Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 14 (1934)
- Issue
- 66 (17.8.1934)
- Date
- 1934-08-17
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Berlin Freitag 17. August 1934 Preis 20 Pfg. Nr. 66 — 14. Jahrgang gftr feeUtfdjes Snbentmn unb reliplöfcw Aufbau Herausgeber:Hanns Loewenstein Die „Jüdisch-liberale Zeitung« erscheint zweimal wöchentlich: Dienstags und Freitags der Bildung Ungeistigkeit der lugend? Von Dr. Fritz Epstein - Frankfurt a. M. 'Schon oft ist darauf -hingewiesen worden, daß Berufsumschichtung nicht nur ein Berufs„\vechsel“ ist, ein Uebergang von einem Beruf zu einem anderen unter Erlernung neuer Handgriffe und Fertigkeiten. Benifsumschichtung bedeutet heute für den sich umschichtenden Menschen auch ein Hineinkommen in eine aridere gesellschaftliche Schicht und damit in eine andere Einstellung zu vielen Dingen des Lebens, eine Umwertung mancher Werte, eine V.'e ränderung in der geistigen Haltung. So ist mit dem Willen zur Umschichtung, vor allem aber mit der Einsicht der vielerlei Notwendigkeiten der Umschichtung, iti den meisten Fällen ein neues Berufsethos entstanden, eine ganz neue Einstellung zum handwerklichen Beruf, eine Neuwertung, oft auch eine Ueberbewertung und Verabsolutierung der manuellen Berufe als der Berufe überhaupt. Diese Haltung läßt sich aus dem Gang der jüdischen Geschichte als Reaktion auf die frühere Ueberbewertung der geistigen Berufe Unter den Juden wohl verstehen. Die politischen Ereignisse des letzten Jahres haben so 'in Deutschland eine Bewegung großen Stils geschaffen, eine Bewegung, zu der Ansätze schon vor der nationalen Revolution vorhanden waren. Von Palästina her kennt man schon seit Jahren eine kräftige Reaktion der Jugend „gegen die Berufe, die die Väter gehabt haben, vor allem gegen die des Händ- . lers“. Von Gordon kam-die Lehre, von der Erneuerung des Menschen durch seine „Hingabe an den Boden, und die Natur“, ln Deutschland konnte es aber zu einer so starken „Umschichtungsbewegung“ erst kommen, als die in weiten Kreisen verbreitete Einsicht durch wirtschaftliche Notwendigkeiten zwingend wurde. Und heute kann man wohl sagen, daß innerhalb der jüdischen Jugend Deutschlands „die Richtung geht von der Kopfarbeit zur Handarbeit, von den vermittelnden Berufen zu denen der Urproduktion, vom geistigen Arbeiter zum Handwerker und Landwirt“. (Rud. Stahl in „Jugend und Gemeinde“. Beilage zum Frankfurter Israelitischen Gemeindeblatt Juli 1934). Wir können also eine andere Einstellung zum Beruf feststellen und damit aber auch eine andere Einstellung zum Geistigen überhaupt. Während man vor noch nicht allzulanger Zeit häufig über einen Typ des wesentlich intellektuellen jüdischen Jugendlichen klagte, der kaum Sinn für manuelle Betätigung, dafür aber desto mehr geistige Interessen und oft ein feines Empfinden für aesthetische Werte hatte, hört man heute schon Klagen über die Geistlosigkeitjüdischer Jugend, über ihre Oberflächlichkeit in geistigen Dingen, ihre Beziehungslosigkeit gegenüber fast allen Kulturwerten, ihre Ueberschätzung der manuellen Arbeit, ihre Unterschätzung alles Geistigen. .Und hier hat nun die eigentliche Frage einzusetzen. jüdische Akademiker, Kaufleute und Angestellte, die zum großen Teil recht wenig vom „Jüdischen“ wissen, schichten um, erlernen einen ganz neuen und für sie oft besonders schweren Beruf, fühlen die Notwendigkeit, sich in jüdische Gemeinschaft einzuordnen... was brauchen sie dazu? Junge jüdische Menschen kommen ohne Bildungsabschluß 14 oder 1 Sjährig aus der Schule und erlernen ein Handwerk... und was noch? Georg Lubinski hat in Herrlingen auf das Bildungsproblem dieser Jugendlichen besonders hingewiesen. Dieser junge Mensdi — so sagte er — „hat noch kein Verhältnis zu geistigen Dingen, vermag noch nicht, sich selbständig weiterzubilden; zur Kunst besitzt er in der Regel keinen Zugang. Die Barbarei des vorzeitigen Schulendes zeigt sich auch gerade vom kulturellen Standpunkt in - ihrer ganzen Schwere. Durch ein vorzeitiges Erwachsenwerden kann die Bildungsfähigkeit überhaupt auf¬ Erklärung des Leiters der Abteilung „Jagendverbände” in der Reichsjugendführung Oie Stellung der jüdischen Jugendorganisationen Die „Deutsche Zeitung“ veröffentlicht eine .Unterredung des stellvertretenden Hauptschriftleiters des Reichsjugend- Pressedienstes mit dem Leiter der Abteilung JV (Jugendverbände) in der Reichsjugendführung, Obergebietsführer Carl Nabersberg. In dieser Unterredung erklärte Obergebietsführer Nabersberg auf die Frage,. werche Jugendorganisationen in Deutschland, die außerhalb der Hitlerjugend stehen, ' neben derQruppe der katholischen Jugend noch erwähnenswert seien, folgendes: „Es gibt in Deutschland eine große Anzahl von jüdischen. Jugendorganisationen, die heute selbstverständlich genau wie früher ungehindert Ihrer Arbeit nachgehen. Die jüdischen Organisationen sind im Reichsausschuß jüdischer jugendverbände zusammengefaßt, deren Vorsitzender umnittelbar der Abteilung Jugendverbände unterstellt ist. Wir haben gerade mit den jüdischen Jugendorganisationen zahlreiche praktische-Fragen zu besprechen, die Genehmigung für die Ferienlager ejer jüdischen Jugendorganisationen zu. beschaffen usw.“ Kongress der skandinavischen jüdischen lugend Oslo. Hier tagte der 14. Kongreß der Skandinavischen Jüdischen Jugendverbinde. Rabbiner Dr. Melchior (Kopenhagen) hielt einen Vortrag über das Thema „Neue Zeiten — neue Aufgaben". Rabbiner Julius Samuel (Oslo) hielt am zweiten Verhandlungstage ein großangelegtes Referat über das Thema „Jüdische Jugend auf neuen wegen“, in dem auch von der jüdischen Jugend der skandinavischen Länder Berufsumschichtung und geistige Vorbereitung zu ihr gefordert wurde. Eingehend soll sich die jüdische Jugend mit allen jüdischen kulturellen Gütern beschäftigen. Der kulturelle Bedarf der jüdischen Jugend müsse, mehr als bisher aus jüdischen Quellen und Impulsen gespeist werden. Träger dieser Aufgaben sollen die Gemeinden werden. Der italienische Ministerpräsident bei den Ausgrabungsarbeiten Mussolini auf dem alten Judenfriedhof in Rom Rom. In Begleitung des Oöuverneursder Stadt Rom, Prinz Buoncompagni Ludovisi, hat Ministerpräsident' Mussolini den alten Judenfriedhof auf dem Aventin besucht. Der Friedhof wird, wie gemeldet, zwecks Durchführung des neuen Stadtregulierungsplans aufgelassen, die Oräber und Grabdenkmäler werden nach .dem jüdischen Friedhof Verano verlegt. Der Friedhof auf dem Aventin besteht, seit 300 Jahren. Auf ihm sind zahlreiche hervorragende Mitglieder der 1ÜdU sehen Gemeinde Roms begraben. . Mussolini wurde bei seinem Besuch sut denT Friedhof von dem stellvertretenden Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde Rom, Enrico Cohen, und von dem Oem^Mnekretai Dr. Umberto Scazzocchio empfangen. Er ließ siefr^adilcht liehe Einzelheiten über den alten Friedhof erläuternöHl kündigte sich mit großem Interesse nach dem Stand Verlegungsarbeiten, die auf Kosten der Stadt Rom c geführt werden. (Siehe jrnch „Das Ausland meldet“.) Nach Abschlnfi eines Wirlschaftafrledena : luden In Danziger Wfftcbaflsrat Wie aus Danzig gemeldet wird, erfolgt dortn^ch Abschluß eines Wirtschafisfrledens zwischen dem Freistmit Danzig und Polen eine Umgestaltung der Selbstverwaltung der Danziger Wirtschaft, von der die jüdischen WlrfschafUkreise erhoffen, daß in Zukunft ihre Belange im Rahmen der Danziger Gesamtwirtschaftsfnferessen besser gewahrt werden. An die Stelle der Hauptwirtschaftskammer tritt ein staatlicher Wirtschaftsrat, dem neben Polen auch .Juden angehören werden. Die Ernennung eines jüdischen Mitgliedes isLbereits erfolgt. hören. Die äußeren Dinge erhalten dann ein so starkes Uebergewicht, daß die Anlagen zur Entwicklung des inneren Menschen verkümmern.“ Andererseits — es ist mit Recht .immer wieder betont werden — gibt es kein einheitliches Bildungsziel, das auch nur für alle deutschen Juden gültig wäre, und zü dem man diese Menschen hinerziehen könnte, an dem sie sich orientieren könnten. Es gibt eben nirgends in der Welt — auch in Palästina nicht — ein „Bild vom jüdischen Menschen“, das allgemein anerkannt ist. Esgibt nur eine Vielheit solcher Bilder, entsprechend der Vielheit der weltanschaulichen Haltungen. Und so steht die jüdische Vergangenheit mit all den von ihr geschaffenen Werten vor diesen Menschen, mit einer Fülle von Forderungen. Was soHte und müßte man alles lernen! Womit müßte man sich auseinandersetzen? Wo soll man überhaupt anfangen?.- Wo ist das Bild, nach dem man sich richten soll, das gültig ist, an dem eine Ordnung der Werte sichtbar wird? Und weiter: die Menschen, die umschichten oder diejenigen, die als 14 oder 15jährige einen handwerklichen Beruf erlernen, müssen schwer arbeiten. Meist zwingt die wirtschaftliche Lage dazu, zwar gründlich, aber doch in verhältnismäßig kurzer Zeit zu lernen, damit man sich bald ernähren kann. Wo bleibt da noch "Zeit und Kraft zu gründlicher geistiger Arbeit? Aus einem Bericht: „Es besteht nur eine geringe Möglichkeit zur intellektuellen Arbeit, schon rein technisch deswegen, weil es wenig Landwirtschaften mit geregelter Arbeitszeit gibt. Den ganzen Sommer über ist intensive geistige Beschäftigung ein Traumwunsch, der nur von den paar Unentwegten verwirklicht wird, die nach sechzehnstündiger Arbeit noch die Lust aufbangen, sich hinzusetzen und ein geistiges Problem durchzuarbeiten. Praktisch bleibt hier die Bildungsarbeit auf Sonntage und die Winterabende beschränkt. Sonntags trifft man sich irgendwo und versucht den Tag auszunutzeii. Einer hält ein Referat und kann glücklich sein, wenn die anderen nicht einschlafen. An vielen anderen Ausbildungsstätten wird „nur" acht Stunden gearbeitet. Man bringt auch danach oft nicht mehr die Kraft zu intensiver geistiger Arbeit auf. Man braucht auch Zeit für Sport, man braucht Geselligkeit, man braucht Ruhe“. Dieser Knappheit der Zeit muß man Rechnung tragen, d. h. man muß sich jeweils sehr genau überlegen, wie man diese geringe Freizeit für geistige Arbeit wirklich nutzt und wieviel von dieser Freizeit der geistigen Arbeit überhaupt gehören., darf. . Aus den Berichten der Umschichtenden geht her-. vor, wie sehr bei der handwerklichen Arbeit Wert gelegt wird auf Präzision und Genauigkeit. Der erzieh- Vergesaen Sie nicht die Einlösung der. 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