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Jüdisch-liberale Zeitung · 1934-07-17 · 57 (17.7.1934) · page 5

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
14 (1934)
Issue
57 (17.7.1934)
Date
1934-07-17
Page
– (sequence 5)
Language
German
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14. Jahrgang Nummer 57 JjiötfdMMietale 3eifmig Beilage 17. Juli 1934 ME DER EHE Junger Mann , macht sich Gedanken Heiraten oder nicht? Eine alte talmudische Regel besagt, daß man mit achtzehn Jahren heiraten soll, und wenn früher, um so besser. Na, ich weiß Ja nicht. Wäre der Talmud im Jahre 1934 abgeschlossen worden, so wäre er vielleicht zu anderen Resultaten gelangt. Jedenfalls gibt es kaum eine andere Glaubensgemeinschaft, die an der Heiligkeit der Ehe so sehr festhält, wie die jüdische. Es ist charakteristisch, daß man in religiösen jüdischen Häusern den Eltern für den Neugeborenen diese drei höchsten Lebensgüter wünscht: Thora, Eibe und gute Werke. Als eine der vornehmsten'Pflichten der jüdischen Frau gilt es, armen Bräuten zur Heirat zu verhelfen. Der vieldiskutierte Schadchen, der Heiratsvermittler, wird bei den Juden des Ostens zur Kategorie, der Kultusbeamten gezählt,1 wie der Rabbiner, der Religionslehrer, der Schächter. Aber ist das ein Grund zum Heiraten? In heutiger Zeit? Sicherlich nicht. Ebenso wenig wie sich jemand, der zwar nicht ewige Wolkenlosigkeit, aber ein gesteigertes Lebensgefühl von der Ehe erwartet, davon wird abhalten lassen, sich eine Partnerin fürs Leben zu suchen. Wenn er die richtige findet. ‘ Heiraten — oder nicht? Ein wissenschaftliches Institut in Paris hat sich die Mühe gemacht, 96 834 (in Worten: sechsundneunzigtausend achthuudertvierunddreißig) Ehen mit allem Ernst zu prüfen. Das Ergebnis: man fand darunter ganze 13 (in Worten: dreizehn) glückliche Ehepaare. ~ . Eine betrübliche Feststellung, die einen abschreckeu könnte, wenn nicht — Ich habe daraufhin die Literatur zu Rate gezogen. „Man sollte vielleicht nicht, aber man muß,“ schrieb Graf Kaunitz an seinen kaiserlichen Herrn und Gönner, „wegen des Staates, des Stammes und des Standes.“ Nun, diese Argumente fallen heute weg. Außerdem war Graf Kaunitz — Diplomat. - „Zur Liebe braucht man keinen Grund, zum Heiraten ' sehr viele“, sagt Börne, und fährt fort: „Schon~das könnte einen stutzig machen,-und darum ist wohl auch für die Liebe „unvernünftig“ geradezu eine zärtliche Schmeichelei, aber man wird sich hüten, das gleiche von der Ehe zu sagen.“ Und Mark Twain? Er meint: „In der Jugend weiß man zu wenig von Frauen, im Alter zu viel, am besten wär’s, wenn man schon verheiratet zur Welt käme. Dann könnte man ' •es sich nicht anders vorstellen, wie jetzt im Scholl seiner Familie. Man ist ja mit seinen Angehörigen auch nicht immer zufrieden und versucht es doch niemals mit anderen Eltern oder Geschwistern.“ Man weiß, daß Schillers Freundin Charlotte von- K a 1 b sehr überschwenglich war. Einmal hat sie sich aber sehr klar und schlicht ausgesprochen, als sie schrieb: „Weint zwei sich finden, die überzeugt sind, daß sie mm ihr" Leben lang sonst niemand auf der Welt brauchen-, hat Gott die Welt noch einmal geschaffen. Und wenn es in dieser. Welt auch tatsächlich nicht unausgesetzt mir stürmische Seligkeit gibt, wissen doch wohl ihre schärfsten Kritiker kaum einen Ersatzfür sie.“ ' Also: Heiraten! Aber "wie? Die Möglichkeiten des Sichkennenlernens haben sich für uns Juden verringert. Der gesellschaftliche Verkehr ist zwangsläufig eingeschränkt. Gewiß, es gibt .Gelegenheiten: Jüdische Sprichwörter Rings um die Ehe Zmn Traualtar läßt man sich führen; zur Scheidung läuft man 'selbst. Eine Mutter fragt: Und unsere ■ Wie war es doch früher? Wenn man eine Tochter hatte, dann war die größte Aufgabe der Eltern —. und besonders der Mutter— das behütete und geliebte Kind zu versorge», illm eine Zukunft zu schaffen, ein auskömmliches' Dasein, ein Heim, eine Zuversicht fürs Alfers. Wer anders konnte das bieten als ein Gatte? Die Ehe galt als der Hafen, der vor den Stürmen des Lebens schützen sollte.-' Ach — es ist nicht immer ein Hafen und war es auch nicht immer. Weder ein ruhiger noch ein sicherer Hafen. Es gab auch da Stürme und Schiffbruch. Dennoch: Der Hafen gilt nun einmal als eine Zuflucht, und alle gegenteiligen Erfahrungen haben diesem nichts von seiner Anziehungskraft nehmen können. Es kam aber eine Zeit, in der die Worte „gut verheiratet“, „gut versorgt“ zu sein den jungen Mädchen mißtönend klangen. Sie wollten nicht versorgt werden, sondern sie. wollten für sich selber sorgen. Es geht auch ohne den Mann, das war das neue Schlagwort und" — leider — es wurde nicht selten durch ein anderes abgelöst: es geht auch ohne Ehe. Berufstätige Frauen gab es ja immer: es ist falsch, dafür etwa die neueste Zeit allein verantwortlich zu machen. Es gab aucit genug Mädchen, die nach ihrer Verheiratung nicht aufhörten, beruflich tätig zu sein, entweder auf ihrem bisherigen Arbeitsfeld oder im Geschäft des Gatten. . Das brachten die wirtschaftlichen Verhältnisse mit siqh, die es oft dem Manne allein zu schwer machten, die ganze Last des Haushaltes zu tragen. Die Frau mußte und wollte auch oft mithelfen — lieber mitarbeiten und nicht auf den kärglich abgezählten Pfennig angewiesen sein, nicht auf so manches, das man sich im Eltemhause als junges Mädchen hatte leisten können, verzichten müssen. Unsere Töchter bildeten sich also beruflich aus. Der eigene Wunsch und — sehr häufig — der Ehrgeiz der Eltern ließen die Mädchen „studieren“. Die Abiturientin, die Studentin, die Akademikerin — früher etwas Angestauntes und beinahe Unheimliches — wurden etwas Alltägliches. Die Mädchen wurden, wie die jungen Männer, Ärzte, Rechtsanwälte,. Ingenieure, Volkswirischaftler, Diplomkaufleute. Man beschäftigte die Frau in jeder Art von Beruf, das Mädchen hatte viel Gelegenheit in der .Werkstätte, im Büro, auf der Hochschule mit Männern in anderer Weise zusammen zu kommen, als in engen Familienzirkeln oder gelegentlich'auf einem Balle. Man lernte einander ungezwungen kennen; der Sport trug auch das seine dazu bei und auf der Basisgemeinschaftlicher geistiger und auch wirtschaftliaher- Interessen kam manches Ehebündnis zusammen. Ob es besser oder , schlechter ausging, als die früher übliche Art der Eheschließungen, darüber läßt sich gar nichts sagen: das Glück der Ehe hängt viel mehr von Imponderabilien, dem Ungreifbaren, Unwägbaren, Unfaßbaren ab, als von realen Tatsachen, deren Wirkungen sich einigermaßen berechnen lassen.. Was hatten wir Eltern, besonders, was hatten wir Mütter noch vor kurzem damit zu tun? Unsere Tochter sagte eines Tages; „Den Mann werde ich heiraten, fir wird sich nächstens bei euch vorstellen: Seid ein bißchen'nett zu ihm.“ Was hatten wir Mütter mit der ganzen Sache zu tun? Nichts anderes, als eben „ein.bißchen nett zu ilrni“ zu sein. Sollten wir unseren Töchtern viele Ratschläge geben? Ach s i e gaben uns Müttern Ratschläge, und wir mußten seufzend zugestehen, daß unsere Töchter zuweilen nicht immer, wie sie sich einbil den — das Leben von heute besser begreifen als wir Frauen von gestern. Den Müttern war aber, eine Sorge genommen: die Suche nach dem passenden Mann. Der Heiratsvermittler schien ein Töchter...? wenig in den Hintergrund getreten zu sein. Vermittelte Ehen gab es und gibt es in aller Welt bis in die höchsten Kreise. Was man den Juden immer nachrühmte und auch Judengegner Zugaben, war der geradezu sprichwörtlich gewordene Familiensinn und der reine Familiengeist unter den Juden. Groß- und Weltstadtverhältnisse dürfen für die Beurteilung dabei natürlich nicht | als Maßstab genommen werden.! Nun — die Mädchen wählten selbst. Sie fragten nicht mehr so viel danach, ob der Mann auch genügend Einkommen habe, um eine möglicherweise zahlreiche Familie anständig erhalten und versorgen zu können. Die zahlreiche Familie wurde unmodern, und unmodern war es auch, um jeden Groschen zum Manne kommen zu müssen. Man verdiente mit, man hatte eine eigene Kasse und war sie auch klein, so war sie immerhin.dazu da, die auch nicht große Kasse des Mannes zu stützen. Uns Müttern kam das alles seltsam vor — wir fühlten uns ein wenig unbehaglich, und vor allem, wir fühlten uns a u sgeschäl'te t. Ausstattung, Mitgift traten in den Hintergrund. Wer näht und stickt noch jahrelang an einer Ausstattung, wo gibt es noch die großen Truhen und breiten Schränke, um das alles aufzubewahren? Heute bringt man die ganze Leibwäsche in der hohlen Hand unter, die Hauswäsche wird fertig gekauft, wenn es so weit ist. Besser als eine Wäschetruhe ist ein Bankkonto oder'ein Sparkassenbuch. Unsere Mütter haben es anders gemacht und wir, als wir noch Töchter waren, fügten uns und gehorchten und wehrten uns 'nicht gegen althergebrachte Sitten und Heiratsgebräuche. Da kam unerwartet eine neue Zeit, die sich besonders nachhaltig für die Angestellten, die Akademiker, die freien Berufe und noch viele andere auswirkte. Nun hatten die Eltern schwere Opfer gebracht und das Mädchen studieren lassen. Es hatte fleißig gearbeitet, die Examina gut bestanden und hatte eine Stellung gefunden, eine Praxis erworben, war im Begriffe, die Früchte aufreibenden Schaffens zu ernten. Damit war es nun mit einem Mal zu Ende. Und derjenige, mit dem sie gemeinsam studiert, gelernt, gestrebt-hatte — dem ging es ebenso. Sie hatten nicht gefragt: er nicht, ob sie eine Mitgift, sie nicht, ob er ein gutes Einkommen besäße. Sie wußten, sie hatten in ihrem Wissen ein Kapital, und von dem . würden sie schon leben können. Und nun: am Ziel beinahe angelangt, fünf Minuten vor dem ersehnten Band, dem Eheband — aus! - Der Mann geht in die Welt hinaus — er schichtet sich uni, er lernt irgend etwas, was sonst vierzehnjährige Knaben lernen. Kann er das Schicksal eines zweiten Menschen an seine ungewisse Zukunft ketten? Zuweilen geschieht das — wenn .auch das Herz der Mutter dabei von Sorge und Trennungsschmerz erfüllt ist. Was läßt sich sagen, wenn die Liebe der jungen Menschen so stark ist, daß sie keine Trennung glaubt ertragen zu können — die Mutterliebe muß. aber auch eine Trennung erleiden können. Was kann eme Mutter nicht? ' Es wird jetzt sehr viel geschrieben und getan, um junge Ehen zu fördern, um den Kindersegen zu mehren, viel vprd gesagt, .'geschrieben und getan. Und unsere Töchter? Wie viele ' Ehemöglichkeiten sind mit einem Male vernichtet, Wie viele Mädcheiiträume ausgelöscht, wie viele Mutterfreuden und Mutterfreuden sind ertötet! Unsere Töchter! Auch sie werden neue Wege suchen ■ müssen und mit- Gottes Hilfe auch finden. Wege, die es ihnen wieder ermöglichen, der ..schönsten Bestimmung des Weibes zu folgen: eine liebende Gattin zu werden und eine liebevolle Mutter. Immi. . Wenn ein Mädchen einen alten Mann heiratet, bleibt sie eine junge Witwe. Der Mann baue sich ein Haus, pflanze sich einen Weinberg, und dann erst nehme er sich ein Weib. . * Es gibt keine häßliche Braut. * Ein schönes Mädchen ist eine halbe Mitgift. Die Tochter eines, reichen Mannes ist immer schön. Wenn die4 Eltern der Tochter keinen Mann geben, dann sucht sie ihn sich selbst. ' —. ' Wer eine Frau-nur des Geldes wegen .nimmt, bekommt ungeratene Kinder. Wohl dein Mann, der ein schönes Weib gefunden hat, seine Tage sind doppelt. Oott sitzt oben und paart unten. beim Sport, auf Wanderfahrten, in Arbeitsgemeinschaften Aber schon die Eisdfele ist kein Rendezvous-Ort, um heiße' Empfindungen äufkommen zu4 lassen. Tanzgelegenheiten? Erstens ist es nicht nach jedermanns (und jedes Mädchens) Geschmack, sich in der heutigen Zelt auf der Tanzfläche und damit auf der Oberfläche zu bewegen, und zweitens ist Har- . monie beim Tanz noch lange keine Garantie für eine harmonische Ehe. Ich glaiibe, die Wahl einer Lebensgefährtin darf nicht ganz vom Zufall abhängig gemacht werden. Das- Herz soll sprechen. Es muß sprechen. Aber. der Verstand braucht deswegen noch lange nicht zu schweigen. Sollte es keine temperamentvoll durchpulste Vemunftehe geben, nicht im. Sinne einer nüchternen, prosaischen Geld-. und Versorgungsheirat, sondern in dem einer Verbindung, bei der man Herz 'und Verstand, alle ausschlaggebenden Faktoren genau geprüft hat? —. . Wobei die Frage des Sich-Findens noch nicht gelöst' ist. In seiner „Philosophie des Geldes“ hat Georg Simmel die Heiratsannonce einen der-größten Kulturträger genannt und es als verwunderlich und bedauerlich bezeichnet, daß. sie so geringe "Verwendung finde. — Kulturträger? Scheint mir . etwas reichlich übertrieben. Trotzdem: Ich \terde es mal mit einem Heiratsinserat versuchen. ' — ' Max Elbersdorf. änfpcadfe ainos jungen fitd^djens Auch Ehe ist ein Beruf Schade, daß in unserem Klima der indische Pagodenbaum nicht wächst: wer in seinem Schatten schläft und naeü dem Erwachen die langen hängenden Zweige schüttelt, der kanir mit der Erfüllung all seiner Wunschträume rechnen. Wenn der märkische Sand solche Bäume hervorbrächte, dann würden alle Mädchen den „Richtigen“ finden, da alle den Wunsch haben, sich zu verheiraten. Zwar erklären sie fast alle einmal in ihrem Leben — nie heiraten zu wollen. Teils sind schmerzliche Enttäuschungen daran schuld, teils sind es wohl im Augenblick unerfüllbare Illusionen, die diese glücklicherweise nicht unwiderruflichen -Entschlüsse in ihnen, reifet» lassen. Aber aus Prinzip hat noch kein junges Mädchen eine Ehe verneint, uftd wenn es eben der Richtige ist — und der kann es .sein, ohne - dem Idealbild verträumter Backfische zu gleichen — wird sie mit tausend Freuden ja sagen. Schließlich ist es eben doch der angeborene Beruf, Frau und'Mutter zu sein, für das Wohl und Wehe anderer zu sorgen. Da heute die B e ruf smögl ichkei ten für jüdische Frauen besonders stark begrenzt sind, tendiert alles wieder mehr für eine Eheschließung. Der Ehestand ist auch ein.

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