Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 14 (1934)
- Issue
- 50 (22.6.1934)
- Date
- 1934-06-22
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2613366-2613519-2613565--5006-2616759- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Berlin Freitag, 22. Juni 1934 Z* Berlin Preis 20 Pfg. Nr. 50 — 14. Jahrgang 3für beutfdjes 3ufcentum uitb religtöfen Wufbau Herausgeber: Hanns Loewenstein Die „Jüdisch-liberale Zeitung“ erscheint zweimal wöchentlich: Dienstags und Freitags Blick in die Schweiz 2600 Juden in vier Straften Von Kart Julius Riegner - Basel, im Juni. Rauschend und ungestüm, zwischen flach abfallenden, rebentragenden Hügelketten in mächtigen Biegungen sich windend, wälzt der Rhein seine grünen und grauen Wassermassen von Schaffhausen her gegen Westen. Burgen, Schlösser, Kirchen und die rotgeschieferten Dächer kleiner Städte spiegeln sich in seinen Wassern. Endlich, da er schon änsetzt zu jenem Bogen, _ der ihn nach Norden führt und die Grenzen dreier Länder an seinen Ufern Zusammenstößen, zwingt ihn zum ersten Mate eine große Stadt unter ihre Brücken. Ein gotisches Münster mit nadelfeinen Türmen, ein altersgrauer Kreuzgang, Reste zerstörter Bastionen und die 'malerischen Formen hochgebauter, engbrüstiger Häuser, Zeugen stolzer, patriarchalischer- Bürgerlichkeit, sehen auf ihn herab: das ist Basel, mit Giebeln und Türmen vom linken Ufer grüßend. ■ ’ * Aber Basel ist mehr als eine Stätte vergangener Pracht. Wer, die rechtsrheinische, halb proletarisierte Indüstrievorstädt im Rücken, über die Mittlere Brücke die Stadt betritt, ist bald auf dem Marktplatz, inmitten flutender Wirklichkeit. Moderne Warenhäuser m|t Dachgarten und Lift finden sich seltsam hingebaut in die verträumte Stille mittelalterlicher Gassen. Und Banken überall, Banken an jeder Straßenecke. Deutsche Solidität gibt sich mit französischer Leichtigkeit - ein Stelldichein in dieser breit und hoch hingelagerten Grenzstadt. Realer Bürgersinn paart sich .-mit dem Feingefühl der alten Ratsherrengeschlechter, der Stähelin und Burckhardt, deren stolze und mitunter bis zur Extravaganz verfeinerte Geistigkeit auch heute noch das Gepräge der Stadt bestimmt. Aus dem Hinterland, vom Schweizer Jura her, kommt die helle, stürmische Birsig und stürzt sich, unweit der Mittleren Brücke, in den Rhein. So läuft durch die halbmondförmig um das Rheinknie gelagerte Stadt eine tiefe Senke, das Birsigtal. Östlich und westlich an seinen Flanken ziehen sich, hügehvärts gerichtet, die schmalen Gassen empor. Auf steilen . Treppen, die zwischen altem Gemäuer nach oben führen, steigt man nach Westen hinauf zum Löhnhof mit seinem trotzigen, viereckigen Burgfried, heute dem Sitz der Polizeibehörde. Schnell findet man sich in engen Kleinstadtgassen, die von dem lauten Leben dort unten um den Markt nur wenig ahnen lassen. Hier wohnt ein behäbiger Mittelstand, .kleine Handwerker und. Kaufleute. Dann aber wandelt sich das Bild, hinter niedrigen, fast rustikal gebauten Häusern öffnet sich der Ausblick auf eine breite, gepflegte Allee, eine Avenue mit hohen, alten Bäumen, auf geradlinige, saubere Straßen mit kleinen Vorgärten, in denen Kinder spielen. Auch hier herrscht wenig Leben, Akademikergesichter verraten die Nähe von Bibliothek und einigen Universitätsgebäuden. Man blickt auf die Namen an den Türen und genauer in die Mienen derer, die vorübergehen. Zwischen Baumwipfeln taucht die zwiebel¬ Es wird gemeldet: Vergessen Sie-nidit die Einlösung der Abonnements - Quittung für Juli. — Nur pünktliche Einlösung sichert regelmäßige Zustellung der „Jfldlstii-liberalen Zeitung“. Nach einer Ita-Meldung aus Jerusalem ist die arabische Tageszeitung „EI Dschamea el Islamia“ wegen Abdrucks von Teileneines Artikels, aus der Sonderausgabe eines europäischen Blattes, mit der die Absicht verfolgt wurde, die wiederholt widerlegte Ritualmordlegende glaubhaft zu machen, für eine Woche verboten worden. * Wie aus Athen gemeldet wird, hat die Athener Aka- demie Professor Dr. Alfred Phi 1 i ppson aus‘Bonn, der zu landeskundlichen Arbeiten in Griechenland weilt, als Mitglied aufgenommen. Alfred Philippson, der sich um die Vertiefung der Länderkunde Südeuropas und des^Mittelmeergebietes große Verdienste erworben hat, ist ein Sohn Dr..Ludwig Philippsons, des Begründers der „Allgemeinen Zeitung des Judentums“. . , * Wie die Schocken Aktiengesellschaft mitteilt,-scheidet Herr Georg Manasse, der Generaldirektor des Schocken-Konzems, nach 22jähriger Tätigkeit aus dem Konzern aus. Die Entwicklung des Schocken-Konzems ist durch die führende Mitarbeit des nunmehr ausscheidenden Generaldirektors entscheidend beeinflußt worden. In den Vorstand ist Herr Dr. Wilhelm Fonk berufen' worden. In dfe Geschäftsführung tritt Herr Theodor Schocken ein. Der langjährige Präsident der Prager Jüdischen Kultus- . gemeinde, Obermagistratsrat Dr. August Stein, vollendete sein 80. Lebensjahr. Dr. Stein, der der zionistischen Bewegung ablehnend gegenübersteht und für den Anschluß der Juden an den tschechoslowakischen Kulturkreis -cintritt, bekundet ein stets reges Interesse für Dinge der jüdischen Allgemeinheit. In einer gemeinsamen Sitzung der Palästina-Exekutive und. des Waad Leumi wurde beschlossen, in Palästina ein Mausoleum für die sterblichen Überreste Theodor H e r z I s zu errichten. * Nach einer Entscheidung des Oberlandesgerichts Frankfurt a. M. besitzt eine Partei im Armenrecht,,die an sich Anspruch auf Beiordnung eines Armenanwalts habe, kein Recht, daß ihr ein bestimmter Anwalt beigeordnet werde, und auch nicht darauf, daß sie nur einen nichtarische n Anwalt erhalte. Das Sächsische Justizministerium hat neuerdings :den Gerichten empfohlen, bei der. Beiordnung eines Armenanwalts auf das Vertrauensverhältnis zur Partei Bedacht zu nehmen. Dem wird hinzugefügt, daß bei rassischer Verschiedenheit zwischen Anwalt und Partei die Grundlage für ein solches Vertrauensverhältnis zu verneinen sei. Freilich, so fügt die Frankfurter Zeitung hinzu, bringt das ■ Sächsische Justizministerium mit diesem Grundsatz deutlicher als es in der Entscheidung des Obcrlandesgerichts Frankfurt geschehen zu sein scheint, zum Ausdruck, daß bei Rassengleichheit, also wenn sowohl Partei wie Anwalt Nichtarier sind, kein Anlaß bestehen dürfte, grundsätzlich die Beiordnung des Von der Partei gewünschten nichtarischen Anwalts abzulehnen. * ln einer Pressekonferenz führte der Ministerpräsident Tatarescu nach einer in Cemauti, der Hauptstadt der Bukowina, abgehaltenen Ministerratssitzung in Bezug1 auf die Judenfrage aus: „Ich kenne nur rumänische Bürger. Da die Juden rumänische Bürger sind, ist selbstverständlich, daß sie der gl e i ch en- Rech te und Pflichten teilhaftig werden wie alle anderen Bürger.“ — - - - ..,.- -m. . . . In Augsburg wird am 1. Juli die Wanderausstellung 'des Jüdischen Kulturbundes in Bayern „Graphik jüdischer Künstler aus Bayern" in den Bibllatbeksräumai der "dortigen- Kultusgemeinde eröffnet. Wie aus Saloniki berichtet wird, hat die griechische Regierung für die j üdisch-soziale Arbeit in Saloniki eine Beihilfe von 300 000 Drachmen gewährt. Die Subvention wird unter den verschiedenen Wohlfahrten, einrichtungeil der dortigen jüdischen Gemeinde aufgcteilt. ■ Der neue Generälgouverneur von Mazedonien, Perikics Rhallis, hat anläßlich seines Amtsantrittes in Saloniki, der von Juden stark bewohnten Hauptstadt Mazedoniens, Erklärungen abgegeben, aus denen zu entnehmen ist, daß der Generalgouverneur gegen die in letzter Zeit von den Oppositionsgruppen unternommenen Versuche, eine unterschiedliche Behandlung der Juden als Staatsbürger durchzusetzen, tatkräftig Stellung nehmen und darüber wachen werde, daß das Gesetz allen gegenüber mit der gleichen Weltherzigkeit angewandt werde. . ---- förmig geschnittene Silhouette einer Kuppel empor — und plötzlich überfällt es dich wie ein Blitz: du stehst imJudenvLertel... * Da1 baut sich eine Stadt aus der Landschaft über den Strom, und man geht hindurch, weltoffen, ganz Fremdling. Man weiß genau, Juden gibt es auch hier. 'Aber es ist ein totes Wissen, ohne die schwere Sicherheit des Erlebnisses. Und dann steht man in einer geradlinigen und etwas langweiligen Straße, in der sich die Häuser eng aneinanderschließen, gutmütige, ängstliche Häuser, in denen nüchterne und gemächlich beschäftigte Menschen wohnen. Häuser sind es, wie sie überall stehen, nichts unterscheidet sie von anderen, es sei denn die Messussa an den Pfosten der Türen. Es sind Häuser, in denen Juden wohnen, drei, vier Straßen weit. Warum wohnen sie hier, in einem Viertel zusammengedrängt, wo sich die Stadt schon gegen das Hinterland öffnet und der erste Hügel des Juragebirges fast greifbar nahe emporschwingt? Ist es die Nähe des Gotteshauses allein? Oder zwingt sie nicht ein Erlebnis, ein Schicksal zusammen wie überall? Noch grübelt man über dieser Frage, un.d schon ist alles wider Willen seltsam vertraut in dieser Fremde, man wehrt sich dagegen und ist schon überwunden.. Schaue nur in die Gesichter derer, die vorübergehen, in bleiche, durchgeistigte Gesichter, über schmächtigen Körpern, in weltglatte, europäische, in . östlich dunkle. Erkennst Du sie? Juden sind es, die das Sch’rna bekennen, auch sie Gott Suchende, — Juden wie Du. . Die Basler Gemeinde, wie sie heute besteht, die dritte-in der Geschichte der Stadt, ist nicht alt. Freilich, schon bald nach.dem Beginn des 12. Jahrhunderts haben sich die ersten Juden in Basel niedergelassen. Aus kleinen. Anfängen wurde schnell ein blühendes ‘ Gemeinwesen; nicht dem Basler Bischof waren die' Juden untertan, sie waren des Kaisers ' ■ Kammerknechte. Doch als dann das „große Sterben“ ' über Europa kam und der Schwarze Tod auch in Basel Geiicht hielt, wurden die Juden vertrieben — nein, vertrieben nicht, das Wort ist zu gering, wer nicht entkam, den verbrannte das irregeleitete Basler Volk bei lebendigem Leibe in einem hölzernen Käfig,. an 600 Seelen. Die Geflüchteten siedelten sich später wieder an, um bald, darauf aufs neue vertrieben zu werden. Seit damals, anno 1397, hat es vier Jahrhunderte hindurch in Basel kein'ejüdische Gemeinde mehr gegeben. Erst als die helvetische Verfassung von 1798 unter dem Eindruck der in Amerika und Frankreich proklamierten Menschen- und Freiheitsrechte den Juden die Ansiedlung'auf eidgenössischem Boden grundsätzlich gestattete, trat, ein Wandel ein. Aus dem Elsaß herüber, wo seit dem Sturm auf die Bastille fast unaufhörlich Judenverfolgungen gewütet hatten, kamen die ersten- Bürger der neuen Gemeinde nach Basel. Im Jahre 1800 gewährte