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Jüdisch-liberale Zeitung · 1934-07-13 · 56 (13.7.1934) · page 1

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
14 (1934)
Issue
56 (13.7.1934)
Date
1934-07-13
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Berlin Freitag, 13. Juli 1934 Preis 20 Pfg. Nr. 56 — 14. Jahrgang fceutfc&es 3ubentum unb religiöfen Aufbau herausgeber:hanns Loewenstein Die „Jüdisch-liberale Zeitung“ erscheint zweimal wöchentlich* * Dienstags und Freitags Tage In London Probleme — Aussprachen — Eindrücke Die Londoner Tagung des Weltverbandes für religiös-liberales Judentum, über deren Beginn wir kurz berichtet haben, gestaltete sich zu einer bedeutsamen Aussprache, in der aus allen Reden das starke Bedürfnis nach Erhaltung und Belebung des religiösen Liberalismus eindeutig hervorging. Ueber die Konferenz, auf der die Erörterung politischer Fragen ausgeschlossen war, veröffentlichen wir nachstehend den ersten ausfuhrl'chen Bericht unseres Mitarbeiters Heinrich Stern, der als Vorsitzender der Vereinigung für religiös-liberales Judentum der Tagung beiwohnte. « - Der Auftakt London. Zu_ der religiös-liberalen Konferenz, die am vergangenen Freitag begann, hatten sich Delegierte und Mit- * arbeiter aus den verschiedenen Ländern eingefunden. Alle fünf Erdteile sind vertreten. Zu den alten Stammländern, \ England, Amerika, Deutschland und Frankreich, sind Mitarbeiter und Gäste aus Holland, -Österreich, Schweden und Indien getreten, die jungen überseeischen Gruppen aus Mel- . bourne (Australien) und Johannisburg (Südafrika) werden besonders herzlich begrüßt. Es ist viel Jugend anwesend, 'sO neben den schon traditionell gewordenen Besuchern finden wir einige interessante heue Gesichter, besonders das scheinbar ' unerschöpfliche Reservoir der Central Conference of American Rabbis hat neben den altbewährten Vorkämpfern — wir begrüßen z. B. den von der Berliner Konferenz wohlbekannten Dr. Schulman, New-York — auch eine Reihe neuer jüngerer Rabbiner herübergeschickt. > Während am Freitag der Vorstand tagt, begrüßen sich in den schönen Gemeinschaftsräumen der Synagoge die verschiedenen .Besucher, um dann in Gruppen an die Besichtigung der mächtigen Stadt heranzugehen. Die Gastfreundschaft ■unserer englischen Freunde ist'wie immer fast beschämend. Die meisten Ausländer sind in Familien untergebracht, keiner der nicht am Freitag-Abend an einem Sabbathtisch seinen Platz gefunden "hätte. Der Sabbathgottesdienst findet in der dichtgefüllten Liberalen Synagoge in St. John’s Wood Road statt. Der. Gottesdienst, der bekanntlich zwischen amerikanischer Reform und deutschem liberalen Gottesdienst ungefähr die Mitte hält, wirkt besonders durch die knappe Ausdrucksform, durch die starke Beteiligung der Gemeinde und durch die feierliche Ruhe und Würde eben dieser betenden Gemeinde, die in der tief eindrucksvollen stillen Andacht gipfelt, zu der wir uns leider in Deutschland immer noch nicht recht entschließen können: Auch die zweisprachige, knapp gehaltene Thora- und Prophetenvorlesung wirkt hundertfach stärker als die traditionelle Methode des unverstandenen „Leinens“. Der deutsche Beter vermißt dagegen die Hauptstücke der Tefillah, wogegen die Keduschah sehr eindrucksvoll von Chor und Gemeinde gesungen wird. Die zu Herzen gehende Predigt hielt Rabbi Rauch aus Louisville Ky über, die religiöse Notwendigkeit der Stunde, in der er darauf hinwies, daß man über den (wichtigen sozialen und Wirtschaftsfragen der Gegenwart, über den , Fragen von Juden und Judenheit die Aufrechterhaltung und geistige Erneuerung des Judentums nicht vergessen dürfe. - Am Nachmittag um 3 Uhr — es herrschte nebenbei gesagt glühende Sommerhitze — eröffnet der verehrungswürdige Präsident des Verbandes, Claude Montefiore,' die eigentliche Konferenz. Er variiert in seiner Begrüßung das Thema der Morgenpredigt von der Notwendigkeit, unseren ■ geistigen Besitz aufrecht zu halten und zu vermehren, und über alle Not des Tages, vielmehr gerade Um der Not des Tages willen die Kräfte der Religion zu wecken und zu vertiefen, um den „zwischen„Himmel und Erdeherixmirrenden Seelen der Juden“ eine Heimat zu geben. Dr. Montefiore hob noch besonders hervor, daß es sich um eine rei n re 1 i giöse Konf erenz handle, auf der pö 1 itische Fragen nicht erörtert werden können. Es folgten die Antworten der einzelnen Länder. Der deutsche Vertreter konnte darauf hinweisen, daß unter den Besuchern aus Deutschland drei Generationen religiös-liberalen Judentums.vertreten seien, und daß alle klassischen Stätten des religiösen Liberalismus, insbesondere die Berliner Gemeinde, der Hamburger Tempel, die Reformgemeinde usw. durch Besucher vertreten seien. Neben der Gruppe der Lehrer und der tätigen Arbeiter stände die gläubige begeisterte Jugend, welche die Zukunftshoffnung des deutschen "Judentums verkörpere. Am Schluß der sehr eindrucksvollen Sitzung erhob sich die gegesamte Versammlung, während Rabbiner Dr. Ehrenpreis aus Stockholm des großen Verlustes gedachte,, den das Judentum der ganzen Welt durch den Tod Chaiim Nachman Bialiks erlitten hat. Abends begannen die sachlichen Beratungen. Im Kampf für die lugend Von R. Salomon-Köln - Es würde kleinlich sein und der umwälzenden Zeitlage nicht entsprechen, wollte man den Fragenkreis des „Kampfes um die-Jugend“ erörtern.' Gewiß wird von allen weltanschaulichen Lagern aus um Nachwuchs gerungen. Gewiß ist es erforderlich, daß jeder Kämpfer, der die Möglichkeiten der Zukunft für sich absteckt, sich dafür einsetzen muß, daß andere den von ihm geführten Kampf in seinem Sinne aufnehmen. Die gegenwärtige Zeit ist für uns deutsche Juden jedoch so schicksalhaft geworden, daß es für den Weitsichtigen heute nur noch därum gehen kann, unserer Jugend einen aufrechten Weg zu bereiten. Wir fühlen uns mit diesem Lande, das Deutschland heißt, wurzelhaft verknüpft. Hierauf ist in den letzten Monaten immer wieder verwiesen worden, und man könnte meinen, daß es überflüssig wäre, stets von neuem mit dem Finger auf Selbstverständlichkeiten zu weisen. Dinge werden auch dadurch nicht anders, daß man ihren Inhalt und ihre . Form beteuert, deshalb soll unsere Verbundenheit mit dem, - was wir . Heimat und Umkreis nennen, als immerwährende Flamme, in uns brennen und uns schweigend heute für ein Schicksal eintreten lassen, das auch unserer Jugend keine ■leichten Zeiten zu versprechen scheint. . Opfer ist dazu da, daß es spürbar ist. Opfer muß gebracht werden, sofern der Opfereinsatz Erfolg im höchsten Sinne verheißt. Wir dürfen uns hierbei auch nicht damit begnügen, darauf zu verweisen, daß „schon unsere Vorfahren seit Generationen in diesem Lande sitzen, für dieses Land kämpfen und einstehen und in diesem Lande schon Manches haben ertragen müssen.“ Wenn uns nicht eine höhere Stimme dazu au?fordem würde, uns immer wieder mit unserem ganzen Sein für die Heimat und unseren Umkreis einzusetzen, so könnte bei Betracht unserer jüdischen Vergangenheit in Deutschland Bitterkeit in uns aufsteigen. Das Bittere wird aber dann leicht überwunden, wenn man der Stimme Gottes, die auch die Stimme des Gewissens ist, folgt und immer wieder einen Kampf . wagt, der wenigstens eine innere Erlösung des Einzelnen wie der Gemeinschaft verheißt. Wir hatten uns im Zeitalter des Liberalismus zu schnell daran gewöhnt, dem Fortschrittsglauben, welcher die ganze Welt beherrscht hatte, zu verfallen. Heute-ist das zerstoben. Aus rationaler Bestrebung sind irrationale Sehnsüchte und Kampfziele geworden. Es ist richtig, daß schon die deutsche Romantik im vergangenen Jahrhundert ein Aufflackern in der Richtung der heutigen Bestrebungen bedeutet hat. Es ist auch nicht abzuleugnen, daß das Zeitalter des Rationalismus und des Liberalismus schon zu Beginn des 16. Jahrhunderts mit dem Humanismus und dem mitteleuropäischen Protestantismus mit mächtigem -Schwünge anhebt. Trotzdem hat erst das vergangene Jahrhundert für die deutsche Judenheit das Ende des jüdischen" Mittelalters bedeutet und mit diesem Ende haben wir — irrtümlicherweise — zu glauben begonnen, daß es nicht mehr anders werden könne. Der Fortschrittsglaube ist dahin. Wir haben" mit unserer Jugend auf Trümmern aufzubaüen. Ist es da verwunderlich, daß ein mächtiger Drang nach dem Ausleben im Unbedingten, nach „Heimkehr“ die jüdische Jugend in Deutschland erfaßt hat?! Gerade derartigen Bestrebungen gegenüber, die so wurzelhaft echt scheinen, und die immer wieder darauf verweisen, daß das, was heute geschieht, nicht einmalig in der Geschichte ist, daß es immer wiederkehrte, und daß das Gewissen uns aufgebe, endlich im Eigenen zu schaffen, Bekenntnis zum geistigen Sinn des Judentums Als erster Redner ergriff Rabbiner Dr. W o I f f -Dresden" das Wort. Während seiner ganzen Geschichte, so führte Dr. Wolff aus, habe das Judentum sein eigenes Leben gelebt uncTdic Erhaltung - seiner Sonderexistenz angestrebt, wenn auch die " Gedankenwelt der Allgemeinheit ihre religiöse Grundlage vom Judentum genommen hat. Im Judentum wurde Gott als We 11 e n g ° (t aufgefaöt, was die Anschauung der Gleichheit aller vor Gott bedingte. Das Gebot, den Fremdling zu lieben, habe das jüdische Gesetz über die Gesetze der* Völker der Welt emporgehoben. In-jedem Zeitalter, erklärte Dr. Wolff, habe das_Lel>m der Judenheit unter den Völkern der Welt ein Problem dargestellt.. Nicht nur das Judentum stand häufig Jii einem geistigen Gegensatz zuin geistigen Standpunkt der Umgebung, sondern auch die jüdischen Menschen wahrten eine Distanz, zur umgebenden Welt. Stets besteht die Gefallt einer lle- - (Fortsetzung auf der 2. Seite.) müssen wir für"die leicht einnehmbare Jugend heute doppelt auf der Hut sein. Es wäre absurd, den Leidensweg der neueren jüdischen Geschichte .in sein Gegenteil verkehren zu-wollen.. Aber eben deshalb, weil es absurd wäre, müssen wir uns doppelt davor in Acht nehmen, nietüä einer Scheinlösung zuzustrebe.n. Wie kann die Judenheit zu ihrer wirklichen Vollendung und einem natürlichen Sichausleben gebracht werden? So heißt immer wieder die Frage, die vom anderen Lager aus an die Gesamtheit gestellt wird. Eine Lösung kann auch da nur unvollkommen sein, wo ein Leben selbst unter dem Schutz fremder Bajonette, wie heute in Palästina, tiefste Zwiespältigkeiten verdeckt. „Aber in Palästina handelt es sich nur um ein Problem nationaler Schwierigkeiten, das mit dem niedergedrückten -Dasein des Diaspora-Judentums nicht verglichen werden kann;“ - Selbst wenn dies richtig wäre, so-würde damit noch fn keinem Betracht aüf den Kern der Frage > zugerückt worden sein. Aber es ist noch nicht einmal richtig. Was gegenwärtig’ an Ploniertum 4n Palästina" geleistet wird, ist sicherlich der Anerkennung des unbeteiligten Zuschauers wert, selbst-wenn die Zielrichtung nicht unseren Beifall findet, und es soll auch, da wo wir können, unsere Mitwirkung finden. Trotzdem müssen 'wir für uns. immer wieder darauf verweisen; daß sich in Palästina bestenfalls eine Teillösung anspinnt und. daß die Problematik realen, machtpolitis^hen Geschehens erst . in den kommenden Jahrzehnten aufgerollt werden mag. Dahn wird Israel wieder zum Brennpunkt eines nationalistischen Machtstrebens sich streitender Mächtegruppen werden. Damit ist schon angedeutet, daß der Zielpunkt jüdischen Ewigkeitsstrebens und der Einmaligkeit jüdischen Volkstums ver- «. lassen ist. Es ist nicht von ungefähr, daß verantwortungsvolle Mitkämpfer heute schon bitter Klage darüber führen, daß von dem wahrhaften. Judesein, der geschichtsverwurzeltcn religiösen Gebundenheit in Palästina nur. wenig verspürt wird. „Das wird schon noch kommen I“ sagen die Unbesorgten. Es kann aber dann nicht besonders ermutigend wirken, wenn das heutige Palästinastreben . in seinem Kern nichts ist als die soviel geschmähte Assimilation an modern realpolitische Gedankengänge. „ ° Wir Jungen hier fühlen, daß unser Weg anders verlaufen wird. Es ist für uns heute lebendigster Besitz, daß das wurzelhaft Jüdische in uns für die Folgezeit zu einer echten; und unbekümmerten - Entfaltung - kommen muß. Aber gerade das wahrhaft Jüdischei Das was die Judenheit und die Menschen zu allen Zeiten seelisch immer wieder gepackt hat„die Einbettung in den Strom-ewigen Geschehen», die Verbundenheit . mit dem jüdischen Gott, die religiöse Glut, die nicht nur-halt macht" in einem bestimmten Bezirk unseres Seins, sondern die unser gesamtes Dasein trägt und den Grundpfeiler für alles sittliche Verhalten unserer Umwelt gegenüber darstellt, wird dem Wesentlichen nach unsere seelische Kost sein. '' ' Nicht Assimilation im Sinne der Selbstaufgabe und Selbstentäußerung, sondern gegenseitige Durchdringung — und lebendige Anverwandlung andern" Kulturguts wird von einem gewollten Eigendasein aus erkämpft-werden. Der wahrhaft jüdisch empfindende Mensch wird im deutschen Raum etwas Eigenes zu bieten haben-. Die Zeit, da man stets so geme. mit Liebeserklärungen zum Fenster hinaus diente, ist vorbei. - Damit ist aber nicht die Zeit vorbei, da wir für uns und unsere Umwelt bereit z.u sein haben. Es gilt für uns und die Jungen noch viel, unendlich viel zu tun- Wir haben jeden Tag und jedes -Jahr zu nutzen, damit anerzogene Schwächen aus dem vergangenen Jahrhundert abgelegt werden. Ein aufrechter deutscher Jude im deutschen Vaterland ist das, was wir von uns und unseren Jungen erstreben! .

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