Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 14 (1934)
- Issue
- 61 (31.7.1934)
- Date
- 1934-07-31
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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14. Jahrgang Nummer 61 3iiDifd)-(Mieta(e äeifung Beilage 31. Juli 1934 Fünf Handschritten werden gedeutet Eine Graphologiti weist den Weg WenB das ^m“ eckig ist,.. „Wir haben Sie eingestellt,“ sagte man mir einmal in einer Redaktion, „weil unsere Qraphologin aus Ihrer.Handschrift besonders gute journalistische Fähigkeiten zu erkennen glaubte.“ . An diesen Satz erinnerte ich mich und suchte kurz entschlossen dieselbe Graphologln auf, um mich beraten zu lassen, auf welchen Beruf ich mich nun umstellen sollte. ■ „Haben Sie zufällig ein Schriftstück bei sich — .etwas, was Sie früher einmal geschrieben haben, ohne dabei an eine graphologische Beratung gedacht zu haben?“ . .„Ja — hier habe ich ein. altes Manuskript. Bitte.“ „Sie sind eigentlich-für eine ganze Reihe von Berufen geeignet,“ , liest FrauMartha Goldberg aus der'Handschrift, „Sie haben eine völlige Umstellungsfähigkeit, denrfin 1 Ihrer Schrift wechseln ‘ ständig alle Formen ’ der Bindung. Wenn Iw'-.' *—*■ ^' A*. Sie' sich heute Vorr , i t. L i)- - nehmen, etwa Buch- ~ ' Tlf* , bihder oder Schrift- ). ',/ / TU. Zeichner-zu werden i+<A Uwu 4-U, ,, ity> .. .... - . oder emen verwand- "&Jc PySy~ •£- iW.' ten Beruf zu ergrei- . ’ ’ fen, ‘so: ..werden Sie auch':.'ih derartigen Tätigkeitenbestimmt etwas Brauchbares'leisten. Auch an dem dazu erforderlichen güten Geschmack fehlt es 'Ihnen nicht..'' Ihre':'Buchstäberifpritien1 "sind durchaus geschmackvoll. Betrafchten Sie etwäeinmal das „F“, das wirklich hübsch gezeichnet ist. Freilich möchte ich - Sie auf .eine iQ efahr 'aufmerksam,, machen, die Ihre .Vielseitigkeit mit sich -bringt:: jede -Sache wird Sieeben-nur .interessieren, solange'.sie neu ist. Oberhaupt muß man sagen, daß Sie kein-sehr stetiger, duTchhal-tend.er ..Mensch, sind. Sie sehen ' das am.-Ihrer 'Handschrift;- -wenn. Si.e...einmal beobachten, -wie Ihre Buchstaben in .der Größe und in der Richtung ständig wechseln. — Zu einer Tätigkeit, die körperlich sehr ahstrengt, kann ich Ihnen wenig raten, denn dazu werde&jJjjg^Kriifte kaum ausreichen. Sie schreiben ja keine sehr kräftige, druck- : starke, sondern eine ziemlich, zafte, .Schrift.“ „Ich-danke Ihnen für Ihren-Rat, Trau Goldberg. — Ist einsolcher Ratschlag'eigentlich-immer so einfach und-leicht'zu erteilen?“ .' V ’ „Leider . nein ^' leichf ist das nur'in Fällen, die so gelagert sind wie. der'Thrige^'l'wo ty pische .Merkmät'e:einer jüdiscfien' Handschrift vorhanden sind:''Vielseitigkeit, 'Anpassungsfähigkeit, . Umsteljüngsfähigkeit, .V Wehdigkeit. :': Intelligenz. — Ganz ändersund weit' Schwieriger liegt .der Falletwa .bei.d'er'fplgenden,Hands.chnff.'. V , . Die Schreiberin-, war Lehrerin. ..Sie kam zu mir, um zu erfahren, welchen neuen Beruf,sie ergreifen sollte. Ich habe ihr die. verschiedensten yorschläge gemacht. Da sie ihrer §_djriff n§ch.. —- Sie werden das sicher auch erkennem’-rfi^ir-ntflibh nicht ungeschickt ist, ri^f-. ... . Sd ■^A.n5ä':*-• feine Handarfieitw- ***. *&&&■ * ** * zu lernen. Sieverl .iäui. fhihy IbstC hielt sich ablehnend. So etwas.. .'.'Jägfe. Kr. . Mbdtäl nicht; nur ein geisti- . - - ger Beruf gäbe ihr ' volle Befriedigung.'' Dabei zeigte ihrei;Schrxft keineswegs Züge, die auf ganz besondere" geistige Fähigkeiten hinweisen.. ' Der Grund für--die Ablehnung meiner Vorschläge ist denn auch darin zu suchen, daß die Schreibend'sehr ei teLund geltungsb-'edürftig ist. - Man erkennt das an den . auffallend stark verschnörkelten und überladenen Buchstaben. Sehen Sie nur, wieviel urinötige Bewegungen gemacht werden, um solch ein' „I“'oder eiri ,;F“ zu malen. Der Wille zur Wandlung fehlt dieser Frau. Sie ist im Gegensatz zu Ihnen der Typ der Schwer Umstellungsfähigen:“ - . „Gibt es aber nicht überhaupt,-Fälle, in denen auch Ihnen jeder Rat unmöglich ist? Ich kenne z. B. auch eine ganze. Reihe, von Leuten;recht gut, denen ich beim besten Willen' nicht ‘sägeri könnte, welch, neue, andere. Tätigkeit sie-ausüben, sollten.“ „Gewiß ..—' auch -, derartige'. Fälle.' bekomme ich zuweilen zu sehen.'Hier haben Sie beispielsweise die Schrift eines solchen Unglücklichen.; , v Der.Schreiber ist ein junger Student. Er muß einen praktischen Beruf ergreifen — und er ist HCi.*, *■ u*,C4 hit* ^fZ... ^■ S, MsCt* 4ir 4^4 M..4/ dabeinach meiner Ansicht für jeden praktischen Beruf ungeeignet. Die „g“ und „f“ gehen bei ihm nur sehr wenig unter die Zeile herunter—ein deutliches Merkmal ausgesprochener praktischer Unfähigkeit. Dieser Mensch hat überhaupt keinen Sinn für die praktischen Dinge. Zudem ist er hoch sehr wenig kräftig. Diese Handschrift weist so ziemlich alle Zeichen auf, die völlige Untauglichkeit für eine Tätigkeit im Handwerk oder in der Landwirtschaft verraten. Besonders schlimm ist, daß dieser junge Mensch — er ist Anfang 20 — für sein Alter merkwürdig müde ist. Seine Spannkraft und seine Elastizität sind die eines abgekämpften alten Mannes. So gab er auch auf alle Vorschläge,; die ich ihm machte, stets nur die müde Antwort: Ich kann’s ja mal versuchen.“ „Diese Schrift, die ich Ihnen hier zeige, gehört einer Buchhalterin. Sie kam zu mir, als sie vor einem Jahr ihre Stellung verloren hatte. Ich sagte ihr, als ich diese runde warme rechtsgeneigte Schrift-sah, sie müsse doch sicher große Liebe zu Kindern haben . . **• Xu&Uj c/. - .. «A Ä und überhaupt eine besondere Neigung zu allem, was Haushalt und Hausarbeit betrifft. Sie bestätigte mir erstaunt meine Ansicht. Ich riet ihr, Ä«. sich unbedingt im Haushalt und In Kinderpflege 'ausbilden zü lassen, weil das wirklich der gegebene- Beruf für sie sei. Da sie zudem noch •— wie die Einrichtigkeit und die Einheitlichkeit der Schrift zeigen — außerordentlich ausdauernd und zuverlässig ist, hatte ich gar keinen Zweifel, daß diese Frau in ihrem neuen Beruf Tüchtiges leisten und zufrieden sein wird.- Sie folgte meinem Ratschlag und ist seit einigen Monaten in der Rheingegend in einem Villenhaushalt tätig, wo sie drei-Kinder zu betreuen hat. Sie schrieb mir kürzlich, wie wohl und glücklich sie sich in ihrem jetzigen Wirkungskreis fühle.“ „Ist es aber nicht andererseits zuweilen auch so, - daß dort, wo weniger besondere Begabungen für einen ganz anders gearteten Beruf vorhanden sind, der feste Wille zur Umstellung den Erfolg verbürgt?“ „Gewiß. Ich. habe diese Erfahrung und Beobachtung hundertfach in .den letzten Monaten machen können. Häufig sind die ipnerliche Bereitschaft und der Wille, sich umzustcllen weit wichtiger als die erforderlichen Fähigkeiten und Begabungen^ Auch ' dafür möchte ich Ihnen noch ein Beispiel zeigen. Dieser Schreiber war Rechtsanwalt. Er ist über .. .. ’ 40 Jahre alt —*'/-• ' und — wje — -man aus der ../AS.—Schrift erkennen kann — _ nicht nur nicht sehr kräftig, sondern auch völlig untrainiert. Aber er legt eine erstaunliche Verbissenheit und Zähigkeit an den Tag, wenn er etwas durchsetzen will. Das erkennt man an dem „m“ und dein „n“, die oben und unten ganz eckig sind. Diese Festigkeit und Zähigkeit, mit der er früher einen Prozeß durchführte, befähigen. ihn heute, vom frühen Morgen an in der Landwirtschaft zu arbeiten und alle ungewohnten Strapazen beinahe spielend auszuhalten.' Bei diesem Schreiber konnte ich sogar die-interessante Feststellung-machen, wie sich selne~-SehrIft seit seiner Berufsumstellung gewandelt hat. Die Zeichen von praktischem ■ Interesse und praktischem Denken, die-sonst-eben nur angedeutet waren, treten nach und nach immer deutlicher in die Erscheinung. Hier zeigt sich einmal klar, wie mit dem Willen auch das Können gesteigert werden kann.“ M—z. Lächelnde Weisheit Von Siegfried Moses Man hat den jüdischen Witz vielfach bewertet als eine ganz bestimmte Abart des allgemeinen Witzes, man hat ihn zerstörend, zersetzend genannt — und geistreich; je nach der Einstellung zum jüdischen Menschen. Bei alledem darf man nicht vergessen, daß dieser jüdische Witz zu verstehen ist nicht zuletzt aus der politischen und sozialen Situation des Judentums, als Waffe des Schwachen in einer ihm mißgünstigen Umwelt. Voraussetzung zur Entstehung des Witzes ist geistiges Niveau, geistige Beweglichkeit, die aus dem Wirkungskreis der eigenen Person hinausstrebt und die Erscheinungen der Umwelt beachtet und beobachtet. Auch der jüdische Kanzelredner hat von jeher vom Witz ausgiebigen Gebrauch gemacht, ohne damit seine Würde und seine Achtung zu verlieren, und es ist beinahe Tradition im Judentum, daß die besten seiner Reifgionsdiener sich des oft scharf geschliffenen Witzwortes gern und meisterhaft bedienten, nicht nur, um die Schwere ihrer moralischen Forderungen in ein schimmerndes Gewand zu kleiden, wie der Apotheker der bitteren Pille eine süße Schale gibt, sondern auch um ^Situationen zu klären und Mißverständnisse, in dem ihnen unterstellten Wirkungskreis zu geißeln. Aua Schrift- . Weisheit gespeist, souverän m der Beherrschung des Wortes, wird der Witz aus dem Munde des jüdischen Theologen auf diese Weise zu einer scharfen Waffe, die oft besser wirkt als Mahnung und Belehrung. Wenn wir hier eine Anzahl von Anekdoten und scherzhaften Aussprüchen jüdischer Kanzelredner veröffentlichen, denen die Gabe des Witzes in hervorragendem Maße zu eigen war, und die die Schlagfertigkeit über langwierige Auseinandersetzungen stellten, die den Sinn des Wortes verstanden haben „Wer sich nicht selbst zum Besten haben kann, der ist gewiß nicht von den Besten“, so dürfen wir dabei von unsem Lesern volles Verständnis voraussetzen. Dr. Benjamin Rippner, der bis zu seinem Tode im Jahre 1898 Rabbiner in Glogau war, hat einmal von Adolf Jellinek, der als einer der geistvollsten und interessantesten PredigeF seiner Zeit galt, gesagt: „Ein nicht zu unterschätzender Vorzug ist sein Humor, der auf der Kanzel so willkommen und gern gesehen ist, wie an jeder anderen Stätte; denn er vertreibt den gefährlichsten Feind, der oft wie ein unumschränkter Herrscher in Kirchen und Synagogen regiert, nämlich die Langeweile. Die gespreizte Würde, das auf Stelzen gehende Pathos treibt die Leute aus dem Tempel hinaus, während der Humor sie lockt und festhält und bei Menschen von gutem Takt mit der Würde des Heiligtums sich wohl vereinbaren läßt.“ In diesem Sinn möchten auch die Anekdoten gewürdigt werden, die wir in zwangloser Folge hier erscheinen lassen. Die Gemeinde. Als Rabbiner Rippner sich während der. Zeit, Im die der 9. Ab fiel, zur Erholtuig in einem Kurort kufhlelh tht er auf der Kurpromenade eitlen Herta; der «Ich nacf( ‘Bern . Befinden des bekannten , und. beliebten Rabbiners erkundigte. Dr. Rippner benutzte diese Gelegenheit, noch .einem' Amtskollegen zu fragen, der in einer Nachbargemcinde von Glogau amtierte. Er erhielt eine befriedigende Auskunft. Der- Mann aus der kleinen Posenschcn Gemeinde konnte sich aber dabei nicht versagen, zu bemerken: „Wenn Sie mir die Bemerkung gestatten, Herr Doktor, so möchte ich Ihnen sagen, daß unser Rabbiner am Tischo b’aw seine Gemeinde nicht verlassen würde.“ „Das ist auch vollkommen in Ordnung“, antwortete Rippner. „In e i n er Gemeinde ist Tischo b’aw, wenn'er zu Hause ist, in meiner Oemeinde, wenn ich nicht zu Hause bin.“ ' Die Einladung. Während eines Aufenthaltes in Berlin ließ cs sich nicht vermeiden, daß Rippner die Einladung eines Landsmannes annahm. Am nächstöt Morgen begegnete er auf der Straße einem Bekannten, der sich eingehend nach dem Verlaut des Abends erkundigte und genau wissen wollte, wer alles da war. Darauf Rippner: „Es waren soviel Leute da.^dall ich unmöglich ihre Namen behalten konnte. An meinem Tisch saßen ein Justizrat, ein Sanitätsrät, ein Gerichtsrat und ein ACommissionsrät. Ich war der einzige Ün-Rat.“ ' Predigten. Einer der bedeutendsten Kanzeltcdner der Berliner Jüdischen Gemeinde war der im Jahre 1919 verstorbene Rabbiner Sigmund May.bäum. Neben seiner rabbinischcn Tätigkeit wirkte er auch als Dozent der Predigtkunst an der Hochschule für die Wissenschaft des Judentums. In einer Vorlesung, in der er seinen Hörem die Bedeutung der Predigt ziTerklären hatte, meinte er: „Jede Predigt beginnt, wenn die Oemeinde mit „meine andächtigen Zuhörer“ angeredet wird, mit drei Lügen. Denn: Erstens sind sie nicht meihTzweitens sind . sie nicht andächtig, und drittens hören sie nicht z u.“ . ' Rabbiner untereinander. In einem.Badeort trafen sich zufällig einige Rabbiner. Bei der Unterhaltung wurde auch von Kollegen gesprochen. Dabei erhitzte sich einer der Seelsorger, daß ein— Kollege, der bei jeder Gelegenheit seine gesetzestreue Gesinnung betone, im Krematorium gesprochen habe, obwohl dies gegen den Schulchan Aruch verstoße. Es entspann sich darüber ein heftiger Meinungsaustausch, dem schließlich der Berliner. Rabbiner Rau ein Ende machte, indem er achselzuckend meinte: „Oberall, wo es Einnahmen gibt, gibt es auch Ausnahmen.“