Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 14 (1934)
- Issue
- 61 (31.7.1934)
- Date
- 1934-07-31
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Berlin Dienstag, 31. Juli 1934 Preis 20 Pfg. Nr. 61 — 14. Jahrgang zu Berlin. 3ur beutföes Judentum uttb religtöfeit Slufbau HerausgebenHanns Loewenstein Die „Jüdisch-liberale Zeitung" erscheint zweimal wöchentlich t Dienstags und Freitags Juden und Olympia Wettbewerb der Besten Von -Jim Kroner Der Generalsekretär des Deutschen Olympischen Komitees, Dr. Carl Diem, hat kürzlich einem französischen Journalisten gegenüber erklärt, daß das Rassenprinzip bei der Vorbereitung und der Organisation der Berliner Olympiade 1936 nicht bestehe, und er nannte dabei einige jüdische Sportsleute,. die zur Teilnahme berufen wurden. Olympia --Wahrzeichen eines ganzen Volkes, einer ganzen Kultur, Höhepunkt hellenischen Lebens. So wie die olympischen Spiele Ausfluß eines starken, selbstbewußten Volkes sind, so wurden sie von diesem. auch empfunden, stark und lebendig, ein strahlender Wettkampf, der wert ist, Markstein, ja Ausgangspunkt einer Kultur zu sein. Was kann die Wichtigkeit, die die Hellenen ihren Spielen beigelegt haben, besser charakterisieren als der Umstand, daß das erste Olympia — das ins Jahr 776 v. gelegt wurde — zum Beginn der griechischen Zeitrechnung gestempelt wurde. Beinahe zwölf Jahrhunderte hindurch bildeten die olympischen Spiele den Brennpunkt hellenischen Lebens, erinnerten sie ein politisch zerklüftetes und in unendlich viel Stämme zersplittertes Volk an seine kulturelle Einheit. .Der .Gang nach Olympia, das war der Gang nicht nur zu gemeinsamem Wettstreit, das war vielmehr der Sprung in eine zwar nur kurz währende, aber doch tief empfundene völkische Verbundenheit und Einheit. Die Spiele fegten mit eiser-. nem Besen all jene Vorurteile und Zerwürfnisse hinweg, die während der Zwischenzeit — der Olympiade — der Griechen Stämme zu einem Gewirr feindlicher Gruppen machten. Das Verbot der olympischen Spiele als heidnischer Gottesdienst zerstörte das alte, stolze Hellenentum endgültig. Durch den Baron de Coubertin feierten die Spiele ihre Auferstehung in der Moderne. Das, was sie in einer neuen, gänzlich veränderten Zeit an kultureller Machteinbuße notwendigerweise erleiden mußten, machten sie durch das Faktum, Beherrscherin des Sports der ganzen Welt geworden zu sein,, reichlich wett. Das Vorhandensein der Spiele mag Ausgangspunkt, die Teilnahme an ihnen Krönung mancher erfolgreichen Sportlerkarriere gewesen sein. Sie sind fest verankert und heute durch keine Macht aus dem Sattel zu heben. Sport und Olympia sind Begriffe, deren Verwandtschaft zur Einheit führt. , Nicht wegzudenken von den mit den olympischen Spielen verknüpften Grundsätzen ist jener, daß jeder unbescholtene Sportsmann an ihnen teilnehmen darf. Zwar nur die Besten, dafür aber auch jeder Beste. Wie im alten Hellas bilden sie auch heute einen neutralen Boden, auf dem lediglich die Idee des Sports herrschend und ausschlaggebend ist, auf dem daher bestehende Differenzen-vergessen oder außer Kraft gesetzt werden. In einem Wettbewerb, än dem alle Nationen teilnehmen dürfen, zu dem auch tatsächlich alle Völker ihre Besten entsenden, können nicht nur Freunde Zusammenkommen. Aber hier zeigt sich ja gerade die verbrüdernde Idee des Sports. Ist der ein schlechter Amerikaner, der, ungehindert politischer Spannungen seines Vaterlandes mit Japan, einem Japaner zum sportlichen, fairen Wettkampf die Hand reicht?! Beim Olympia herrscht der Sport, ihm hat sich alles einzuordrien und zu unterstellen, wer ein fairer Sportler ist, wer eine gute Leistung vollbringt, der hat seine Teilnahmeberechtigung erwiesen. Andere Reflektionen können in diesem Zusammenhang keine Gültigkeit haben. Olympia und Juden! Als vor zwei Jahren das Erlöschen der olympischen Weihefeuer auf der anderen Seite des Ozeans Zeugnis davon.ablegte, daß' das große Wettkämpfen der Nationen wieder einmal sein Ende gefunden habe, als sich tausende sportgestählte Männer und Frauen wieder auf den Weg in ihre Heimat machten, teils im stolzen Bewußtsein, nicht nur gekämpft, sondern auch gesiegt, teils nieder- Fnrchfbare Not in den polnischen Überschwemmungsgebieten 50 JQdlsche Todesopfer deröberschwemmungskatastrophe Tausende Familien obdachlos — Viele Städtchen wie ausgestörben — Flehende Hilfegesuche Warschau. Von der Überschwemmungs-Katastrophe in Polen, die insbesondere Westgalizien, aber auch Telle von Ostgalizien und von Kongreß-Polen heimgesucht hat, ist auch die’jüdische Bevölkerung schwer betroffen worden. Am schlimmsten wurden Tarnow, Szczucin, Qorlica, Rabka, Neusandec, Sandomlerz, Zawychost und die Warschauer Vorstadt Petcowizna mitgenommen. Der Schaden wird auf etwa eine ■ Milliarde Zloty geschützt. Davon entfällt etwa ein Fünftel auf vernichteten jüdischen Besitz. Die Zahl der j üd Ischen Todesopfer wird auf über 50 geschätzt. In dem überschwemmten Städtchen Rabka ist der 39jährige jüdische Reserveoffizier Josef Neugasser, nachdem er mehrere Einwohner aus den Fluten gerettet hatte, bei einem neuerlichen Rettungsversuch ertrunken. Er wurde in einem von der Jüdischen . Gemeinde beigestellten Ehrengrab beigesetzt. - , In - Westgalizien. sind ta lösende jüdischer Fa-, milien obdachlos geworden. Diejenigen Juden, die sich. dort mit Fischzucht befassen, sind vollständig zugrunde gerichtet und jeder Eastetumöglichkeit beraubt worden, da durch die Fluten sämtliche Fische aus den Fischteichen fortgeschwemmt wurden. In Netisandec ist das von der ärmsten jüdischen Bevölkerung bewohnte Viertel Piekla durch die hochgehenden Fluten des Dunajec vollständig fortgespült wordep. Das Städtchen Szczucin bei Tarnow ist von der Weichsel überschwemmt. Die fast durchweg jüdischen Einwohner mußten das Städtchen unter Zurücklassung ihrer Habe räumen und befinden sich in schrecklicher Lage. An den Rettungsarbeiten haben sich die jüdischen Jugendorganisationen durch Zusammenstellung eigener Rettungsabteitungen hervorragend beteiligt. Zu den Rettungs- und Schutzarbeiten werden in allen bedrohten Örtlichkeiten sämtliche hierzu körperlich geeigneten Männer herangezogen. - Ein nach den Überschwemmungsgebieten entsandter Sonderberichterstatter der JTA teilt mit, daß erst letzt, nach-' dem die Hochflut ln den Oberläufen der Flüsse bereits zuiüdtgegangen und die schwerste Gefahr für diese Gebiete vorüber Ist, die furchtbaren Verwüstungen zutage treten,'die die Überschwemmung an gerichtet hat. Die Ittdlsehen Städtchen sehen wie ausgestörben aus, und es Ist nicht zu erwarten, daß sich in nächater Zelt diese Verhältnisse wesentlich bessern werden^ Denn die Straßen und Wege sind vollkommen zerstört, ihre Wiederherstellung- Wird Monate in Anspruch nehmen. Die Dorfbevölkerung ist völlig mittellos geworden, und damit fallen die Käufer für die Landkrämereien in den jüdischen Städtchen fort. Die Behörden treffen Maßnahmen, um der 'Gefahr des Ausbruchs von Epidemien infolge Verunreinigung des Trink- Wassers durch aufgesebwemmten Schmutz, und die vielen bei der herrschenden großen Hitze rasch verwesendes- Tierkadaver vorzubeugen. . Die JOdlschets Gemeinden, und Wobt» fahrtsefnrlchtungen werden mit Hllfegesucbes bestürmt. Zahlreiche jüdische Organisationen haben sich in de» Dienst'der Hilfsaktionen gestellt. Der- Verband polnischer Juden' In Amerika hat telegrafisch um genaue Berichterstattung über - die Lage der von der Katastrophe betroffenen jüdischen Bevölkerung ' zwecks Einleitung einer größeren Hilfsaktion ersucht. gedrückt von der bitteren Erkenntnis, Bezwinger gefunden zu haben, da konnte keiner voraussehen, daß das Thema „Juden und Olympia“ jemals ernstlich diskutiert werden würde. Nicht etwa, weil man einen politischen Umschwung für unmöglich gehalten hätte, sondern weil man der Rassenfrage im Sport kein Gewicht beilegte. Den sportlichen Wettkampf hielt man für so losgelöst von den politischen Fragen des Tages', daß eine Vermengung mit diesen und ein Ausdehnen irgendwelcher Konsequenzen auf den Sport nicht in Frage zu kommen schien. Die Entwicklung hat jenen, die dem Sport gewissermaßen ein Eigenleben zubilligen wollten, Unrecht gegeben. Das, was auf das politische und kulturelle Lehen der Nation Gültigkeit hatte, wurde auch auf den sportlichen Be- . trieb angewandt, und die Anwendung des Rassen-' prinzips zwang den jüdischen Sportler, sich auch innerhalb des Sportbetriebes auf sein Judentum zu besinnen. Daß diese Entwicklung manchen Vorteil in sich birgt, soll in diesem Zusammenhang nur kürz festgestellt werden. Aber das Thema „Juden und Olympia“ wäre trotzdem. nicht von so weitgehendem Interesse gewesen, wenn nicht Deutschland für die nächsten olympischen Spiele 1936 Gastgeber wäre. "Schon im vorigen Jahr war die Möglichkeit der Anwendung des Rassenprinzips auf das Olympia in Berlin Gegenstand lebhafter Diskussionen auf den olympischen Kongressen in Wien und Athen. - Nun, Dr. L e w a 1 d hat in seinen Erklärungen bereits damals keinen Zweifel darüber entstehen lassen, daß das Rassenprinzip für die olympischen Spiele nicht zur Anwendung gelangen werde, und daß deutsche und ausländische Sportsleute und Athleten, die die olympischen Bedingungen erfüllen — also vor allem als reine Amateursportler anzusprechen sind — in Berlin willkommen sein würden. Schon vor einiger Zeit konnte die „Jüdisch-liberale Zeitung" ihren Lesern mitteilen, daß die Gebrüder' Ball jn Deutschland wieder spielen und Rudi Ball , zum Mitglied der deutschen’Eishockeymannschaft gemacht werden soll. 'Das von Dr. Diem an den französischen Journalisten gegebene Interview enthält ferner die Mitteilung, daß -Hel.ene Mayer an die Spitze der weiblichen Fechtmannschaft gestellt werden wird.. Ferner seien sechs hoffnungsvolle athlethische Begabungen eines jüdischen Sportklubs ausgewählt worden, die an den demnächst beginnenden olympischen .Vorbereitungskursen teilnehmen sollen. Aus all diesen Vorkommnissen — so schloß Dr. .Diem — sei zu ersehen, mit welcher Loyalität Deutschland seine in Wien eingegangenen olympischen Verpflichtungen zu halten gewillt sei. ' Immer wieder kursieren in der ausländischen Presse Meldungen, die davon wissen wollen, man wolle in Deutschland den eingegangenen Verpflichtungen nicht nachkommen. Man kann nach den oben erwähnten' Geschehnissen nur feststellen, daß diese Mitteilungen ebenso unwahr wie böswillig sind. Die von Dr. Diera heryorgehobenen Maßnahmen sind Tatsachen, die in ihrem Vorhandensein und in. ihrem Ausmaß tatsächlich jeder Kritik standzuhalten vermögen. Deutschland will den tiefen Sinn des Olympia wahren, wie er über die jahrtausende lange Entwicklung stets gewahrt worden ist. Es ist eingangs erwähnt, daß bei den Hellenen die Spiele die große Schau der nationalen Einigkeit waren. Die Entwicklung hat den Radius vergrößert. Aus dem großen Geschehen, das ein einziges Volk — dieses allerdings in all seinen Schichten — berührte, ist ein Ereignis geworden, das die ganze Welt angeht.; Die olympische Bühne von heute umfaßt schlechthin alle Nationen, die überhaupt Sport treiben und Leibesübungen pflegen. Genau so wenige wie man den Vereinigten Staaten, eine übermäßig große Vorliebe für die schwarze Rasse nachsagen kann,