich war es soweit! Blauer Himmel, blaue Blusen und blaue Fahrtenschlipse. Dreiundzwanzig „Blaue“ erklimmen am Bahnhof Zoo-mit ihren Rucksäcken, ihren Affen, den Autobus. Die Fahrt durch grüne Wiesen und Felder bei strahlender Sonne wurde kräftig durchschunkelt. Nach dreieinhalbstündiger Fahrt erreichten wir den Bahnhof Scharmützelsee. Hier werden wir von Gert empfangen, der uns in unser „Quartier“ führt, ein wunderschönes Haus, direkt am See gelegen. Als wir es in unseren Zimmern „gemütlich“ gemacht haben — wir beabsichtigten in der Nacht teils zu Dreien in einem Bett, teils auch zu Sechsen in gar keinem Bett zu schlafen —, erinnert uns der Gongschlag, der uns zum Abendbrot ruft, an unseren Hunger. Nach dem Essen: Spaziergang . zum verwunschenen Schloß. Ganz leise, fast ohne zu reden, traben wir die feuchten Wiesen entlang. Am Himmel leuchten die Sterne, das verspricht schönes Wetter. Am See, in der Nähe eines unbewohnten, halb verfallenen Gebäudes wird halt gemacht. Wir sitzen im Kreise und hören Brunos Gruselgeschichten zu. •Schlosserei Foyerabend, C 25 MIIIW99d«l Kl. Alwaderstr. 11 Fordern Sic untertf I AVntlltAVAI bindUeh Kostenanschlag.: Sümil. Repa- "nl£lli|9nBll»l raturen, Umbauten usw.xu bilL Preisen Vor der Gartentür singen wir noch einmal gemeinsam das Kameradschaftslied. Schwerbeladen und braungebrannt geht es dann teils fröhlich',, teils traurig, teils auch müde nach Hause. Eva-, Ilse, Inge, Helmuth aus Gruppe Westen II Bund deutsch-jüdischer lugend Ortsgruppe Berlin (Ui). Die Jüngsten: 6ie fieftörciöen iJjren geinia&enH , Liebe Anni, ich sitze an Lores Klavier (das mit den drei Tönen) und versuche krampfhaft, einen anständigen Brief zustande zu bekommen. Hinter mir erschallt: „Die grauen Nebel“; morgen haben wir eine große Treffahrt. Ich schließe jetzt und schreibe bald einen langen Brief. Bereitschaft! Erich. * Liebe Anni, jetzt pauken wir neue Lieder, d. h. Erich paukt, und wir singen, aber schön ist’s doch. Es klappt alles gut, wir haben schon große Sehnsucht nach Dir, aber komm nichts denn im Liegestuhl faulenzen ist besser, als sich mit uns zu quälen. Na, auf jeden Fall erhole Dich gut, wir schuften, damit Du mit uns zufrieden bist. Bereitschaft! Golda. *- T Liebe Anni, wir singen jetzt gerade, dann lesen wir „Nathan der Weise“. Ich habe die Recha das vorige Mal gelesen. Heute sind wir 15- Mann. -.Der Günther hat schon” ein Bild für das Gruppenbuch entworfen. Es ist sehr schön. Wir singen viel, lesen und arbeiten und sind jetzt bald 20 Mann in der Oruppe. Fein, was? Sollen wir weiter keilen, oder werden wir dann geteilt?- Na, jetzt müssen wir uns anstrengen, darum kurz Bereitschaft! Lore. Unddie „Anstrengung“. .P no t o k o 11 über den Heimabend vom ... Wir lasen noch nicht den „Nathan“. Zuerst wiederholten wir kurz unser Thema, über das wir schon auf dem vorigen Heimabend gesprochen hatten: das Ghetto. Wir gingen davon aus, wiees denn wäre, wenn Wir alle in Lehnltr eingeschlossen werden würdeq und meinten zuerst, “daß wir dann stumpfsinnig werden würden. Aber die Ghettojuden wurden nicht stumpfsinnig. Sie waren erstens, aber das ist nicht der Hauptgrund, doch nicht so abgeschlossen von der Außenwelt und durften, wenn auch mit einem bestimmten Zeichen versehen," doch aus dem Ghetto heraus. Diereichen Juden waren meistens Oeldverleiher, die armen waren Hausierer und gingen über Land, um zu handeln und kamen erst am Sabbat zurück. .Die Lage der Juden im Ghetto wurde schlimmer und schlimmcr.'Tm Anfang hatten die Juden nur einen bestimmten Platz zum Wohnen angewiesen bekommen, hatten sich aber mit der Zeit stark vermehrt, und nun herrschte in den Gassen ein Gedränge, daß es einfach schrecklich war. Sie wären ja bestimmt verzweifelt, wenn sie sich nicht auf die kommende messianische Zeit gefreut hätten. Diese Hoffnung auf den Messias jvar ein Trost. Aber nun sollen wir uns überlegen, wie es wird, wenn sich so viele Menschen auf den Messias freuen. Ob das gut ist, oder wie man überhaupt daran arbeiten kann, daß die messianische Zeit einmal hereinbricht. Äfobetöottesbienft — ein ttttoeloHes Problem Kindergottesdienst — ein bisher noch ungelöstes Problem, aber ein Problem, das zu lösen notwendig ist, — wertvoll genug, da die Kinder Zukunftsträger des Glaubens und der Hoffnung, das pulsierende „und vorwärtsdrängende Element einer jeden Gemeinschaft sind. Die Eindrücke der frühen Jugend sind meist richtungbestimmend für die ganze Entwicklung des Menschen, und darum muß man darauf bedacht sein, auch die ersten religiösen Erlebnisse dem. Kinde in solcher Art und Weise zu vermitteln, daß sie in seinem späteren Leben eine positive Auswertung erfahren können. Menschen, die als Kinder ihnen unverständlichen und. ermüdenden Gottesdiensten beigewohnt haben, nehmen nicht selten eine Abwehrstellung gegenüber gottesdienstlichen Handlungen ein, und um diese Erfahrungen zu vermeiden, ist eben die Ausgestaltung des Kindergottesdienstes von allergrößter Wichtigkeit. Ich habe in England, dem Geburtsland des Gedankens vom „Jahrhundert des Kindes“, dem Land, in dem das Kind und seine Entwicklung eine unvergleichlich große Rolle spielen, in dieser Richtung hin Erfahrungen gesammelt und werde versuchen, einige Züge der Arbeit der „Liberal Jewish Synagogue“ in London auf dem Gebiete der religiösen Kindererziehung zu skizzieren. Vielleicht kann man daraus für unsere eigene Arbeit Nutzen ziehen. ' Nach dem regelmäßig besuchten Religionsunterricht am Sonntagmorgen finden sich die Kinder in einer Halle fix-" sämmen und haben eine eigene Andacht. Es werden Hymnen aus der allgemeinen Liturgie gesungen, Gebete und Psalmen gesprochen, und diese kleine Feier findet'ihren Höhepunkt’ in einer sehr kurzen Ansprache, eigentlich mehr einer Erzählung, durch die die Kinder angeregt werden, sich freiwillig mit dem religiösen oder ethischen Kemgedanken der Rede zu beschäftigen, ohne aber durch eine ihnen aufgezwungene „moralische Nutzanwendung“ zur Stellungnahme oder Opposition getrieben zu werden. Wichtig ist das gemeinsame religiöse Erleben mit der Familie. Die Kinder kommen zusammen mit den Eltern zum Sabbat- oder Feiertagsgottesdienst, singen die ' Lieder und sprechen die Gebete, die sie aus ihrem Gottesdienst 'schon kennen. Vor der Predigt aber begeben sic sich in einen Nebenraum, wo sie eine Ansprache hören, die Ihrem kindlichen Verständnis und ihrer Aufnahmefähigkeit angepaßt ist. Dann kehren sie wieder in den Hauptraum zurück und erleben das "feierliche Schlußgebet und den Segen des Rabbiners gemeinsam mit ihren Angehörigen. So werden die Kinderfrühzeitig in die religiöse Atmosphäre eingeführt und stark mitbeteiligt, da sie die Dinge kennen. Es sollte gar nicht so schwer sein, diese Ideen in unseren Verhältnissen gemäßen Formen zu übernehmen. Anstelle der Sunday Schools haben wir unsere Bünde als Sammelbecken, in-denen man auf die religiöse Seite der Erziehung viel mehr Wert legen sollte, als es bisher der Fall ist.. Ausgehend von Arbeitsgemeinschaften und Heimabenden muß das' Bedürfnis nach „Gottesdienst“ erwachsen, nach feierlichen Stunden im Elternhaus, im Bund und in der Synagoge. Ich halte es aber nicht, für richtig, kleine Kinder schon zu gottesdienstlichen Handlungen heranzuziehen, damit nicht durch Gewöhnung die Scheu und das Empfinden für das Außergewöhnliche verloren gehe. Anders ist es bei den etwas Alteren, die man zur Ausgestaltung des Kindergottesdienstes heranziehen sollte. Bei ihnen ist sogar zu erwarten, daß durclr" <Ets tiefe Erleben die Erfurcht vor dem Heiligen sich noch verstärke und daß .eine tiefe Demut bei dem Gedanken des eigenen* Beteiligtseins sie erfülle: - Nie jedoch darf der Gottesdienst zu sachlich, zu nüchtern werden. Die volle Wirkung, von feierlich-ernster Umgebung .— sei es das Gotteshaus, sei es die alles in sich schließende . Natur —, und das große Erlebnis des gemeinsamen Gebetes müssen ihre Kraft auf das kindliche Gemüt ausüben können. - - Elisabeth Schänfetd lugendgemeinschaft der lüdischen_ ReformgemelncUt. Bald kehrten wir um, weil Heinz (väterlich) meinte, es sei Zeit für die Küken, zu Bett zu gehen. Aber auch die „Großen“ müssen schon sehr müde sein, viele finden anscheinend nicht mehr recht den Weg nach Hause, einer fällt sogar versehentlich ins Wasser,. statt ins Bett. Am andern Morgen war um 6 Uhr schon wieder Hochbetrieb. Nach einem heißen Kampf um die Badezimmer geht’s zum Waldlauf (lies: Gartenspaziergang). Gegen 9 Uhr bekommt man durch den Gongschlag wieder Hunger. Nach dem Frühstück: Unkrautjäten im Garten. An die Arbeit! — Einer von uns hatte sich freundlich. zur Verfügung gestellt, die andern bei der Arbeit "zu beaufsichtigen. Er stand uns mit Rat und guten Worten zur Seite (oder besser noch: bei Seite). Darauf spielten wir Völkerball. Zweiter Sieger war ausnahmslos Gruppe Westen I. Ein Bad verschaffte uns die nötige Abkühlung, auch denjenigenj die (m Boote saßen und aufpaßten, daß niemand zu weit hinausschwamm: wir wurden durch ihren traurig-trockenen Anblick ganz gerührt, so daß wir sie aus Kameradschaftsgefühl und Gruppendisziplin bündesgemäß durchweichten. Zum Mittagessen auf der Veranda entwickeln wir einen Der Herr, Die Dame Elegante Maßschneiderei A. Berkawitz, Joacbimsthalerstr. 38. J 1 Bismarck 7640 bewunderungswürdigen Appetit, an dem vielleicht nicht zum Geringsten Hildes erstklassiger Reis und noch erstklassigerer Rhabarber schuld ist , . Die Mittagsruhe wird zum Sonnenbaden und Rüdem benutzt. Dann tobt poch einmal der Ballkampf mit elementarer Heftigkeit. Das überlegene Spiel von Westen II sichert auch diesmal den Gegnern einen glänzenden Erfolg. Nun werden die Zimmer aufgeräumt und die Affen schweren Herzens gepackt. Lebendige Vergangenheit Gedanken zu Thomas Manns „Geschichten laakoba“ Es ist eine alte jüdische Einstellung, mit der Geschichte vergangener Zeiten nicht nur Erinnerung, sondern mehr: persönliches Erlebnis zu verbinden.' Wird doch schon in der Hagadah ein Gegenwartserlebnis des Auszuges aus Ägypten gefordert. Wir sollen nicht an vergangenes Leid und der Väter Not denken, sondern selbst mitleiden, mitfühlen; um dann auch wie jene erlöst und befreit zu werden. Durch dieses Lebensgefühl ist eine dauernde Kontinuität hergestellt worden, die uns einen tiefen und lebendigen Blick für die Entwicklung gewährt. Auf der einen Seite sind wir also der Geschichte gegenüber subjektiv, indem wir sie dauernd erleben, auf der andern Seite sind wir .nicht so schnell befangen von Ereignissen der.Gegenwart. Wir bewahren nämlich gerade dadurch einen gewissen Abstand, der nötig ist, um nicht im Augenblicke zu versinken, und der uns nicht vergessen läßt, daß auch unsere Generation ihrerseits nur einen Gbergang bildet, ja daß sie nicht nur berufen, sondern auch verpflichtet ist, Vergangenes und Überkommenes weiterzugeben, niemals stehen zu bleiben oder zu resignieren. - Trotz dieser allgemeinen Veranlagung zu dem eigentümlichen Geschichtsbewußtsein gibt es nur wenige Menschen, denen die Gabe innewohnt, schöpferisch eine Welt vor uns erstehen zu lassen, die dem Bilde entspricht, das wir in unserer Zeit uns jeweils von der Vergangenheit machen. Meist ist nämlich dieses Bild ohnehin unvollständig, weil es da aufhört, wo Geschichtsschreiber begannen zu berichten: „Der Brunnen der Zeit erweist sich als ausgelotet, bevor das End- und Anfangsziel erreicht, das wir erstreben. Die Geschichte des Menschen aber ist älter als die. materielle Welt, die seines Willens Werk ist, .iter als das Leben, das auf seinem Willen steht.“ s In bescheidener Einordnung bemüht sich Mann in seinem Vorspiel irgendeine Verhältnissetzung der Zeiten zu gewinnen. Bis in den letzten Urgrund wi!J_er Vordringen und sich nicht mit der "alltäglichen naiven Bemerkung: „Es war in den Tagen des Set“ begnügen. Durch diese Selbstbescheidung der Durchschnittsmenschen haben sich nämlich Vorlagerungen der Erinnerung gebildet, bei denen sich der ernste Forscher nicht beruhigen pnag. Er will mit der ersten Formgebung .beginnen, indem er als Künstler und Philosoph Form und Inhalt, die zunächst getrennt waren, zu einem fügt. Seele und Materie waren diese beiden Elemente und zugleich die . anfänglich gesetzten Prinzipien. Es wird ausgesagt, daß die . Seele das Urmenschliche gewesen, ja daß sie Leben, nur noch kein Wissen besessen habe. In dem Moment, wo sie die" gestaltlose Materie zur Vereinigung wünschte, hat Gott angegriffen und ist ihr zu Hilfe gekommen. Er schuf die Welt, indem er der Materie feste Formeruzuwies. Damit aber die Seele alsbald erfahre, daß sie nicht das einzige Prinzip auf Erden sei, fügte Gott noch ein zweites-hinzu, nämlich den Geist, der die Seele in ihrer unumschränkten Herrschaft einschränken sollte. Zunächst versuchte er die Seele zur Selbstauflösung zu bewegen, da mit dem Auseinanderfall-von Seele und Materie der Tod aus der Welt geschafft wäre. Seine Sendung mißglückte jedoch, und letzten Endes kam es so weit, daß der Oeist sich selbst als das tödilohe Prinzip empfand.

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