Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 14 (1934)
- Issue
- 60 (27.7.1934)
- Date
- 1934-07-27
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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14. Jahrgang Nummer 60 3fiölf(NlftetflIe 3ettenfl Beilage 27. Juli 1934 deutsche Juden im Weltkrief Äticgs'Soörjßit Die Juden haben eine schöne Sitte — sic haben sie mit anderen Glaubensbekenntnissen gemeinsam — die Sitte, am r Todestag naher Verwandter zu deren Gedächtnis ein Seelenlicht anzuzünden und ein Gebet zu sprechen. Die Erinnerung an die Dahingeschiedenen wird wieder wach — die Toten werden auch für die Überlebenden wieder lebendig. Von den großen Männern der Heiligen Schrift wird gesagt, daß sie „alt und lebeiissatt“ sich zu ihren Vorvätern versammelt haben. Die Jahrzeit nach denen, die alt und lebenssatt von uns geschieden sind, wird durch diese Vorstellung vom natürlichen und von1 Gott bestimmten Ablauf des Lebens gemildert. Wenn aber junge Mensclien von uns scheiden, junge blühende Menschen, denen das Leben noch wenig geschenkt und noch vieles versprochen hat, wenn junge Menschen von uns gehen, die für ihre Eltern und Geschwister, für ihre jungen Frauen und ihrejdeinen Kinder eine Hoffnung, eine Erfüllung bedeuten, dann ist die Jahrzeit eine vielfach schmerzvolle Feier des Gedenkens; denn Vielfaches ging verloren. ■ ' Um F2 Ö 0 0 Juden, die der Weltkrieg aus dem Leben gerissen hat, wird alljährlich. Jahrzeit gehalten: ein Lichtchen im Hause oder in der Synagoge, wo noch an alten Bräuchen festgehalten wird, oder das Gedenken bei der großen Totenfeier, die jedes Land für .alle gefallenen Söhne des Volkes begeht. Sie sind auf dem Felde der Ehre gefallen — sie haben ehrenvoll den Tod für das Vaterland erlitten, überall. Die Ehre der toten Juden, die fürs Vaterland starben — man versagte ihnen auch die Ehrfurcht nicht. So schrieb Reichspräsident und Generalfeldmarschall von Hindenb u r g an den Reichsbund jüdischer Frontsoldaten gelegentlich der Überreichung des Gefallenen-Gedenkbuches: „. . . In ehrfurchtsvoller Erinnerung an die auch aus Ihren Reihen für das Vaterland gefallenen Kameraden nehme Ich das Buch entgegen und werde es meiner Kriegsbücherei einverleiben“, und Oberstleutnant Ott, der Chef der Wehrmachtabteilung, sprach im Aufträge des damaligen Reichswehrministers die schönen Worte: „.- . . daß wir dieses' Gedenkbuch unserer jüdischen Kameraden, die im Weltkrieg gefallen sind, in hohen Ehren halten werden zum Gedächtnis dieser, treuen und echten Söhne des deutschen .Volkes.“ Ehrfurchtsvolle Erinnerung und treuesrG.qdenkea.—-.,gibt, es eine schönere, eine heiligere Auslegung und Begehung der Jahrzeit? , Jahrzeit ■— der Tag des Gedenkens, der Tag der Erinnerung. Wollen wir uns doch erinnern in schmerzvoller Trauer, -und doch auch in bescheidenem Stolze erfüllter Pflicht: die Juden haben ihr volles Maß an Blut für das Vaterland dahingegeben. Sie waren — ihrer Zahl an jüdischen. Einwohnern Deutschlands .entsprechend — vollzählig erschienen; sie haben tapfer gekämpft, haben tapfer ihr Land verteidigt und haben tapfer den Tod erlitten: in jeder Form wie ihre andersgläubigen Wehrgenossen auch. Sie haben in gleicher Weise den Tod erlitten: durch Schuß und Stich, durch Granaten und Giftgas, ■ durch Absturz und Verschüttung, im Nahkampf, Mann gegen Mann, durch- Fliegerbomben, durch weittragende Geschütze, in der Luft, auf dem Meere und im Schützengraben. Sie starben im Sturmangriff imd in der Verteidigung . — keine Todesart, unter der sie nicht ihr Leben aushauchten. Sie schlugen sich ausgezeichnet und wurden ausgezeichihrem Blute gedüngt. lassen: es mag vielmehr ein Gedenken sein, daß die gefallenen tausenden von Familien wird jetzt wieder Jahrzeit Helden unserer Glaubensgemeinschaft in dem Bewußtsein SÄ We w". “?,'• Qede",kstl,ndf för die ,ln Weltkrieg gekämpft und gestorben sind, daß sie ihr Blut für ihr deut- Gestorbenen. Wir wollen uns dieses Gedenken nicht verbittern sches Vaterland dahingegeben. /. M Al 3ntö(fta»fenD... imter luden ni Jf ii P, w/ ,K,rt man ie,zt Krie8sl>rik Schätzt wird. Zuckermann war österreichischer lnb/„ , «»«Worte: „Ihnen ist wohl. Sie Ulanenoffizier. Der Generalleutnant von Dickhut, damals rnehr zu erwtWerKe’ h T J"den he"te aUferlegt ist* nich* Gouverneur von Thorn, schrieb an den Dichter: „Lassen Sie Hahcn lri;i ,en „ „ . mich Ihnen herzlich die Hand drücken für W herrliches M^kani,^ darauf'keine khÄhJort Rei,<?rlied' Ihre Verse «erden tausende Reiterherzen höher Anschauungen über den Wert lind den Unwert des Gebens Sehla8en laSSen und fortreinen 7,1 unsterblichen Taten sind durchaus verschieden, und Äußerungen, die über dieses Thema gemacht werden, sind auch nicht immer buchstäblich aufzufassen, weil sie auch nicht immer buchstäblich gemeint sind. Und außerdem: es gibt auch eine Zukunft für jeden Menschen, und die läßt sich gestalten, wenn man seine Einstellung zum Leben entsprechend umzugestalten willens ist. Diejenigen, die den Tod fürs Vaterland erlitten haben, sie waren Männer, die den Kampf nicht gescheut haben. In kejner Form und Art. Bis zum Letzten, das so ' vielen, ja den meisten Menschen so bitter scheint, bis zum - Tode — der ihnen jedoch nicht der Feind schien, gegen den ' sie angingen. Zwölftausend Juden haben in den Jahren des Weltkrieges ihr Leben für Deutschland hfngegcben. Viele von ihnen fielen nicht einer zufälligen tückischen Kugel zum Opfer, die ungewollt und unerwartet den Lebensfaden zerriß^ viele-wußten genau, daß der Tod kommen würde; denn sie suchten die Gefahr und kamen ln ihr um. Bereits unter den Ersten, die mit dem E. K. I dekoriert wurden, waren auch Juden: Handwerker, Kaufleute, Studenten, Beamte, Arzte, Anwälte, Schüler und Lehrer, Gelehrte und Ungelehrte. Juden verschiedener sozialer Stellung, verschiedener Ansichten, verschiedener Lebensauffassung. Aber in einem waren sie eins: im Mut, im Pflichtbewußtsein, in Soldatentreue und im Gefühl der Kameradschaft. Eins vor allem in der Liebe zum Vaterland. Der Krieg läßt die Soldatenlieder hervorsprießen wie wilde Blumen, aber Ihr Lied wird bleiben Und Ihnen zu dem Siegeskranz auch den Lorbeer des Dichters um die Schläfe winden.“ So wie die Dichter ihren Schwanengesang schrieben,' so bewiesen viele Juden, daß es sich_nicht um Worte, sondern um die Tat handelte, für die gerade die Dichter durch Hingabe, ihres jungen Lebens ein leuchtendes Beispiel gaben. Und als eine derjenigen, die das Wort durch' die Tat bekräftigten, sei Gottfried Sender genannt, der jüdische Seminarlehrer, der als Leutnant und Inhaber des E. K. I im Juni 1915 an der Ostfront im Kampfe. fiel. Das E. K. II hatte er schon am 2.. Oktober 1914 — damals noch Gefreiter — verliehen bekommen. Am 25. September 1914 schreibt er an seine Mutter einen Brief, ln dem es Heißt: „. . ., Qanz gewiß gehöre ich nicht zu denen, die Phrasen machen, denen der Heldentod fürs Vaterland höchster Wunsch ist. Ein Heldenleben ist wahrlich voraulehent Aber Ich verachte den Tod. Er Ist-mlr Pflicht, wie es das Leben, lat. - Er umgibt mich ln der Pflicht für mein Vaterland - .Ich, bin nicht der Jüngste, aber Ich war stets unter den Eretein-..“ Wahrlich, unter den Ersten war er Immer.-Und als man der Familie den Tod meldete, da schrieb der Kompagnieführer Leutnant Sch.: „Wie angesehen und beliebt unser .als Mensch wie als Soldat gleich ausgezeichneter i Kamerad bei Vorgesetzten, Kameraden lind Mannschaften war, kann ich Ihnen Nun, da sich zum zwanzigsten Male der Tag jährt, an ' kaum beschreiben. Die Kompagnie wird ihn nie vergessen.“, dem der große Ruf an das deutsche Volk ging, der Tag, ' Ein Beispiel. Es gibt ihrer mehr. 'Ond alle zeugen von an dem Kaiser Wilhelm T(. vom Balkon des Schlosses die der Wertschätzung,- deren sich unsere tapferen Olaubena- Worte' gAffteS“'Hatte: „Tch Kcnne--lrefne''ParteTen-mehrr,'geriöffSea''Dtr'nirenTftrtstHclren'Kanre,ra£teazivej;/reoert,lnrt<ffiij ich kenne nur Deutsche!“, an diesem Tage dürfen wir wohl . Um vom Gefreiten zum Leutnant und zum.E. k T jil fcnmnfrii auch der toten Helden gedenken, die. aus unseren Reihen hervorgegangen sind, um für ihr Vaterland zu kämpfen und zu sterben. Ihr Fühlen und Denken hat auch nach dichterischem Ausdruck gesucht — und auch die, deren dichterischer Genius diesen Ausdruck gefunden hat, deckt fast alle die Erde. „Wo aber sieht es geschrieben, frag’ ich, daß von allen ich übrig bleiben soll, ein andrer für mich fallen? Wer immer von euch fällt, der stirbt gewiß für mich. Und ich soll übrig bleiben? Warum denn idh?“ Der junge ostpreußische Dichter Walter Hey mann hat sein .Wort wahr gemacht. Bei einem Sturmangriff vor Soissons istyer gefallen. ■Zu den Kriegstolen zählt auch Dr. Hugo Zuckermann, dessen „Reiterli’ed“ heute noch als eine Perle der — und das im ersten Krlegtfehre, 1» denenTBefördeningen und Auszeichnungen noch recht selten waren,' tmd nbch 'dazu für einen Juden—, d». bedurfte es schon Taten, die desRQbmcae wert sind. ~ Vor-etwa vierzig Jahren erschien, ein großes Werk. „Wie . wir unser Eisernes Kreus erwarben“. In diesem reich lllu- ~ strierten Buche schilderten Teilnehmer des deutsch-französischen Krieges 1870/71 die Waffentaten, die -ihnen, zu der Auszeichnung verholfen hatten. Es ist schade, daß picht auch vonseiten deF jüdischen Kämpfer des Weltkrieges etwas Ähnlich» publiziert wurde. Niemand dachte an so etwas — die Juden am allerwenigsten. Aber wäre ein solches Buch erschienen, mit amtlichen Unterlagen und beglaubigten Darstellungen, frei von Selbstlob und nur den Tatbestand sprechen lassend, so wäre heute ein solches Buch vielleicht ein Trostbuch für alle. net: man beförderte sie zu .Offizieren, man dekorierte sie, man gab ihnen hohe Orden, sie erhielten Belobungen in mündlicher und schriftlicher Form, und wenn sie fielen,-dann übermittelte man den Angehörigen die Eisernen Kreuze!und sprach dabei von dem gefallenen „Helden“. Am Jahrzehtag darf man der guten Taten der. Verstorbenen gedenken — man darf also auch das Selbstverständliche sagen. Niemand wird das falsch auffassen, ’ und alle Eltern, die Söhne, alle Schwestern, die Brüder, alle Frauen, die ihre Männer, und alle Kinder, die ihre Väter verloren -haben, werden verständnisvoll mitfühlen. Sie werden verstehen, daß auch wir ein Recht haben, mit dem gleichen Stolz an unsere Glaubensbrüder zu denken, die in gleichem heldenmütigen Kämpfen sich auch als Helden bewiesen haben. Wehmütig entzünden die Hinterbliebenen der jüdischen Gefallenen das Jahrzeitlicht, — ob sie es wirklich. tun an einer -Kerze'oder einem Ollämpchen, oder ob sie es-nur symbolisch anzünden io ihrem Herzen, und nur im Herzen das Lieht der Erinnerung aufflammen lassen. Hunderttausend Juden — ein Fünftel der ganzen jüdischen Bevölkerung Deutschlands — war zum Heeresdienst eingezogen. Nicht alle waren an der Front,, aber sie haben an dem Platz, an dem militärische Notwendigkeit und Befehl der Vorgesetzten sie hingestellt haben, genau so ihre Pflicht erfüllt und ihre Arbeit geleistet wie ihre christlichen Kameraden an -gleichen Posten. Wir haben uns umstellen müssen. Wir sind keine Volksgenossen mehr nach Gesetz und Verordnungen. Auch diejenigen, die man um ihres Frontkämpfertums willen in ihren Stellungen beließ, sind es nicht mehr; denn nach dem Gesetz kann nur ein arischer Deutscher Volksgenosse sein, aber kein jüdischer. Trotz Alledem: Der deutsche Jude ist mit dem deutschen Boden und in ihm verwurzelt — die meisten Familien seit mehr als einem Jahrhundert, ja nicht wenige seit vielen Jahrhunderten. Ahnherren jüdischer Familien haben auch auf deutschem Boden gekämpft und deutschen Boden mm* Die Devise des Schwarzen Adlerordens besagt, daß der - deutsche Aar nicht einmal der Sonne weicht. Ein Sinnbild und ein Gleichnis für den Flieger, dem auch der grellste Strahl der Sonne nichts anhaben darf, so wenig wie Wind und Wetter dies' tun dürfen. Technik, Mut und Tatkraft, Wollen und Können, sie vereinigen sich, um den Menschen auch zum Herrn der Luft zu machen. — Es ist jetzt viel von Luftkrieg und Luftschutz die Rede — seit dem-Weltkrieg hat man nicht mehr aufgehört, nicht mehr auf hören-können, davon zu reden und sich dafür zu interessieren. Begreiflich. Man hat von den Schrecken, die Fliegerbomben angerichtet haben, gehört und darüber gelesen und davon Bilder gesehen. Deutschlands Flieger waren auf der Wacht, da es galt, Angriffe'aus der Luft abzuwehren und die zur Strecke bringen, die Tod und Brand und Verderben über Menschen und Häuser zu streuen gedachten. Der Krieg in der Luft war ein harter, verbissener, unerbittlicher Kampf. Dreifach waren die Gefahren, gegen die der Flieger anzugehen hatte: gegen die feindlichen Menschen, gegen die feindlichen Naturgewalten, gegen die heimlichen Tücken der eigenen Maschinen, die vor zwanzig Jahren noch nicht auf die heutige Stufe technischer. Entwicklung gebracht waren. Dreifach mrtßte das Herz des Fliegers gepanzert, dreifach sein Gehirn, sein Wille, seine Beobachtungsgabe, seine Kaltblütigkeit, seine Energie gestrafft sein, um all den Gefahren begegnen, ihnen ausweichen, sie bekämpfen zu können. Stählerne Nerven, eine eiserne Faust und blitzartige Geistesgegenwart mußte denen eigen sein, die solchen Kampf aufnehmen wollten. *• Sind und waren Juden zu solchem Tun geeignet? Und sind und waren sie zu solchem Tun gewillt? Es scheint so — nein! es ist so, und es war so. SHeget Nun, da sich wieder die Tage' jähreh, an denen das ungeheuerliche Weitringen begann, nun, da sich die Wertung der Juden so ganz andersartig gestaltet hat, da dürfen die Erinnerungen an jene jüdischen Männer nicht äusgeschaltet sein, die damals, als es galt, das Vaterland auch in der Luft__ zu verteidigen, sich bereit und willig und ln ehrlichster Begeisterung zu diesem Dienste stellten. Haben sie versagt? Nun, — unter den besten Name» derdeutschen- Flieger finde» sich auch jüdische — allerdings-sind die meisten tot und haben nicht erlebt, was ‘so viele ihrer Glaubensgenossen erleben mußten. ' Die Zahl der jüdischen Flieger ist nicht sehr groß, ihre Leistungen stehen aber im umgekehrten Verhältnis zu ihrer Zahl: die meisten von ihnen haben sich in jeder Weise ausgezeichnet, sehr viele von ihnen haben im Luftkampf den Tod gefunden. Die höchste Auszeichnung, den Orden pour le mfirite, erhielt Wilhelm Frankl, einer der erfolgreichsten deutschen Kampfflieger. Es soll allerdings nicht verschwiegen werden, 'daß Frankl im. Jahre 1914 sich hatte taufen lassen und sich damit von der jüdischen Glaubensgemeinschaft abgekehrt hatte. Gelegentlich seiner. Auszeichnung mit dem'Ei K. I. schrieb er in einem Brief an Verwandte, daß er es für drei Taten bekommen habe: für das Einschießen des „Langen Heinrich“ auf Dünkirchen, für das Abschießen eines französischen Kampfflugzeuges, das ein Maschinengewehr an Bord hatte, und für etwa 16 000 Kilometer wertvoller Erkundungsflüge. Das war 1915. Im Mai 1916 erschien im-amtlichen Heeresbericht aus dem großen Hauptquartier folgende Notiz: Der Vizefeldwebel Frankl hat am 4. Mai einen englischen Doppeldecker abgeschossen und damit sein 4. feindliches Flugzeug außer Oefecht gesetzt. Seine Majestät der Kaiser