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Jüdisch-liberale Zeitung · 1934-08-14 · 65 (14.8.1934) · page 1

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
14 (1934)
Issue
65 (14.8.1934)
Date
1934-08-14
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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»fc? Berlin Dienstag, 14. August 1934 Preis 20 Pfg. - Nr. 65 — 14. Jahrgang zu Berlin. mt beutfd)e$ 3ubentum unb religiofen Wufbou HerausgebenHanns Loewenstein Die »Jüdisch-liberale Zeitung«« erschein« zweimal wöchentlich: Dienstags und Freitags Die Sdvetkenstage in Algerien ErtdifittemdeEinzelheiten derblutigenUnnihen in (omtantine „Schlimmer als die spanische Inquisition" London. Die Berichte, die von den blutigen Ausschreitungen in der algerischen Stadt Constantine hier vorliegen, sind so grauenhaft, daß ihre Wiedergabe im einzelnen unmöglich ist Während von amtlicher Seite erklärt wird, daß die Ruhe wiederhergestellt sei und keine weiteren Unruhen befürchtet zu werden brauchen, verlautet aus anderer Quelle, daß die Lage weiterhin gespannt bleibe und daß sogar nach Inneralgerien Truppen zusammengezogen seien, weil man dort neue judenfeindliche Kundgebungen befürchtet. Die „Times“ erklären in ihrem Bericht über die Vorfälle, das Massaker sei offenkundig planmäßig vorbereitet gewesen. Das sei daraus zu ersehen, daß die Mohammedaner, nm keinen Verdacht zu erregen, zu zwei bis drei Mann ins Judenviertel kamen. In dem Bericht der „Times“ heißt es weiter, die jüdischen Geschäfte und Wohnhäuser seien systematisch angegriffen, geplündert und beschossen worden. Die Bewohner habe man auf die Straße geschleppt und dort ohne Rücksicht auf Alter und Geschlecht hingeschlachtet und auf grauenvolle V^eise verstümmelt. Ganze Familien wurden in ihren Häusern eingeschlossen und dem Flammentod preisgegeben. Ein Gewährsmann der Ita gibt noch folgende erschütternde Einzelheiten: Es werden noch Tage vergehen, bevor die Welt einen Oberblick über all die Greuel erlangen wird, die während dieses Pogroms verübt wurden, der nur mit den Palästina-Unruhen vom Jahre 1929 verglichen werden kann. Die Listen der Toten und Venvundeten, die wie damals in die Hunderte gehen, sind noch nicht abgeschlossen; aber .die Krankenhäuser sind überfüllt mit jüdischen Opfern der Aussch'reitüngen und die Tore der Krankenhäuser werden von Frauen belagert, die feststellen wollen, ob ihre verschwundenen Gatten und-Söhnc unter den Toten und Verwundeten sind, oder ob es ihnen gelungen ist, aus der Stadt zu fliehen. Das Juden-Ghetto ist streng bewacht. Viele Häuser liegen in Trümmern, andere sind von ihren Bewohnern vollkommen verlassen. Die bekannten jüdischen Familien Halini und Dadoun sind vollständig ausgerottet. Der jüdische Buchdrucker Attali, der alle Kinder in dem Gemetzel verloren hat, — er selbst und seine Frau sind schwer verletzt — erklärte mir, die von den Arabern während des Pogroms verübten Grausamkeiten seien schlimmer gewesen als die spanische Inquisition. Ich selbst besuchte zwei ’ jüdische Mädchen, die fürchterlich verstümmelt wurden und, die mit dem Tode ringen. Jetzt ist die Stadt' ruhig, doch, -halten sich die Behörden für alle Möglichkeiten bereit. Aufruf des Generalgouverneurs zu Frieden und Eintracht Dreihundert Araber verhaftet Paris. Der Generalgouvemeur von Algier, "Garde, hat die Leitung der Untersuchung über die blutigen Ereignisse, die sich dort abgespielt haben, selbst in die Hand genommen. Der Belagerungszustand, der unmittelbar nach dem Ausbruch der Unruhen über Constantine verhängt wurde, ist aufgehoben worden. Ungefähr dreihundert Araber wurden bisher verhaftet. Die Ruhe ist-wiederhergestellt. Generalgouvemeur Carde hat, nach Besprechungen mit dem Kommandanten der ’ militärischen Kräfte und mit den Führern der mohammedanischen und jüdischen Bevölkerung die Verstärkung der Garnison angeordnet und einen Aufruf zu Frieden und Eintracht an die Bevölkerung gerichtet. Gleichzeitig wurde eine Sammlung für die Opfer der Ausschreitungen eingeleitet. Das jüdische Viertel von Constantine, wo die Kämpfe mit grausamer Erbitterung geführt wurden, weist an allen Ecken und Enden erschreckende Spuren der Geschehnisse. auf. Viele Häuser sind bis auf die Grundmauern niedergebrannt. Ein Sonderberichterstatter des „Matin“ meldet, daß die Eingeborenen, die in die jüdischen Geschäfte und Wohnhäuser. eingedrungen seien, Benzinkannen mit sich geführt hätten, um die Gebäude schnell in Brand stecken zu können. Sie hätten zunächst alles ausgeplündert, die jüdischen Bewohner und Geschäftsleute verletzt oder getötet und dann - Feuer angelegt, so daß zahlreiche Verletzte in d'en Flammen den Tod fanden. Zeitweise habe man befürchten müssen, daß die ganze Stadt in Flammen aufgehe, da es; der Feuerwehr infolge des Wassermangels unmöglich gewesen sei, die zahlreichen Brandherde zu löschen. In den Straßen und Gassen liegen Trümmer von Möbeln und anderen Einrichtungsgegenständen' in Haufen bis zu einem Meter hoch 1 herum. Der Sachschaden wird auf mindestens 50 Millionen Francs, das sind über S Millionen Mark, geschätzt. Begräbnis der Opfer ruhig verlaufen Constantine. Das Begräbnis der Opfer der jüngsten Ausschreitungen ist ruhig verlaufen. Der Soldat Elle Kali f a, dessen Benehmen den unmittelbaren Anlaß zu den Ausschreitungen geboten hat, ist von den Militärbehörden verhaftet worden. Nach den neuesten Meldungen scheinen die Ausschreitungen in Ain Beida blutiger verlaufen zu sein, als anfänglich angenommen wurde. Es heißt jetzt, daß elf jüdische Einwohner ermordet wurden, unter ihnen fünf Frauen. Sehr ernst waren die Unruhen auch in Tebessa und Jemmapes; die dortigen jüdischen Einwohner, deren Häuser geplündert und niedergebrannt worden sind, haben in Militärbaracken - Zuflucht gefunden. Eine Warnung der „Times" London. Die „Times“ veröffentlichen einen Leitartikel über die Vorfälle in Algerien, in dem sie die Spannungen darstellen, die seit jeher zwischen der mohammedanischen und jüdischen Bevölkerung Französisch-NÖrdafrikas bestehen. Das Blatt meint, daß unter anderem auch die an sich interessante und malerische Art der Jahrhunderte alten Constantineft Judengemeinde, den Sabbat zu feiern, — die Frauen sitzen am - Sonnabend in kostbaren Gewändern und mit ihrem ganzen Schmuck angetan an den Hauseingängen — mit dazu beigetragen haben mag, die ärmeren Teile der mohammedanischen Bevölkerung zu reizen.- Die französischen .Behörden hätten offenbar nicht mit der Möglichkeit eines so wilden Ausbruchs der Leidenschaften gerechnet. Wirtschaftliche Momente, besonders die Not unter den Bauern, seien zweifellos mit eine der Ursachen der Exzesse; im wesentlichen aber trugen sie. denselben Charakter wie ein religiöser Aufruhr in Indien oder die Unruhen des Jahres 1929 in Palästina. Die Ereignisse würden ihre,Wirkung auf die gemäßigten Führer der Judenheit in Palästina, die in letzter Zeit wachsende Besorgnis angesichts; der Tätigkeit jugendlicher Extremisten empfanden, nicht verfehlen. Die Pariser Presse über die Vorfälle Paris. In der französischen Presse werden die ververschiedensten Vermutungen über die Hintergründe der Unruhen in Algerien geäußert Die antisemitische „L’Actkm Francaise“ behauptet, Schuld an den Unruhen, sei die Cremieux’sche Gesetzgebung, die die Juden in Algerien gegenüber den Arabern begünstige und so Feindschaft gegen die Juden bei den Arabern erzeugt habe. Ferner meint das Blatt, daß kommunistische Provokationen die Ausschreitungen mit veranlaßt haben dürften. Die Organe der radikalen Unken sehen hinter den Unruhen eine Provokation der „imperia- Ffudit vor sich selbst - Von Dr. Erich Uchteastein In unsere unstete Zeit ragt noch die patriarchalisclic Würde des seßhaften Menschen. Nie werde ich jenen alten jüdischen Schneider in.'der süddeutschen Stadt vergessen, der für mich ein Sinnbild geworden ist. Sein Handwerk hatte er von Vater und Großvater geerbt. Sein Sohn war schon bereit, ihn abzulösen, wenn einst seine Kräfte nachlassen .würden. Das kleine Haus am Fluß war seit Generationen ihre Heimat, die Ufer und Höhenzüge ihre Welt. Und wie sich das Schicksal im gleicfimäßigen Zug. der Generationenspiegelt, so kehrt es im rhythmischen Ablauf des täglichen Geschehens wieder. Die Spaziergänge, die sonntäglichen ' Ausflüge mit Weib und Kind; die fromme Befolgung des religiösen Gebots bildeten die Einschnitte in diesem einheitlichen Leben. Das große Welttheater blieb außerhalb dieser Bezirke. Aber dessen bedurfte es auch nicht. Denn da er das Kleine, das ihm aufgegebenwar, ganz tat, war es das Gleichnis für alles Große, das in der Welt geleistet wird. So war diesem schlichten jüdischen Menschen die Befriedigung eines erfüllten Lebens gewährt. Denndas Erkenne» der Grenzen ist von jeher das Zeichen der Kraft gewesen. Es scheint aber das Schicksal des modernen deutschen Juden zu sein, daß er seiner Grenzen nicht inne wird. Er glaubte sich zu allem berufen, die Welt lag ja ln ihrer ganzen Vielfältigkeit vor ihm. Um dies zu verstehen, muß man «Ich die Situation der Juden vergegenwärtigen, als sie das-Ohetto verließen.- Ein wahrer Heißhunger nach europäischer Bildung, nach abendländischer Wissenschaft überkam sie. Nur so glaubten sie sich der ihnen zugedachten Gleichberechtigung würdig erzeigen zu können.' So . begann der soziale Aufstieg: Nachdem, der materielle Grundstock gelegt war, begann die . Entwicklung zum Geistigen..» Die Söhne und Enkel von Händlern und Kaufleuten studierten Philosophie und Oeschichte, Medizin und Jura, sie wurden Professoren, Schriftsteller, Oclehrte. Man mag diese Einseitigkeit heute beklagenswert finden-, imponierend bleibt doch, welche bedeutenden Leistungen die Juden auf wissenschaftlichem Oeblet In ehern Jahrhundert hervorgebracht haben. Aber die gedankliche Anspannung mag zu hitzig, der Aufstieg zu jäh gewesen sein. Jedenfalls kann man beobachten, daß auch der jüdischen Jugend sich jene Krankheit bemächtigte, jene Neurose, die geradezu ein Kennzeichen des heutigen geistigen Menschen darstcllt: die Entscheidung» losigkeit. So kommt es, daß das Tebensbüd sich verwischt . und verzerrt und sie die ihr zugedachte Aufgabe nicht erkennt. Man scheint, ganz vergessen zu haben, daß jeder Mensch zu - (Fortsetzung auf der 2. Seite.) iistischcn Polizei“. Die gemäßigte Presse, in erster Reihe „Le Jemps“, wendet sich gegen, diese Kombinationen und erklärt, Schuld sei der religiöse Fanatismus der arabischen Bevölkerung und ihre, wirtschaftliche Not. Judenfeindliche Ausschreitungen kehren in Algier und Tunis mit einer gewissen Regelmäßigkeit wieder. Anläßlich eines dieser Exzesse, der in der tunesischen Stadt Sfax verübt worden war, erklärte der damalige Ministerpräsident Herriot auf Vorstellungen der Liga gegen den Antisemitismus, deren Ehrenpräsident er ist, die Ausschreitungen seien von Propagandisten herbeigeführt worden, die aus den wirtschaftlichen Nöten-des. Landes Nutzen ziehen. Gleichzeitig forderte er die Liga auf, ihren Einfluß unter den Juden dahin geltend zu machen, daß jede Unvorsichtigkeit vermieden werde; es ' sei unbedingt notwendig,. im Hinblick auf den in Tunis erzeugten Religionshaß alles zu vermelden, was als gegen die mohammedanische Religion gerichtet gedeutet werden könnte. ' Man möge sich darauf verlassen, daflf die Behörden neuerliche Ausschreitungen. gegen Juden verhüten würden. Vergessen Sie nicht — die Einlösung der Abonnements-Quittung für September»—Nur pünktliche Einlösung sichert regelmäßige Zustellung der „JOClsdt-liberales Zeltoag“

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