Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 14 (1934)
- Issue
- 48 (15.6.1934)
- Date
- 1934-06-15
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2613366-2613519-2613563--4997-2616748- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
DI E K Ö L N E R S E I T E „Hat der religiöse Liberalismus zur Erhaltung des Judentums beigetragen?“ §in Kölner ftaflt — ein Kölner onttoortet „Hat der religiöse Liberalismus zur Erhaltung des Judentums beigetragen?“ Diese Frage wurde in der Vorstandssitning eines auf kulturellem Gebiet bedeutungsvollen Vereines. innerhalb der Kölmy Gemeinde kürzlich-v e rn ei n t.- Nur das orthodoxe Judentum habe diese Aufgabe erfüllt, nur der „gesetzestreue Jude“ stehe im' Judentum, nur durch die Anerkennung der Unmittelbarkeit der Offenbarung und der anschließenden Gesetzgebung bis zu den rabbinischen Weisen sei der Glaube der Vater und damit das Judentum bis in unsere Zeit gerettet worden — das „weiße“ Judentum haben nur in gegenteiligem Sinne gewirkt. Wer dies sprach, war nicht nur ein Mann von geistigem Format, er bezeichnet sich selbst als nicht orthodox und nicht .zionistisch. Es war dein Schreiber dieser Zeilen schmerzlich aufgefallen, wie leicht solche Verurteilung des „religiösliberalen Judentums“ in heutiger Zeit auch im Kreise kulturell führender Menschen Anklang findet, weil der Augenblick für andere*Auffassungen -empfänglicher zu sein scheint. Es erscheint deshalb angebracht, hier zu dieser Meinung, die in der Kölner Vorstandssitzung vertreten wurde, einmal Stellung zu nehmen. .Die gewaltige Leistung des religiösen Liberalismus — das vom Politischen herstammende Wort führt heute mehr als je leicht zu falscher Auffassung und müßte durch ein adäquates Wort ersetzt werden — im letzten Jahrhundert für die Erhaltung unseres Judentums ist gar nicht wegzudenken, sie hat dem deutschen Judentum seine zentrale Bedeutung innerhalb unserer Glaubensgemeinschaft in der Welt nicht nur schaffen helfen, sondenf hat auf dem Gebiete der Wissenschaft des Judentums, der religiösen Erbauung und Belehrung so viel geleistet, daß gesagt werden kann: Ohne diese Bewegung und Gestaltung wäre wahrscheinlich das Judentum im"l9. Jahrhundert in Deutschland auf einen Bruchteil seiner Bekenner-. zahl zurückgesunken. Sie hat der Taufe und dem Massenaustritt entgegengewirkt,' in ihm und seinen gewandelten Formen haben große Teile unserer Großstadtgemeinden der beiden letzten Generationen ihren Glauben und ihre Liebe zum Judentum erleben und erhalten können. Es bleibt sein geschichtliches Verdienst, in der Emanzipationszeit die Kluft überbrückt zu haben, die zwischen der Lehre der Väter und den traditionellen Ritualgesetzen einerseits und dem Leben des Alltags in. und mit der Umwelt anderseits eine Gefahr für die Massen der Glaubensgemeinschaft geworden wäre. Dabei hat das religiös-liberale Judentum unserer Gemeinden nie die Offenbarung geleugnet oder deren Wert für alle Zeiten vermindern wollen. Es hat durchaus nicht nur rationalistisch diese religiöse Kraftquelle aufgefaßt, vielmehr das Irrationale, das Oberirdische anerkannt und dem Heiligen und Göttlichen gehuldigt. Die Einführung der Orgel in den Gottesdienst und die Veredlung des Gemeinde- oder Chorgesangs haben dem gedient, um von der musikalischen Seite her, die seelische Bereitschaft zum Gebet und zur Gotteslehre zu erschließen. Für die religiös-liberale Auffassung ist kein Buchstabenglaube, sondern der Geist der Lehre verbindlich. Das religiös-liberale. Judentum hat nur rangmäßig eine andere Einstellung zu religiösen Fragen eingenommen, es hat der Ethik des Judentums den Vorrang vor dem Zeremonialgesetz gegeben. Es hat durch die deutsche Predigt und durch die Anpassung der religiösen Formen an die Forderungen der Zeit vielen das Verbleiben im Judentum erst crmögliclit. So ist auch in unseren Tagen im benachbarten Holland das Erwachen und Drängen des religiösen Liberalismus jm Judentum zu verstehen, das jetzt durch die Anstellung des bisherigen Rabbinatsassessors Dr. Mehlcr eine Stärkung und Entfaltungsmöglichkeit bekommen wird. Denn gerade dort, wo die Orthodoxie bisher alles beherrschend gewesen ist, ist die Zahl derer, die nur noch dem Namen nach Juden sind, von Jahr zu Jahr größer geworden, weil diese Menschen im Erstarrten, iin Unduldsamen, im Nichtanpassen in äußerlichen Dingen für sich etwas Unmögliches sahen. Ist doch dort vor wenigen Jahren einem jungen deutsch-jüdischen Eltempaar rein jüdischer Abstammung zunächst verweigert worden, seinen Jungen beschneiden'zu lassen, weil die Trauung eines so positiv jüdischen Seelsorgers wie die des Kölner Goncinderabbiners Dr. Kober nicht anerkannt wurde, so daß es erst der Erklärung des konservativen Kölner Gemeinderabbioers bedurfte, der die Chupoh seines Kollegens als „nach der Lehre Moses und Israels“ bestätigte. iQer Fall mit den Milchkannen fü_r.die KoschermTlch in Frankfurt am Main aus den jüngsten Wochen, bei der es von der orthodoxen Ausjttittsgemeindc der Behörde gegenüber ah-* gelehnt wurde, diese Gefäße gemeinsam mit Kreisen der Uemeindekonservativen zu benutzen (!) zeigt, daß neben dem orthodoxen Judentum das fortschrittliche Judentum für die Erhaltung unseres Glaubens auch heute eine Notwendigkeit ist. Der religiöse Liberalismus als positives Judentum besonderer Prägung (nicht etwa nur als ein Minus von religiösen Pflichten) vermag auch unserer Zeit und unseren Menschen Kraft und Erbauung zu spenden. Daß hierbei die Beschäftigung mit dem Inhalt der Bibel und des jüdischen Schrifttums, verbunden mit einer vertieften Kenntnis und einem Eindringen - in die hebräische Sprache, auch für den Religiös-Liberalen im Gegensatz zur vergangenen Epoche gefordert werden muß; sei ausdrücklich betont. Kein Kampf* innerhalb der Rich- ‘ tungen unserer Gemeinden soll hcraufbeschworen werden, das widerspräche der Zeit, aber seinen Anteil am Gemeindeleben soll der religiöse Liberalismus aus der Erkenntnis, seines . Eigenwertes immer wieder darstellen, um damit auch in alle Zukunft für die Erhaltung unseres Judentums zu wirken. scher Frontsoldaten Albert Süskind.’ Die künstlerische Ausgestaltung liegt in den Händen des Herrn Oberkantor Fleischmann, sowie des Herrn Lehrer Eugen Jacobi-(Kinderchor der Jüdischen Volksschule Köln Lützowstraße). ffiie öle Kullutöunööuöne 91öein=9tof)r arbeitet Von Gerhard Walter-Rosenbaum, Dramaturg Vom 3. Dezember 1933 bis zur Veröffentlichung dieses Aufsatzes hat die Schauspielbühne des Jüdischen Kulturbundes Rhein-Ruhr sechs Inszenierungen herausgebracht. Wenn nun — stolz auf das Geleistete — Rückblick und Vorschau gehalten wird, so geschieht das nicht, weil eine Kulturbund- Spielzeit abgeschlossen ist. Der Kulturbund ist keine-^Volksbühne und keine Konzertgesellscliaft, der Kulturbund ist die Gemeinschaft schicksalsverbundener jüdischer Menschen. Auf schweres, tiefes Erleben gründet sich die Zugehörigkeit zum Bund, nicht auf die Mitgliedsanmeldung für eine Saison. Als der Kulturbund im Oktober 1933 seine Darbietungen begann, waren die finanziellen Voraussetzungen für die Eröffnung der Scliauspielbühne noch nicht erfüllt. Doch die Verfechter der Theateridee drangen trotz aller Bedenken auf den Beginn der Probenarbeit. Die Ankündigung des Premierentages bewirkte stark ansteigende Mitgliedsanmeldungen und schuf damit die finanzielle Basis des Theaters. Während die Konzertveranstaltungen trotz höchster Leistungen nur von 05 Prozent, die Vorträge im Höchstfälle von 30 Prozent der Kulturbundmitglieder besucht werden, bleibt die Beteiligung an den Theaterabenden nie unter 90 Prozent. Die Mitglieder des Kulturbundes sind auf die Städte Köln, Essen, Wuppertal, Krefeld, Aachen, Duisburg, G e 1 s e n k i rc h e n und Recklinghausen verteilt. 47 Prozent der gesamten Mitglieder entfallen auf Köln. In allen genannten Orten finden regelmäßig Theateraufführungen statt. Geeignete Säle und Theater sind nicht überall vorhanden, so muliten in Logen und Gemeindehäusern N o t b ü h n e u errichtet werden. Finanzielle Rücksichten gestatten nur-die Verpflichtung eines kleinen Ensembles. Für gröllere Inszenierungen wird das Ensemble ergänzt. Im unüberschreitbaren Höchstfall können 14 Schauspieler in einem Stück Beschäftigung finden, eine gröllere Darstellerzahl erlauben weder der Etat noch die technischen Mittel. Der gesonderte Transport von Ensemble und Dekorationen ist aus Ersparnisgründen undurchführbar: Die Kulissen werden im Anhänger des Personenwagens mitgeführt. Da vor Beginn jeder Vorstellung Dekorations- und Beleuchtungsproben stattfinden müssen, treffen die Schauspieler schon am frühen Nachmittag im Spielort ein. Die Rückfahrt nach Köln kann erst nach Mitternacht angetreten werden, da das Verladen der Dekorationen viel Zeit in Anspruch nimmt. Die räumliche Verschiedenheit der Theater, die geringen Größenausmaße der 'Behelfsbühnen, die Transportschwierigkeiten, vor allem aber die unerläßliche Sparsamkeit bewirken die Entwicklung einer neuen Form der Andeutungsbühne. In den bei allen Inszenierungen gleich bleibenden Paraventrahmen . werden E i n s t e 11 w ä n d e gesetzt, die der Szene das stücknotwendige Kolorit geben. OberflüssigeAusstattungsgegenstände werden peinlichst vermieden. Das Schwergewicht der Aufführung ruht auf dem Schauspieler und dem geistigen Gehalt des Stückes. Äußerste Konzentration ist Bedingung für Regie und Darstellung. - Die Beschränkung auf ein verhältnismäßig kleines Ensemble und der Mangel an technischen Hilfsmitteln — nicht alle Stücke sind für die Andeutungsbühne geeignet — machen die Aufführung vieler für den Kulturbund wünschenswerter Dramen unmöglich. Berücksichtigung fordert zudem die grundverschiedene Publikumsschichtung in den dem Kulturbund angeschlossenen Gemeinden. Die Zusammensetzung der Zuschauer in den Gemeinden der .Handelszentrale Köln,, der Schwerindustriestädte Essen und Duisburg, der Textiistädte Wuppertal, Krefeld und Aachen und den Kleingernemden Gelsenkirchen und Recklinghausen ist ein unerläßliches Kriterium bei der Festsetzung des Repertoires. Der Spielplan verfolgt die Absicht, -die Verbindung mit den Werten der deutschen und der europäischen Kultur aufrecht zu erhalten und den verschütteten Weg zu den. Werten jüdischer Kultur wieder frei zu legen.. Die gute Unterlialtungskunst, die in jedem Theater Heimatrecht hat, darf auch nicht vernachlässigt werden. So erfüllt die Schauspielbühne des Kulturbundes ihre Aufgabe, dem jüdischen wie dem. allgemeinen Kunstwerk zu dienen und Unterhaltung in wertvoller Form zü bieten. Die bisherige Theaterarbeit, die durch' die Erfahrungen als richtig bestätigt ist, wird für die Zukunft bestimmend sein.. Neben Unterhaltungsstückeri im Sommer sind zur Aufführung i.i Aussicht genommen wordene Stücke von Perez („Die goldene Kette“), Mpliere („Scapins Streiche“), Schnitzler, Shaw, Nestroy und von jungen Autoren, mit denen der Kulturbund durch sein Preisausschreiben tatkräftig Verbindung sucht. - Die Kulturbünde und Ihr Theater sind in schwerer Notzeit entstanden, Ihre Existenz ist ein Beweis von Lebenswillen und Opferbereitschaft der in Deutschland lebenden Juden. Wie .die Künstler mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit ganzer Kraft sich ihrer Aufgabe widmen, so müssen sich alle jüdischen Gruppen, so muß sich jeder einzelne hinter das gemeinsame Werk stellen. @efaIIß!ten>ßljrcnmQl auf Dem iüDifdien SrieD« Ijof in floln Der Reichsbund Jüdischer. Frontsoldaten Ortsgruppe Köln begeht am Sonntag, den 8. Juli, die Feier der Einweihung des von ihm auf dem jüdischen Friedhofe Köln- Bocklemünd erstellten Gefallenenehrenmals. Es ist unter Beteiligung weitester Kreise, insbesondere juch der Synagogengcmcinde Köln, ein der Zeit angepaßtes schlichtes, doch würdiges Denkmal errichtet worden. Die Feierbeginnt vormittags 10.30 Uhr in der Friedhofshalle. Es werden das Wort haben: Der Bundesvorsitzende des Reichsbunds Jüdischer Frontsoldaten, Dri Löwenstein, Berlin, die beiden Gemeir.derabhiner Dr. Rosenthal und Df. Kober, der Vorsitzende der Kölner Gemeinde Konsul Albert Bendix, der Vorsitzende des Landesverbands Westdeutschlands, des Reichsbunds Jüdi- Aus der Synagogengemeinde Köln Güt Slirf in Die ©emetnöebertretung Aus den Beratungen der Repräsentantenversammlung und des Vorstandes der Svnagogengemeinde Köln in den letzten Jahren gewinnt man das Bild, daß jüdisch-politische Gegensätze in den Beschlüssen selbst kaum zum Ausdruck kommen. Das lag und Hegt daran, daß die Vertreter der Fraktionen bei den Beratungen zwar selbstverständlich den Standpunkt ihrer jüdischen Weltanschauung zum Ausdruck brachten, bei ihren Entschließungen aber stets das Bestreben hatten, das Gesamtinteresse der jüdischen Gemeinde obenan zu stellen. Infolgedessen wurden die Beschlüsse zum großen Teil und besonders die der letzten Zeit einstimmig gefaßt. Nach einer Vereinbarung zwischen den einzelnen Parteien im Jahre 1926 wurde für die Wahl der Repräsentanten und Stellvertreter eine gemeinsame Einheitsliste aufgestellt und gewählt. Danach setzt sich die Repräsentantenversammlung parteimäßig folgendermaßen zusammen: Von den 21 Repräsentanten und 9 Stellvertretern gehören 10 Repräsentanten und 4 Stellvertreter der^Iiberalen Fraktion 7 „ „2 „ -r „ Volkspartei 3 „ „ 2 „ „ konservativen Fr. 1 Repräsentant „ T „ „ ’Mittelpartei an. Den Vorsitz in der Repräsentantenversammlung führt vereinbarungsgemäß ein liberales Mitglied (Generalkonsul Baumann), Stellvertreter des Vorsitzenden ist ein Mitglied der Vclkspartei (Amtsgerichtsrat May). Der Vorstand — 7 Mitglieder und 3 Stellvertreter — besteht gemäß der oben erwähnten Vereinbarung aus 3 Übe-' ralen Vorstandsmitgliedern, 2 Stellvertretern, 3 zur Volkspartei gehörenden Vorstandsmitgliedern, einem konservativen Vorstandsmitglied und einem ebensolchen Stellvertreter. Den Vorsitz führt ein liberales Mitglied (Konsul Bendix). Die zahlreichen Arbeitsausschüsse sind nach zweckmäßigen Gesichtspunkten zusammengesetzt, wobei natürlich auf die Stärke der einzelnen Fraktionen Rücksicht genommen ist. Den Vorsitz in der Finanzkommission führt der Gemeindevorsitzende. Den Steuerausschuß leitet ein liberales Vorstandsmitglied (Siegfried Abel). Den Vorsitz im Wohlfahrtsamt der Gemeinde, das als selbständiger Verein von der Gemeindeverwaltung abgetrennt ist, führt ebenfalls ein liberales Vorstandsmitglied (Karl Ka iserblüth). Schon seit mehreren Jahren ist einevollständige Kultus-Trennung in der Gemeinde durchgeführt. Es besteht ein konservativer und ein liberaler KultusausschuU. Diese Ausschüsse leiten jeder getrennt den Gottesdienst in den zu ihrer Richtung gehörenden Synagogen. Sie sind autonom und nur in gewissen Fällen besonderen Beschränkungen unterworfen.- Wie wohl in allen deutschen jüdischen Gemeinden sind auch in Köln die Anforderungen an die. Gemeindeverwaltung außerordentlich gestiegen. Dazu kommt, daß im vorigen Jahr allein 4 Vorstandsmitglieder ausgeschieden sind und durch neue ersetzt werden mußten. Trotzdem ist es der Verwaltung in selbstloser, aufopfernder Arbeit gelungen, das Gemeindeschiff mit Erfolg durch die Klippen der schweren Zeit zu steuern. Unter der Führung der in der Krisen/.eit bewährten Männer der Verwaltung kann die Gemeinde die berechtigte Hoffnung hegen, daß sie auch den uns allen ungewissen Ereignissen der Zukunft gewachsen sein wird. Rcchtsamvali Dr. Cappel. Gemeinde, des Herrn Dr. frank, Frau Martha C o b 1 e n z, die Gattin des unvergeßlichen Rektor Coblenz in den preußischen . Landesverband eintreten. Wie auf vielen anderen Gebieten des Gemeindelebens ist sie seit Jahrzehnten eine rührige Mitstreiterin in den Reihen unserer Vereinigung. Personalien. Dem Vernehmen nach wird an Stelle des nach dem Ausland! verzogenen früheren Vorsitzenden der 3ufammenftöl»& Der Gfjetorotfi „Gott tue an Euch Liebe, so wie Ihr getan an den Verstorbenen!“ Von diesem Satze, des am Schowuothfest gelesenen Buches Ruth aus gesehen, ist die Vielzahl der Chewroth unserer Gemeinde ein Segen, ein Born echt jüdischen Gemeinschaftssinnes und seiner praktischen Betätigung gewesen. Haben diese „Vereine“ doch unendlich'viel an Liebe und Wohltätigkeit in jeglichem Sinnegeübt, ja dem Wohltun, der Nächstenliebe allein hat der Vereinszweck gedient, gleichviel, ob. dabei im Vordergründe Liebesdienst an den Lebenden oder an den Toten stand. Brautausstattung, Unterstützung der Armen und Bedrängten,' Bestattung der Toten, Lehrvorträge, Sterbekasse, das alles sind Dinge, die von der einen Chewroh bald mehr, bald weniger in den Vordergrund gestellt waren, aber alles sind Teilbegriffe echter jüdischer Wohltätigkeit. Es ist-auch einleuchtend, daß in normalen Zeiten eine solche Vielheit zu begrüßen ist, ja wünschenswert erscheinen kann, damit immer wieder die Gemeindemitglieder zur Opferbereitschaft für das Gemeinwohl angeregt und aufgemuntert werden und in der Vielheit der zu erfüllenden Aufgaben ’Anreiz zur Mitarbeit, zur Hilfeleistung finden. Mit den veränderten Zeitverhältnissen und den oft harten Notwendigkeiten der Stunde ist aber auch hier eine Wandlung eingetreten. Führende Männer der Kölner Gemeinde, an ihrer Spitze vor allem der Vorsitzende, Konsul Bend ix, hatten schon seit einiger Zeit diese Dinge übersehen und gemahnt, einen Zusammenschluß der Chewroth herbeizuführen, an die Stelle der Vielheit ein kräftiges, in sich geschlossenes Ganze zu setzen, um über die Zeit und die Strömungen des Tages hinaus das zu sichern, was für das Gemeinwohl unentbehrlich ist, ehe aus anderen Erwägungen heraus .ein Zwang, der Tatsachen eintrete. Wenn nun eine außerordentliche Generalversammlung sämtlicher. Chewroth in der Rheinlandloge zu gleicher Zeit iind mit der gleichen Tagesordnung einberufen'werden mußte, so haben solche zwingende Gründe den letzten Anstoß gegeben. Wenn eine der großen Chewroth trotzdem abseits blieb, so sind bereits aus deren Mitgliederkreis Schritte unternommen; um auf satzungsgemäßem Wege das Versäumte nachzuholen. Verlauf und Ergebnis dieses Abends, der bei starkem Besuche zur Auflösung sämtlicher Einzelvereine lind zum Zusammenschluß aller in den „Verein Nächstenliebe in der Synagogengemeinde Köln“ (Chewrah Kadischah) führte, zeigten ein Bild echten Gemeinschaftsbewußtseins, eine Bereitschaft zur Einigkeit. Unter der zielbewußten Leitung des Herrn Konsul Bendix wurde in einer zweiten durch die Satzungen gebotenen Sitzung die aus neun Paragraphen bestehende Satzung der neuen Chewra angenommen, deren § 9 einen erweiterten Vorstand zu Ergänzungen und Abänderungen der Satzung ermächtigt. Ausdrücklich werden alle Aufgaben der bisherigen Einzelvereine übernommen. Der engere Vorstand, der den Verein gesetzlich vertritt, wird demnächst durch den erweiterten Vorstand gewählt. Es wurde eine besondere Abteilung Sterbekasse errichtet, deren Vermogensverhältnisse gesondert zu verwalten sind. Der Unterzeichnete konnte dabei beruhigende Versicherungen für die Erhaltung der Rechte der bisherigen Mitglieder der Sterbekasse abgeben. Leo Grünebaum.