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Jüdisch-liberale Zeitung · 1934-07-03 · 53 (3.7.1934) · page 1

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
14 (1934)
Issue
53 (3.7.1934)
Date
1934-07-03
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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. Berlin Dienstag, 3. Juli 1934 I MMner-Seminar | zu Berlin. 1 Preis 20 Pffg. Nr. 53 — 14. Jahrgang Sflv beiitfcftes gubentwn uitb religiöfeit «Mufboii _Herausgeber-Hanns Loewenstein_ Pie „Jüdisch-liberale Zeitung“ ersdielnt zweimal w8chenflldi. «.wii Der Weg : y **■:■+ Professor ]. Elbogen Zwei Elemente Die Zukunft des einzelnen Juden sieht trübe aus, in allen Ländern sind Haß und Anfeindung gegen ihn im Zunehmen. Das Judentum aber, das heißt das, was allen Juden gemeinsam ist und den Juden erst zum Juden macht, hat in den letzten 150 Jahren nie eine günstigere Chance gehabt als gegenwärtig. Es war so lange von dem Komplex, der „Umwelt“ beherrscht; der Jude litt unter der doppelten Zwangsvorstellung, daß er in kulturellen Anschauungen sowie in materiellen Erfolgen hinter der Umwelt zurück- Zukunft des Judentums Zukunft bedeutet für den einen Geschehnis und Zufall und bedeutet für den anderen Aufgabe und Ziel.' Was geschehen wird, das hängt von diesem Zufälligen, diesem Ungefähr ab, in welchem menschliche Macht und Macht der Verhältnisse einander hemmen oder heben. Was sein wird, ist dadurch bestimmt, daß Menschen Aufgaben er-, kennen und sich Ziele setzen, daß sie an das glauben, was kommen soll. In der Welt der Ereignisse und ihres Zufalls ist darum das Judentum zukunftsarm, wenn nicht zukunftslos; denn es hat .nie die Macht. Nur in der Welt, die in. der Aufgabe das Bleibende sieht, in dieser Welt währen Zieles und damit wahrer Geschichte hat es seine Zukunft. Die Gewissheit dessen, wozu der Mensch berufen ist, gibt hier die Gewissheit der kommenden Tage. Leo Baeck leicht nicht in allen Stücken folgte, der aber immer gegenwärtig war und sich in Erinnerung brachte. Die liberale Richtung aber rechnete mit Selbsterziehung, mit freiwilliger, überzeugter, begeisterter Bereitschaft, rechnete mit sittlicher und geistiger Reife, die den Menschen sicher zur Wahl und Uebung des' Guten führen müßte. Dieser Optimismus ist, wie in allen Betätigungsformen des Liberalismus, enttäuscht worden, nur ganz selten ist jener Heroismus erreicht worden, der das eigene Selbst und vor allem die Umwelt zu überwinden fähig war. Jm allgemeinen waren die Menschen, die sich zu dieser Anschauungbekannten, stärker in negativen Forderungen als in positiven Taten. Allein Versagen der Menschen spricht nicht gegen den Wert eines Ideals, es zeugt nur für die Mangelhaftigkeit der Methoden, mit denen es verfolgt wurde. Heute, wo wir vor der Notwendigkeit stehen, einen neuen Weg zu wählen, müssen wir uns darüber klar sein, daß er nicht an der „Umwelt“ orientiert sein kann, die uns ablehnt, sondern den Gesetzen unseres eigenen Seins folgen muß. Er muß stark -genug sein, unsere engste Verbundenheit mit dem Judentum zu sichern. Wir müssen ihm jene zwei Elemente einfügen, die wir bisher vernachlässigt haben. Wir brauchen Religion, nicht ein klein wenig pietätvoller Erinnerung, sondern echte, gläubige, demutsvolle, dankbare Hingebung. Wir brauchen Erziehung als wirkungsvollen steten Faktor unseres Lebens, eine Erziehung zu einem Leben, das entsagen kann, das nicht nur an die Welt und ihre Aeußerlichkeiten denkt, eine Erziehung, wie sie uns die jüdische Geschichte mit ihrem starken Pathos, das jüdische Leben mit seinen weihevollen Formen gibt. Religion ist nicht ein bequemes Ruhepolster, sondern eine Gesinnung, die den Menschen im Tiefsten erschüttert und zu den heroischen Taten befähigt. Wieder Sprengkörper-Explosion kel der Wiener Hauptsynagoge Präg. (J.T.A.) Meldungen des tschechoslowakischen Pressebüros zufolge explodierten in der Nähe der Wiener Hauptsynagoge in der Seitenstettengasse, wo.sich auch das Verwaltungsgebäude der Kultusgemeindc befindet, wieder einige Sprengkörper. Die Täter sind entkommen. Wie der österreichische Pressedienst meldet, ist vor Schloß Leopoldskron bei Salzburg, dem Sommeraufenthalt des Regisseurs Max -K e i n h a rdt, ein Sprengkörper zur Explosion gebracht worden. Zahlreiche Fensterscheiben wurden zertrümmert. Der Rückgang der IQdluhen Bevölkerung in Deutschland "" Nach einer Zusammenstellung der statistischen Angaben aus 16 deutschen Großstädten ist, wie wir dem Nürnberger 8 Uhr Abendblatt 'entnehmen, seit Jahresbeginn ein starker' Rückgang der jüdischen Bevölkerung festzustellen. In Berlin erreicht oer Rückgang 10,6 Prozent, fn Hamburg 13,7 Prozent, in F rankfurt 10,2 Prozent und in PtoTzli e i m über 13 Prozent. Reichsgericiitsentscheidung Ober Mischehen am 12., Juli ... Karlsruhe. Nach einer Meldung aus _ Leipzig hatder -1. Zivilsenat des R e i c h s g e r i c h t s als Revisionsinstanz den bekannten Fall der Eheanfechtung Nieß (Karlsruhe) verhandelt. Das Oberlandesgericht Karlsruhe hatie, wie seinerzeit ausführlich berichtet, die Anfechtung der Nicßscfien Ehe durch den Ehemann Nicil Wegen Irrtums in -bezug aut Bedeutung und Folgen der Rasseversfhieden heit bei einem arischen -und einem ijichtarisclien Ehepartner für berechtigt- und die Ehe für ungültig erklärt. - Der -1. Zivilsenat wird seine Entscheidung am- 12. Juli verkünden- Anschließend an diesen Fall standen noch mehrere derartige Fälle der Eheanfechtung zur Verhandlung, über die das Urteil auch erst später verkündet werden .wird. bleiben könnte, suchte gierig die Umwelt in sich aufzunehmen, sodaß er für sein jüdisches Erbe keinen Raum behielt. Heute dürfte jeder verständige Jude' von diesem Komplex Heilung suchen, lind die Schicksalsschläge, die uns Juden in Deutschland im vergangenen Jahre getroffen haben, dürften allmählich auch die. Juden anderer Länder zur Erhaltung des jüdischen Erbes äufrütteln. Das Erwachen kann nur in einer Besinnung auf den eigenen Ursprung, die eigene" Ueberlieferurig, die eigenen Werte, die eigenen Aufgaben bestehen, die durch die Wucht der Umwelt bisher fast völlig erdrückt waren. Historisch gesehen, zeigt das Judentum der letzten 150 Jahre zwei sehr seltsame Phänomene. Es hat das Unterscheidende zwischen den Juden und ihrer Umgebung nur in der Religion gesehen, der Religion aber ein ganz bescheidenes Plätzchen im Leben' gelassen und die allgemeine Säkularisation nach Kräften mitgemacht. Die Manifestationen der Religion waren so matt- und leblos, daß das moderne Judentum als religionslos erschien und die befremdliche Erscheinung eintrat, daß, wenn überhaupt, nur das orthodoxe Judentum Anerkennung fand, jede andere Richtung Ablehnung erfuhr. Das zweite war die Frage der Erziehung. Moses Mendelssohn, der geistige Nährvater des neuzeitlichen Judentums, hatte seinen Jüngern die Erziehung als die lebenswichtigste Aufgabe des Judentums eingeschärft. Die kommenden ’ Geschlechter aber faßten sein Wort, nur als 'Mahnung zur äußeren Bindung, zur Aneignung von Kenntnissen und-Fertigkeiten, nicht aber als Mahnung-zur innern, zur seelischen und sittlichen Bildung auf, zur Erziehung zu einem Leben der Pflicht und Verantwortung. Das Moralische, so glaubte, man, versteht sich von selbst; man übersah, daß es den Begierden und Lüsten der Menschen widerspricht, und darum eines immer neuen Ansporns und Antriebs bedarf. Man kann gut in Form sein und ist noch lange kein perfect gentleman. Der orthodoxe Flügel des Judentums hatte im Religionsgesetz einen ständigen Erzieher, dem er viel¬ Es wird gemeldet : Aus Deutschland Wie uns aus Breslau berichtet wird, hat die Beisetzung des Kommerzienrats Max P i n k u s, dessen Ableben wir in der letzten Nummer unseres Blattes gemeldet haben, unter großer Beteiligung in Neustadt O/Sstattgefunden'. Unter den Trauergästen befand sich auch Gerhart Haupt mann. * In der Stadtbibliothek in Frankfurt a. M. findet zurzeit eine Ausstellung der wertvollsten Bibeln statt. Die Ausstellung zeigt, wap bis zum Jahre 1534, dem Zeitpunkt, da Luther seine Obersetzungsarbeit des Alten und Neuen Testaments vollendete, überhaupt an Bibeln erschienen ist.. ■ » Der frühere Direktor der Berliner Gemeindcbibiiothck, Dr. Moritz Stern, wird am 6. Juli 70 Jahre alt. Moritz Stern hat über 25 Jahre die Berliner jüdische Bibliothek geleitet, bis er im Jahre 1931 in den Ruhestand trat. Auch die Kunstsammlung der Berliner Jüdischen Gemeinde ist in ihrem Grundstock auf seine Arbeit zurückzuführen. Aus dem Ausland Dr. Bernhard Zondek, der bekannte Gynäkologe und frühere Professor an der Berliner Universität, hat die Stellung eines, Leiters der Hadassah-Frauenklinik in Jerusalem angenommen. Auch seine beiden Brüder, die Internisten- Hermann und Samuel Georg Zondek, beabsichtigen, sich in Palästina niederzu'assen. Der von der Führerin der österreichischen Bewegung gegen den Antisemitismus, Irene Harand, provozierte Prozeß, in dem sie den Nachweis führen will, daß der von ihr gegen ein österreichisches antisemitisches Blatt wegen Wiederholung der Ritualmordbeschuldigung erho- - bene Vorwurf der Lüge und Verleumdung berechtigt ist, wird, nach einer-Meldung aus Wien, mit Rücksicht aut das umfangreiche Material erst nach den Gerichtsferien Anfang September fortgesetztwerden. - * ' — Bei dem Flugzeugabsturz über tlem Karlsbader Flugplatz, hei dem Max Pallenbcrg den Tod gefunden hat, ist auch der Vorsitzende der. jüdischen Gemeinde in Helsingfors, der finnische Textilindustriellc Moritz Skur.nik, „tödlich verunglückt. . —: Nach einer Meldung aus Jerusalem sind in den sumpfigen Gegenden des Gebietes von Wadi Hawarith zahlreiche neue Siedler in letzter Zeit an Malaria erkrankt. Gegen die Regierung wird die Beschuldigung erhoben, daß sie trotz rechtzeitiger Warnung nicht die nötigen Maßnahmen getroffen habe, um eine Ausbreitung der Krankheit zu ver- .hüten. — . In Antwerpen ist-im Alter von 80 Jahren die Schwester des Gründers des jüdischen Theaters, Abraham Goldfaden, Rachel, in tiefem Elend gestorben. Wie der „Völkische Beobachter“ mitteilt, soll Fritz Rotter, einer der Brüder, die früher eine größere Anzahl Berliner Bühnen" besaßen, in der kommenden Saison ein" Pariser Theater, das „Theätre Daunou“, übernehmen unil dort verschiedene Operetten inszenieren. Wie aus Jerusalem gemeldet wird, hat der Appellationsgerichtshof die erste Verhandlung in dem gegen dje Verurteilung Abraham Stavskys zum Tode eingeleiteten Berufungs verfahren, für den 16. Juli festgesetzt.

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