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Jüdisch-liberale Zeitung · 1934-08-10 · 64 (10.8.1934) · page 3

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
14 (1934)
Issue
64 (10.8.1934)
Date
1934-08-10
Page
– (sequence 3)
Language
German
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14. Jahrgang Nummer 64 3fiötfdMtfieta(e Reifung Beilage 10. August 1934 Die Karschin und der „Jakobs-Enkel" ~~r Das Glückslos des armen Joseph Michel Es sind jetzt erstmalig ^'Frankfurter Sozietätsverlag die gesaniten Briefe der deutschen Volksdichterin Anna Luise Karsch, genannt die Karschin, erschienen, jener merkwürdigen Frad, die Lavater in seiner Physiognomik behandelt, Chodowiecki gezeichnet hat, und die von Herder, Wieland und Goethe verehrt wurde. Diese'Briefe sind voll packender Schilderungen des damaligen Berliner Gesellschaftslebens, geschrieben aus der Erlebniskraft einer großen, mitfühlenden Seele heraus. Auch für uns Juden ist ein kleines Kapitel in diesen Briefen enthalten, das wohl wert ist, einer breiteren Öffentlichkeit bekannt gemacht zu werden; zeigt es doch, mit welch ■ menschlicher Teilnahme und Objektivität die Karschin, dieses unverdorbene, nur seinen sicheren Instinkten folgende Bauernkind, die vielgeschmähten und allerorten-zurückgesetzten Juden in ihrem Alltagsleben beobachtet hat und ihrem wahren Wesen gerecht geworden ist. Der Brief, der im folgenden wiedergegeben wird, stammt aus dem Jahre 1787 und ist, wie fast alle Schreiben der Karschin, an ihren langjährigen treuen Freund, den Dichter Gleim, gerichtet. Er lautet: „Ich will Ihnen, liebster Gleim, eine schöne Tat erzählen, die neulich ein junger Jakobs-Enkel gethan hat. Es lebt hier ein schon alter Jude mit Namen Joseph Michel. Das Glück stand ihm niemals bey in dem Hauptgewerbe seiner Nation, dem Handel. Er half sich also durch, wie er konnte. ,-Er diente zum Aufseher bey der deutschen und französischen Komödienkasse viele Jahre lang. Er ward um. sein erspartes ■Geld betrogen. Die französische Bühne steht verschlossen da und Joseph Michel hat kein Brot. Er ist seit zwölf Jahren mein Briefbesteller zu Berlin gewesen, ein ehrlicher, guttcr Mann. Ich schrieb ihm manch Bittschriftchen in seinem Namen an die Besten seines Volkes. Er brachte sein und seines Weibes Leben kümmerlich hin, seufzete wohl, aber sagte mir niemals seine äußerste. Noth, weil er mein Herz kennt. Neulich kam er und sagte mir, daß er diese Ostern bis zur Verzweiflung getrieben war:; Sein Hauswirt hatte ihn ausgepfändet, er mußte auf dem Söller des Hauses Passah halten und wußte noch nicht, von was. Da gab ihm ein gewisser junger Meier vier Thaler zu. süßem Brodt ungebeten. - Nach dem Fest ward die Lotterie gezogen. Meier frug Joseph Micheln, ob .er nicht wüßte, wer die Teme gewonnen hätte, es sollte ein sehr armer Jude sein, der kaum noch ein Hemd und einen Rock' übrig hätte. Der Jude befand sich.leider in dem Fall, ward blaß im Gesicht; zuckte die Achseln und sagte nein. Da gab ihm Meier den Lotteriezettel. auf zweyhundertvierzig Thaler, den er still, ganz still über Jahr und Tag für ihn gesetzt, hatte und sich itzt die Wonne . gab, seinem armen Glaubensbruder damit ein Geschenk zu machen, ein wirkliches Geschenk, einewahrhafte Rettung aus der Noth. Ich schrieb sogleich an die: Schwester des jungen Hebrähers, eine sehr vernünftige Frau, mit der ich ein paar Jahre in einem Hause gewohnt habe, denn ich ehre Tugend, wo ich sie finde. Das. ist billig. Ich lobe die That Wes jungen Meiers. Er wagte alle drey Wochen sein bares Geld auf Hoffnung für den armen, bekümmerten Joseph, er unterstützte ihn indessen, daß er nicht sinken durfte, und nun gab er mit Menschenfreundesgefühl den Preis seiner Hoffnung in die Hände des Notleidenden, der seine Pfänder einlösen, seine Schulden tilgen und vor den Oberrest sich einige kleine Waren anschaffen kann, zunoch einem Handelsversuche. Meier soll mehr solche Lotteriesätze, machen für die bedürftigen Mitglieder. Ich wünsche ihm öfters solchen Erfolg, solche Krönung seines edlen Willens und trag überhaupt keinen-- Haß wider die - Nachkömmlinge des Erzvaters, der im Alter verjüngt' ward von den Rosengebüschen Gosens. - Dieser Haß ist ungerecht Wir sind alle von einem Stammvater entsprossen und haben alle das Gesetz, uns untereinander zu lieben . . .“ * Die Geschichte vom armen Joseph Michel ist gewiß sehr hübsch. Aber noch viel hübscher ist die Art, wie die Karschin . sie in ihrer einfachen, zu Herzen gehenden Sprache erzählt. In diesem Sinne ist ihr Urteil über die „Jakobs-Enkel“ mehr als nur eilt persönliches. Es ist ein Urteil der Volksseele jener Zeit, als deren dichterische Verkörperung die Karschin vön ihren Zeitgenossen angesehen wurde. . Leviathan. Störung der Mauern und . der Brand der Stadt zu Josuas Zeit ist durch die Funde bestätigt'. Durch die Ausgrabungen im Lande Moab in Transjordanien, die unter Leitung von Professor Nelson Glowk vor sich gehen, ist bewiesen, daß die Israeliten bei ihrer Rückkehr aus Ägypten sich in diesem heidnischen Lande aufgehalten haben. In den Grabungsschichten, die bis ihs Jahr 2000 zurückgehen, fand man noch Götzenbilder der Moabiten und befestigte Stadtanlagen. Professor Henry Francfort vom Orientalischen Institut in Chikago macht in der-Umgebung von Bagdad Ausgrabungen, die in die Zeit Abrahams zurückführen und der dritten Dynastie des Landes Ur, der Heimat Abrahams, angehören. Besondere Beachtung fand dabei eine -Bildhauerwerkstätte, durch deren Aufdeckung man volle Klarheit über die Technik der damaligen Zeit bekam. Lächelnde Weisheit Die Quelle.n. Eines Tages wollte Maybaum in der Bibliothek etwas nachsehen. Dabei entdeckte er in einem Regal fünf Bände der „Stunden der Andacht“ von Rosenfeld. Nachdenklich blieb er vor den vergilbten Büchern stehen und meinte: „Wer kann alle Werke kennen, aus denen Predigten gestohlen werden.“ Begründung. Der geistvolle Rabbiner Adolf Jellinek, dessen Predigten sich in Wien größter Beliebtheit erfreuten, sah sich eines Tages genötigt, mit dem Vorstand der Wiener Israelitischen Kultusgemeinde über eine Gehaltszulage zu verhandeln. Die Herren schienen sich recht ablehnend zu verhalten. Dr. Jellinek häufte Argument auf Argument — alles vergebens, Bis er zu einer letzten Begründung griff und meinte: „Ich brauche schließlich nur Judengeld, aber meine Frau — meine Frau braucht Heidengeld.“ ‘ Zwei Auffassungen. Das Gesetz schreibt vor, daß die Tage zwischen Pessach und dem Schowuaus-Fest gezählt werden. Außerdem werden in dieser Zeit keine Trauungen abgehalten. Ober die Durchführung dieser religiösen Vorschriften war zwischen Jellinek und dem Wiener Oberrabbiner Moritz Güdemann eine ' Meinungsverschiedenheit entstanden. Um-beider Stellungnahme zu. präzisieten, erklärte Jellinek: „Mein Kollege Oüdcmann traut nicht und zählt, ich traue und zähle nicht.“ Ein doppeldeutiges Bibclzitat. Der Wiener Prediger Jellinek verschmähte auch auf der Kanzel den Humor nicht. Als er erfahren hatte, daß ein Pfarrer in Wien, namens Rauscher, antisemitische Redenhielt, apostrophierte er. ihn, -indem er unter Bezugnahme auf den Bibelvers „und Gott sprach zu Aron: Wein und Berauschendes sollst Du nicht trinken“, ausführte, als gehöre die- Bemerkung,zur Predigt: „Ein Rauscher (Trinker) daTf kein Priester sein.“ Im Druck. Als der Historiker Und Dozent David Cassel, der ln den siebziger . 'Jahren des" 19. Jahrhunderts an der'Hochschule für die Wissenschaft des Judentums in Berlin eine rege Lehrtätigkeit entfaltete, über, eine Obuiigspredigt, die ein Kandidat in der Synagoge hielt, sictFdcs Lobes nicht genug tun-konnte, meinte ein Hörer, der die Predigt ebenfalls mitangehört hatte: „Die Predigt verdiente gedruckt zu werden, wenn sie es nicht schon wäre.“ - Importierte Predigten. — —7 In einer großen, Gemeinde Nordwestdeutschlands bezog der amtierende Rabbiner seine Predigten häufig von einem verwandten Kollegen jenseits des Meeres. Die Gemeinde, die ihren Rabbiner und seine homiletischen Fähigkeiten kannte, meikte den Predigten stets sofort an, ob sic Eigengcwächs oder importiert waren. Demnach hatten sie sich ihr Urteil gebildet, das ein für allemal feststand. Es lautete: „Entweder ist die Predigt überseeisch-oder überflüssig.“ Der-verwandelte Philosoph. Der berühmte Vertreter des Ncuhcgctianismus an -der Berliner Universität, der Philosoph Adolf Lässon, führte his zu seiner Taufe den Namen Ahron Lazarussohn. Als der Sprachwissenschaftler Heymann Steinthal von diesem Namenswechsel hörte, meinte er: „Sich hat er taufen lassen und seinen Namen beschneiden.“ ©01t bet betteten unb non bet etnften Seite ■ -■ Ausgrabungen bestätigen Schilderungen der Bibel ' An einer ganzen' Reihe von geschichtlich denkwürdigen Orten Vorderasiens und Nordafrikas finden jetzt, wie das „Katholische Kirchenhlatl für das Bistum Hildesheim“ schreibt, Ausgrabungen statt, die die Anga ben _de r H ei 1 i gen Schrift durchweg bestätigen. Die Entdeckfiigen, die Dr. Langdon in den Ruinen der uralten Stadt Kish bei Babylon machte, erweisen, daß die Geschichte der ältesten Religionen charakterisiert wird durch den Übergang vom Glauben an einen Gott zum. Glauben,an eine Vielheit von. Göttern. Dabei ist zu beachten, daß diese Forschungen bis in das sechste Jahrtausend vor Christus, also weit über:die älteste, bisher bekannte Kulturperiode Ägyptens hinauf reichen. Funde auf der Halbinsel Sinai liefern den Beweis, daß die Juden schon zu den Zeiten des Moses den Gebrauch der Schrift kannten. Die größte Bedeutung aber kommt den Funden vön John Garstang, Professor an der. Universität Liverpool, zu. Er konnte nachweisen, daß Jericho im Jahre 1455 y., d. irzu der von Josua angegebenen Zeit, tatsächlich zwei Stadtmauern hatte, jede annähernd 10 m hoch, die äußere 3 m und die innere 2 ra breit. Die £er- .Seien wir ehrlichT die „fechpoclre“ war nicht, beliebfei Deutsch nannte man es: die Familie, und man machtegute und schlechte, lustige und traurige Witze zu diesen beiden Wörtern, die dasselbe ausdrücken.- Eine böse Schwiegermütter, einen neugierigen Schwiegervater, boshafte Tanten, Onkels, die alles besser wissen, Schwäger und Schwägerinnen, die neidisch sind, und jüngere Verwandte, die einen anpumpen, das verstand, man ungefähr ' unter Mischpoche. Wenn man nicht gerade mit dem einen oder anderen Teil böse war, dann kam man zusammen, spielte Skat oder, wie es dann Mode wurde, Bridge — nicht mit-, sondern gegeneinander, tauschte gegenseitig Erfahrungen im Beruf, im Geschäft, in der Hauswirtschaft und in der Mode aus, bis man schließlich wegen irgend einer Geringfügigkeit einander wieder mal in die Haare geriet und damit Ursache zu haben glaubte, wieder einmal kräftig auf die Familie Zu schimpfen. Das führte wieder zu Streitigkeiten zwischen Mann und Frau, denn letzten Endes ließ man doch nicht gerne etwas auf den eigenen Leuten sitzen. Dann kam aber ein Geburtstag, bei dem eigentlich nicht gut irgend jemand von der Familie fehlen konnte und durfte,' und das war wieder die Einleitung zu einer Versöhnung ' — bis zUmnächsteu Mat. In der Friedenspause fand man es aber ganz wundervoll und pries den Segen, der Familie und des Zusammengehörigkeiis- und Verwandtschaftsgefühles. Das alles mag ja scherzhaft klingen; es ist aber eine sehr ernste Sache, um die es geht. Sie war immer ernst; auch zu jenen Zeiten, in denen der Jude von außenher Angriffen ausgesetzt war, wie dies heute der Fall ist. fn der- Gegenwart jedoch, in der die “Juden einsehen, daß sie sich letzten Endes doch auf sich selber besinnen müssen und nicht mehr dort sein können und wollen, wo man Sie nicht dulden und nicht haben will, in dieser Zeit, so Scheint es, ist die bespöttelte und schlecht gemachte Familie wieder gefragt. Wie aber findet man sich erst wieder zurecht in und mit der Familie, mit der man so wenig zusammen war, weil das Geschäft, das Vergnügen, das Restaurant und das Cafö, der Klub, der Verein so viel Zeit in Anspruch nahmen, daß für die Familie davon sehr wenig übrig blieb? Sogar nicht für den engsten Kreis der Familie, die ganz eigene Familie?; Esist das eine gar nicht so leichte, aber eine sehr lohnende Aufgabe. Man wird vor allem gezwungen sein, seine Familie erst einmal richtig kennen zu lernen. Das ist ein - Rroblem, das sehr ernste Seiten hat. Ein Problem, Üas zweischneidig ist. Menschen, die einander nahe waren, dann auseinander strebten und nun wieder Zusammenkommen wollen. Seelisch, geistig. Aber sie haben im Laufe derzeit ein anderes seelisches,, geistiges Wesen bekommen. Die Milieuwirkung hat ihre Entwicklung beeinflußt.'Das Studium, der Beruf, der Sport, Kameradschaft haben, ihren. Einfluß ausgeübt. Ein Mann hat auf die Tochter, eine Frau auf den Sohn gewirkt. Das abgebrauchte und unschöne Wort vom ,.Andersdenkenden“ wird aber zu einer, schrecklichen Wahrheit Innerhalb ’toir Familienangehörigen, die sich wieder aneinander schließen wollen. Angehöriger! Hat man schon richtig. über dieses - Wort . nachgedacht?. AngehörigerlT Ein Mensch, .der .iqfr'angehört, der zu mir gehört; .der aufs engste-mit mir verbunden ist. Sind das wirklich alle Angehörigen? -Wird des Wort nicht sehr oft zur leeren. Phrase? _ - . Darf es aber dazu werden? - ' Man rechnet als Entwicklungsstufen der Menschheit: Individuum, Familie, Horde,' Stamm, Volk, Staat. Es gibt verschiedene Zwischenstufen und Formen, aber die Grundlage des gesellschaftlichen Zusammenlebens war und sollte - sein: die Familie. Im- J u d e n t u m war die Familie etwas besonders Geachtetes, ja etwas Geheiligtes. Auch Gegner der Juden ancr- . kannten das jüdische Familienleben sI* vorbildlich. Wenn auch der .Glaube an die Solidarität der Juden überhaupt sowie der Glaube an All-Judas Macht ein ebenso böser Aberglaube ist, wie der an die umheimlichen „Walsen von Zion“, so hat die Solidarität der Familie wirklich und man-darf also wohl sagen'in vorbildlicher Welse als Tatsache bestanden. Ist. dem aber noch immer so? Darüber soll des Einzelnen Erfahrung die Antwort geben.... — i ' ~ Seien wir ehrlich: Von Ausnahmen, die bekanntlich.die Regel bestätigen, abgesehen — Ist der Familiensinn“ ln den letzten Jahrzehnten vernachlässigt worden, hat sich abgeschwächt: aus den Angehörigen wurden in Immer steigendem Maße Familienmitglieder. Man sah einander selten — es gibt in Berlin genug Familien,^in denen Geschwister emander fast gar nicht mehr zu Gesicht bekommen, obwohl sie in derselben "Stadt leben und die Verkehrsmittel einander in Minuten nahe bringen könnten. Besonders dann entwickelt sich dieses Fremdwerden,"wenn der Brennpunkt der Familie, das Elternpaar, nicht mehr lebt oder wenn Eltern nicht verstanden haben,, der-B renn pun kt zu bleiben, der Kern, um .den sich alle Familienteile herumkristallisfeicn. Wieder ist es die Re 1 igios 1 tä'FJ die hierbei eine ausschlaggebende Rolle spielt. So lange -der Vater noch Sederabcnde gibt,"versammeln sich seine Kinder gerne um seinen Tisch und bringen auch die Enkel mit, und das Haus des Vaters wird zum wahren Vaterhaus und zum-Väterhaus._ Die Familie ist beisammen, und das Band, das sie verknüpft, wird stark empfunden von allen, die in solchen Augenblicken wirklichzusammengehören. - ' Es gibt auch noch Familien, die an jedem Freitagabend sich versammeln. Man. Ist gar nicht mehr strenggläubig'nach altem Ritus; Kein Kiddusch wird gemacht, und keine Gebete werden, gesprochen, keine Barchcs liegen auf dem Tisch — aber in den alten zwei Leuchtern brennen zwei Kerzen, wie man es einst Im EKernhause ge- - sehen hat, und es zieht doch etwas wie,von feierlicher Sabbatstimmung durch das Haus. Nicht seiten finden sich an solchen Freitagabenden die Qeschwister wieder zusammen, und es

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