Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 14 (1934)
- Issue
- 60 (27.7.1934)
- Date
- 1934-07-27
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Berlin Freitag, 27. Juli 1934 Preis 20 Pfg. Nr. 60 — 14. Jahrgang Sur beutföesSubentum unb reltgiöfett Aufbau Herausgeber: Hanns Loewenstein Die ,ilüdisdi-liberale Zeitung« erscheint zweimal wöchentlich* Dienstags und Freitags Vor zwanzig Jahren.. Dem Vaterland und dem Judentum Von Dr. Felix Heimann Mit dem ganzen Volke stehen heut auch Deutschlands Juden im Banne der Erinnerung an jene schwülen Sommertage des Jahres 1914, die eine Epoche friedlicher Zusammenarbeit der Völker der Erde abschlossen und eine neue einleiteten, in deren schicksalsschwerer Gegenwart wir uns noch befinden, und deren Abschluß in keiner. Weise abzusehen ist; denn die Völker auf unserem Planeten haben aus den Leidenstagen der Jahre 1.914—1918 nicht viel gelernt, dafür aber offenbar manche von den bitteren Erfahrungen, die sie machten, vergessen., So redet man heute wieder von Krieg, starrt es wieder um Deutschland herum von Flugzeugen und Waffen. Europa, das neun Millionen seiner besten Söhne dahingegeben hat, richtet sich von neuem darauf ein, seine Kräfte nicht im friedlichen Wettbewerb der Völker auf den Gebieten von Wissenschaft, Technik und Wirtschaft, sondern im physischen Kampfe zu messen. Wir gehen schweren Zeiten entgegen, gestüzt jedoch von der Hoffnung auf bessere' Tage und auf den endlichen Sieg des Guten und des Gerechten. Der- Glaubean -den-einig-einzigen. Gott der .Liebe und des gütigen Verzeihens bewahrt uns vor Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung und vor Ansichten, wie sie Oswald Spengler, der große Philosoph des hero-- ischen Pessimismus, vertritt, wenn er über das Schicksal der weißen Kulturvölker in einem seiner früheren Bücher sich dahin äußert: „Wir sind in diese Zeit geboren und müssen tapfer den Weg zu Ende, gehen, der uns bestimmt ist. Es gibt 'keinen anderen. Avtf dem verlorenen Posten ausharren ohne Hoffnung, ohne Rettung ist Pflicht. — Ausharren, wie jener römische Soldat, dessen Gebeine man vor einem Tor i in Pompeji .gefunden hat, der starb, weil man beim 'Ausbruch des Vesuv vergessen hatte, ihn abzulösen. Das ist Größe, das heißt Rasse haben. Dieses ehrliche Ende ist das einzige, das man dem Menschen nicht nehmen kann.“ * . Zwei Millionen deutscher Soldaten hajjen die Treue zu ihrem Vaterlande mit ihrem Herzblut besiegelt. Zwolf tause nd deutsche Juden sind unter ihnen. Seit vielen Jahren schlafen sie fern der Heimat in ■ fremder Erde; auf den Höhen von Combres, um Douaumorit, am „Toten Mann“ und in den Vogesen, an der Somme und in den Argonneh, in Flandern und am Hartmannsweilerkopf,’ am Kamm der Karpathen, Vergraben tief im ewigen Schnee, dort wo durch Moldauberge sich rauschend die Putna gießt, vor Riga und vor Belgrad, weit in Italien und Polen, "in Makedoniens glühendem Sande und tief unten auf dem Grunde des Ozeans. Sie starben — auch die Zwölftausend — Hamit Deutschland lebe. Fast siebzigtausend deutsche Juden aber kehrten aus den Schützengräben zurück ins Vaterland. Sie nahmen ihre Arbeit wieder auf im Gedenken an die Kameraden, die dem Lande ihrer Geburt und . ihrer Liebe den größten Tribut entrichtet hatten, den ihres Lebens. Wir jüdischen Frontsoldaten haben in den Lehmlöchern und den Unterständen da draußen nicht gelegen um der äußeren Anerkennung und der Bevorzugung willen, und unsere Kameraden, die seit 16 und 18 und 20 Jahren die Erde deckt, starben nicht um materiellen Lohn für sich, ihre Eltern oder ihre Kinder. Sie taten ihre Pflicht bis zum letzten Atemzuge — nicht mehr, aber freilich auch nicht weniger. Nicht auf verlorenem Posten kämpften sie und wir, sondern in der Gewißheit, dem Vaterla,nde zu dienen —zu dienen aber auch dem Judentum, das von seinen Bekennen: die Arbeit an den Aufgaben der Allgemeinheit verlangt, die Hingabe für das Wohl des Landes, in dessen Mitte sie leben. „Erstrebet das Wohl des Staates, in welchen Gott euch geführt hat, denn das Wohl dieses Staates ist euer Wohl!“ So haben Juden überall ihre Pflicht erfüllt, gleichgültig, wie man sie behandelte, gleichgültig wie man ihnen im bürgerlichen Leben gegenüberstand, nicht nur aus dem Gefühl der Loyalität heraus ohne innere Bindung, sondern erfüllt von liebevoller Pflicht und der doppelten Verantwortung für ihr Vaterland und ihre vieltausendjährige jüdische Gemeinschaft. * Wie schwer wiegt diese Pflichterfüllung angesichts'der besonderen jüdischen Auffassung von Krieg und Frieden. Das Judentum war der Friede w: allen Zeiten seiner Geschichte. Im Vordergründe jüdischen Fuhlens, Lehrens . und Lernens stand und steht der fundamentale Satz „Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst“, jener Satz, der nach einem Worte des großen Hill ei zusammenfaßt, was an ethischen Nonnen im Judentum überhaupt vorhanden ist. Liebe Deinen’ Nächsten wib Dich .selbst, übe Menschlichkeit und Gerechtigkeit, glaube an den höchsten Richter und den obersten Führer, der kein Gott1 der Rache ist, sondern ein Gott der Liebe und des Verzeihens. Und wenn in der Bibel, dieser Chronik jüdischen Geschehens der alten Zeit,, sehr oft Schilderungen von ~ Kriegen und harten, ja grausamen Maßnahmen Vorkommen, so muß man gerechferweTse auch unterscheiden zwischen dem Christentum, dessen Wesen sich aus der Bergpredigt ergibt, und dem, in dessen Namen die ' mittelalterlichen Scheiterhaufen der spanischen Inquisition angesteckt wurden. Das Judentum ist der Friede, und um 700 v. sagt bereits der Prophet Micha:- - ,JDenn von Zion wird die Lehre’ausgehen und und das Wort des Herrn von Jerusalem. Dann wird er richten zwischen vielen Völkern und weithin entr scheiden zwischen mächtigen Nationen. LTnd sie schmieden ihre Schwerter um zu Pflugscharen und ihre Lanzen zu Rebmessern. Nicht mehr wird Volk gegen Volk das Schweft erheben und man wird fortan den Krieg nicht mehr . erlernen.“ „ Und Jesaja sagt um dieselbe Zeit: „Der Gerechtigkeit Werk ist Friede, der Gerechtigkeit Wirkung Ruhe und Sicherheit ewiglich. Dann wohnt mein . Volk in der Wohnung des Friedens und in Hütten der Zuversicht, in sicheren Ruhestätten.“ Bismarck hat einmal die Bibel „unser aller Mutter“ genannt. Ihre Lehren, die Lehren unserer Führer und Propheten haben beigetragen und werden beitragen, die brutalen Instinkte und Leidenschaften der Menschen -zurückzudrängen und einzudämmen. Und gerade weil wir heute vom messianischen Ideal weiter entfernt sind denn je, ziemt es uns Juden in unbeirrter Liebe zu uns.erem deutschen Vaterlande und gerade um dieser Liebe wil.len, zu unserem bescheidenen Teile für den. Frieden in der Welt zu arbeiten. Wir sind nur eine verschwindend kleine Gemeinschaft und unser Wort gilt nicht allzuviel. Aber es gibt — nach dem Ausspruche eines großen deutschen Juden „Pforten, vor denen ein fallender Tropfen wie Erzklang dröhnt.“ So seien diese Tage, an denen vor zwanzig Jahren die Völker der Erde gegeneinander zu Felde zogen, der Erinnerung geweiht, aber auch der Mahnung_und der Besinnung. So wie wir uns wie damals unverbrüchlich einordnen in deft deutschen Staat, dessen Wohlfahrt auch unsere Wohlfahrt, dessen Ruhm auch unser Ruhm, dessen Größe auch unsere Größe ist, ebenso ist esunsere menschliche und göttliche Pflicht, in Ehren und in Würde mitzuarbeiten an der Versöhnung der Völker. Durch den Tränenschleier der Vergangenheit undder Gegenwart, getragen von gläubigem Vertrauen auf das Göttliche über uns und in uns blicken wir — hoffnungsvoll trotz allem — in das unerforschbare Reich der kommenden Tage. Professor Dr. Carl Joel gestorben* Basel. Kurz nach Begehung seines 70. Geburtstages, der von der wissenschaftlichen Welt mit großen Ehrungen begangen wurde, ist der Professor der Philosophie,an der' Universität Basel, Dr. Carl Joel, gestorben. ■ Joel, der in Hirschberg als Sohn eines Rabbiners geboren war, stammte aus einem alten rabbinischcn Geschlecht. Er gehörte zu den feinfühlendsten und tiefdringendsten Kultur-_ kritikern der Gegenwart und hat sich ganz außergewöhnlich vielseitig wissenschaftlich betätigt. Seine Werke führen den Kampf gegen die Seclenlosigkeit des mechanistischen Weltbildes der Psychologie und der Philosophie der Oegcnwart. Gott ist ihm das ewige Leben ln beständiger Erneuerung. Die Beisetzung Carl Joels hat am Mittwoch aut dem Israelitischen Friedhot ln Basel atattgefunden. Die drei Angeklagten werden mit Gefängnis bestraft Sühne für die Friedhofsschünder in Paderborn Nach -einem Bericht des „Westfälischen Volksblättes“ hat. die Friedhofsschändung in Paderborn ihre Sühne vor dem dortigen Schöffengericht gefunden. Die als Täter festgesfellfen Angeklagten Johann- Schm Idt^Fiam -Nehermann und Hermann WOIInerhielten in der Verhandlung ihr bereits im Vorverfahren abgelegte» Oeständnts in vollem Umfange aufrecht. Sie hatten in der Nacht vom 28. zum 29. Juni eine Namenatagafeier. aut der „Schönen Aussicht“ mitgemacht und nach Ihren Angaben reichlich dem Alkohol zugesprochen. Von Schmidt sei dann der Gedanke amgegangen, d~en Davidstern von der Leichenhalle des israelitischen Friedhofs herunterzuholen. Er habe dies mit den beiden Mitangeklagten besprochen, worauf sie'sich zu Driit aut den Weg gemacht hätten. Schmidt sei dann mit Hilfe einer Leiter zum Dach der Leichenhalle hinaufgestiegen und habe allein den Davidstern heruntergcschlagen, während die. beiden anderen die Leiter gehalten hätten. Nchrmann sei nach der Tat zur _ „Schönen Aussicht“ zurückgegangen, während die beiden anderen zurückblieben. Schmidt stürzte sodann 5.4 Q r afast ei ne um, wozu er nach seinen Angaben 15—20 Minuten gebraucht habe. Währenddessen habe Wüllncr draußen „Schmiere“ gestanden- — Die Beweisaufnahme ergab einwandfrei,-daß die da und dort geäußerten Vermutungen,, die Sache sei von einer be-, stimmten Stelle angeregt worden, vollkommen unbegründet sind. Der Staatsanwalt führte in seiner Anklagerede u. a. aus, daß von einer Trunkenheit, die von den Angeklagten als Entschuldigung für ihre Tat angeführt worden sei, wohl kaum die Rede sein könne. Insbesondere habe Schmidt durch das Umstürzen der schweren Grabsteine eine Tat begangen, die er nur im Zustande der Nüchternheit habe begehen icönnen. ' Abgesehen davon sei nach neuerem Gesetz auch derjenige in vollem Umfange strafbar, der in der Trunkenheit eine straf-s bare Handlung begeht. Auch die weitere, als Entlastungspunkt. gedachte Angabe des Angeklagten Schmidt, er leide an epileptischen Anfällen, die sich in einer -Art Zerstörungswut ankündigten, könne durch das Ergebnis der Beweisaufnahme nicht als erwiesen gelten. -Für die.Strafbemessung'sei Punkt 6 der Richtlinien zu berücksichtigen, die der Reichskanzler kürzlich aufgestellt habe. Das Urteil fautete gegen den Hauptangeklagten Schmidt wegen Grabschändung und Sachbeschädigung auf ein Jahr, gegen Wüllner auf . sechs Monate und-Nehermann aut vier Monate Oef ä n gnis. Steinwürfe in der Synagoge Sabbatgottesdienst in Tel Awiw gestört Jerusalem. (ITA.) Der Ausgang der Revisionsverhandlung im Stavsky-Prozeß hat nicht dieerwartete Milderung, sondern im Gegenteil eine erhebliche Verstärkung des Kampfes zwischen Revisionisten und Arbeiterpartei berbeigeführt. Die Parteileidenschaften machen nicht einmal mehr vor dem Gotteshause halt. Während des Sabbat-Gottesdienstes in der Großen Synagoge von -Tel Awiw kam es zu schweren Störungen, als Abraham Stavsky, der neben Zwi Rosenblatt dem Gottesdienst beiwohnte, zurThora-aufgerufen wurde, um ein Dankgebet für seine Freisprechung zu verrichten. Eine Gruppe Jugendlicher versuchte Stavsky auf dem Wege zum Vorlesepuft aufzuhalten, es wurden auch Steine geworfen, ln dem Oedränge wurden mehrere Personen leicht verletzt, darunter der Polizeikorporal Silberg. Der Vorfall löste unter den Betern tiefe Empörungaus.