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Jüdisch-liberale Zeitung · 1934-07-10 · 55 (10.7.1934) · page 1

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
14 (1934)
Issue
55 (10.7.1934)
Date
1934-07-10
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Berlin Dienstag, 10. Juli 1934 Eäef zh Berlin. Preis 20 Pfg. m Nr. 55 — 14. Jahrgang 3rür beutföes Subentum unb veßatdfen Wufbau HerausgebenHanns Loewenstein Die „Jüdisch-liberale Zeitung“ erscheint zweimal wöchentlich: Dienstags und Freitags PfSditen der Auswanderer Gemeinden in der Fremde Von Professor Dr. Eugen Wölbe Auswandern ist meist ein Unglück, so erfolgreich sich der Domizilwechsel vereinzelt auch gestalten mag. Als „Elend“ („alilanti“) wird es bereits im Althochdeutschen gekennzeichnet. Carmen Sylva, die-ihre geruhsame Heimat am Rhein mit einem damals noch wenig zivilisierten Lande vertauschte, bekennt weh-, inütig: „Es liegt ein Fluch auf dem Auswandern’.“ Unzweifelhaft wird auch dem abenteuerlustigen Jugendlichen das Loslösen von der heimatlichen Scholle nicht leicht. Dem reifen Alter bedeutet es einen Heroismus, wie ihn nur wirtschaftlicher Zusammenbruch und demgemäß Entschluß zum Neuaufbau, zu zeitigen vermögen. Mag die Hoffnung auf eine neue, gesicherte Existenz dem Auswanderer die Pille des Abschiedsversüßen, so erwächst aus jeder durch die Auswanderung gerissenen Lücke nicht nur für die einzelnen Familien, sondern mehr noch für die Gesamtheit Israels ein schwerer Schaden. Die zunehmende Entvölkerung unserer Gemeinden stempelt den vor 30Jahren erhobenen Schreckensruf ’ „Untergang der deutschen Juden“ nicht mehr zur gedankenlos nachgesprochenen Phrase, denn in weiteren 30 Jahren würde in Deutschland kein Geschlecht mehr leben, das die Fackel jüdisch-religiösen Lebens weiterträgt. Demnach obliegt den auswandernden Jugendlichen — und nicht nur diesen! — die Pflicht, sich in ihrer neuen Heimat für die Gründung einer Gemeinde einzusetzen. Bei der ersten Auswanderung der deutschen Juden zur Zeit der Kreuzzüge, dann im 14. Jahrhundert, als der „schwarze Tod“ wütete, und nach der Vertreibung der Juden aus Spanien und Portugal war die Gemeindegründung in den Ländern ihrer Wahleine Selbstverständlichkeit: alle waren religiös gleichgeschaltet, Parteien gab es nicht, Religion war ihr Lebenselement. Somit bildeten sie gleich nach der Seßhaftmachung Minjanim und Chebroth zwecks Aufrechterhaltung der gewohnten Gemeindeinstitutionen: Talmud-Tora, Gottesdienst, Friedhof, Wohlfahrtspflege. Als die Maigesetze Kaiser Alexanders III. (1881) Tausende von russischen Juden zur Auswanderung nach Amerika zwangen, schlossen sie sich dort zu neuen Gemeinden zusammen. Vielfach übernahm der Orden B’nei B’riss die Führung, indem er Logen errichtete, welche zuerst eine Chehra Kadischa, einen Friedhof und eine „Sonntagsschule“ schufen,' Als; sich dann eine Gemeinde aus den Mutte.farmeri der Loge löste, waren die Mitglieder wirtschaftlich so erstarkt, daß sie der jüdischen Ansiedlung in Gestalt einer Synagoge die Krone aufsetzen konnten. Aus Palästina hören wir leider nichts von Gemeindegründungen. Im Gegenteil: religiös-eingestellte deutsche Juden sind geradezu entsetzt über die völlige Religionslosigkeit der K o,l o n i s t e n. In einer Kwuzah sollte ein bescheidenes Bethausj errichtet werden — die Kolonisten lehnten dies entrüstet ab! Eine große Kolonie an einem Eisenbahnknotenpunkt besitzt eine-etwa 30 Personen fassende Synagoge — aber niemand besucht sie. Selbst im vielgerühmten Kinderdorf Ben Schemen wird weder Religionsunterricht erteilt noch Gottesdienst gehalten! Rußland ist hier leider die unerfreuliche Lehrmeisterin. Glücklicherweise ruht an Sabbaten und Feiertagen jegliche Arbeit, so daß wenigstens ein äußerer, Rahmen für Gemeinden und Gottesdienste vorhanden ist.’ Wie aber steht es mit den Juden, die in Südfrankreich,. : Griechenland, Jugoslawien, ' Südamerika eine neue Heimat gefunden haben? Da die Beratungsstellen für Auswanderer miteinander in Verbindung stehen, so schicken sie in die Orte mit günstigen Niederlassungsmöglichkeiten zweifellos nicht bloß einen Landwirt, sondern mehrere, ebenso Handwerker, vereinzelt einen Geschäftsmann, einen Arzt. Diese Ansiedler gilt es nach Erlangung einigermaßen In dieser Nummer: Ch.N. Bialik: Kindheitserlebnis / Über v. Scholz und Wedekind / In Eis und Glut / Ueberraschungen in der Kleiderkammer / Wie Leutnant Burg das Riiualmordmärchen widerlegte / Leser schreiben der „1-1. Z“ Eine Erklärung des Danziger Senatspräsidenten Keine unterschiedliche Behandlung Danzig. Im Zusammenhang mit einer Reihe von Artikeln über die rechtliche und wirtschaftliche Stellung der Juden in Danzig, die im „Danziger Echo“ erschienen sind, und in denen auf die der Danziger Verfassung widersprechenden judenfeindlichen Bestrebungen auf wirtschaftlichem Gebiet, sowie auf Äußerungen und Versammlungsreden von Mitgliedern des Senats hingewiesen worden war, die außer schweren Ehrenkränkungen der jüdischen Bevölkerung auch die Ankündigung einer Sonderbehandlung der Juden mit Hilfe außergesetzlicher Maßnahmen enthalten, hat nunmehr der Präsident des Senates der Freien Stadt Danzig ein Presse-Communique herausgegeben, in'dern er versichert, daß die Bestimmungen der Danziger Verfassung betreffend g 1 e i - che Behandlung aller Bürger eingehalten werden sollen. Dr. Rauschning erklärt, es bestehe kein Grund zu Befürchtungen über unterschiedliche Behandlung von Bevölkerungsteilen, insbesondere der jüdischen Bevölkerung, innerhalb des Gebietes des Freien Stadt Danzig wegen ihrer Abstammung oderWegen ihrer Religion. Die Verfassung der freien Stadt schließe die Möglichkeit auch nur der geringsten Beeinträchtigung der Rechte ihrer Einwohner aus. Im besonderen sei ein Wirtschaftsboykott nicht möglich, da der Senat allen Bürgern vollständige verfassungsmäßige Gleichheit garantiere. Der Senat werde alle gesetzlichen Maßnahmen zur Wahrung dieses Standpunktes treffen. Was sinA JudennameiT? ln den Anweisungen des preußischen Innenministers über die Änderung von Familiennamen und Vornamen, über die wir bereits in der letzten Nummer unseres Blattes berichtet haben, wird in dem Abschnitt „Judennamen“ u. a. vorgeschrieben, daß sich nach der Auffassung den Allgemeinheit bestimme, welche Namen als jüdisch anzusehen'seien. Es gebe zweifellos zahlreiche Familiennamen, die-ihrem Ursprung nach deutsche Namen seien, in der Volksanschauung aber allgemein als Judennamen gelten, z. B. Hirsch, Goldschmidt usw. Es gebe weiter zahlreiche biblische Namen, die ebenfalls als typisch jüdische Namen angesprochen würden, aber sowohl bei Juden wie bei Nichtjuden vorkämen, wie Salomon, Israel, Moses usw. Zu den Judennamen würden im allgemeinen auch diejenigen Namen gerechnet, die von dem Herkunftsort abgeleitet seien, wie Krotoschiner, Hamburger, Darmstädter usw. Dagegen könnten hierher nicht Namen gerechnet werden, die zwar auch von Juden, häufiger aber von Christen gebraucht würden, wie Meyer usw. gesicherter Existenz zu einer Gemeinde zusammenzufassenj ehe sie sich zu einem politischen Debattier-, Bridge- oder Sportklub zusammenschließen (dazu ist nach Gründung einer Gemeinde noch immer Zeit). Bei der^ bisherigen Verschiedenheit der Gottesdienstformeif im deutschen Judentum wird die Gestaltung des Ritus für eine solche neue Gemeinde nicht immer einfach sein. Angesichts des heiligen Zieles würden sich die Schwierigkeiten überwinden lassen, vorausgesetzt, daß der Wille zu gemeinsamer .Gottesverehrung vorhanden ist. -. Die auswandernde Jugend ist —"wie gesagt — durchaus unreligiös. Als vor einiger Zeit eine Schar von 75 Chaluzim nach Palästina abreiste, sollte für sie in einer Berliner Gemeindesynagoge ein feierlicher Abschiedsgottesdienst stattfinden, — sie lehnten dies ab! Demgemäß werden die Chaluzim wohl kaum Bibeln -und Gebetbücher mit in die Ferne nehmen. Dennoch mögen die maßgebenden Stellen jede Möglichkeit ausschöpfen, um die Jugend für unsere religiösen Ideale zurückzugewinnen. Es ist schlechterdings unmöglich, daß sich das „Volk der Thora“ dieser Thora, für die ihre Vorfahren freudig in den Tod gegangen sind, entfremdet! Der für das religiöse Judentum im Heiligen Lande kämpfende „Misrachi“ hat bisher nichts geleistet; die Gründung von ein paar Schöpferische Synthese Von Rabbiner Dr. H. Fuchs Chemnitz V» . Der jüdischen Wissenschaft gibt unsere Zeit ein ' neues Thema: Die Eigenart des jüdischen Geistes an Hand der Geschichte festzustellen. Neue Ideen stammen entweder aus den Urgründen oder sie werden, von Menschen geschaffen. Erstere sind Naturanlage, Genie, Gnade, Offenbarung, ein Teil der ewigen Schöpfung: Die normale Tonleiter, das cogito, ergo sum, der Glaube an den Wert des. Individuums vor Gott, das Schönheitsprinzip der Griechen, jede nationale Eigenart, — sie sind nicht erdacht'oder aus Teilen zusammengestoppelt, sie'sind einheitlich' elternlos .wie Athene aus dem Haupt des Zeus entsprungen. Die menschengeschaffene.Idee dagegen ist ■ Synthese, aus Zusammenstellungen von Empfindungen, Wissenselementen, Strebungen, Idealen -legiert. Viele glauben, wertvoll sei nur die Ur-Jdee: Die Synthese habe keine schöpferische Kraft. Das istfalsch! In allen Kulturen haben Ideenverbindungen Großes und Größtes geschaffen,, nicht weniger als die .Urideen, 'die dem Schaffen aller bedeutenden Kulturvölker allerdings ebenfalls zugrunde liegen. Auch das Judentum hat seine Ur-Idee: Daß der Gebieter der Sittlichkeit der einzige ist, der deir Namen Gott verdient. Daß die Gewissensstimme die einzige göttliche ist, das war keine Addierung von Gott und Gewissen, sondern, eine.-Sübtrahierung: Andere Stimmen, —. Stammesintercssc, Macht, Wissenschaft, Schönheit usw. — sind nicht Gottes Stimme, sondern höchstens, wie die Alten -sich ausdrücken, Engelsstimmen. Dies alles durchdringende sittliche Interesse ist die Eigenart des Judentums von Abraham ' bis Buber. - - Was aber sonst das Judentum noch an tragenden Ideen enthält, ist Synthese! Reicher, als irgend eine Gemeinschaft und Religion ist das Judentum an solchen! Und viele davon sind schöpferisch weittragend! Schon das frühkanaanitische Israel setzte den gebotgebenden Gott Mose’s in eins mii-.dem Gott des Landes, also ein Prinzip des Geistes mit ' einem der Natur, wie später die Propheten mit dem der ganzen Welt. Natur und Welt aber sind amoralisch! Dadurch wird Israels Gott erst voll und richtig der einzige, monotheistische, — aber die ’ Synthese bringt die ganze Fülle der Probleme der Theodizee, der Willensfreiheit usw.-mit sich! So wirkt die Synthese. doppelt schöpferisch, durch ihre weltumgestal- (Fortsctzung auf der 2. Seite.) orthodoxen Volksschulen und dieSchaffung des Oberrabbinats in Jerusalem sind erst schwache Ansätze zu religiösem Aufham Die orthodoxe Gottesverehrung des alten Jischuw ist kaum dazu angetan, die neue Jugend in Palästina für Gottesdienst und Gotteslehre zu gewinnen. Hier erwächst dem jüdischen Liberalismus die ebenso schöne wie schwierige Aufgabe,- das Judentum in einer geläuterten, zeitgemäßen Form an die Kolonisten — jung und alt — heranzubringen. „Wenn Gott das Haus nicht baut, mühen sich die Bauleute vergeblich“ (Ps. 129, 1), das mögen sich die aufbauenden Juden gesagt sein lassen! Die Beratungsstellen mögen den Auswanderern „Richtlinien“ zwecks Zusammenschlusses in der neuen Heimat mit. auf den-Weg geben und durch ein „Korrespondenzblatt“ den Zusammenhang mit ihnen aufrecht erhalten. Mitteilungen von neu aufblühenden Gemeinden.werden wir in Deutschland jedesmal freudigbegrüßen. Im politischen Leben haben die Parteien restlos abgewirtschaftet. Dem Vordrängen des Einzelnen hat die starke, werteschaffende Volksgemeinschaft den -Garaus bereitet. Hoffentlich auch in der Judenheit. Einigkeit — religiöse Einigkeit. — und vor allem religiöser Wille wird auch unsere Brüder in der Ferne, stark machen.

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