Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 14 (1934)
- Issue
- 49 (19.6.1934)
- Date
- 1934-06-19
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Berlin Dienstag, 19. Juni 1934 Preis 20 Pfg. . Nr. 49 — 14. Jahrgang gür beutfches 3ubeittum uitb religtöfen Ulufbou MerausgeberHanns Loewenstein Die „Jüdisch-liberale Zeitung** erscheint zweimal wöchentlich: Dienstags und Freitags Ein Junger ruft zu neuer Lebensform Worum es geht Von Dr. Hans Joachim Schoeps ' Zunächst geht es einfach mal darum, nicht zugrundezugehen, sondern allen falschen Propheten zum Trotz, die uns Auswanderung oder Kulturghettö empfehlen, auch bei materiell eingeschränkten Lebensbedingungen in Stolz und Würde als deutsche Juden durchzuhalten ... Diese Aufgabe hat praktische Konsequenzen, von denen nunmehr gesprochen wer.den muß:. Das,deutsche Judentum wird sich nur erhalten, wenn es sich bei aller Willigkeit Und Bereitschaft für Deutschland als Judentum erhält — oder genauer noch — in seiner Eigenart und „Volks“bestimmung als Israel. Es muß darum immer von neuem überdacht und Besinnung geübt werden auf unser eigenartigeis Stammesschicksal, was das heißt und zu bedeuten hat: Israel unter den Völkern. Am Beginn jeder jüdischen Erneuerung wird daher die Klärung der Grundwirklichkeiten stehen müssen. ' Gegen das, was .sich heute als „jüdische" Erneuerung“ in Szene setzt, sind wir skeptisch, weil die Rückbesinnung uns nicht grundsätzlich genug zu sein und das Abgleiten in das jüdisch-nationalistische Mißverständnis zu nahegelegen scheint. Z. B. scheinen Uns die Motive für die gewiß erfreuliche Rückwendung zur hebräischen Sprache. nicht lauter genug zu sein. Auf Schritt und Tritt begegnen wir der politischen Verunreinigung, daß man etwa das biblische Hebräisch nicht im Lischmoh-Sinne, um seiner selbst^ willen, lernt,, sondern immer schon dabei das sogenannte Neuhebräisch und die Schaffung einer jüdisch-völkischen Atmosphäre im Auge hat. Schon dies zeigt an, wo die eigentlichen Schwierigkeiten der jüdischen Erneuerung liegen, die es verhindern, daß wir uns wahrhaft als altes Israel erfahren samt Auftrag und Verpflichtung, die an der Erwählung und Erheiligung des Samens hängen. Die moderne Lebensstimmung, der wir alle verhaftet sind, steht der wahrhaften Rückbesinnung auf die Ursprünge und Voraussetzungen der jüdischen Lehre und der jüdischen . Lebensqrdnung feindlich gegenüber. Wir stehen heute in einer Gott und seinem Gesetz gründlich entfremdeten Welt und können nicht durch eine einfache Kehrtwendung hoffen, aus dieser Welt herauszukommen. Diese theoretische Kehrtwendung hebt ja nicht die heutige Weltwirklichkeit auf, weswegen Umkehr heute etwas Anderes — wahrscheinlich eben viel weniger.— bedeuten .muß als in früheren Jahrhunderten der Fülle. Es würde dem, der in der Lebensform der Überlieferung nicht groß' geworden ist, gar nichts nutzen, wenn er heute unvermittelt zu .einer streng orthodoxen Lebensführung überginge. Da ist unser Abstand von. der Väterwelt nun doch schon, zu groß geworden. Wir, die. junge Generation, sind .kritisch geworden und möchten nicht gern einer naheliegenden Täuschung zum Opfer fallen, daß wir die Übung einer bloßen Konvention mit dem Leben in der Tradition verwechseln. (Fortsetzung auf der 2. Seite.) Vergessen Sie nicht die Einlösung der Abonnements- Quittung für Juli. — Nur pünktliche Einlösung sichert regelmäßige Zustellung der „JUdlsdi - liberalen ZcKnng". Der Studentenrabbiner spricht Eine Einladung liegt auf dem Schreibtisch. Nicht hochtrabend gediuckt, sondern anspruchslos, bescheiden auf dünnem Papier mit der Schreibmaschine durchgeschlagen. Die Jüdische Studentenseelsorge veranstaltet für alle jüdischen Berliner Studenten einen Vortragsabend. Rabbiner Dr. Max Wiener spricht.. J - Gibt es überhaupt noch jüdische Studenten in dieser Zeit, in der sich die Universitätstore unserer’ Jugend in weitem Maß verschlossen haben, in der die Kritik an der Übersetzung der akademischen Berufe durch Juden nicht nur von nationalsozialistischer Seitq, sondern auch'- von Juden selbst geübt worden ist? — Mal sehen. Ein .Vortrag findet statt Ein Saal im Synagogenbezirk der Fasanenstraße, der am Vormittag Unterrichtszwecken dienen mag. Um halb neun Abends ist der Vortrag angesetzt. Mit dem akademischen Viertel hat der letzte Besucher seinen Platz eingenommen. Junge Menschen, von'der Sonne des Sportplatzes verbrannt, andere mit Mappen beladen und dickleibigen Büchern. Auch ein paar Studentinnen. Auch ausländische Studierende. Viel schmale Gesichter, von Entbehrung blaß geschminkt. Die meistert Theologiestudenten, die neben der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums noch philosophische Vorlesungen an der Universität be- ■>. suchen, Philologen, Studenten der Technischen und der Handelshochschule, Werkstudenten. Gedämpfte Unterhaltung dreht sich um Doktordissertationen, um Talmudstellen, um Berufs- und Wirtschaftssorgen. Bis Rabbiner Dr. Wiener das Podium betritt. Nicht um einen akademischen Vortrag zu halten, sondern um aus einem tiefen, vielseitigen Wissen und einem lebenswarmen Verständnis für den Weg und den Willen der jüdischen Akademikerjugend Bausteine beizutragen zum Aufbau eines jüdischen Lebensstils. Der Studentenrabbiner Dr. Wiener ist der geistige und geistliche Mittelpunkt . der jüdischen Studenten Berlins. Der Studentenrabbiner. Es gab auch einen Studenten-Prinz. Damals, als sich vor etwa drei Jahren die Schaffung einer solchen Studentenseelsorge — neben der Studentenhilfe — als zweckmäßig herausstellte. Aber Dr. Wiener ist nicht nur Vortragender. Er ist auch Hörer, an dessen Ohr und dessen Herz die Nöte verschiedenster Art dringen. Und er ist ein wohlmeinender Mahner: „In einer Zeit wie der unsrigen,“ sagt er zu seinen. Studenten, „muß die Vergeistigung ein wenig zurückgestellt werden. Die ungesunde wirtschaftliche Schichtung der deutschen Juden, muß aufhören. Der Gedanke der jüdischen Solidarität verlangt Opfer vom einzelnen, indem er sein Studium aufgibt, an dem er hängt.“ Was natürlich nicht bedeuten soll, daß sich nun die gesamte deutsch-jüdische Jugend ganz von geistigen Berufen zurückziehen und sich radikal auf Handarbeit umstellen soll! Nicht nur für jüdische junge Menschen, sondern auch für Zehntausende der deutschen — nichtjüdischen — Jugend bedeutet das Gesetz gegen die Überfültung der Hochschulen und die Bestimmungen über die Hochschulreife das Ende des Akademikertfaumes.- Wenn auch die jüdischen,Studenten an der Entwicklung der Deutschen Studentenschaft, als der Vertretung der Gesamtheit der Studenten, nicht teilnehmen können,' so dokumentiert sich doch in ihnen der starke Wille, ihr Lebensziel zu erreichen und an dem ihnen zügewiesenen Platz auszufüllen. Nar noch Dreihundert Nach den wesentlichen Bestimmungen, die das Hochschulstudium für die Juden eingrenzen, können fünf Prozent jüdischer Studenten weiter studieren, anderthalb Prozent dürfen neu hinpitreten. So hat sich das Bild der jüdischen Studierenden an den deutschen Universitäten grundlegend gewandelt—Uwe Zahl ist auf ein kleines Häuflein zusainmengeschmolzen. Während in Berlin früher 1500 Juden studierten, sind es heute schätzungsweise — amtliche Zahlen liegen noch nicht vor — nur noch 300, einschließlich9 der etwa 100 Besucher der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums. Am stärksten zurückgegangen ist naturgemäß die Zahl der J-uristcn und Mediziner, während in beiden Fakultäten nur sehr wenige hinzugekommen sind. Wenn die Juristen an erster Stelle stehen, so liegt das daran, daß von den Medizinern viele ihr Studium noch vollenden 'wollen. Weniger wirkt sich der Rückgang an der Technischen Hochschule'aus, weil dort die Zahl der Juden von jeher geringer war als an den anderen Hochschulen und viele ausländische Juden die. Technische Hochschule besuchen, die von der Gesetzgebung des neuen Staates nicht betroffen sind. Untergang-der jüdischen Akademiker? Es ist ohne weiteres klar, daß sich das Verhältnis zugunsten der älteren Semester verschoben hat. Womit jedoch noch lange nicht gesagt zu sein braucht, .daß esTn einigen Jahren nur noch einen überalterten Akademikerständ gäbe, der zum Untergang verurteilt ist, da ihm der Nachwuchs fehle. Daß die Schicht der jungjüdischen Akademiker tiefgreifende und sich erst nach und nach voll auswirkende Veränderungen erfahren hat, wird niemand leugnen wollen. Auch in wirtschaft 1 ieher Hinsicht sind die jüdischen. Studenten, die mit der gelben Studentenkarte in deF Brusttaschc und einem gesunden Optimismus im Herzen ihren Weg gehen, schwer getroffen. Ein großer Teil - von ihnen muß ohne die Unterstützung des Elternhauses auskommen und mit Hilfe von Stipendien das Studium durchführen. Da die Mittel der Studentenhilfe erschöpft sind, kann sich das Stipendium des Wohlfartsamts der Jüdischen Gemeinde nicht auf den ganzen Studienunterhalt erstrecken, sondern nur auf Kolleggeld, -Wohnung oder einen Beitrag für die Verpflegung in der Mensa Academica Judaica^ in dev Rosenthaler Straße. In der Mensa Academica Judaica Ein riesiger ’ Gebäudekomplex. Büroräume, aus denen Maschiriengeklapper dringt. Engros-Geschäfte." Fabriken. Grelle Kinoplakate. Weithin, sichtbare Firmenschilder. Höfe, Aufgänge, Durchfahrten, ein verwirrendes Labyrinth. Ein kleines unsichtbares Schild weist den Weg:. Mensa .Academica Judaica. Über Stufen betritt man einen freundlichen Raum mit sauber weiß gedeckten Tischen. An den Wänden Anschläge: Billige Studentenzimmer. Eine Wasch- und Plättanstalt plakatiert Ausnahmepreise für Studierende. An der Kasse ein Beamter, der gegen Er-,, legung eines Betrages von 60 Pfennig eine Eßmarke aushändigt, für die drei nähr- und schmackhafte Gänge serviert werden. Wenn die Mensa Academica — von Wohltätern ursprünglich nur. für Studenten gegründet — ihren Namen heute insofern zu Unrecht.führt,.als hier jetzt — nach der Pessach-Hagada'— die Parole ausgegeben . wird: „Wer hungrig ist, komme und_esse mit uns“, ob Kaufmann oder engagementsloser Schauspieler, so ist .es dennoch das Stammlokal der Studenten geblieben. Da sitzen sie, Studierende und Rabbinatskandidaten noch lange nach dem Essen zusammen, debattierend und diskutierend, unbeirrt von dem Klappern des Geschirrs und der Bestecke , . . Die deutsche Studentenschaft und die national-, sozialistische Betriebszellenorganisation haben dieser Tage in allen Universitätsstädten des Reiches Massenversammlungen einberufen, die das Bündnis dieser beiden-wichtigen Träger der deutschen Volksgemein-_ schaft auch nach außen hin besiegelten. Die deutsche Studentenjugend hat sich einen neuen Lebensstil geschaffen. Die jüdische wird hoffentlich den ihrigen finden. E. Ta.