Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 14 (1934)
- Issue
- 59 (24.7.1934)
- Date
- 1934-07-24
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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14. Jahrgang Nummer 59 3ifiöifdi-(ibetale 5ei(ttng Beilage 24. Juli 1934 Ein Kinb ijf wrfdjwunben.. Hermann erhob sich, klopfte an sein Glas, und als es still wurde, sprach er, die ersten Worte etwas erregt, und dann ruhiger: „Meine lieben Kinder und Gäste! Ich hai>’ Euch etwas — was Freudiges mitzuteilen! Die Verlobung, zwar . . .“ sprach er nun mit düsterer Miene, „soll man am Sederabend keine Verlobung feiern, aber meine Frau hat Ein Hüsteln Frau Salis hielt ihn von weiteren Vorwürfen ab, und er lenkte rasch ein: „Also — die Verlobung meiner Tochter Berta mit Herrn Professor Fried. „Massel tow!“ rief er, was ,;Gut Glück“ bedeutet. Alle wiederholten „Massel tow!“, erhöhen sich, die Gläser klangen aneinander, ein' allgemeines Glückwünschen und Küssen folgte, und die Kinder, des Ulks wegen, wünschten jedem mehrmals Glück. Nur der Gast stand wieder abseits und enthielt sich der allgemeinen Freude. Da trat Mizzi in das Speisezimmer. Der Fremde zuckte zusammen, aber Frau Sali rief freundlich: „Na, Mizzi! Woll’n Sie auch gratulieren! Kommen’s nur!“ Mizzi ging zur Braut und sägte leise: „I wünsch’ Ihna viel Glück, Fräul’n s Berta!“ Sie sagte .dies so erregt, daß Fräulein Berta erstaunt fragte: „Was haben Sie denn Mizzi?“ „1? Nix. 1 — muß nur dem gnä, Herrn was sagen!“ Und sie wandte sich zu Herrn Hermann und sagte leise: „Gnä Herr! Der Hausmeister'— is'draußt in der Küche!“ „Der Juranek?“ rief Herr Hermann erstaunt: „Was will er? Sagen Sie ihm, er soll Weggehen. Wir feiern da ein Fest, er soll morgen kommen.“ „Gnä Herr! Er sagt, er muß mit Ihna reden! — Bitt’ schön, lass’n S’ ihn eini, sunst . . .“ . „Was sonst? Drohen will er mir?“ Frau Sali beschwichtigte: „Hermann! Folg mir, laß ihn herein.“ Es bedurfte gar nicht mehr seiner Erlaubnis; denn in dem Augenblick öffnete Juranek selbst die Tür und trat ins •Speisezimmer. Er blieb bei der Tür stehen und blinzelte. Vielleicht wegen des vollen Lichts, vielleicht aus Tücke; denn eigentümlich lächelnd sagte er: „Hausherr! I war schon früher da und hab’ die Tinerl gesuacht! Mir find’n das Kind net! Sie is verschwunden!“ „Und? — Was wollen Sie da von mir?“ fragte Herr Hermann. — Man hörte das Ticken der Pendeluhr, so still war es im Speisezimmer geworden und alle sahen erstaunt llnd — ein wenig ängstlich auf den Eindringling. „Das is nämli aso!“ erklärte Juranek. „Das Kind is net da, und alle Parteien, so a fufzig Leut’ stehn . . .“ Er zeigte zur Tür des Korridors „draußt am Gang!“ „Fünfzig Leute?“ fragte Herr Hermann. . . „Ja, sie sein aufgeregt und mi hab’ns ’neing’schickt: i soll den Hausherrn fra'g’n, wo das Kind is?“ „Mich soll’n Sie fragen?“ „Na ja! Weil;das-Kind allaweil beim Fräul’n Berta is!“ Er sah die Braut an. „Vielleicht weiß die Fräul’n. Berta, wo die Klane ist?! Sie spielt doch allaweil mit ihr und sie...” - „Gebt’s uns dehs Kind außer“, hörte man jetzt die Leute vor der Tür rufen: „Qebt’s uns das Kind außi! Mir lassen’s net schachten!“ ' . „Um Gotteswillen!“ rief Herr Hermann, und wurde leichenblaß. „So steht das?“ „Vater!“ rief Fräulein Berta. „Ich geh’ hinaus zu den Leuten, und ich sag* ihnen, daß das Kind nicht bei uns ist, daß es schon nachmittag mit dem Hauberl weggelaufen ist! Mir werden sie’s glauben. Ich geh’ hinaus!“ ' „Nicht, Berta!“ rief der Professor ängstlich und hielt seine Braut ängstlich zurück. „Nicht untersteh’ dich, Berta!“ warnte Herr Hermann „zu sie hinauszugehen! Weißt du, was sie mit dir,dann . . .?“ Wegen Juranek vollendete er nicht und wandte sich zu ihm: „Und Sie — Juranek! Was — haben Sie den Leuten! gesagt?“. Juranek zuckte nur mit den ‘Achseln, und während .er’ in der Richtung zum Korridor hinaus deutete, sagte er: „Was kann' man machen, Hausherr, wann die. Leut’ das glaub’n?“ Und dann ging er. Bald hörte man, wie ihn die Leute auf dem Korridor empfingen. „Warum hab’n S’ das Kind net mitbrächt? Mir lassen’s net schachten!“ Drin im Speisezimmer — die Verbindungstür zwischen Küche und Speisezimmer war geöffnet — hörte man jedes Wort. . „Bitte doch um Wache zu schicken!“ riet der Professor. „Mein lieber Professor!“, sagte Herr Hermann, „die Leut’ steh’n vor der’ Tür. Wer soll durchgehen durch sie? Wer traut sich?“ „Aber es müßte doch eine Verbindung mit der Außenwelt möglich seinl“ _ „Nein“, sagte Herr Hermann. „Wir sind leider abgeschnitten. In der Straße sind wir die einzige jüdische Familie, sonst lauter Feinde!“ ... Ratlos, hilflos — Wohnungstelefon gab es damals noch nicht — sah sich Herr Hermann im Zimmer tun. Da. erblickte er die Mizzi, und während es wie eine Hoffnung inseinen Augen aufflackerte, rief er: „Mizzi! MizziI Sie kennen uns. Sie sind schon neun Jahre bei uns im Haus! Mizzi! Gehen Sie hinaus und reden Sie mit die Leut’ — und —: beruhigen Sie sie!“ — — Mizzi verließ das Speisezimmer, und als sie in die Küche kam und hörte, wieihre Volksgenossen riefen: „Die Von Leopold Hichler-Ehrlich Juden hab’n unsem Heiland kreuzigt und jetzt wollen’s das Bluat von unsere Kinder!“, da war sie empört und — schwankte dennoch. - Neun Jahre war sie im Hause Mautner. Sie kannte alle Familienmitglieder, kannte alle jüdischen Feste und-wußte, daß der Familie Mautner nichts ferner lag als Mord und gar ■ Mord an einem unschuldigen Kind! Sie wußte dies alles, war davon überzeugt und dennoch . . .1 Welches Rätsel? Was lebte in ihrer Seele? Ein niedergetretenes, knisterndes Feuer, nun aber durch den Hauch einer Anschuldigung zur giftigen Flamme des Aberglaubens entfacht: Die Juden brauchen Christenblut zu ihrem Passahfeste!! — Mizzi wollte es nicht glauben und_— mußte es wieder glauben. In ihr kämpfte die alte Anhänglichkeit, das Menschliche mit — einem noch tiefer wurzelnden Gefühl, dem Instinkt ihrer Rasse; ein Instinkt, der fast jeden Christen — die es leugnen, schämen sich nur — zu diesem Aberglauben drängt. Es ist unfaßbar, und man muß tief in die menschliche Seele schauen, um es begreifen zu können: Die Christen sehen in den Juden ein fremdes Volk mit fremden Gebräuchen! Sie sehen ferner die zähe Lebenskraft dieses Volkes und dies' dünkt sie geheimnisvoll, weil sie die Quelle dieser rätselhaften Kraft nicht kennen: Das einfache Schema-Jissroel, den Glauben. der Juden an die Thora! Und sp fühlen sie nur mit Widerwillen, daß eine kleine Minderheit in sie eingekeilt, fest gesogen, fast unbesieglich sei und ratlos flüchten sie zum . Verdacht. So etwa, wie die Franzosen und Belgier im Weltkrieg den Deutschen alle Schandtaten andichteten. So, wie die alten Römer eine kleine, neue Sekte, das Christentum, des RitualmOrdes beschuldigten.- Mizzis historische Kenntnisse waren gering. Sie wußte nichts von den Ritualmordprozessen im alten Rom und von den durch die Folter erzwungenen Geständnissen ihrer'Ahnen: Sie hätten Blut römischer Kinder gebraucht! — Und so war ihr Herz freivon dem bedrückenden Gefühl dieser Erinnerungen und frei von der Erkenntnis; wie sehr eine solch’ grundlose Beschuldigung schmerzt! Sie wollte zwar ihre Herrenleute retten und wollte hinaus auf den Korridor zu den erregten Menschen; aber — sie konnte es nicht, weil ihr die Kraft der überzeugung^fehlte, und so blieb sie unschlüssig — schwankend, festgehalten vom Aberglauben, vonvärtsgetrieben vom Pflichtgefühl in der Küche steSenT-— Da stand plötzlich — der Gast, der alte Bettler vor ihr. Er sprach kein Wort. Er sah sie nur an, und das jahr- Lächelnde Weisheit Das Sinnbi 1 d des Friedens. Als der berühmte Gaon Rabbi Mordechai B a n e t. Landesrabbiner von Mähren war, verbot die Regierung eine Neuausgabe des Talmud. Rabbi Mordechai bat und erhielt eine Audienz bei Kaiser Josef und suchte ihn umzustimmen. Der Kaiser, wohl belesen in jüdischen Schriften, erlaubte dem Rabbi schließlich die Herausgabe des Halacha-Teils des Talmud, während der Agada-Teil verboten bleiben solle. „Aus welchem Grunde, Majestät?“ fragte Mordechai, und der Kaiser antwortete: „Weil dieser Teil ganz sinnlose Sprüche und Erzählungen enthält — zum Beispiel heißt es im Traktat Berachot: ,Wer im Traum einen kochenden Topf sieht, der möge auf Frieden hoffen.’ Wo steckt da der Sinn, Rabbi?“. Mordechai besann sich und erwiderte: „Was im Talmud gesagt wird, hat immer eine wissenschaftliche. Grundlage und einen symbolischen Sinn. In diesem Gleichnis wird auf die zwei Gegensätze Feuer und Wasser hingewiesen, die sich sonst stets bekämpfen, im kochenden Topf aber zu friedlicher Tätigkeit sich vereinen. So ist dies Traumbild ein Sinnbild des Friedens,“ Der Kaiser war von dieser Erklärung des Rabbi so befriedigt, daß er das-Verbot aufhob. Wie mans macht, macht mans falsch. In einer großen Gemeinde Schlesiens war zur .'Feier des 50jährigen Bestehens der liberalen Synagoge auch der Rabbiner. des orthodoxen Gotteshauses eingeladeh worden, er' war jedoch der Einladung nicht gefolgt. Als ihn nach einiger Zeit ein Amtskollege traf und ihm sagte:- „Ich habe mich gewundert, daß Sie der Einladung nicht gefolgt sind“, erwiderte der gesetzestreue Rabbiner: „Und wenn ich ihr gefolgt wäre?“ „Dann hätte ich mich noch mehr gewundert“, gab der Kollege zur Antwort. Betteln verboten! Der Breslauer Religionsphilosoph Manuel Joel, dessen Gebetbuch für die Neue Synagoge in Breslau für die religiöse Entwicklung des deutschen Judentums wichtig geworden ist, war nicht nur wegen seiner Gelehrsamkeit, sondern auch wegen seiner Wohltätigkeit bekannt. Keiner, der bei ihm Hille suchte, ging ohne Almosen von ihm fort. Um sich vor ungebetenen Besuchern zu schützen; hatte er an seiner Wohnungstür ein Schild anbringen lassen mit der Aufschrift: „Verein gegen Hausbettelei“. Eines Tages fand man darunter die mit Kreide geschriebenen Worte: „Aber geben tut er doch!“ schrie eine robuste Trau; sie-liatle tausendalte Leid, das aus seinen Augen, wie bittend um Hilfe blickte, weckte in ihr, was ihr Heiland einmal so schön gesprochen: Wahrlich! Was Ihr einem unter diesen meinen geringsten Brüdern getan habt, das habt Ihr mir getan! Da konnte sie nicht anders, öffnete die Tür, trat auf den Korridor hinaus, schloß rasch mul vorsichtig die Tür hinter sich, mul wandte sich nun zu den erregten Menschen.:. „Aber Leut'! Leut’! Seid’s do g’schcidt! Das Kind wird si ja nur verlaufen haB’n!“ „Derzähl’n S’ uns nix!“ rief man ihr zu. „Lassen S’ ujis nur eini. Mir wissen alles: Die Juden brauchen. Iicut’ a Cliristenbluat!“ „Naim!“ rief Mizzi. „1 scliwör's Euch: nalm! Die' da drin sein brave Juden!“ „Hört’s net-auf sie!1 ein Beil in der Hai]d. „Hört’s net auf sie. Sie .mul! so red’n. Sie frißt caua Brot!“ . „Naim! Naim!“ rief Mizzi. „GlaubPs mir’s. Es is aso. I scliwör’s Euch heim ...” Sie unterbrach. Sie konnte nicht weiter sprühen. Sie fühlte eine, infolge ihres Zustandes . plötzliche Übelkeit. Sie schloß eine Weile die Augen und daun, während es wie eine Flamme in ihre Wangen schoß, rief sie: „1 scliwör’s Euch bei — dem Kiiidr das i da unterm Herzen trag’!!“ Einen Augenblick standen die Leute still mul liekloininen; aber bald rief einer-und riß die andern mit: „LasseTTS’ uns ’nein! Die-Juden hab’n (las Kind versteckt! Mir wolleu’s suachen.“ . — ■ „Und i scliwör’s Euch noch einmal: 1 war net furt aus der Wohnung, seit das Kind von uns fort ist I hnh’s do’ selber g’seh’n, wia’s mit’ beim llnuiu . . .! Jessas Marand Joseph!“ schrie, sie plötzlich auf. Eine furchtbare Ahnung durchzuckte sie. Sie konnte nichts sagen als: „Beim Brünnl Beim Brünnl“ Ihre Lippen bebten, .wurden bläulich vor Angst, und mit dem Ruf: „Kommt’s mit nunter zum’ Brunn!“ lief sie die Stiege hinab. Einige Leute folgten ihr, der größere Teil der Menge blieb aber vor der .verschlossenen Tür stehen und wirr riefen sie durcheinander: „Das mit dem Brunn is a Lug! — Die will uns nur wcghab’n von da, damit daweil die Juden verschwinden mit dem Kind!“ Da rief die Frau mit dem Beil: „Haun’ ma dfe Tür ein, wann S’ uns dai Kind net aussi geb’n!“ - Drinnen im Speisezimmer hörte man jedes Wort. . Das Brautpaar, aus dem seligsten Olück in den furchtbarsten Schrecken geworfen, war wie erstarrt. Die Enkelkinder weinten. Frau Resi wollte ihre Kinder verstecken. — '- Einer der erwachsenen Söhne begann in seiner Angst zu beten, die anderen liefen wie besinnungslos iin Zimmer umher, nur Herr Hermann blieb ruhig: „Setzt’s Euch alle“, sagte er., „Der Scder geht weiter. Wir wer’n benschen. ’Rabaussai!“ begann er das Tischgebet, und als Antwort wie ein Donncrschlag ertönte von draußen der Ruf: „Nieder mit die Juden! Haut’s cs nieder!“ Und schon hörte inan die Beilhicbe gegen die Türe. Der strenggläubige Jude hofft — ach, wie lange schon! . —, daß der Messias, der Prophet Elia am Sederabend erscheinen werde, in jeder jüdischen Familie' erscheinen, und alle Juden in das Gelobte Land, in der Väter Heimat führen werde. , An diesem felsenfesten Olauben hing Herr Hermann auch jetzt, im Augenblick der höchsten Ocfahr. - Er nahm; den für den Propheten' bestimmten Becher, der während des ganzen Seders für den ziTerwartcndcn Gast ' und Helfer bereit stellt; er nahm diesen Becher, um ihn ' der Vorschrift gemäß mit Wein zu füllen. Herr Hermann war ein alter Mann. Vierzig Jahre schon im eigenen .Heim!, Seit vierzig Jahren hatte er alljährlich an jedem Sederabend den Becher, für den Propheten Elia gefüllt; aber noch niemals 'hatte er es mit solcher Inbrunst getan; noch nie war er so sehr der Hilfe und Rettung bedürftig gewesen als an diesem Abend.. . Er füllte den Becher, und mit einer Stimme, die aus : tiefster Seele kam, rief er: „Eli Hanowi! MeschiaCh! Wo bist Du? Du sollst uns schützen! Du sollst uns ins Gelobte Land führen! Eli Hanowi! Hilf uns!“ - Da erhob sich der Oast. Er faltete die Hände. Seine Augen, wie überirdisch leuchtend, blickten verklärt nach oben. Plötzlich erlosch das Feuer in'seinen Augen; denn die Tür vom Korridor wurde aufgestoßen und herein stürmte die Mizzi:' „Das Kind is g’fund’n wor’n!- Es is . . .“, sie schluchzte. Sie konnte nur mit Mühe weiter sprechen. ,;Es is im Brunn ertrunken!“ „O Gott!“ rief Fräulein Berta. „Wie ist denn das möglich?!“ — „Der Gattern is eing’sturzt! Der Juranek is wie narrisch! Die Leut’ sein alle furt! Jetzt erst . . .-“rsie weinte wieder. „Jetzt erst hab'ns s’ mir’s glaubt!“ Draußen, auf dem ' Korridor war es 'auch ganz still geworden. Erschüttert und beschämt waren die Leute davongeschlichen. drin im Speisezimmer stand Herr Hermann regungslos. Er sah die Mizzi .an. Er sah seine Familie an und — tief atmend sagte er: „Kinderl Wie waren, dem Tod näher wie