Mannheim
Compact Memory

Jüdisch-liberale Zeitung · 1934-06-15 · 48 (15.6.1934) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
14 (1934)
Issue
48 (15.6.1934)
Date
1934-06-15
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2613366-2613519-2613563--4990-2616741
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Berlin Freitag, 15. Juni 1934 Preis 20 Pfg. - Nr. 48 — 14. Jahrgang ff-EtasuP zu Berlin. 3ur beutföes Judentum uitb religtöfen tUufbau Herausgeber; Hanns Loewenstein Die „Jüdisch-liberale Zeitung« erscheint zweimal wöchentlich: Dienstags und Freitags BiMedouig der Kleinstadt gegangen, der Akademiker, der bisher zu den steuerkräftigeren Gemeindemitgliedern zählte, ist manchenorts verschwunden. In der Grenzmark gibt es nur , drei jüdische Anwälte. ' ■ . Wanderungsverlust über 30 Prozent Eindrücke einer Reise Von Dr. Ludwig Landau - Frankfurt (Oder) Jude aus der Provinz, Jude in der Provinz sein, — galt diese Einordnung von der Sicht des „modernen“ Juden her nicht als ein weniger Vollwertiges in der Schätzung der jüdischen Gesellschaft? Man flüchtete aus dem Provinzjüdentum in die große Stadt und nahm dort die Politur der „Zivilisation“ an. Eines Tages stellte man, häufig mit einem gewissen Unbehagen, fest, Distanz zu seinem früheren Milieu gewonnen zu haben. Jüdisches Schicksal — überall Nun ist das alte Denken in der Umformung begriffen. Neue Maßstäbe der Wertung werden an alle Glieder der-jüdischen Gemeinschaft gelegt. Gesellschaftliche Rangordnung hat an Bedeutung eingebüßt, keine jüdische Wirtschaftsposition hat sich als beständig gezeigt. Alles, was nicht menschlichjüdischer Besitz in uns ist, — er umschließt das Allgemein-Menschliche, — hat sich als dem Vergänglichen zu sehr verhaftet erwiesen. Diejüdische Provinz in uns wird von neuem entdeckt, seitdem wdr wissen, daß jüdisches Schicksal sich ü b e r a 11 verwirklicht. Wir erinnern uns der Verbundenheit aller Juden in den großen, kleinen und kleinsten Gemeinden.- Wo wirklich jüdisches Fühlen noch lebt, verlangt der Gemeinschaftswille, nach Neuwerdung und Neuwertung. Um diese solidarische Verbundenheit nach außen sichtbar zu machen, haben der Preußische Landesverband jüdischer Gemeinden und der Zentralausschuß der deutschen Juden für Hilfe und Aufbau in diesem Frühjahr zum ersten Male Kultur-Abende in kleineren Gemeinden des deutschen Ostens veranstaltet, um eine Art seelische und geistige Betreuung der in einer besonderen Diaspora lebenden jüdischen Bevölkerung im Rahmen des Möglichen zu versuchen. Die Fühlungnahme mit dreizehn Kleingemeinden. in der Neumark, Grenzmark und in Hinterpommern durch den Verfasser vermittelte Kenntnisse und Erkenntnisse von allgemeinerer Bedeutung. Grenzziehungen Stärker als in der großen Stadt wirken sich die neuen gesellschaftlichen Grenzziehungen aus. Gute. Nachbarschaft war, anders als infolge der Gefühlseinebnung durch die Millionenstadt, eine. ErleSnistatsache. Manche Familien kannten sich seit Jahr und Tag, vielleicht schon von.den Eltern her. Heute existiert der gute Nachbar von gestern, von Ausnahmen abgesehen, nicht mehr. Die Ausschließung aus allen geselligen und kulturellen Vereinen, die Rücksichtnahme auf die allgemeine Stimmung, der Abbruch des geschäftlichen Verkehrs haben Entfremdung und Entfemtheit von einander verursacht, wo früher menschliche Nähe mit einander verband. Aufdringlicher und bedrückender als in der Großstadt Vergessen Sie nicht die Einlösung der Abonnements - Quittung für 3uli. — Nur pünktliche Einlösung sichert regelmäßige Zustellung der „lüdlsdi-lllieralen Minna“. wirken die harten Tatsachen des politischen Lebens. Der Kleinstadtjude kann sich nicht in die Anonymität der weiten Räume oder der Masse flüchten. Nur drei jüdische Anwälte in der Grenzmark Auch die wirtschaftliche Situation innerhalb der besuchten ostdeutschen Kleingemeinden ist grund-. sätzlich schwieriger als die der großstädtischen Juden. Die allgemeinen ökonomischen Verhältnisse werden verschärft durch die Erschwerungen des Ab-, satzes infolge der ungünstigen Grenzziehung, der vom' Großstädter in ihren Auswirkungen immer noch nicht voll gewürdigten bäuerlichen Wirtschaftslage und mancher örtlichen auf Verkennung der zentralen Intentionen beruhenden Maßnahmen, jüdische Einzelhandelsgeschäfte sind vielfach verkauft oder langfristig verpachtet worden, der Umsatz aller gewerblichen jüdischen Unternehmungen ist begreiflicherweise zurück- Sanitätsrat Dr. Alfred Peiser Nachfolger von Paul Pincus Der Vorstand der Berliner Jüdischen Reformgemeinde hat durch einstimmigen Beschluß Herrn Sanitätsrat Dr. Peiser als Nachfolger des verstorbenen Vorsitzenden Paül Pincus zum Vorsitzenden der Jüdischen Reformgemeinde gewählt. Sanitätsrat Dr. Peiser hat seit vielen Jahren sein Interesse an jüdischen Angelegenheiten in der weiten Öffentlichkeit bekundet. Er hat sich dabei stets für eine eindeutig deutsche Haltung der jüdischen Gemeinschaft in Deutschland eingesetzt und die Vertiefung der jüdischreligiösen Werte in zeitgemäßer Gestaltung gefordert. Insbesondere hat er sich auch in Angelegenheiten der jüdischen Ärzteschaft betätigt. Bombenanschlag auf Wiener Synagoge Wien. In der Reihe der neuen Attentate, die in Österreich erfolgt sind, hat sich auch ein Anschlag aut den Neudegger Tempel im 8. Wiener Gemeindebezirk ereignet. Der durch die Sprengkörperexplosion erzeugte Luftdruck war so stark, daß sämtliche Fensterscheiben zertrümmert wurden. Auch sonst wurden Schäden an der Synagoge verursacht. Dagegen wurde glücklicherweise die Inneneinrichtung des Gotteshauses mit der heiligen Lade nicht beschädigt. Nach Aussage des Portiers, der durch die Detonation aus dem Schlat aufgeschreckt wurde, erfolgte das Attentat kurz vor ein Uhr nachts. Augenzeugen wollen einen Radfahrer bemerkt haben, der im Vorbeifahren ein Paket gegen ein Fenster oder die Türe der Synagoge warf. Berufsbeamtengesetz auch für Privatschulen Frankfurt a. M. Die „Frankfurter Zeitung“ berichtet: Die Grundsätze, die das Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums vom 7. April 1933 tragen, haben nach einem Erlaß des Preußischen Unterrichtsministers auch für die Privatschulen, ihre Inhaber und Lehrer, und für die Nachhilfeunterricht erteilenden Lehrkräfte Geltung. Sie finden nicht nur für neu erbetene Unterrichtserlaubnisscheine oder Privatschulkonzessionen Anwendung, sondern auch die bisher ausgesprochenen Bewilligungen sind nachzuprüfen. Nichtarische Bewerber sind grundsätzlich von der Eriaubniserteiiung auszuschließen, es sei denn, daß es sich um Frontkämpfer oder um Väter und Söhne von im Kriege Gefallenen oder um solche Antragsteller handelt, die schon vor dem Kriege Privatunterricht erteilt oder eine Privatschule geführt haben. Jedoch will der Minister über jeden Fall der Entziehung einer Konzession Bericht haben. Diese Bestimmungen finden dann keine Anwendung, wenn der Unterricht einer Privatschule ausschließlich an n ich t a r isch e Kinder erteilt wird, Die Nachprüfung der bisher erteilten Erlaubnisscheine soll bis zum 31. Juli d. J. beendet sein. Sie bezieht sich aut alle Arten von Privatschulen, soweit dort Personen unter 18 Jahren unterrichtet werden, also auch auf Tanz- und Ballettschulen, aut Theater- und Filmschulen und die entsprechenden dort öder frei tätigen Lehrkräfte. Es ist daher nicht zu verwundern, daß die gesellschaftliche und wirtschaftliche Umwälzung der jüdischen Lebenshaltung eine starke Aus- und Abwanderung zur Folge hatte, die noch njeht zum Stillstand— gekommen ist. Die Seelenzahl - det-Gemeinden hat zum Teil sehr erheblich abgenommen. In einer mittleren Gemeinde, die wirtschaftlich besonders betroffen worden, ist, beträgt der Wanderungsverlust über 30<v0. Hier haben auch gegen 80 ostjüdische Glaubensgenossen ihren bisherigen Wohnsitz verlassen.- Die durchschnittliche Verringerung wird auf 20 bis 25»/o zu schätzen sein. Die' älteren Generationen trennen sich allerdings ungern von dem Lande, das' sie als' Heimat zu erleben gewähnt -waren. Man verzieht vorzugsweise in die großen Städte. Wo eine Auswanderung in Frage kommt, hat man vielfach Rückhalt artverwandten, die schon im Auslande leben.. So erklärt sich die Tatsache, daß der neue Niederlassungsort von dieser Gruppe überwiegend im nicht», palästinensischen Auslande gesucht wird. Der Fortbestand der Kleingemeinden ist umsomehr gefährdet, als die jugendlichen Altersjahrgänge dün.- ner besetzt sind. - — Und doch liegt die Erhaltung der Kleingemeinden im Interesse der deutschen Judenheit. Eine kleine Gemeinde von hundert Seelen zählt für das jüdische Leben grundsätzlich mehr als die gleiche Zahl von Oroßstadtjudeii. Regelmäßig ' wird sabbatlicher Gottesdienst abgehalten, - jüdische Bräuche sind mit dem Leben stärker verflochten, die Opferwilligkeit ist vorbildlich geblieben, Lauterkeit, Pflichttreue, ■Familienleben dieser vielen Einzelnen, die in der stärkeren Beleuchtung des kleinstädtischen Milieus stehen, werden manche -aus der Nichtkenntnis des jüdischen Menschen geborene Meinung hihwegräumen. Mangel an Nachwuchs Das innerjüdische Leben der einzelnen Gemein- . den weist naturgemäß Abweichungen und Verschiedenheiten von einander auf. Immer mehr wird der Mangel an geeigneten führenden Per-' iiiiiiiiiiniiitimiiiiiiimiiiJiimiiiitiiiiiuiiniiiiiiiiniiinnmiiiiimiDiHiiininiiiuiiiiimnmnmiuimimiioniNnnniiniDmiin Heute: SondalKilage Hamborn und Kür .iniiiiimiiiiiiiuiniiiiiminiiiiiiiininiininiiiiiiiiinininiiiiiniiiiinmiiiiniiiiijiiiiiiniannimiiiiiininiiiuniiiiiiHiiiiiL' s ö n 1 i c h k e i t e n aus dem Nachwuchs« offensichtlich. Die Leitung der gemeindlichen Geschäfte liegt, vielfach bei bewährten Männern der älteren und. ältesten Generationen. Man hat zuweilen den Eindruck, daß die mittleren Jahrgänge ihre fähigeren- Menschen in die großen Zentren jüdischen Lebens abgegeben haben oder daß sie, unter der Zwangs- - läufigkeit schicksalhafter Entwicklung, dem Zeitgeist früher zu stark sich zuneigten und jüdisch-geistig unfruchtbar würden. In der Jugend aller Lager erheben sich neuer Wille und neue Besinnung. Nur fehlt es auch" hier vielfach an wirklich führenden Menschen, die mit ausgeweiteterem Denken und innerlich erglühterem Fühlen eigentliche B i 1 d n e r d.er Jugend sein könnten. Hier harrt der jüdischen Lehrerschaft eine besondere Aufgabe. Nach Lagejler - Dinge werden dem jüdischen Lehrer in bildungspfleglicher Hinsicht, insbesondere auch hinsichtlich der künftigen Erwachsenenbildung, wichtigere Aufgaben als bisher zufallen. Der jüdischb Akademiker wird auf dem flachen Lande immer mehr verschwinden, die Schicht, der „Gebildeten“ sich immer mehr lichten. Der Lehrer wird jedenfalls der eigentliche Träger jüdischen Wissens, jüdischer Geistespflege und jüdisch-menschlicher Formung werden müssen. Daß bei dieser Situation die Auslese des Erziehernachwuchses sorgfältig getroffen werden muß, bedarf keiner Darlegungen. — / Die geistige und seelische Fürsorge für diese in ‘ - " -' liA-j-i.-:

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.