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Jüdisch-liberale Zeitung · 1934-08-10 · 64 (10.8.1934) · page 1

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
14 (1934)
Issue
64 (10.8.1934)
Date
1934-08-10
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Berlin Freitag 10. August 1934 ru P 'r.'fn Preis 20 Pfg. Nr. 64 — 14. Jahrgang ‘bQ- Sflv heutiges Subcntum unb religtöfen Ulufbau Herausgeber: Hanns Loewenstein Die , Jüdisch-liberale Zeitung«* erscheint zweimal wöchentlich« Dienstags und Freitags Jiküsdies Leben in Holland Gespräch mit Rabbiner Dr. Nehier Amsterdam, im August. Der Kunsthistoriker Wilhelm Hausenstein hat unter, seinen „Europäischen Hauptstädten“ auch Amsterdam beschrieben und dabei dem J u d e n v i e r - tel einen Platz eingeräumt. „Wenn es wahr ist“, heißt es da, „daß der exotische Zug die Physiognomie Amsterdams seit den frühesten Tagen der Ostindischen Kompagnie mitbestimmt, seit den ersten Tagen des barocken Merkantilismus ■ und der barocken Kolonialpolitik, so ist vollends' wahr, daß Rembrandt der exotischen Merkwürdigkeit des Amsterdamer Judenviertels die Gewalt eines Brennpunktes für die Ellipse Amsterdam verliehen hat — einfach damit, daß er, der. Gatte der patrizischen Calvinistin, der patrizischen Friesin, das Ghetto bewohnte. Er schlug die Fensterläden auf, zog das Fenster hoch, lehnte hinaus, die Scheibe auf dem Genick, und sah die fremdländischen Reize der Judenschaft, die um ihn her war, als eine dauernde Levante, angeführt von .einem Adel, den spanische und portugiesische Verfolgung gegen, reformatorischen Geistes nach dem Norden verschlagen hatte: Einer erstieg in Rembrandts Tagen ebendort dieletzten-Gipfel des Gedankens — und erstieg ihn mit einer Kraft, die bis auf diesen Tag alle denkende Welt verpflichtet: Baruch Spinoza der Brillenschleifer. Er lebte von 1632—1677 in dem gleichen Amsterdam, in dem Rembrandt 1632 ankam, um 1696 dort zu enden“. ’ Aber nicht, daß Spinoza hier geboren, Rembrandt hier gelebt, nicht daß spanische, portugiesische und deutsche Juden sich hier mengen — nicht das macht die - Bedeutung des Judenviertels von Amsterdam im wesentlichen aus, sondern die Beharrlichkeit und Uriveränderlichkeit uralter Bräuche, die sich im Leben dieser Juden auswirkt. . Erst nach der Austreibung aus Spanien und Portugal, kamen Juden nach Hollarid. Sie wurden gastlich aufgenommen,.und ihrer Ausbreitung im Land wurden keine Hindernisse in den Weg gelegt. Die Juden brachten die alte Tradition eines entwickelten wissenschaftlichen Studiums und die Anlage und Empfänglichkeit für die schönen Künste mit, dazu die Üeberlieferung einer sorgsam gepflegten Gemeindeorganisation. Sie führten nach ihrer Niederlassung in Holland den Diamantenhandel und die Diämantenindustrie ein, die sie im Laufe der Zeit fast für sich monopolisierten, und die noch heute weltberühmt ist. ln anderen Städten des Landes verhalten sie der Kunstseidenindusfrie zur Blüte, und viele namhafte Künstler gingen aus der holländisch gewordenen Judenheit hervor. Ein Land der Gastlichkeit ein großer Teil der dortigen Juden von der Ausübung der gesetzestreuen Religionsanschauung weit entferntest. Jede Gemeinde wird selbständig verwaltet, und an der Spitze der Gemeinden 'jeder Provinz steht ein Oberrabbiner. Die portugiesischen Juden des Landes, die nur in Amsterdam und im Haag eigene Gemeinden besitzen, sind in einer besonderen „Kerkge- _ nootschap“ organisiert. Die dem früheren „Rat“ der jüdischen Gemeinden eingeräumten äußerst strengen Disziplinar’rechte bewirken wohl auch noch heute den Fortbestand jener extremen Orthodoxie, die schon, damals die am Ende des 18. Jahrhunderts in Amsterdam gegründete religiös-liberale' Gemeinde „Adat Jeschurun“ zur Selbstauflösung zwang. Nach einer langen Pause erfolgte erst vor kurzer Zeit eine neue organisatorische Zusammenfassung der auf dem Boden des religiösen Liberalismus stehenden Juden. Diese junge und noch kleine Gemeinschaft erfährt zwar augenblicklich eine Stärkung durch den Zuzug von Juden aus Deutschland und teilweise auch aus der niederländischen Provinz, aber immer noch hat sie schwer um ihren Bestand und ihre Ausbreitung zu kämpfen. Rabbiner Dr. Mehl.er, früher in Berlin, ist seit -knapp drei Monaten.bei der religj-ös-Iiberalen Die Warenfiausfrage Köln. Der OauWirtschaftsberater der NSDAP des Oaues Köln-Aachen teilt mit: „Es besteht Veranlassung, darauf hinzuweisen, daß die grundsätzliche Einstellung der NSDAP, zur Warenhausfrage nach wie vor die gleiche Ist, die auch im Programm der Bewegung eindeutig fesfgelegt ist. Es ist' deshalb der Einkauf im Warenhaus mit wahrer nationalsozialistischer Gesinnung nicht zu vereinbaren. Diese Einstellung des Nationalsozialismus zur Warenhausfrage gilt fürdas Warenhaus schlechthin. Damit, daß gewisse jüdische Warenhäuser eine sogenannte Gleichschaltung vorgenommen haben, deren Wert zudem zumeist zweifelhaft ist, kann an der grundsätzlichen Einstellung selbstverständlich nichts geändert werden.“ * Diese Erklärung des Gauwirtschaftsberaters dürfte im Zusammenhang mit einer Klage stehen, die die Westdeutsche Kaufhof A. G. (ehemals Leonhard Tietz A. G.) gegen den „Westdeutschen Beobachter“ wegen zweier Aufsätze, die in diesem Blatt anläßlich des Saisonschlußverkaufes erschienen sind, erhoben hat. Zu dieser Klage, durch die eine einstweilige Verfügung beim Landgericht Köln beantragt wurde, nimmt der „Westdeutsche Beobachter“ in einer seiner letzten Nummern in längeren Ausführungen Stellung. Er weist darauf hin, daß in' Gemeinde in Amsterdam tätig. Er wurde an diese Stelle berufen und hat trotz der Kürze der inzwischen vergangenen' Zeit seinen Wirkungskreis über das rein geistliche Gebiet hinaus auf das Interessengebiet der allgemeinen jüdischen Gemeindestruktur in Holland und besonders in Amsterdam auszüdejinen vermocht. In einer Unterhaltung gab mir Dr. Mchler folgende Schilderung der augenblicklichen Lage und der Ziele der ihm besonders nahestehenden rcligiää- - liberalen Gemeinde: ■ Die meisten Mischehen T?J - „Die' Struktur . der holländischen Judenschaf m Deutschland unvorstellbar. Die HauptgemeindHl extrem orthodox; trotzdem sind von den 2500 Synaä»v genplätzen, die für die etwa 700QO lnAmsterdSSs lebenden Juden vorhanden sind, längst nicht setzt, denn fast 90o/0 all dieser Juden kann', man' mit in d i f f e re n t bezeichnen. Die völlige Trennung wkt Kirche und Staat in Holland bringt es mit sich, dB hier von allen Ländern di e meisten Miscitehefi geschlossen werden. Einen Religionsunterricht an öffentlichen Schulen gibt es nicht. -. , (Fortsetzung auf der 2. Seite.) dem betreffenden Aufsatz die /» letzter'Zelt von NiebUHem afa Oeachaftstniiabera oft aiugmutzten Möglichkeiten, Btqm Namen zu verbergen; angeführtwaren. sowle die qeeetzäS, erlaubte Möglichkeit bei Aktiengesellschaften, 'dJc HinterleuÜ dem Publikum zu verbergen. Qä?- Zeitung hält der Behauptung des Anwalts des KÜufhofe, dieses Unternehmen sei arisch, entgegen, daß dem Vorstand, der aus^ sechs, Mitgliedern besieht; noch immer die Nichtarier Franz Levy und Julius Schloß angehören. Daß diese ihre Ämter grundsätzlich zur Verfügung gestellt haben, sei .unwesentlich, fm Aufsichtsrat seien von acht Mitgliedern drei Nichiarier, nämlich Dr. Eliel, Dr. Frank- und Dr. Tietz (Amsterdam). Aus dem Artikelerfährt man weiter, daß vom Personal am 1. Juli 1934 nur 3,85°/o Nichtarier waren. Hierzu bemerkt der „Westdeutsche Beobachter“, daß dieser Prozentsatz die' leitenden Stellen umfaßt. Auch 47 jüdische Lehrlinge seien noch im Betrieb vorhanden, paß Dr. Tietz im Vorjahre . einstimmig in den Aufsichtsrat gewähtt wurde, sei zwar kein rechtsgültiger Beweis für die Annahme, daß er stärker als mit den angegebenen 7,5 o/o an dem Oesamtkapital selnesaiteti ‘ Unternehmens beteiligt ist, lasse aber den Schluß zu, daß die Besitzer der Aktien Juden oder Judenfreunde sind. ,,jud' oder ’ Judenfreund ist für uns dasselbe!“, schreibt der „Westdeutsche Beobachter“. Es wird gemeldet : Auf diesen Grundlagen beruht wohl die heute' noch recht günstige Lage-der Juden-in den Niederlanden.- Neben dem allerdings ziemlich großen jüdischen Proletariat, das heute wie ehedem in dem engen, düsteren Judenviertel um den „Joodschen Markt“ herum wohnt, gibt es heute eine Reihe großer Persönlichkeiten unter den holländischen Juden,'die sowohl im Parlament und im Stadtvorstand von Amsterdam sitzen, wie sie an den Universitäten und auf dem Gebiet der Künste eine Rolle spielen; die Pflege der Wissenschaft des Judentums im besonderen liegt in den Händen der „Genossenschaft für die Jüdische Wissenschaft“. Und wie sich vor Jahrhunderten das Land den ersten Juden gegenüber gastlich zeigte, so bewährt. sich heute die holländische Judenschaft gegenüber ihren neu zuwandernden Glaubensgenossen, für die in materieller und ideeller Hinsicht aufopfernd gesorgt wird; in diesem Zusammen- . hang werden Namen wie z. B. der von Frau van Tijn und Universitätsprofessor Cohen überall. rühmend erwähnt. Neuaufbau des religiösen Liberalismus Das innere Leben der .holländischen Judenheit wird dadurch gekennzeichnet, daß auch heute noch die gesetzestreue Richtung die herrschende ist,- wohl Auf den Friedhöfen in Tel Awiw und Jerusalem wurden anläßlich' der fünften Jahrzeit nach den in den Augustunruhen, des Jahres 1929 gefallenen Juden stille Trauerfeiern abgehatten. * Königin Wilhelmine von Holland hat anläßlich des vierzigjährigen Jubiläums des Verbandes der jüdischen Religionslehrer Hollands den Sekretär dieser Vereinigung, M. Mendels, zum Ritter des Ordens Oranien- Nassau ernannt. * Nach Berichten aus Bukarest soll die antisemitische Pressehetze, die dort in letzter Zeit besonders stark betrieben wurde, durch energische Maßnahmen unterbunden werden. Die Zensurbehörde hat u. a. verboten, daß Artikel, die zum KlassenunB Rassenhaß aufreizen, erscheinen dürfen. * Dieser Tage hat die Beisetzung des belgischen Gesandten in Washington, Paul M a y, der strenggläubiger Jude war, unter außerordentlich starker Beteiligung der diplomatischen Kreise auf dem jüdischen Friedhof in Arlington stattgefunden. Wie die „London Gazette“ mitteilt, wurde das bekannte jüdische Unterhausmiiglied Major' L. H. Nathanstellvertretenden Grafschafts-Statthalter von London ernannt. * . -- Der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde in Bukarest, Senator Sigmund Bi rman wurde zum Konsul von Guatemala ernannt. _ » Wie aus Graz berichtet wird, hat der Bundespräsident von Österreich dem Landesrabbiner für die Steiermark in Graz, Dr. David Herzog, der jahrelang auch an der Prager deutschen Universität gewirkt hat, das_ g o fdeit e -Ehrenzeichen für . Verdienste um die . Republik östef1 reich verliehen. * - Nach einer Meldung aus Moskau wurde für das jüdische autonome Verwaltungsgebiet von Bi ro-Bidschan ein Organisationskomitee eingesetzt^ das bis zu den Wahlen in die Regierurigskörperschaften, die für den Dezember geplant sind, provisorisch die Verwaltung führen soll. Dieses Komitee setzt sich aus sechs Juden und einem Russen ZU* ->:i. sammen. .

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