Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 14 (1934)
- Issue
- 64 (10.8.1934)
- Date
- 1934-08-10
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Übrigens ... Niveau ©b* ungezählte Worte, die plötzlich * aus dem Nichts auftauchen, um ebenso plötzlich wieder zu verschwinden. Das Wort „Niveau“ verbreitet sich schlagwortärtig unter den Juden Berlins. Wo irgend eine Veranstaltung stattfinden soll, ist die zaghafte Frage, •wirdsie auch Niveau haben? Wenn sie stattgefunden hat, die kritische: hatte sie auch Niveau? Der Ruf nach Niveau, die Angst vor dem Abgleiten vom Niveau sind keine zufälligen Ausdrucksformen der jüdischen Psyche. Gehen wir auf die ursprüngliche ‘ Bedeutung des Wortes Niveau zurück, so finden wir, daB es Gleichgewicht bedeutet, zurückgehend auf das Lateinische libella, den beiden Schalen, die sich die Wäge halten.' Es läßt sich nicht leugnen, daß das Gleichgewicht, in dem wir uns, wenn auch vielleicht nur scheinbar befanden, ins Wanken gekommen ist. Die äußeren Umstände, das Ausgeschaltetsein aus dem Berufsleben der einen, die finanziellen Sorgen der andern,' haben ihr .Teil dazu beigetragen. Verschärfend wirkt die erzwungene oder freiwillige Abgeschlossenheit, in der wir jetzt auch kulturell leben. Viele von uns lebten so vollkommen und intensiv in und mit der deutschen Kunst und Kunstgestaltung, daß uns nun, da wir quasi unter uns leben, die Möglichkeit des Vergleichens zu mangeln beginnt. Denn, ich bin mir der Anfechtbarkeit dieses Satzes bewußt, nur durch Vergleichen können wir überhaupt zur objektiven Wertung einer Leistung gelangen. . Insofern möchte'ich Niveau eigentlich, identisch mit der Funktion setzen, die die Nu 11 sehr häufig im alltäglichen Leben hat, nämlich mit der des Normalen, des Regulären. Ich erinnere in diesem Zusammenhänge an den Nullwert des Pegels. Was diesen Wert erheblich übersteigt ist Hochwasser, was ihn nicht erreicht.Niederwasser. ' Der Pegel ist uns bei der Hochflut im vorigen Jahre weggerissen worden. Aber der Vergleichsmöglichkeiten sind noch genug geblieben. Wir brauchen uns nur auf unsere klassische jüdische und auf unsere' deutsche Literatur zu besinnen, auf die alte und die moderne Musik, auf historische und neue Kunst. Aber meist sind wir zu träge zum Nachdenken, sind auch dadurch, daß wir über ein Jahrhundert im deutschen Kulturkreis gelebt haben, jetzt, wo wir aus ihm herausgerissen und auf uns selbst .angewiesen sind, zu faul und zu feige und vielleicht auch zu oberflächlich geworden, um selbständig nachzudenken. Wer Kenntnis hat, kommt auch zur Erkenntnis, wer keine hat, gehörte immer schon zu den unkritischen 'Nachbetern. Sicherlich sind wir in der hinter uns liegenden Epoche-etwas zu kritiklos in diese oder jene Veranstaltung gegangen, und haben Mode mit Niveau verwechselt. Dieser Zustand ist zu Ende, wir stehen auf eigenen Füßen, haben eigenes Theater, eigene Vorträge, eigene Kunstschauen. Wir können auf unsere Leistungen zurückblicken, hier, und in Palästina. Wir •werden bestimmt finden, daß manches darunter ist, was Niveau hat. Dies gilt es herauszufinden, hier gilt es Normen aufzustellen, neue „Marken“ anzumerken, gefestigte Vergleichsmöglichkeiten zu schaffen, von denen aus wir weiter vorzudringen in der Lage sind. ■ Auch Archimedes suchte einen Standpunkt, von dem aus er in der Lage war, die Welt aus ihren Angeln zu heben. Wenn wir uns die Leistungen unserer großen Gelehrten, unserer bedeutenden Wissenschaftler, unserer Künstler und Schriftsteller ins Gedächtnis rufen, so haben wir einen Maßstab, und er wird für alle .Zeiten die notwendige, aber auch hinreichende Bedingung sein und bleiben, um ein Absacken vom Niveau zu verhüten. - Dr. T, Simon. Die August-Premiere des 'Kulturbundes deutscher Juden im Berliner Theater .wird vom 15. auf den 16, August verlegt. Die Abteilungen 22 und 32 sowie Abteilung 29 Nr. 29200 bis 29299, die ihren Theaterabend am 15. August haben sollten, werden auf den 1. September umgeladen. _1 . Aus Anlaß der Landestrauer werden die für den 11. und 12. August angekündigten Kleinkunst-Abende des Kulturbunds Deutscher Juden zusammengelegt und au f den, 1. September verschoben._ , Probesendung anfordern! '/aPfd.feinstenSaldor-1 Kaffee und 50 g la Teemischung zusammen für RM. 2,— I franko Haus. IL Uweostefn. W 50, Schaperstr. 11, B 4 8785. | Waren wir auf falschem Wege? Eine Überprüfung des religiösen Liberalismus. — Von Rabbiner Dr. S. Samuel Das neue Gotteswort Frühzeitig trat im religiös-liberalen Gedankenkreis die zentrale Bedeutung der G e in e i n d e - Belehrung hervor. Nichts Geringeres war hier erstrebt, als die Anknüpfung an die beste Tradition der Synagoge, ja an das Wirken Esras, des' Schriftgelehrten. Nicht die alte Priesterschaft des Tempels hatte Neigung, ihre festumschriebenen Opferhandlungen durch die freie, an einem Jesaja oder Jeremia geschulte Rede ergänzen zu lassen. Die Synagoge aber kannte in älterer Zeit keinen größeren Gottesdienst, ohne daß an die Thoravorlesung sich Auslegung, Erläuterung, Anwendung,“ kurz eine Predigt knüpfte, zugleich Vorbild für Kirche und Moschee. Wenn sie trotzdem der Synagoge entfremdet wurde, so ist wieder die mit dem späteren Mittelalter zunehmende geistige Enge der Führer und der Gemeinde daran schuld. Mit Staunen liest man noch aus der Zeit der Karolinger,- daß die gottesdienstlichen Vorträge der . Synagoge auch auf Nichtjuden eine gefürchtete Anziehungskraft ausgeübt hatten. Sie müssen in der Landessprache gehalten worden sein; denn Hebräisch hätten nicht einmal die fränkisch-deutschen Juden, geschweige ihre Gäste verstanden. Im Laufe der Jahrhunderte verdrängte der überhand nehmende Talmudismus der Rabbiner die Predigt aus der Gebetsandacht, wie die Priester sie aus dem Tempel verbannt hatten.’ Haggada, Midrasch, Kabbala suchten sich andre Träger, andre Zeiten und Stätten; es entstand ein unfreundliches, ja rivalisierendes Neben-, und Gegeneinander. Es ist bezeichnend, daß die ersten jüdischen Predigten von gebildeten Laien gehalten wurden;' ja es dauerte manches Jahrzehnt, bis die Kanzelrede vom Rabbiner verlangt ward, die Predigt auch im. konservativen Gottesdienste volles Bürgerrecht in der Synagoge zurückgewann. Warum diese bekannten Tatsachen in Erinnerung gerufen werden müssen? Weil heute wieder die Neigung besteht, über Nachahmung protestantischer Vorbilder zu klagen, am wesentlichen aber, an Inhalt und Funktion der Predigt 'vorüberzugehen. Wider besseres Wissen möchte man sie fast wie einen Fremdbestandteil des Gottesdienstes hinstellen, ihr einen wesentlichen Anteil an der geistigen und religiösen Höhenlage der Gemeinde absprechen. Solche Fehlurteile werden erst verstummen, wenn auch die immerhin hundertjährige Geschichte der modernen jüdischen Predigt geschrieben ist, wie die althebräische von der Meisterhand eines Leopold Zunz. Daß sie es verdient, ist zweifellos, gerade weil sie unablässig an sich gearbeitet hat, um ihre jüdische Eigenart, ihr inneres Gesetz und ihren besonderen Rang nach Inhalt und Form zu finden. Religiösliberale Männer wie Noe Mannheimer, Jellinek, Güdemann, Joel, Maybaum, Rippner, aber auch konservative wie Sachs, Horovitz, Werner, Nobel haben ihren Ruhm . als Kanzelredner erworben, obwohl ihre Bedeutung sich in der Predigt bei weitem nicht erschöpfte. Was diese-und zahlreiche ihrer Amtsgenossen durch Hervorhebung der ethischen, allgemein-menschlichen, prophetischen und ewigen Gedanken des Judentums neu . formuliert, verkündet und zur Geltung gebracht haben, verlieh, dem zeitgenössischen Judentum ein neues Gesicht.; In dem Bestreben, dies Vorwärtsschreiten zu verkleinern, wird man nicht müde, auf den schlechten Besuch der Synagogen an den Sabbaten hinzuweisen, die die schönsten Predigten nicht mit Betern und Zuhörern zu füllen vermocht hätten. Keine Frage, es sah oft beklemmend leer, besorgniserregend interesselos in unseren Synagogen aus. 'Selbst die auf jeden vierten Sabbat angesetzte Predigt verlor ihr älteres Stammpublikum; in den Großgemeinden waren die wenigen Prediger im Laufe der Woche derart überlastet, daß ihnen für die Sabbatpredigt keine Zeit zur Vorbereitung blieb; es mußte ein Tiefpunkt erreicht werden, von dem es aber um so mächtiger-aufwärts ging. Das Verlangen nach einer Ansprache am Freitagabend trat hervor, und die Prediger stellten sich sofort zur Verfügung; das neu bezeugte Interesse belebte auch ihren Eifer. Unsere sich verdüsternde jüdische Lage, die Notzeiten des Krieges, die furchtbaren. Folgen des unglücklichen Ausgangs haben zuletzt das Verlangen nach Sinndeutung, Wegweisung, Trost und Hoffnung aus der Predigt anschwellen lassen — wie aber, wenn diese nicht längst wieder ihren Platz im Gottesdienste gefunden hätte?! Man denke an so manche beklommene Freitagabend- Stunde der vorjährigen Schicksalswende, in der .man vor Gott Heilung und aus dem Worte des Predigers Trost und Aufrichtung erwartete und —: empfing! . .Welch vielseitige, umfassende Ausbildung vom Prediger zu verlangen sei, hat auch wieder niemand früher erkannt als das religiös-liberale Judentum. Von Geiger und seinem Kreise gingen Anregungen für neue Studienordnungen aus, die beinahe überspannte Forderungen enthielten, und die kaum von der „Hochschule (jetzt Lehranstalt) für die Wissenschaft des Judentums“ erfüllt werden konnten. Aber sogar dem Rabbiner und Prediger im Beruf, dem ernsten Austausch der Erfahrungen, der Fortbildung durch fachw.issenschaftliche Arbeiten und Studien Der Monat der Vorbereitung Am kommenden Sabbat beginnt in diesem Jahre der Monat Elul, der letzte Monat vor den hohen' Feiertagen. Der Ueberlieferung gemäß gilt er als der Monat der Vorbereitung auf die Tage der Buße und Einkehr, ln manchen Riten — nicht im deutschen — beginnt man mit dem Monatsanfang schon, die Bu ßgebete, die sogenannten Selichot, zu beten. In unserem Ritus ist es hergebracht, vom ersten des Monats Elul au täglich, mit Ausnahme des Sabhats, im Gottesdienst Schofar zu blasen, die 4 Töne/ Tekio, Scheworim, Teruo, Tokio; im ostdeutschen Ri-- tus beim Schluß des Morgen-Gottesdienstes, im-westdeutschen beim Morgenünd Abendgottesdienst. Aus dem Prophetenabschnitt des Sabbats Heg Ja, wie die erneuerten Himmel und die erneuerte Erde, die ich wirke, vor meinem Angesicht bestehen, spricht Gott,' so wird bestehen euer Same und euer Name. Und so wird's sein: Neumondstag um' Neumondstag, Sabbat um Sabbat wird kommen alles Fleisch,- sich niederzuwerfen vor meinem Antlitz, ■ spricht Gott. Jestda 66, 22—23. bahnte er den Weg. In einem gehaltvollerr-Vortragc kennzeichnete erst jüngst Dr. Paul Lazarus seinen einstigen, damals jugendlichen Amtsvorgähger Abraham Geiger, in Wiesbaden, als den Förderer der jüdischen Zeitschriften-Literatur in deutscher Sprache und den Herold der deutschen Rabbinerversammlungen. Zu gemeinsamer Aussprache sich zusammenzufinden, hielten die Rabbiner des ausgehenden Mittelalters für überflüssig. Eine gewisse Gemeinsamkeit in Kult, Liturgie, Gesang und Ritus hat eben diese liberal^ Bewegung geschaffen, der man so gern individuelles Auseinanderstreben und unumschränkte Willkür nachsagt. . Das neue Gotteswort wurde noch früher, als von der Kanzel, vom Schulkatheder verkündet. Die Anfänge eines modernen Jugendunterrichts und damit auch einer liberal-religiösen Unterweisung reichen bis in die Mendelssohnschc Zeit zurück, Sic knüpfen an die Namen Israel Jakobsohn und David Friedländer an, haben unsnicht nur die Jüdische Freischule, dann Knabenschule und Lehrerseminar in Berlin gebracht, sondern in schneller Folge ähnliche Pflanzstätten in Frankfurt, 'Seesen, Braunschweig, Münster, Breslau. So groß die anfänglichen Kämpfe waren, - die sie zu bestehen hatten, die wichtigsten unter ihnen haben allem Wandel der Zeit getrotzt, alle haben eine ehrenvolle Geschichte hinter sich und die Genugtuung, daß sie auch für die orthodoxen Parallelgründungen in vieler pädagogisch-wissenschaftlichen Hinsicht vorbildlich wurden, so sehr der religiöse Geist in ihnen ein andrer, sein mochte. Als kostbare Errungenschaft religiös-liberaler Denkungsweise darf es gelten, daß sie zuerst mit der bedenklichen Vernachlässigung religiöser Bil- DampfwAschcrel Schnabel. Köpenick, Orünauerstr. 46. Tef.P.4 Köpenick IW Sorgfältigste Behandlung! In drei Tagen zurück. Pfundalsahn Lieferung * Abholung Montag u. Donnerstag frei Haus | HafdOtQtt, Hino, (He&tauxantb \ CAFE LEON Die herrliche Gartenterrasse Kurfürstendamm 155 PENSION ZIESCHE KurMntenSamm 23S Elegante Zimmer m. jedem Komfort billigst. Daueraufenthalt Sonderarrangem. 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