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Jüdisch-liberale Zeitung · 1934-07-17 · 57 (17.7.1934) · page 1

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
14 (1934)
Issue
57 (17.7.1934)
Date
1934-07-17
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Berlin Dienstag, 17. Juli 1934 zix Berlin.; Preis 20 Pfg. Nr. 57 — 14. Jahrgang 3ür beutföes Suöcntum uttb reltgtöfeit Aufbau Merausgeber:Hahns Loewenstein Die »Jüdisch-liberale Zeitung“ erscheint zweimal wöchentlich: Dienstags und Freitags Waren wir auf falschem Wege? Eine Überprüfung des religiös-liberalen Judentums wird gemeldet: Von Rabbiner Dr. S. Samuel In eine neue, dritte Daseinsform war der Jude des 19. Jahrhunderts gelangt: das war das Ergebnis der&Emanzipationsepoche, wie es mit besonderer Klarheit Abraham Geiger herausgearbeitet hat Einst besaß jener ein selbständiges Volkstum; er lebte sodann neben der Menschheit abgesondert, und wurde nunmehr berufen, innerhalb der Menschheit zu wirken. Diese Wandlung forderte von ihm, in sich zur Einheit zu bringen den staatstreuen Bürger, den glaubensstarken Juden, den zukunftsgläubigen Menschen. Keine dieser Aufgaben fand an der andern die rechte Stütze, und doch verlangte jede.die ganze Persönlichkeit. Wie bequem ist es heute, da das Erlebnis, dieser Tage.uns zum• Oberprüfen unseres Weges zwingt, ein. großes Versagen festzustellen, auf den Verlust weitverzweigter Familien hinzudeuten, eine einzige, fehlerhafte Linie der Entwicklung auf- - zuweisen'. Versuchen wir einmal, ebenso-streng wie ehrlich gegen uns selbst zu sein, und eben diese-Linie der Entstellung und Verdunklung zu entreißen, der sie heute ausgesetzt ist. ” _ Bürger sollte der Jude in den sich bildenden Nationalstaaten werden; so wollten es die Vereinigten Staaten von Nordamerika, so beschloß es Frankreich. Aber auch Deutschland und der ganze Kontinent folgten, nicht minder England. Nur Rußland und Rumänien standen abseits. Alle Richtungen im Judentum verkündeten, daß die Vorsehung gesprochen, die Geschichte einen entscheidenden Schritt vorwärts getan habe. Erst als es an die Verwirklichung ging, gab allein das religiös-liberale Judentum zu erkennen, daß man bei der Ausübung und Wahrnehmung neuer Rechte auch das Opfer der Einfühlung und Anpassung bringen müsse. Die vielbeklagte Assimilation kündete sich an und zog ihre. Kreise; heute soll uns alles Heil von der Dissimilation kommen. Weil der Genuß unserer bürgerlichen Rechte eine Einschränkung erfahren hat, möchte man Tadel auf Tadel auf jene häufen, die sich nicht sogleich in der lang-: entbehrten Höhenluft einer vollen bürgerlichen und religiösen Freiheit zurechtfanden! Es war gewiß ein Glück, daß die' edelsten Vorkämpfer der Emanzipation, vorzüglich Gabriel Rieß er, ihnen beistanden, die Grenzlinie zwischen Bürger und Juden zu ziehen. Von- Rießer rühmte Geiger, daß er in 'seinem Kampfe um das Palladium der Freiheit auf die Juden aller Richtungen einen erweckenden Einfluß übte. Mit Schärfe wandte er sich nach innen gegen die Kleinmütigen, die sich des Namens „Jude“ schämten, oder eine innere Umbildung des Judentums anders als aus dem Judentume selbst herleiten zu können meinten. Und doch müßte jeder einzelne ein besonderes LoS bewältigen. Seine Staatstreue konnte der Jude nicht anders bekunden als dadurch, daß er den veränderten Platz mit Ehren einnahm, der ihm zugedaoht war. Denn es ging dem Staate durchaus und ausschließlich um den nützlichen Bürger,, nicht mehr um den auszunützenden Schutzjuden. Wollte er für einen der neueröffneten Berufe sich geschickt machen, so mußte er restlos die Bedingungen erfüllen, die daran geknüpft waren; insbesondere den vorgeschriebenen Bildungsweg beschreiten oder für seine Kinder wählen. Auch Samson Raphael Hirsch verkündete, daß die neue Zeit „Talmud-Thora verbunden mit Derech-erez“, d. h. Verbindung von Religion mit Landessitte erheische; er übersah aber, daß „Derech-erez“ in vielen Dingen ihre eigene Thora hat. Alle Richtungen im Judentume Aus Deutschland Der Reichspostminister hat neue Bestimmungen über die Abstammun'gsnachwcise erlassen, in denen darauf hingewiesen wird, daß in einigen Fällen bereits Beförderungen von Beamten verspätet’ ausgesprochen werden mußten, weil der Nachweis der arischen Abstammung, der vielfach schwierig sei und längere Zeit erfordere, nicht rechtzeitig durchgeführt werden konnte. “ * Simon Goldberg, der. Sologeiger des Philharmonischen Orchesters, hat,wie wir erfahren, seinen Vertrag mit der Stadt Berlin gelöst und eine Berufung nach dem Auslande angenommen. . > * Professor. Julius Guttmann, der seit dem Jahre 1919 Dozent für Philosophie an der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums in Berlin war, ist an die Universität Jerusalem berufen worden und wird demnächst Deutschland vorläufig für ein Jahr verlassen. Aus dem Ausland In Z ü r i c h hat ein Großmeister-Schachturnier begonnen, an dem neben den Weltmeistern Dr. Aljcchin, Dr. Bernstein, Bugoljubow und Nimzowitsch auch der einstige jüdische Schachweltmeister Dr. Emanuel L a s k e r teilnimmt. Lasker, der 66 Jahre alt ist und in London lebt, hat sich seit neun Jahren nicht mehr an einem internationalen Schachturnier beteiligt. * Aus Montreal in Kanada wird berichtet: der Bürgermeister von Windsor in der Provinz Ontario, David A. CroII, fanden,- daß aus dem Händler der Kaufmann, aus dem ' Geldleiher der Bankier, aus dem Kleinhantlwerker ein Fabrikherr werden dürfe; der ausgezeichnete Arzt, , Jurist, Ingenieur, Ökonom und Gelehrte mochte in Staatsämter gelangen und dort dem Gemeinwohl dienen — nur der Fremdheit, dem Anderssein, der Distanz sollte er niemals entsagen? Wir glauben, es gehörte in jedem einzelnen Falle des Energieaufwandes genug, um nach redlichstem Bemühen von Staat und Gesellschaft anerkannt und mit Amt und Würden belehnt zu werden. Leicht wurde es dem Juden niemals gemacht, alle Widerstände zu besiegen. ■ Diese oft unüberwindlichen Mächte ließen so' viele auf einen beamteten Platz im Staate, verzichten, der nun einmal seit Jahrhunderten dem Großteil der. Bevölkerung Vorbehalten war, und drängten sie auch gegen Wunsch und Neigung in die freien Berufe. Der-Anwalt, der Arzt, der . Techniker, aber auch der Darsteller, Schriftsteller, Journalist, der Musiker und bildende Künstler — das waren bald die bevorzugten Berufe. ' Verblieb auch die Mehrheit der Erwerbstätigen in Händel und Handwerk, so fehlte es auch nicht am Landwirt, Fabrik- und Heimarbeiter. Politiker jüdischen Glaubens wurden, wie alle andern, von den' großen gemischt-konfessionellen Wahlkreisen als Männer ihres Vertrauens zu Vertretern des Volkes erwählt und lösten oft, nicht dem Judentum zuleide, aber der Parteidisziplin zuliebe, Ihre Zugehörigkeit zu ihrem Glauben. Neben wenigen Juden vom Geiste Gabriel Rießers haben christliche Volksvertreter nicht selten Worte zur Wahrung jüdisch-bürgerlicher und -religiöser Rechte gesprochen.. Das in die neue Gesetzgebung eingeführte Rassenprinzip hat der großen jüdischen Frage ein verändertes Antlitz gegeben. Im (Fortsetzung auf der 2. Seite.) ein Jude, ist-zum M i n i s t c r für das Städte-Wohlfahrls-' weseii in der Regierung von Ontario ernannt worden. Minister Croll steht im 3-1. Lebensjahr. Der Distriktskomrnissar von Jerusalem hat angeordnet, daßjdie von den Mohammedanern vor einem halben Jahr in der Umfassungsmauer des Platzes vor der Klagcmau-cr geöffnete Tür, die zu dem Platz führt, auf dem di.e Omar- ■ Moschee steht, wieder geschlossen werde. Durch die Otfnnng der Tür. war der Raum vor der Klagemauer, wo die Juden von-altersher ihre Gebete verrichten, zu einem Durchgangsweg geworden, wodurch die Andacht der Beter gestört wurde. Wie aus Riga gemeldet wird, hat die Lcttländischc Regierung die Zeitung „Latwis“ wegen Abdrucks von Hetzartikeln gegen Juden mit einer Geldstrafe belegt, * ' Der bekannte jüdische Historiker Professor Simon Dubh o w, der im vorigen Jahr aus Berlin nach Riga fibergesiedelt ist, wird sich, wie aus Warschau gemeldet wird, dauernd in Wilna nicderlasscn. ■ - — Wie aus Jerusalem gemeldet wird, ist beschlossen worden, die an der.Haifabucht geplante Siedlung für deutsch^ Juden, deren Grundsteinlegung demnächst erfolgt, Blalik- Stadt (Kirjat Bialik) zu benennen. - Die jüdische Bevölkerung Badens Karlsruhe. Das Badische Statistische Landesamt veröffentlicht eine Studie über die Religionszugehörigkeit d e r. Wo h n h c vö I k c r un g in Baden nach der Volkszählung vom 16. Juni 1933. An diesem Tage hatten 2-112 931 Personen ihren Wohnsitz in Baden. Als Israeliten der Religion nach haben sich 0,9"/«, d. h. 20 617 bezeichnet. Im Verhältnis zur Volkszählung von 1925 ergibt sieh ein Rückgang um 14,3"/o. Mit Ausnahme von drei Amtsbezirken — Meßkirch, Pfullcndorf und Oberkirch — sind in allen Amtsbezirken Juden wohnhaft. Die Höchstziffcr ihres Anteils an der Gesamtbevölkerung haben sie in der Gemeinde Gail in ge n mit 19,9"/«. ln dieser Gemeinde hatten die Juden im Jahre 1825, also vor über 100 .Jahren, mit -17,6"/« nahezu die Mehrheit. ’j ... und Düsseldorfs Nach den neuesten und endgültigen Feststellungen, die jetzt vom Preußischen Statistischen Landcsamt mitgctcilt werden, besaß Düsseldorf hei der Volkszählung des vergangenen Jahres eine Wohnbevölkerung von 498 600 Personen, von denen 5053 Juden waren: Die relative Zahl der in Düsseldorf wohnenden Juden blieb in den beiden letzten Jahrzehnten ziemlich konstant. Sie betrug 1910 1,1"/«, im Jahre 1925 1,19»/« und im vergangenen Jahre 1,01 o/« der .Gesamtbevölkerung. . . Konferenz der Obenabbiner Italiens Mailand. Unter dem Vorsitz des Oberrabbiners von Rom, Professor Angelo Sacerdoti, fand hier eine zweitägige Konferenz der Oberrabbiner aller größeren jüdischen Gemeinden Italiens statt. Dabei wurden eine Reihe wichtiger Beschlüsse über jüdische Erziehungsaufgaben sowie Resolutionen gefaßt, in denen die grundsätzliche Haltung der italienischen Juden gegenüber dem Staat und gegenüber gesamti’üdischen Aufgaben zum Ausdruck kommt. In einer dieser tesolutionen wird gesagt, daß Zugehörigkeit zum• Judentum kein Minus an Italiencrtum im Vergleich zur nichtjüdischen Bevölkerung bedeutet, fn einer zweiten Resolution wird der Rat des Verbandes-der jüdischen-Gemeinden Italiens auf gefordert, gemeinsam mit den Rabbinern an der Erstarr kung des jüdisch-religiösen Lebens und der. Verbreitung jüdischer Kultur unter den Juden Italiens zu arbeiten und die erforderlichen Mittel zur Durchführung dieser Kulturarbeit zur Verfügung zn stellen. Die religiösen Führer haben alle Maßnahmen zur Förderung religiöser Erziehung der Jugend,insbesondere der weiblichen Jugend, zu treffen. Die Konferenz schloß mit einem Treucgelobms für den- König und den Führer der Regierung und emer Segnung des italienischen Volkes, für das von Gott Wohlergehen erfleht wird.

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