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Jüdisch-liberale Zeitung · 1934-08-03 · 62 (3.8.1934) · page 5

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
14 (1934)
Issue
62 (3.8.1934)
Date
1934-08-03
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Waren wir auf falschem Wege? Eine Überprüfung des religiösen Liberalismus. — Von Rabbiner Dr. S. Samuel Der neue Gottesdienst Rabbiner Dr. Samuel fuhrt hier die in der letzten Nummer begonnene Erörterung des neuen Gottesdienstes, wie ihn der religiöse Liberalismus geschaffen hat, fort: Es war unmöglich, fortan der Landessprache den Eingang in den Gottesdienst zu versagen. Dir Vorzug der altehrwürdigen hebräischen- Sprache blieb weitgehend gewahrt; die deutschen Übertragungen gewannen aber eirie selbständige Bedeutung. Es sei daran .erinnert, daß ein erstes deutsches Gebet, das vom Vorbeter oder Prediger inmitten hebräischer Liturgie laut rezitiert wurde, die Bitte für Obrigkeit und Vaterland war. Mit dem wachsenden Verlangen, eine größere Abwechslung in,den Vortrag deutscher Psalmen oder andrer wichtiger Bibeltexte in mustergültiger Übersetzung zu erzielen, wurde an einer solchen unablässig gefeilt und gebessert Eine Bevorrechtigen der einen vor der andern war nicht - erstrebt und sollte grundsätzlich vermieden werden; kanonisch sollen der Gemeinde die ehrwürdigen Stammgebete in ihrer klassischen -Fassung bleiben. Wir würden auch grade in der Landessprache dem Wandel des sprachlichen Gefühls und der Verschiedenheit des ästhetischen Geschmacks nicht Einhalt gebieten können; begegnet doch die neueste Übertragung der Bibel durch Rosenzweig-Bub er schon heute ebensoviel Bewunderung wie Befremden und Abweisung. Daß die Fülle der Gebete, besonders an : Festtagen, mit ihren ermüdenden Längen und Wiederholungen andachttötend wirken mußten, wurde bald erkannt; nicht aber, daß daher an sich Ansprechendes und Wertvolles dem Besseren und Schöneren weichen müßte. Sollte die Auswahl einmal weniger glücklich getroffen, manche Perle aus unserer unübersehbaren synagogalen Dichtung noch nicht gehoben und in das Diadem unserer Liturgien eingesetzt sein, so entspricht es ja grade dem neu gewonnenen Grundsatz der größeren Freiheit und Beweglichkeit, auch ihr den gebührenden Platz zu erringen, stamme sie aus welchem Ritus auch immer. Hier liegen noch unerschöpfliche Möglichkeiten. Eine unerwünschte Entwicklung. hatten auch Thora Vorlesung und Prophetenabschnitt im mittelalterlichen Gottesdienste genommen. Aus den Ehrenbezeugungen für die Thora, zu denen sie Gelegenheit geben sollten, war ein Wettlauf um persönliche- Ehrungen, Auszeichnungen, ja Vorrechte geworden. Der Vortrag der Lehre, der' alle an ihre gleichen Pflichten gegen Gott und den Nächsten gemahnen sollte, wurde zum Hohlspiegel der sozialen Schichtungen und Spannungen in der Gemeinde. Nur wer die Zähigkeit von Standesansprüchen grade in einer kleinen Menschengruppe in Betracht zieht, kann den Widerstand gegen diejenigen ermessen, die sie anzutasten und abzubauen unternahmen. Es war ein Wagnis,, das selbst heute noch nicht vollkommen geglückt ist. Wie steht es indessen um die Ausschaltung der Bitten um Sammlung der Zerstreuten, Wiederherstellung des Davidreichs, des Tempels und des Opferritus? Es kann heute schon gesagt werden, daß über sie alle viel mehr außerhalb der religiösen Sphäre diskutiert'wird, als daß sie zum Gegenstand frommer Gebete geeignet erscheinen, ln entscheidender Weise hat wiederum Abraham Geiger dargelegt, daß die Gemeinde nur den Mut zu ihrer eignen Meinung fassen müsse, um die rabbinische Erkenntnis auszuwerten, daß ihr Gottesdienst selber die alten Opfer ersetze, nicht die stete Erinnerung an sie und die mechanische Rezitation der Opfervorschriften. Ja, die noch ältere, prophetische -Wahrheit muß ins Bewußtsein gehoben werden, daß Menschenliebe und Gotteserkenntnis besser als alle Opfer seien. Wer sich überzeugen will, wie religiöser Liberalismus diese Gedanken mit Pietät zu verschmelzen weiß, folge einmal der ergreifenden AbodaTiturgie für den Versöhriungstag. im neuen Ritus, wo die Höhepunkte der synagogalen Poesie in althebräischer Fassung beibehalten, aber in eine moderne Umrahmung gebracht sind, voll ehrwürdiger Erinnerungen an den glanzvollen Dienst im Tempel und doch voll neuen Geistes. Ein -Letztes und wahrlich nicht Unwichtiges war endlich die; Erkenntnis, daß ein nicht mehr vorläufiger Ersatzgottesdienst, sondern die geläuterte Zwiesprache der Gemeinde mit Gott die erhöhte Pflege des kantoralen Gebetvortrags, des Chorgesangs, ja der feierlichen Instrumentalbegleitung erforderte. Es war wiederum nicht so, als ob die ältere Synagoge arm an Melodien und Gesängen gewesen wäre. Aber beklagenswert war das Überhandnehmen des Regellosen, Profanen und Gekünstelten, geboten die Aufnahme und Durchführung geistlich-musikalischer Kunstgesetze zur Erhöhung von Weihe und Andacht. Mit. dem Wirken eines Noe. Manheimer verband sich das eines Salomon Sulzer, mit dem Abraham Geigers das eines Louis Le\yandowski. Ein ganzer Reigen jüdischer Meister erstand, Zahl und Schönheit der neuen Tonschöpfungen für die Synagoge nehmen nocli täglich zu. Wer auch hieran mäkeln möchte, der müßte auch die Psalmen Davids verwerfen, oder den Propheten Elisa tadeln, weil er nach dem Saitenspieler verlangte, damit der Geist Gottes über ihn käme. Die Musik hat dem heutigen Gottesdienste viel gegeben; noch mehr das gesprochene Wort. (Weitere Artikel folgen) Aus dem Wochenabschnitt Ekew: Gedenken sollst du des ganzen Weges, den Adonaj, dein Gott, dich gehen ließ in der Wüste diese vierzig Jahre, damit er dich beuge, um dich zu erproben, zu wissen, was in deinem Herzen ist, ob du seine Gebote wahren wirst oder ob nicht. Er beugte dich, er ließ dich hungern, er gab dir zu essen das Man, das du nicht gekannt hattest und das deine Väter nicht gekannt hatten, um dich erfahren Zu lassen, daß nicht vom Brot allein der Mensch lebt, sondern von allem, was . aus Adonajs Munde kommt, lebt der Mensch. 5. Mos. S, 2—3. * Denn Adonaj, euer'Gott, er ist der Gott über alle Götter und der Herr über alle Herren, der große, der heldenhafte, der zu ehrfürchtende Gott, der niemand vorzieht und nicht Geschenk annimmt; der der Waise und Witwe Recht schafft, der den Fremdling liebt, ihm zu geben Brot und Kleid. So liebet den Fremden, denn Fremde wart ihr im Lande Ägypten. Adonaj, deinen Gott, fürchte, ihm diene, ihm hange an und bei seinem Namen schwöre. 5. Mos. 10, 17—20. Aus dem Prophetenabsdinitt dieses Sabbats: Gott, der Herr, gab mir eine gelehrige Zunge, puf daß ich verstehe, den Müden zu erquicken mit Wort. Er weckt am Morgen, am Morgen weckt er mir das Ohr, daß ich höre wie die Lernenden. Gott der Herr hat mir geöffnet das Ohr, und ich habe nicht widerstrebt, nicht bin zurückgewichen. Meinen Rücken gab -ich den Schlagenden hin und meine Wangen den Raufenden, mein Gesicht barg ich nicht vor Schimpf und Anspeien. Und Gott der Herr hilft mir, darum kam ich nicht in Schimpf, darum konnte ich mein Gesicht machen hart wie ein Kiesel, und. ich weiß, daß ich nicht enttäuscht werde. Jesain 50,-f—7. (Htejer erjäblt Elieser erzählte seinen Schülern gern von seinem Meister. Der war unansehnlich an Körper, nur Geist und ein wenig Knochen und Fleisch und Haut. Ein Männchen. Aber er besaß den Humor der Seele. Er hatte nichts in seiner Stube als ein Lager, einen Tisch und einen wackeligen Stuhl. Kamen Freunde, so mußten sie sich in das Lager und den Tisch teilen; er nahm auf dem Stuhl Platz und hielt das Gleichgewicht auf dem Sitz, wie im Gespräch. Licht war keines vorhanden; wenn es spät wurde, sagte er: „Wozu eine Kerze, die sich verzehrt, laßt das Licht; leuchten, das sich vermehrt . . .“ Das war in seinem Sinn, die ,Lehre‘.“ Dieses kluge „Etwas“ bekam eine Frau. ■ Und er hatte sechs Kinder mit ihr,- sie hießen: Jason, Rebekka.—Sara, Moses, Simon und Barucn. Er hatte, wie es damals üblich war, zwölf Kinder erwartet und bereits ihre Namen vornotierf, aber es blieb hei den sechsen. Da meinte er: „Ich habe die andern vielleicht beim falschen Namen aufgerufen mul sie kamen deshalb nicht." Er starb zehn Jahre nach seinem Weibe, kurz vor seinem Tode sagte er: „Ich mußte zehn Jahre länger ausharren.als sie,-ich brauchte eben lüng.er, um mich vom Erdenstaub zu reinigen." Alf rat Auerbach. ■ Leser schreiben der „UZ“: . Eduard Glasers Forschungsergebnisse Darf ich darauf .aufmerksam machen, daß der in Ihrer Zeitung erschienene Artikel „In Eis und Gl nt",, in dem auch des Forschers Dr. Eduard GI aa. e r gedacht wird, uiesem-Alanne nicht ganz gerecht wird? Glaser hat einerseits etwa 1000 hischriften-Abschriften bzw. Abklatsche,- ferner Manuskripte und ethnographisch wertvolle Gegenstände, andererseits aber auch höchst wertvolles b i o g ra p-li i sch e s (auch astronomisches, meteorologisches u. a.) Material =ftrit nach Europa gebracht. Zum grollten Teil Hegt es unvero f fent licht bei der Akademie der Wissenschaften in \yien die es nicht veröffentlichen kann, da die hierfür gewahrten Mittel eines Mäzens in Wien durch die Inflation vernichtet wurden. Wenn ein .neuer Mäzen neue Mittel hierfür stiften würde! Die genannten Wissenschaften würden enormen , Gewinn daraus zieheu; indirekt auch die ßibchvisscnscliaft. Ich darf wohl auch auf .meinen Aufsatz „Eduard Glaser“ im Jahrbuch für Jüdische Geschichte 1000 hinweisen. Oberrcgiermigsrat a, B. Dr. $. Uchtenstaedter. ..Auch Ehe ist ein Beruf“ ,Lschreibt in Nr. 57 der „Jüdisch-liberalen Zci- *unß*: .«Der Zeitraum zwischen Verlobung und Heirat ist heute kürzer bemessen als im biblischen Zeitalter, in dem Rahel 14 Jahre auf ihren Jakob warten mulltc“ Das ist eme irrige Auffassung der'biblischen Erzählung. Die Ehe-' schlieuung erfolgte ohne besondere Verlobungszeit; nur sollte Jakob nicht berechtigt sein, den Dienst bei seinem Schwiegervater mit Rahel früher als nach Tljähriger Ehe aufzugeben. Nach dem in Frage** kommenden Recht gehörte die Frau, die der Knecht von seinem Herrn, erhalten hatte, für die Dauer einer- Jahrwoche dem Herrn. Da die Ehe mit Lea bereits eine Jahrvvoche Eigentum des Herrn, also Labans, an Jakob bewwkte, sicherte sich Laban dieses Recht durch Rahel /um zweiten Mal, also auf weitere sieben Jahre.“ —wer. Keine Unterscheidung zwischen arischen und nichtarisctien Unternehmern Aber Aufforderung, nur in deutschen Geschäften zu kaufen Frankfurt a. M. Der Oberbürgermeister von Erfurt hat, wie der „Frankfurter Zeitung" aus Halle gemeldet wird, auf eine Anfrage in der ■ Presse, betreffend die Genehmigung eines jüdischen Konfektionshauses in Erfurt, eine Erklärung veröffentlicht, wonach ihm die Pflicht, nach den gesetzlichen Bestimmungen zu entscheiden, die Ablehnung des Ocsuchs unmöglich gemacht' habe; denn nach einem Runderfaß des Reichswirtschaftsministers sei eine unterschiedliche Behandlung von arischren und nichtarischen Unternehmern oder Gewerbetreibenden mit dem nach wie vor geltenden Grundsatzder Markt- und Gewerbefreiheit nicht vereinbar. Pflicht einer nationalsozialistischen .Behörde sei es, ihren Maßnahmen und Entscheidungen mir die geltenden Gesetze zugrunde zu legen. ■ Käpenicher Wascherei A. Wensch m Tioclmet Im Freien. Solide Prelle. Fordern Sie Preliliste! Köpenick, Orünauer Straße 77, F4 Köpenick 1160 Hl Die Bedürfnisfrage sei bei der Entscheidung über die Genehmigung überhaupt nicht zu prüfen gewesen, sondern ' lediglich, ob infolge der beabsichtigten Errichtung die Gefährdung einer in unmittelbarer Nähe liegenden selbständigen Verkaufsstelle zu befürchten sei. Eine solche Gefährdung sei aber nicht ohne weiteres in der Tatsaclic der Konkurrenz-; möglichkeit des neuen Unternehmens zu erblicken. Der Reichswirtschaftsminister habe übrigens die Entscheidung ausdrücklich bestätigt. Die Erklärung schließt mit dem Satz; dal) der Oberbürgermeister persönlich als Nationalsozialist das Vertrauen zu seinen Erfurter Volksgenossen habe, „daß sie ihre Einkäufe nur in deutschiMi Geschäften vornehmen.“ moderne mooei t^ici», im«., an«, p.n.ii.. Einrichtung nnWoditModhinMni x. vomUnftl«. Prolaon |JMne Uhlmd.tr. II9-M iwlidicn ■ lOllS SQUlBIQar l_letzenburger.tr. o. 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